Der Schotte in Brighton Tobias Schmidt produziert als Studionachbar von Cristian Vogel und Orbital impulsiven Techno, der kontinentalen Verfeinerungen ruppige Exzentrik entgegensetzt. Joseph Conrad-Verballhornungen werden aber goutiert.
Text: Felix Denk aus De:Bug 44

Punk sein, Techno machen

Tobias Schmidt heißt natürlich nicht wirklich Tobias Schmidt, nur so ähnlich. Sein neues Album hat der in mittlerweile in Brighton lebende Schotte Destroy genannt, obwohl es eigentlich sein konstruktivstes ist. “Wie funktioniert das” fragte er, wollte die Antwort dann aber nie wissen. Denn Tobias Schmidts Techno ist in dem Maße impulsiv, wie er nicht analytisch sein will, und so sprunghaft, dass er nicht sorgsam ausgefeilt werden muss. Funk geht auch anders, sagt er sich, lässt traditionalistische Trackstrukturen hinter sich und produziert Stücke, die sich so oft drehen und winden, dass einem beim Tanzen schwindlig wird. No Future für das klassische Versmaß also. Der Vorteil liegt auf der Hand: Hier wird das hohe Gut der Merkwürdigkeit von Techno konserviert. Für jeden, der unter der Sophistication des kontinentaleuropäischen Techno auch mal leidet, dem Referenzpopschubladen zu akademisch und die minimalen Entwürfe zu verfeinert sind, ist der Blick über den Kanal eine Frischzellenkur, auch wenn es für Schmidt selbst dabei nur um “a bit of a giggle” geht.

De:Bug: In einem Interview hast du dein letztes Album Dark of Heartness als ambitonierte Tomatensauce beschrieben. Was kommt denn diesmal auf den Tisch?

Tobias Schmidt: Hm, vielleicht eine gefährliche Suppe.

De:Bug: Und was für Zutaten kamen dazu in den Topf?

Tobias Schmidt: Im Prinzip ist Destroy eine Mischung aus den beiden letzten Alben. Ich verwende großteils die selben Elemente, halte aber den Deckel ein wenig länger drauf. Das Ganze ist dadurch etwas konzentrierter, eine bessere Produktion, finde ich.

De:Bug: An Destroy fällt auf, dass du mehr auf Sounds setzt und das Noisige und Ungestüme etwas zurücktritt. Außerdem habe ich den Eindruck, dass deine Stücke gleichzeitig immer nonrepetitiver werden.

Tobias Schmidt: Ja, das stimmt. Die Tracks auf Destroy sind auch die ersten Sachen, die ich in Brighton produziert habe. Ich habe da ein Studio in einem Haus, in dem auch andere Produzenten arbeiten, Cristian Vogel zum Beispiel und Phil von Orbital. Wir machen zwar nicht so die gleiche Musik, aber es ist schön mit Leuten, die Musik machen, zusammen zu sein, und man kann Equipment tauschen. Destroy habe ich mehr oder weniger am Stück produziert, deswegen ist es etwas zusammenhängender, nicht so zerfahren. Es bewegt sich auch in einem merkwürdigem Zwischenraum von Musik, die man zuhause hören kann und die im Club gespielt werden kann. So wie die Stücke editiert sind, wirken sie nicht besonders tracky. Mir ist relativ schnell langweilig, deswegen muss immer was passieren. Ich mag auch kurze Tracks, so um die 3 Minuten. Das Problem ist, dass 3 Minuten zwar eine gute Zeit zum Zuhören ist, allerdings ist das für den Dj problematisch. Außerdem scheinen 3 Minuten im Club um 5 Uhr Morgens deutlich schneller vorüberzugehen (lacht). Die nächste Platte, die auf meinem Label Nest erscheinen wird, ist eine Sammlung von 3 Minuten Tracks. Mehr so der Punkstyle also.

De:Bug: Worum geht es denn bei Nest?

Tobias Schmidt: Das soll eine Plattform für weniger technomäßige Sachen sein. Auch der Danceflooraspekt soll da nicht so angepeilt werden. Die erste Platte ist von einem Typen namens Cutout, der bislang noch nichts released hat und der sich schlecht auf einen Stil festlegen lässt. Er kommt eigentlich aus der Drum and Bass Szene, und die Technotracks, die er produziert, sind recht schräg, ziemlich langsam, aber sehr headbanging. Auf Nest sollen eher merkwürdige Sachen veröffentlicht werden.

