Das mit der Kopfkino-Musik hat so eh nie gestimmt. Und nach dem Einchecken ins Hotel der Zukunft bewegt sich bei To Rococo Rot eher die tanzwillige Hüfte als der Schaukelstuhl zum upliftenden Contenance-Opus.Die Suite auf dem Tanzboden ist gebucht, die Liftsboys kriegen Zucker - warum brauchen sie da noch Disco-Consulting?
Text: Heiko Gogolin aus De:Bug 82

Hotel Morgen
To Rococo Rot

Welcome to the ”Hotel Morgen”, heißt es dieser Tage. Ein neuer Morgen = neues Glück ist es für die Gebrüder Lippok und Stefan Schneider auf jeden Fall, denn nach einer kleinen Besinnungspause startet man mit der aktuell nicht nur durch Franz Ferdinand viel rezipierten Labeladresse Domino im Rücken frisch ausgeruht durch. Immerhin drei Mal umkreiste unsere Erde die Sonne, seit das Vorgängermodell ”Music Is A Hungry Ghost“ aus den Lautsprechern der Republik schallte. Dazwischen gab es noch die Lockerungsübung ”Kölner Brett“, das trotz vergleichsweise dominantem Elektronikeinsatz natürlich kein ebensolches war, sondern die konzeptionell leicht strenge, aber für die Band deshalb umso befreiendere Vertonung eines Architekturprojekts aus der Domstadt.

REZEPTION
Zum Anfang meines Gesprächs mit den beiden Lippoks mache ich Sepp mir selber den diskursiven Einstieg kaputt, indem ich unumwunden meine Begeisterung über ihr aktuelles Opus herausposaune. Eigentlich wollte ich doch zunächst mit der Frage kitzeln, ob sie nach über fünf Alben überhaupt noch etwas Neues zu erzählen hätten. Oder was sie nach so vielen Jahren immer wieder motiviere, unter dem Banner To Rococo Rot zusammenzukommen. Sie sagen es trotzdem: ”Ein englischer Kollege von dir sagte letztens ’All of a sudden you are veterans’. Unsere Inspirationsquelle liegt darin, dass wir abseits des alltäglichen Rock’n’Roll-Geschäfts aus Album und Tourneen noch so verschiedene Sachen wie eben das Kölner Brett machen oder Musik für Klanginstallationen. Von unseren anderen Bands / Projekten mal abgesehen.”
Und: Natürlich haben sie noch frische Styles im Gepäck, denn ”Hotel Morgen“ ist neben ”The Amateur View“ ihre vielleicht bestechendste und vielseitigste Platte. Was wurden nicht schon für mögliche Schubladen ins Rennen geschickt, um die Klänge der drei auf einen griffigen Nenner zu bringen: Krautrock, Electronica, Post-Rock oder Post-Techno … Der fehlende Schubladenkonsens – an sich schon mal prima – mag daran liegen, dass einen die genuinen Qualitäten des Trios nicht gerade anspringen. To Rococo Rot haben die Contenance gepachtet und musizieren angenehm unprätentiös, laidback und ohne große Gesten. Ihre Exkurse agieren auf der Höhe der Zeit, prozessieren Trends und Einflüsse aber eher auf der Mikroebene, als schelmisch auf den Beschleunigungseffekt saisonaler Wellen zu schielen.

