Der New Yorker Tim Xavier reduziert die Parameter der gewalttätigen Techno-Psychose und nennt das Ergebnis "Minimal".
Text: Anton Waldt aus De:Bug 103


Reduzierter Latsch-Brech

Die persönliche Hölle eines dreckigen Rummshallen-Techno-DJs in seinen Zwanzigern: der von rosa Lack und Plüsch dominierte Eissalon “Dolce & Fredo”, in dessen Küche die Tagesproduktion Erdbeer-Stracciatella vorbereitet wird. Umwerfend süße, organische Pest beim Öffnen der Dose mit dem konzentrierten Fruchtaroma, die sämig weiche Schokomasse im Wasserbad wirft dicke, gemütliche Blasen.

Zu Hause steht noch die Industrial-Vergangenheit neben den aktuellen Rummshallen-Techno-Maxis, Plattenhüllen aus Jute mit Stacheldrahtverschluss und Schwarz-Weiß-Fotokopien von Schlachthausabfällen, aber weil DJ in New York ein mühsames Geschäft sein kann und Techno-DJ ein besonders mühsames, musste Tim Xavier organische, weiche Masse im Wasserbad rühren und liebliche Obstdüfte über sich ergehen lassen, während er von einem Leben fantasierte, in dem er sich vollständig der Sounderkundung rund um schwer verschleppte Bassschläge widmen kann: “Wenn es etwas gibt, das mich nicht mehr loslässt, dann sind das die verschoben schiebenden Bassdrum-Sequenzen im gradlinigen Techno.” Und der Mann weiß genau,wovon er da spricht: Xavier ist seit rund zehn Jahren im Techno unterwegs, zuerst als DJ, dann auch als Produzent und schließlich als Label-Betreiber. Industrial scheint dabei immer durch, Xaviers Konstanten sind harsche, sperrige und verstörende Klänge und Stimmungen sowie die konsequente Aussparung von Euphorie und jedweder Kuscheligkeit. “Minimal” heißt für Xavier demnach schlicht, das Tempo und die Ereignisdichte zu reduzieren, die Klänge bleiben anorganisch, staubig und tendenziell psychotisch.

Markanz verschmirgeln
Leute wie Xavier bringen die Sprachlosigkeit mit neuer Drastik in elektronische Musik zurück: Die Ahnungen von Stimmungen, die sich aber immer dann, wenn man näher herantritt, um die Details zu betrachten, in neue Muster auflösen, die zwar eine eindeutige Dynamik aufweisen, sich aber jedem Beschreibungsversuch konsequent entziehen: Wenn man das erste Wort in den Hallraum spricht, verändert sich dieser und man müsste eigentlich neu ansetzen, ein endloses, sinnloses Unterfangen. Dementsprechend schmirgeln Xaviers Sounds sich permanent selbst ab, tendenziell verliert sich die Markanz und die Zeit verschmiert zwischen dem objektiven Tempo der Tracks und dem schleichenden Gefühl dauernder Verlangsamung. Konsequenter- und wohl auch typischerweise gibt Xavier seinen Arbeiten auch keine Namen oder Titel, er verwendet lediglich Platzhalter und Chiffren: “RocketScience”, “Song over” oder “TV Dinner” sagen nichts über die Musik und ihre Beweggründe, “Ride The Matterhorn” ist hier schon eine echte Kapriole, die aber ohne weitere Bezugspunkte schnell verhallt. Studio-Nerdtum, dem diese Ebene einfach gleichgültig ist, weil es an konkreten Zuschreibungen und Verknüpfungen nicht interessiert ist und auf insistierende Nachfrage lediglich die harte, betriebsame Großstadt als Triebfeder seiner Musik nennen kann: “Die Stadt kann sehr freundlich zu dir sein, wenn du selbst freundlich bist. Aber sie kann dir auch sehr, sehr unversöhnlich gegenübertreten. In einer Kleinstadt würde ich allerdings nichts mehr auf die Reihe kriegen.”

Am Limit schneiden
Aber Xavier lebt in New York und so kriegt er sogar richtig viel auf die Reihe: Nach “773Techno” betreibt er jetzt die Label “Limited 400” und “Klickhaus”, die sich Xaviers Sichtweisen eines minimalen Sounds verschrieben haben, die auch auf seinen Platten für das benachbarte “Clink”-Label zu hören sind. Auf die Limited-400-Plattenhüllen sprüht Xavier übrigens mittels Schablone und Spraydose sein eigenes Anlitz, für die nächste Nummer hat er sich einen spanischen Spezialspray besorgt, der eine besondere, gummiartige Oberfläche erzeugt – fortgesetzte Industrial-Gepflogenheiten auch hier. Und neben seinen Labels betreibt Tim Xavier noch das Mastering-Studio “Manmade Mastering” in Brooklyn: “Ich war schon immer ein Fan des lauten europäischen Vinyl-Masterings. Die meisten US-Cutter versprechen dir zwar ans Limit zu gehen, aber dann holen sie aus ihren Maschinen eben doch nicht alles heraus. Der Schneidekopf meiner Maschine wurde von einem Schweizer namens Ivo Studer kalibriert, der diesen Job auch bei vielen Masteringstudios in Europa macht. Ivo ist für mich einer der letzten Jedi-Ritter der Branche.” Und am Ende offenbart Xavier doch noch seinen Raum für so etwas wie Wärme oder zumindest Geborgenheit: “Vinyl schneiden und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Labels hilft mir dabei, meine Existenz als Produzent und DJ zu sichern. Und die Minimal-Szene erlaubt es mir, permanent mit neuen Klängen und Instrumenten zu experimentieren, ohne die Angst, Publikum oder Plattenverkäufe einzubüßen.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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