De:Bug: Deine Tracks klingen immer sehr unmittelbar und direkt, im Prinzip als würden sie live wie auf einer Jam Session eingespielt. Entspricht das deiner Arbeitsweise?

Tobias Schmidt: Ja, eigentlich schon. Ich verwende keine zentralen Computer, wo alles zusammenläuft, sondern ich schmeiße alle Drummachines an und schaue, was dabei herauskommt. Das klappt dann natürlich nicht immer. Wenn es funktioniert, kann das Resultat sehr funky werden. Ich verwende auch ein recht kleines Set. Da ich schon seit mehr als 5 Jahren eigentlich jedes Wochenende irgendwo live spiele, war ich irgendwann davon genervt, all diese Maschinen mit mir herumzutragen. Man muss da einen Kompromiss finden zwischen sehr guten und sehr kleinen Maschinen. Mittlerweile habe ich ziemlich gutes Equipment, das auch noch recht klein ist.

De:Bug: Was Techno aus England angeht, habe ich das Gefühl, dass die Sachen oft radikaler sind. Da wird vor allem rhythmisch mehr experimentiert und eher versucht Neuland zu betreten. In Deutschland geht es dagegen oftmals eher um Verfeinerung, die aber letztenendes eine Variationen eines klassischen Entwurfs darstellt.

Tobias Schmidt: Bei der ganzen No Future Posse ist, glaube ich, wichtig, dass unsere Einflüsse nicht wirklich auf Detroit fokussiert sind. Da kommen wir nicht her. Die ganze Haltung ist etwas punkiger, nicht so auf ein Ding konzentriert. Es geht eher darum, von überall Einflüsse aufzunehmen und zu verarbeiten, als sich auf ein Ding zu stürzen und das in all seinen Aspekten zu beleuchten. Vielleicht wollen wir ein Bastard des Techno sein, um so jegliche Stilreinheit zu umgehen, also genau das Gegenteil von Purismus oder Stilgenauigkeit zu erzeugen.

De:Bug: Hat diese Haltung damit zu tun, dass in England die Dance Culture ziemlich Mainstream-orientiert ist, und wenn man nicht bereit ist, mit der Majorindustrie zu kooperieren, ohnehin an den Rand gedrängt wird?

Tobias Schmidt: Für Leute wie mich ist der Bewegungsspielraum schon sehr klein. Es gibt nicht viele Auftrittsmöglichkeiten abseits der Superclubs, wo Techno kaum stattfindet. Ich habe den Eindruck, dass das ein grundsätzliches Problem mit England ist, dass es nicht viel Raum für kleine Sachen gibt. In Deutschland ist das zum Beispiel schon deutlich einfacher. Mit dem Musikmagazinen in England ist das das Gleiche. Die berichten im wesentlichen über die selben Leute, interessieren sich eher für Hypes als für die Vielfältigkeit des Spektrums. Außerdem bewegen Sie sich sehr nahe an der Musikindustrie.

De:Bug: Spielst du eigentlich oft in England?

Tobias Schmidt: Nein, eher selten. Es gibt nicht so viele Gelegenheiten. Ich war lange in einer Clubnacht in Glasgow involviert, die Test heißt. Glasgow ist eine tolle Technostadt. In Birmingham gibt es auch Clubs wie das House of God zum Beispiel. In Brighton allerdings gibt es keinen Ort, wo ich auftreten könnte.

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Text: Sascha Kösch aus De:Bug 23