LIFT
Ein beliebtes Prinzip, um ein neues Werk beim Schlafittchen zu packen, liegt im Festmachen von Differenzen zum Vorgänger: Durch die Mitarbeit von I-Sound klang ”Music Is A Hungry Ghost“ in der Gesamtheit nicht so eingängig, teilweise sogar rough und harsch. Statt des eher spröden Ansatzes wird nun, Dialektik galore, wieder ”yep!“ zum Popentwurf gesagt. Die prächtigen Hooklines, oft durch Schneiders Warenzeichen-Bassläufe getragen, erklingen mit einer Konzentration und Präzision, von der sich viele andere gerne mal eine Scheibe abschneiden könnten. Eine gewisse Einfachheit scheint schon Thema, aber weniger im Sinne von Simplizität als im Verzicht auf Ornamente. ”Wir hatten ursprünglich mal die Idee, die Platte mit dem Pyrolator Kurt Dahlke in Afrika aufzunehmen, weil der Verbindungen an die Elfenbeinküste hat. Doch dann brach der Bürgerkrieg aus und wir endeten in einem Neubau in Pankow, wo die ersten Skizzen, aber auch schon fertige Sachen, die genau so aufs Album gekommen sind, entstanden. Anschließend ging’s ins Studio von Tobias Levin unter dem Westwerk in Hamburg. Der hat nach der letzten Tocotronic-Produktion sein Studio ausgebaut und viele Klangerzeuger zum Experimentieren herumstehen.“
Neuzugänge im Instrumentenpark sind z.B. Wurlitzer und Vibraphon, was manche der Stücke fast schon schwelgerisch wirken lässt. ”So etwas hatten unsere Sachen schon immer, nur dass es hintergründig und subliminal passiert, um nicht in selbstverliebten Kitsch auszuarten. Auch wenn unsere Tracks schon eine gewisse Emotionalität ausstrahlen.“ Das Schwelgerische unterscheidet sich dann auch signifikant von der melancholischen Innerlichkeitselectronica der aktuellen Schule und wird z.B. neben Störimpulsen allein schon durch die knappe Dauer der Exkurse gebrochen. Ähnlich wie in Creative-Writing-Kursen, wo man lernt, einfach den ersten Absatz eines Textes zu cutten, damit die Chose pointierter und kickender ins Rollen gerät, beginnen die meisten Tracks in medias res. Nach relativ kurzer Zeit ist dann schon wieder Schicht im Schacht, denn selten wird auch nur an der Vier-Minuten-Marke gekratzt.

LOBBY
Gerade wo der spannende, weil so unklischeehafte Dub-Entwurf Mapstation immer mehr Vocals einsetzt, Robert Lippok bei seinem Komeit-Remix verträumt ebensolchen Gesang prozessiert und Tarwater eh einen festen Mann am Mic hat, kann ich mir die Frage nach dem Einsatz von Stimme auch für das Mutterschiff nicht verkneifen. ”Da haben wir schon oft drüber nachgedacht. Bei der letzten Platte haben wir es dann nicht gemacht, weil Vocals bei elektronischen Projekten zu der Zeit fast schon inflationär wurden, um da eine gewisse Emotionalität reinzubringen. Aber es ist nicht so, dass wir Gesang aus rein strategischen Gründen ausschließen. Wir sind eigentlich bereit dafür, warten aber noch auf die richtige Stimme.“
”Hotel Morgen” gelingt der Spagat, zugleich ihre ruhigste wie auf den Tanzflur schielendste Platte bisher zu sein. Eine gewisse Heterogenität ist dabei durchaus willkommen. Woher kommt die neue Lust aufs Tanzbein-Schwingen? ”TRR hatte schon immer einen Clubbezug. Wir beide haben 1988 im Osten ja schon Acid gemacht, daher ist das bei uns schon immanent. Das Körperliche spielt in der Musik durchaus eine große Rolle. Sie ist kein reines Kopfkino – oder was auch immer gerne mit unseren Stücken in Verbindung gebracht wird. Aufgrund der funktionalen Limitierungen, die richtige Dance-Tracks dann doch besitzen müssen, haben wir bisher davon abgesehen, aber nun steht die Idee im Raum, im Anschluss an das Album mal eine reine Clubmaxi zu machen. Da holen wir uns aber noch ein wenig Disco-Consulting ein.“

SUITE
Wenn ihr mich fragt, reiße ich mir auch ohne Frequenzberatung bei einem Hotstepper wie ”Basic“ vom neuen Album schon die Kleider vom Leib, aber mich Videogame-Stubenhocker fragt ja keiner. However, ”Hotel Morgen“ klingt wie die destillierte Essenz der gesamten Bandgeschichte. Man könnte gar das Wort ”Altmeister“ in den Mund nehmen, wofür mich die Band jetzt vermutlich steinigt. Gelassenheit, gepaart mit Erfahrung, ohne Stock im Arsch und mit dem Herz am rechten Fleck. To Rococo Rot eben. Guten Morgen!

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Elektronische Lebensaspekte.

To Rococo Rot verlassen sich auf ihrem neuen Album "Music Is A Hungy Ghost" ganz auf das Eigenleben der Sounds und was die so miteinander anstellen. Lässig zurückgelehnt kann man sich so auf andere Dinge vor dem Monitor konzentrieren. Das Powerbook wird's schon richten.
