Timmy Regisford hat ebenso wie Jerome Sydenham eine Menge Clubkultur durch New Yorks Adern fließen sehen. Und genau wie Sydenham schöpft er aus der souligen Tradition der Tanzmusik. Berühmt für seine Disco-Edits, steht er als Resident in seinem eigenen Club "Shelter" aber für eine Tradition, die immer eher zu Fela Kuti als zu DJ Koze greifen würde. Dance-Geschichte aus erster Hand.
Text: Finn Johannsen aus De:Bug 104


Nur die Ruhe
Timmy Regisford

Auf dem langen Weg der Clubkultur ist es irgendwie verschütt gegangen, das Konzept des Stamm-DJs, der Wochenende für Wochenende ein loyales Publikum anzieht, das sowohl mit ihm als auch dem Club durch dick und dünn geht. Das Shelter in New York unter der Ägide von Timmy Regisford ist so eine Langzeit-Legende, die felsenfest auf einem Fundament von eigener Tradition und Verpflichtung gegenüber zeitloser Tanzmusik steht. Die durchschnittliche Lebensdauer heutiger Clubs und der Wust allwöchentlicher Blockbuchungen muten da im Vergleich geradezu hektisch an. Der Routinier Regisford mixt sich Samstagnacht für Samstagnacht tight und blitzsauber durch die Art von House, für die New York mittlerweile steht: viel Percussion, viel Jazz, viel Stimme. Der Schwerpunkt liegt auf Live-Feeling und Tiefe. Dabei strahlt er genau diese Art von gelassener Konzentration und gemütlicher Souveränität aus, die man auch bei anderen Ikonen wie beispielsweise Frankie Knuckles oder Tony Humphries feststellen kann. Wer über so viele Jahre in die glücklichen Mienen der Tänzer geschaut hat, bei dem fühlt man sich gut aufgehoben.

Wie unterscheidet sich eine Nacht im Shelter von anderen Clubabenden?

Ich bekomme mit, was in den Clubs anderswo läuft, aber mir ist das oft zu hart, damit kann ich nicht viel anfangen. Ich achte auch nicht auf die ganzen Kategorisierungen. Für mich ist das alles Dance Music und mich interessiert davon nur die Art von Musik, die Deepness, Soul und vor allem Identität hat. Aus welchem Land oder von welcher Hautfarbe, ist egal, es muss nur passen. Das Shelter ist wie mein Wohnzimmer, da ist alles so, wie ich es haben möchte: Alle meine Platten sind da, die Anlage habe ich mir zusammengestellt usw. Und mir gehört der Club, ich kann machen, was ich will. Ich lege hauptsächlich Soulful Dance Music auf, aber ich kann auch afrikanische oder brasilianische Musik spielen, Jazz, Blues. Wenn ich merke, wofür die Leute bereit sind, habe ich viel Spielraum.

Das Shelter läuft ja nun schon sehr lange, wie motiviert man sich denn nach so einer Zeitspanne?

Ja, jetzt sind es fünfzehn Jahre, das ist wirklich eine lange Zeit. Ich betreibe das nach wie vor mit Leidenschaft und ich bin glücklich und dankbar, dass es klappt, aber es ist auch nicht selbstverständlich. Die New Yorker sind als Publikum eine harte Nuss. Sehr anspruchsvoll. Ich stehe für einen bestimmten Sound, den muss ich auch bestmöglich bieten. Ich gebe mir da ständig sehr viel Mühe, sonst würde es auch sehr schnell heißen, ich hätte es verloren. Da mache ich mir nichts vor.

Was für bemerkbare Veränderungen bei den Reaktionen des Publikums gibt es denn in einem solchen Zeitraum?

Die Leute sind heutzutage besser informiert und wissen einfach mehr über Musik, man kann auf mehr zurückgreifen. Das liegt vor allem am Internet. Es gibt so viele Möglichkeiten sich zu informieren, Austausch über Musik, Verfügbarkeit von Platten und so was. Man muss nicht nach New York fahren, um zu wissen, was ich mache. Wir benutzen das Internet ja auch, zum Beispiel mit MP3-Downloads, CDs oder Merchandise auf der Website des Clubs.

Benutzt du den technischen Fortschritt denn auch beim Auflegen?