Text: aram lintze aus De:Bug 47

Die Melodie geht, die drei großen Gs kommen
To Rococo Rot
Ein spartanisches Ambiente: Drei Stühle, ein G3-Powerbook und zwei Lautsprecher – mehr brauchten To Rococo Rot für die Endproduktion ihres neuen Albums nicht. “Wir haben uns in einer leeren Wohnung campingmäßig eingerichtet. Es gab dort nicht mal Kaffeetassen, geschweige denn ein Telefon”, erinnert sich Ronald Lippok an die freiwillige Eremitage. “Das war aber sehr angenehm, weil niemand unsere Adresse hatte und mal eben vorbeikam. So konnten wir in Ruhe arbeiten.”
Überhaupt waren Ruhe und Muße wichtig für die Entstehung von “Music Is A Hungry Ghost”. Die Brüder Robert und Ronald Lippok sowie Stefan Schneider (der am Interview leider nicht teilnehmen konnte, in den Antworten aber, wie Robert Lippok betonte, “mitgeneriert” wurde) haben mit Unterbrechungen fast zwei Jahre an den Tracks gearbeitet. Zwischendurch gab es immer wieder ausgiebige Sessions mit dem New Yorker Turntablisten und Produzenten Craig Willingham alias “I Sound”. “Bei unserem letzten Album ‘Amateur View’ ging alles viel schneller – von der Arbeitsintensität ist ‘Music Is A Hungry Ghost’ sicherlich die am sorgfältigsten gemachte Platte bisher”, sagt Ronald. Angesichts der gedehnten Arbeitsweise ist es nicht verwunderlich, dass das Pop-Element fast völlig aus dem To Rococo Rot-Mindset verschwunden ist. Anders als auf “Amateur View” und dem von ihnen mitproduzierten Saint Etienne-Album “Sound Of Water” gibt es kaum noch catchy Melodien oder leicht zugängliche Oberflächen. An die Stelle der Pop-Intuition – also in real time umgesetzte Ideen und geschwind hingeworfenen Einfälle – sind nun Soundmeditation und die “konstruierte Improvisation” (Robert Lippok) getreten.
G1: Geist
Glücklicherweise mündet das nicht in Geschwätzigkeit. Alles was der Elektronikskeptiker an schnödem Breitensport befürchten mochte, tritt nicht ein: Es gibt kein endloses Geknister, keine pleonastischen Scratch-Passagen von I-Sound, keine virtuosen Basssoli von Stefan Schneider. Die 13 Stücke auf “Music Is A Hungry Ghost” klingen angenehm knapp, konzentriert und ausgewogen. Statt in die Breite gehen die Tracks in die Tiefe, ganz weit nach unten – dorthin, wo To Rococo Rot bisher noch nicht waren und vor ihnen höchstens Leute wie Lee Perry, King Tubby und Marvin Gaye. Monströse Vergleiche, ich weiß. Aber die spirituelle Qualität von “Music…” lässt sie mir angemessen erscheinen. Daran kann auch Robert Lippoks pragmatische Sicht der Dinge nichts ändern: “Dein Eindruck entsteht glaube ich durch die Absenz der Melodie. Die Kombinatorik der einzelnen Sounds hat diesmal eine viel größere Rolle gespielt. Die Sounds wurden fast schon wie beim Jazz kombiniert; jeder hat auf den anderen reagiert.” Das mag ja so sein – dennoch klingt das neue Werk als ob der “hungrige Geist” in einer unbekannten Transzendenzzone hockt.
G2: Groove
Ein bemerkenswerter Effekt des bewussten Melodieverzichts sind auch die oft euphorisch stimmenden Grooves einiger Stücke. Dafür macht Robert neben der generellen “Verschiebung hin zum Sound” vor allem die intensive Mitarbeit von I-Sound verantwortlich: “Die Sachen, die Craig als DJ und Produzent macht, sind eben sehr stark von HipHop, Dancehall und Reggae beeinflusst.” Dass die Zusammenarbeit mit I-Sound systematischer Natur war, ist unüberhörbar. Ein manchmal abstrakter, manchmal konkreter Funk durchdringt den gesamten Klangraum von “Music Is A Hungry Ghost”. Nie hinterlässt er den faden Eindruck, als sei er dem “alten” To Rococo Rot-Style nachträglich beigemengt worden. Ronald bestätigt dies: “Craig war das vierte Bandmitglied. Er war beim Prozess des Musikmachens richtig dabei. Er hat seinen Sampler mit Sounds aus New York mitgebracht, und erst bei der allerletzten Session haben wir ihm Turntables hingestellt, weil wir gerne wollten, dass er scracht.” Und Robert ergänzt: “Wenn Craig ans Mischpult gegangen ist, hat er die gesamte Musik verändert und nicht einfach etwas addiert. Auch an der Auswahl der Stücke und der Gestaltung der Platte war er entscheidend beteiligt.” Allein während des finalen Mixes im leeren Wohnzimmer konnte I-Sound aus Jobgründen nicht teilnehmen, wurde aber täglich mit Updates versorgt. Dafür nimmt er sich im Mai für die To Rococo Rot-Tour extra Urlaub und steht dann zwei Wochen lang mit auf den Bühnen.
G3: Geschichte
Das irritierendste Moment des erweiterten Klangspektrums von “Music Is A Hungry Ghost” ist wohl das Aufklingen historischer Referenzen. Während Ulrich Gutmair beim Erscheinen von “Amateur View” in Debug noch zurecht schrieb, dass es bei To Rococo Rot um “aktives Vergessen” ginge, ist Geschichte nun plötzlich anwesend. So findet sich in “How We Never Went To Bed” ein analoger Synthesizersound, der doch stark an den martialischen Stil von DAF erinnert. Später hört man eine Sequenzersequenz, die die Ekstase von Acid House zu beschwören scheint. Jedoch legt Ronald Wert darauf, dass diese Erinnerungsarbeit nicht aus einer strategischen Entscheidung geboren wurde: “Das ist keine geplante Retro-Idee. Wir haben die historischen Referenzen einfach zugelassen und sie uns nicht versagt. Ich kann mich noch gut an die Stelle erinnern, wo wir gesagt haben: ‘Jetzt lassen wir mal diese Fad Gadget-Fläche drehen, das klingt ganz gut!’ Man muss so was ja nicht rauskicken, nur um auf Teufel komm raus referenzlos zu sein.” Die geschichtlichen Bezüge sind alles andere als eindeutig. Während 80er-Retro (von Generation Golf bis Zoot Woman) das Begehren nach vergangenen Identitäten und dem Gefühl des Aufgehobenseins bedient, stellen To Rococo Rot keine nostalgischen Subjektpositionen bereit. Ihre Rückerinnerungen bleiben ephemer, luftig und offen für unterschiedlichste Projektionen. So meint manch eine/r, in “For A Moment” ein Sample aus dem Tina Turner-Stück “I Can’t Stand The Rain” erkennen zu können. “Dabei haben wir das gar nicht gesamplet, obwohl es natürlich eine Super-‘Heaven 17’-Produktion ist”, so Ronald. Trotz der Beiläufigkeit und Unschärfe ist G3 wie Geschichte ohne Frage ein wesentlicher Aspekt des neuen To Rococo Rot-Sounds.
Die vierte Dimension
Kehren wir zum Schluss noch mal zur Klausurtagung im leeren Wohnzimmer zurück. Dass dort Ronald, Robert und Stefan unter sich blieben, stimmt nämlich nicht ganz. Denn eines Tages kam der in London lebende rumänische Violinist Alexander Balanescu vorbei. To Rococo Rot hatten ihn eingeladen, auf zwei Stücken Geige zu spielen – die Idee entstand auf der letzten Ars Electronica, wo sie mit Balanescu in einem Park gejamt hatten. Balanescu, der manchem durch seine grandiose Vertonung von Kraftwerk-Songs bekannt sein dürfte, versuchte das Beste aus der kargen Situation zu machen. “Er kam in die leere Wohnung, hat sich einen Platz gesucht und gesagt: ‘Okay, hier stell ich mich hin!’ Das war dann in der hinteren Zimmerhälfte auf der linken Seite, da gab es den besten Sound. Für einen Track hatte er sogar Noten geschrieben; das war also das erste Mal, dass bei einer Produktion von uns Noten herumlagen”, erzählt Robert angetan. Weil die beiden mit Balanescu eingespielten Stücke (“From Dream To Daylight” und “Along The Route”) zu den schönsten und überraschendsten der Platte gehören, müsste man die dreidimensionale Klangerweiterung auf “Music Is A Hungry Ghost” eigentlich um eine vierte G-Dimension erweitern. G4: Gast. Oder aber: G4: Die ultimative Veredelung von Geist, Groove und Geschichte.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: ulrich gutmair aus De:Bug 23