Tja, ich liebe Vinyl. Im Shelter lege ich nach wie vor hauptsächlich mit Vinyl auf. Aber Vinyl stirbt langsam. Ich finde das sehr bedauernswert, aber es lässt sich nicht aufhalten. Normalerweise benutze ich CDs nur, um Promos und Unveröffentlichtes zu spielen, aber auf Reisen sind CDs praktisch, weniger Gepäck. Ich habe auch vor allem Klassiker auf CDs dabei, ich habe einfach zu viel Angst, dass eine Kiste mit solchen Platten am Flughafen verloren geht. Ich weiß, mittlerweile kann man das alles wiederbeschaffen, aber das wäre ein ganz schöner Stress. Mit diesem Vorgehen stehe ich ja auch nicht alleine da. Nur in Japan kann ich das nicht machen, da wollen sie den Shelter-Vibe möglichst authentisch und bis ins letzte Detail und erwarten, dass ich ausschließlich Platten auflege. Da schleppe ich dann sechs Kisten Vinyl hin, für ein Irrsinnsgeld an Übergepäck. Ich habe mir schon angesehen, wie andere DJs Final Scratch und ähnliche Software benutzen, aber irgendwie gefällt mir das nicht. Damit habe mich noch nicht anfreunden können, da fehlt mir was.

Würdest du solche Technologie einsetzen, um Edits in deine Sets einzubauen?

Ich habe schon immer von bestimmten Stücken Edits gemacht und diese dann gespielt, bei DJs meiner Generation ist das ja nicht unüblich. Aber das geht auch ohne Software. Es ist die Frage, wie viel Material zum Mixen man für einen Abend wirklich braucht. Ich muss nicht so und so viel Auswahl auf einem Laptop mit dabei haben, so wie es ist, reicht es für meine Zwecke.

Du hast es ja vorhin schon angedeutet: Du bist in erster Linie nicht DJ, sondern in der Musikindustrie tätig, als A&R erst bei Motown, Atlantic oder Dreamworks und jetzt bei Def Soul/Universal. Kannst du das mit deinen Aktivitäten rund ums Shelter verbinden?

Ich weiß gar nicht, ob es Leute gibt, die gleichzeitig auf einem hohen professionellen Level als DJ und in der Musikindustrie tätig sind. Mir fällt da nur Pete Tong ein, der hat das, glaube ich, früher mal gemacht. Für mich sind das zwei unterschiedliche Gebiete. Das eine ist meine Leidenschaft und mein Hobby und das andere ist meine Arbeit, die ich jetzt auch schon seit den späten 80er Jahren mache. Das überschneidet sich eigentlich nicht. Das Shelter basiert auf Dance-Music-Kultur. Meine Arbeit als A&R hat damit wenig zu tun. Da geht es eher um HipHop und R&B, Musik für die Charts und nicht für die Clubs.

Dennoch warst du ja früher verantwortlich für Veröffentlichungen, die auf beiden Feldern funktioniert haben, das “25 Years Later”-Album von Blaze z.B. Ist es möglich, in den USA Dance Music für eine breitere Masse zu etablieren?

Wie du schon sagtest, das war ein Album. In der Musikindustrie zählt nur das Album-Format für den Profit. Es gibt Dance-Mixe für HipHop und R&B, aber das sind Singles und somit nur Promo-Tools für das Album. Als Markt ist das für die großen Firmen uninteressant. Es gab sicherlich Erfolge mit Acts wie Ten City oder C&C Music Factory, aber die hatten auch genügend gute Stücke, um ein Album zu füllen, das man vermitteln konnte. Es steht und fällt mit den Songs. Du brauchst gute Songs, sonst ist das nicht zu vermarkten.

Bleibst du denn der Clubkultur weiterhin als Produzent und Remixer erhalten? Du kannst ja auf eine beeindruckende Diskografie zurückblicken.

Ja, das ist ja auch ein wichtiger Bestandteil meiner Laufbahn und das wird auch so bleiben. Wir versuchen natürlich auf Shelter Records Platten herauszubringen, die dem Sound des Clubs entsprechen. Ich werde auch weiterhin Mixe machen. Ich arbeite jetzt als Produzent viel mit Quentin Harris zusammen, der ja auch unter eigenem Namen auf dem Label veröffentlicht. Da ist einiges geplant, zum Beispiel mit Angie Stone.

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Elektronische Lebensaspekte.