ACHTUNG: UM DIE FOTOS HAT ES VIEL ÄRGER GEGEBEN. DIE GRUPPENFOTOS, DIE NICHT VON TILL SIND, SIND VON CLAUDIA UND SIE HAT DAMIT NICHT VIEL GLÜCK GEHABT. OBWOHL SIE SCHÖN SIND. AUS ZUSAMMENARBEITSGRÜNDEN SIND WIR VERSPFLICHTET DA MINDESTENS EINES REINZUNEHMEN (DAS MIT DEM ARCHITEKTONISCH ORGANEKASTIGEN HINTERGRUND WAR LEIDER SCHON IN DER GROOVE). DIE ANDEREN SIND VON STEFAN SCHNEIDER, DIE BEIM SPIELEN. Fotos: Till Budde/Claudia Burger/Stefan Schneider Tulpen, es sind tatsächlich Tulpen. Es sind zusammen fünf, die sich dir entgegenrecken, als wollten sie sagen: Hallo, wie geht’s denn so bei euch da draussen? Gegenfrage: Was machen fünf Tulpen auf dem Plattencover von to rococo rots neuer Platte “The Amateur View”? To rococo rot gehören zu einem Cluster von Projekten, die die kantige Welt der Elektronik angeblich mit humanen Elementen anreichern. Unter dieser Annahme wird man die fünf prächtigen Exemplare von gemeinen Gartentulpen als willkommene Indizien interpretieren. Lugt da nicht das “Menschliche” als warmes, natürliches und irgendwie organisch-rundes Tulpenattribut des Homo sapiens hervor? Ach ja, die Menschen: Nur wenn man Techno als industrielle, sprachlose und technologisch kalte Musik missververstanden hat, kann man an to rococo rot Menschlichkeit & Melodie als Signale einer freundlicheren neuen Musik fürs nächste Millenium ausmachen. To rococo rots Covertulpen stecken dummerweise in einer Vase und sehen eigentlich auch gar nicht aus wie echte Tulpen. “Die sortenreichen Gartentulpen”, erklärt die Enzyklopädie, “sollen auf Kreuzungen orientalischer Arten zurückgehen.” Die Tulpe (wie wir sie kennen) wäre damit also eine extrem künstliche Angelegenheit, ein Alien in der sich ansonsten genügsam selbstorganisierenden Welt natürlicher Phänomene. Denkt an ein paar tausend Jahre Agrikultur und ein paar Jahre Gentechnologie, die vermutlich einen exponentiellen Effekt haben werden. Und das ist der Schlüssel zu den Komplexen Künstlichkeit und Natürlichkeit, Mensch und Elektronik, die to rococo rot unter anderem mit ihrem neuen Album “The Amateur View” aufmachen. Wilkommen in der Maschine ”Das Gegensatzpaar von Menschsein und Elektronik spielt für uns keine Rolle, weil wir den Unterschied nicht sehen. Die Frage macht nur Sinn, wenn man das Axiom akzeptiert, daß Menschsein und Elektroniksein etwas verschiedenes und entgegengesetztes ist. Das interessiert uns nicht. ‘Künstlichkeit’ und ‘Natürlichkeit’ sind originär menschliche Angelegenheiten. Die Anwesenheit von Maschinen hat was mit menschlicher Geschichte zu tun,” sagt Ronald Lippok von To rococo rot. COVERENDE HIER In diesem Sinne verhält sich die Musik auf dem Datenträger von “The Amateur View” wie die Exemplare der tulipa gesneriana auf dem Cover: Es sind Tracks aus dem Gen-Labor des Schönen. Kleine akustische Maschinensysteme, die sich eines merkwürdig hybriden Vokabulars bedienen. ”Welcome in der maschine” heißt es auf der Gebrauchsanweisung im Booklet. Was sagt R. Buckminster Fuller dazu? “Es ist wichtig, daß wir erkennen, daß wir selbst, physikalisch gesprochen, Maschinen sind. Alle unsere musikalischen Instrumente sind Maschinen. Das Universum ist eine Maschine. Was die Leute üblicherweise nicht verstehen können, ist die unbekannte Maschine. Ich glaube nicht, daß die Maschine per se dem Menschen bedrohlich erscheint; es ist nur das Nichtverstehen eines Phänomens, das ihn verstört. Wenn ein Unfall Teile von Organen freilegt, die nur Ärzten einigermaßen bekannt vorkommen, sehen diese Organe fremd und beängstigend aus. Steck deine Zunge vor einem Spiegel raus. Es ist ein seltsames Werkzeug.” Nachts erscheinen die Stücke von “The Amateur View” wie Soundtracks zu noch ungedrehten Lehrfilmen für Unterrichtseinheiten der Biologie. Da kann man Mikroereignisse interagierender Moleküle sehen, durch Arterien gepumpte Blutkörperchen und wie Orgonblitze aussendende Zellkerne, die aus reiner Energie bestehen. Der Effekt ist unbeabsichtigt, sagen To rococo rot. Schon deswegen, weil man sich eher dagegen sträubt, “irgendwelche Bilder zu determinieren”, wie Robert Lippok das formuliert. Trotzdem scheint er aber intersubjektiv zu wirken: Auch Sebastian Kutscher, der Regisseur des Videos zur Single “telema”, hat zuerst das Wachsen von Blättern assoziiert. Bodysnatcher Der Track als invertierter Bodysnatcher. Er sampelt die Welt des Organischen und repliziert sich als organisches Muster. Befragen wir nochmal Buckminster Fuller: “In der epigenetischen Landschaft verändern der Mensch und anderes Leben die Landschaft. Umgekehrt verändert die Landschaft das Leben. Als der Mensch Worte und Musik erfunden hat, veränderte er den Soundscape, und diese Welt des Klangs veränderte wiederum ihn. Die epigenetische Evolution, die zwischen Mensch und Soundscape interagiert, war fundamental.” Teil dieser Interaktion wären die körperlichen Frequenzen, Rhythmen und ineinander verzahnte Stoffwechselprozesse, die in elektronischer Musik auf minimalistisch gedachte formale Operationen treffen. Man darf hier an Robert Hoods “Internal Empire” und also an Techno denken, aber auch an To rococo rot. ”The amateur view” ist auf rhythmischer Ebene abstrakte Body Music, unter anderem mit Drumcomputern aus den 80ern programmiert. Body Music hier im Gegensatz zu Kopfmusik, eine Interpretation, die ebenfalls gerne an To rococo rot herangetragen wird: “Das ist so eine abgezogene Idee, die aus der verquasten Gleichsetzung resultiert von Elektronik-Geist-Apparat-Denken und diesen ganzen Reihen, die es da so gibt und die alle irgendwie nicht stimmen. Wenn du einen Rhythmus benutzt, korrespondiert er mit deinen Körperrhythmen, und es ist egal, ob er aus einer Maschine kommt oder du ihn auf einem Küchentisch klopfst,” meint Ronald. “Insofern ist unsere Musik auch Körpermusik.” Sobald die Sonne aufgegangen ist, sind diese Stücke aber auch instrumentale Popsongs. Das wird Leuten wie Karl Bruckmaier von der Süddeutschen nicht einleuchten werden: “Speziell die menschelnde Elektronik aus Köln und Düsseldorf, die freundliche Musik von Mouse on Mars, Kreidler, To Rococo Rot, Kron, Kante oder Console brachte die Indifferenz interessanter Popmusik aus den 90er Jahren zu einem bedauernswerten Höhepunkt,” hat er vor kurzem befunden, weil sich solche Musik angeblich eben keiner expliziten und unmittelbaren Aussagen bedient. Wortlos sprechen Auch Charlie Parker Stücke, entgegnet Ronald, haben keine Texte, ohne deswegen bedeutungslos zu sein. To rococo rot schreiben Songs mit Strophen und Refrains ohne Worte und mit Melodien, die bereits auf dem letzten to rococo rot Album “veiculo” angelegt waren. Und vor allem mit Sounds, die das tun, was Sounds in guten Popsongs machen sollen: Gleichzeitig neu und unglaublich vertraut klingen. Future Nature. Die Signale, die auf diese Weise moduliert werden, stehen auf der Schwelle zu Sprache. Verweise, Zitate und Codes werden soweit abstrahiert, dass sie kaum als solche wiedererkannt werden können. Eine merkwürdig schöne und bunte Grauzone ist das. Im Gegensatz zur offensichtlichen Erinnerungsarbeit von etwa Jörg Follerts “Wunder”, die ihre Schönheit aus dem Remix eigener, aber für andere durchaus nachvollziehbarer Geschichte ableitet, gibt es hier keine erkennbaren Samples, die schnelle Reize hervorrufen. “The amateur view” hält sich mit offenkundigen Zitaten vornehm zurück und trifft damit in die Lücke zwischen Erinnerung und Überraschung. “Eine Erinnerung die kein Rückblick ist” sagt das Booklet dazu. Und tatsächlich scheint es eher um aktives Vergessen zu gehen als um ein kulturelles Gedächtnis. Robert Lippok benutzt Computertechnologie dann eben gerade nicht dazu, Sounds zu sammeln, sondern nach Gebrauch zu löschen. Die Festplatte ist kein Archiv, keine Audiothek, sondern wird zum Ort eine Arbeitsprozesses, in dessen Verlauf ständig altes durch immer neues ersetzt wird. Wenn To rococo rot Kommentare zu dieser Musik abgeben, ist “Alltag” das dominante Stichwort. Der Alltag, der hier gemeint ist, spiegelt sich unter anderem in To rococo rots Verhältnis zu Technik wider. Ihr Maschinenpark entspricht dem eines durchschnittlich ausgestatten Haushalts, sagt Ronald Lippok, und Stefan Schneider präzisiert: “Es geht nicht darum, Systeme zu hacken, sondern flexibel mit Geräten umzugehen, die leicht transportierbar sind und zur alltäglichen Sphäre von Technologie gehören. Wie ein Rechner, der auf deinem Schreibtisch steht.” Trotzdem funktionieren To rococo rot natürlich gerne kreativ Geräte um. Der 8-bit Sampler wird da etwa zu einem Instrument, auf dem man Melodien spielt. Vor allem Robert Lippok besteht darauf, daß gerade spezifische Unzulänglichkeiten und Fehler die Motoren für neue Sounds sind. Die Urszene dazu sieht folgendermaßen aus: Der junge Robert Lippok ist Ministrant in einer katholischen Kirche in der Ost-Berliner Fehrbelliner Straße. Die Katholiken in der Diaspora haben wenig Geld, die Orgel ist kaputt. Das führt zu funky Effekten, wenn wieder mal das Ventil einer Pfeife hängt und der Ton stehenbleibt. Die auf “amateur view” versammelten Stücke sprechen nicht nur durch den Verweis auf ihre eigenen Produktionsbedingungen, wenn man den 8 bit ihres Samplers bei der Arbeit zuhören kann. Manchmal erkennt man im Sound eines uralten Drumcomputers grob den eines anderen Popsongs wieder. Daß es hier aber nicht um Zitate im eigentlichen Sinne geht, zeigt etwa “A little asphalt here and there”, das ein für To rococo rot relativ paranoid-bedrohliches Hintergrundrauschen enthält. Hier hat der New Yorker Cut-Up Skratchadeliker I-Sound mitgearbeitet. Die Kollaboration mit I-Sound ist exemplarisch für To rococo rots Auffassung von kollektiver Arbeit einerseits und dem Bewußtsein von den Gefahren des Sampling aus fremden Archiven andererseits. Für Stefan Schneider ist die Zusammenarbeit mit I-Sound unter anderem die Möglichkeit, sich mit Reggae und HipHop auseinanderzusetzen, ohne sich ungefragt Produkte aus anderen sozialen und kulturellen Zusammenhängen anzueignen. Aber weiter im Text. Auch die Tracks auf dieser CD sprechen vom Alltag: “She loves animals,” “Cars” oder “Die dinge des lebens.” Die Dinge des Lebens, um die es hier geht, sind kleine, unscheinbare Gesten, ein kurzer Blickkontakt. Eine Kaffeetasse wie aus der Küchenszene von Tarantinos ‘Jackie Brown’: Der Schrank geht auf, und während sich Jackie unterhält, nimmt sie eine dezidierte, eine präzise als genau sie selbst erkennbare Tasse aus dem Schrank. Es ist eben diese Tasse und nicht eine andere, und man kann sie mit den Tassen im eigenen Schrank vergleichen. Das hat wenig mit Lifestyle, aber viel mit individuellen Wirklichkeiten zu tun. ”Die Schatten der Vergangenheit, wo ich auch geh, da sind sie nicht weit. Ich weiß nicht einmal, wer ich bin, in der Zeitung zu lesen, das macht keinen Sinn.” Muß man das wie Fehlfarben singen, oder kann sich eine Aussage auch in einer musikalischen Struktur wiederfinden? Wie sich To rococo rots Idee von “Alltag” als Bezugspunkt von Pop genau definiert, kann man so als Frage formulieren. Man findet dann vielleicht einen Unterschied, der der Differenz entspricht zwischen groß angelegten, symbolischen Gesten und Haltungen, die sich hinter dem Label “Alltag” als dezidiert ästhetisch-politischer Haltung verbergen, und der Idee von tatsächlich alltäglichen Handlungen, persönlich erfahrenen Vorkommnissen. “This sandy piece.” “A little asphalt here and there.” Jetzt, da die 80er-Idee der Politik des Alltags von jedem zielgruppenorientierten Werbespot ausgeplündert wird, scheint der Verzicht auf allzu explizite Haltungen nur logisch, setzt sich allerdings auch dem Verdacht aus, Teil eines privatistisch-subjektiven Rückzugs zu sein. Das macht aber nur Sinn, wenn man auch Pop mißverstanden hat als Vehikel blanker Aussagen. Dann wäre wahrscheinlich nur der gute alte Protestsong politisch. “Etwas aufschreiben ohne schriftsteller zu sein,” sagt das Booklet dazu, vielleicht etwas allzu manieristisch im Geist der Zeit, hat damit aber trotzdem nicht unrecht. Gebrauchtwarendesign Die To rococo rots der Welt schaffen dagegen wohl eher modernistisches Gebrauchtwarendesign, das nicht auf der Ebene von Symbolpolitik funktioniert. Für Ronald Lippok ist das “in einem Basissinn Pop, weil man diese Musik ohne Voraussetzungen geniessen kann.” Demokratie & Warenwelt. Der Blick des Amateurs sieht das Alltägliche als das, was es gerade für ihn bedeutet. Der Musiker beamt es als funktional gutes Design in deinen Alltag zurück. Design für die bessere akustische Begleitung deines eigenen Alltags. Ein Ambiente, das nicht nur freundlich vor sich hin blubbert, sondern Komplexität und Dynamik vorbeibringt und dabei nicht als Parallelwelt gedacht ist. Es gibt hier aber nicht nur (benutzer)freundliches Design, sondern auch Verweise auf die Fremdartigkeit der Welt der Dinge. Track 07 etwa heißt “greenwich” und ist eine Auftragsarbeit für eine Kompilation, auf der sich Bands von Antonionis “Blow Up” inspirieren lassen sollten. To rococo rot haben die Parkszene bearbeitet, die von einem konstanten Rauschen durchzogen wird. Ein Rauschen, das sich auch irgendwie bedrohlich anhört. Visuell dominiert ein grelles synthetisches Grün, das Antonioni den Bäumen verpasst hat. Man erinnert sich an das eindringliche Filmgrün der Gräser in der Eingangssequenz von David Lynchs “Blue Velvet”. Der beängstigend mikroskopische Blick Lynchs auf banale Grashalme und herumkrabbelndes Getier führt laut dem Philosophen Slavoj Zizek jene grauenhafte, quasiobjektive Realität vor, die wir dank der symbolischen Ordnung höchstens für Bruchteile von Sekunden sehen können. Denn schon schalten sich die barmherzigen Filter intersubjektiv abgesicherter Interpretationen zwischen das Reale und unser Bewußtsein. Reales Grün wird durch ein Zeichengrün überdeckt. Ein Track wie “greenwich” funktioniert ähnlich zuerst als bedrohlich grün klingendes Rauschen, um dann Tennisballgeräuschen Platz zu machen, und schon erinnert man sich an die Szene im Film, in der Phantomtennis gespielt wird. Kennt man die Geschichte nicht, werden sich andere Assoziationen finden, die sich aus dem Titel ergeben oder aus der spezifischen Plastizität der Sounds. So wie die Tulpe, die in der Vase steckt, immer interpretiert wird und dann wahlweise als Produkt einer Züchtung erklärt oder zu einem kulturell codierten Bestandteil von Liebeserklärungen wird. “I am in the world with you,” sagt dazu schlicht Track 01 auf der CD und nimmt dich mit in den Alltag. “Nach vorn, zum Song. Ins neue Jahrtausend,” hat der oben erwähnte Kollege Bruckmaier angesichts der menschelnden, aber indifferenten Elektronik gefordert. Bitte, hier sind sie, die Songs fürs nächste Jahrtausend. Das Album “The Amateur View” von To rococo rot erscheint am 29. April auf City Slang (EFA).

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