Tobias Schmidt macht einen fertig. Wir dachten jetzt, wo auf jeder Studentenparty wieder wirre Toupetträger mit schwarzen Lederjacken zu einer wohlselektierten 80er Elektropop- und Disco-Mischung tanzen dürfen und, vorallem, sich auch noch richtiggehend Underground und auf der Höhe der Zeit fühlen können, die gesamte Retrohölle ein für alle mal begraben zu müssen, und sei es auf Kosten musikalisch ganz sinnvoller Entwicklungen, da kommt dieser heimliche Pseudodeutsche (aka Tony Smith) daher und macht unsere heile Welt kaputt. Wie das? Auf seinem neuen Album, “le Chimp Atomique” (grade auf Neil Landstrumms Scandinavia Label erschienen), das ersteinmal in ungefähr so blöd französisch klingt wie eine weitere Telex Remix Geschichte, läßt er mit ein paar vielleicht nicht mal beabsichtigten Kniffen das, was bis vor kurzem bestenfalls als Simulation noch spannend war, ganz real werden. Zwar ist selber zu singen nun nicht unbedingt neu, oder der Versuch, Lofi zu klingen, nicht grade Up To Date, aber beides mißlingt ihm so grundsätzlich, daß plötzlich die Vergangenheit klingt, als hätte sie nie stattgefunden, wäre aber mit Sicherheit das Beste gewesen, was je stattgefunden hätte, auch wenn man nichts mehr davon wissen kann. Obskure Logik, aber extrem modern. In eigenen Worten lautet das: “The Weekend I can’t remember is the one I can’t forget”. Ein Satz, der eine ganze Generation von Wochenendravern in ihren eigenen Blackout als zentrales Organisationsprinzip stürzt, dabei das, was das Wichtigste des Gedächtnisses als zentraler Speicher der Kultur ist, (das Erinnern von Unvergesslichem) gleich wieder einer schwindelerregenden Bewegung auf seine alles organisierende Abwesenheit zurückfallen läßt.Krytpisch? Genau! Und da erzähl mir noch jemand etwas von Scritti Politti als einzigem Derrida Popexegeten. Dies hier ist sicher um Längen dekonstruktivistischer als irgendwelche Geschichten von Liebe. Nach langen Jahren mit der graden Bassdrum erinnert sich “Le Chimp Atomique” an die Zeiten, als Cabaret Voltaire ihre ersten Tracks machten und alles noch Punk war, so als wäre es morgen, und klingt wie jede vollkommen vernünftige Version der Geschichte ganz schön funky. Und auf einmal gibt es weder einen Gegensatz von Stimme und Musik, noch einen von Vergangenheit, Retro, Zukunft oder Utopie, sondern nur noch die Realität zählt, falls man sie findet, worin Tobias Schmidt groß ist, und die ist wie immer etwas dark, aber dafür erschreckend komisch und, Überraschung, Pop. DeBug: Die Lyrics für deine Platte klingen alle wie Slogans. Kurz, direkt, straight. Punk irgendwie. Wie sollen wir Armen, die solange daran gewöhnt sind, nur Musik zu hören, nun damit umgehen? Zynisch? Gar nicht? TB: Weder noch. Es geht darin immer um spezifische Events und Leute, die in der Zeit um mich rum waren, als ich die Platte aufgenommen habe. Es hat einfach Spaß gemacht, sie ihnen dann vorzuspielen, weil sie sich totgelacht haben, und wir alle wussten, worum es geht. De:Bug: Da deine Tracks eher so klingen, als würden sie an der eigenen Lofi-Vorgabe scheitern, weil die Sounds einfach nicht dünn klingen können, wo inmitten des großen Oldschool-, Elektro- und 80s-Revivalding passt du rein? TB: So lange ich Techno kenne, gibt es ein Electrorevival in Techno. Electro ist vermutlich schlicht Techno ohne grade Bassdrum. Sicherlich klingt “Le Chimp Atomique” 80s, aber ich wollte das gar nicht explizit. Ich mag es als Idee eigentlich nicht, I-F, Hell und sein Label allerdings haben über die letzten Jahre so viel Spaß gemacht, daß ich glaube, ihr Humor wird richtig geschätzt. De:Bug: Weshalb war dann die grade Bassdrum für dich vorbei? TB: Ich hatte mein Tresor Album “Dark of Heartness”, das Ende des Jahres rauskommen wird, fertig, und wollte mein Studio anders klingen lassen. Es an einen anderen Platz bringen. Und zusehen, welche Emotionen man so aufs DAT bringen kann. Also reine Praxis. Es einfach machen. Die Ideen zu den Lyrics kamen meist auch von Freunden, aus Glasgow und London, und musikalisch ist es soetwas wie eine ambitionierte Tomatensoßenkreation geworden. Was für mich neu war, war vor allem der etwas unverschämte und selbstlose Versuch, eine Pop-Platte zu machen. Einer der Tracks, die das Ganze inspiriert haben, war “Soul Finger” von den Bar Kays. Totale Energie in 2 1/2 Minuten eingefangen. De:Bug: Wie produzierst du? TB: Alle Tracks sind live aufgenommen. Singen, Drummachineworkouts, manchmal ein wenig Keyboardspielen und auf die Feedbacks aufpassen. Es gibt nur wenige Edits. Einige Tracks haben einen ganzen Tag gebraucht, um das Gefühl hinzubekommen, das ich wollte, bei anderen reichte ein Mix. De:Bug: Was ist dieses ganze Chimp, Monkey-Business. TB: Ich hab’s halt mit Affen. (sic) De:Bug: Würdest du sagen, daß die Platte so eine Art “Back to Real” Bewegung hat? TB: Auf jeden Fall. Ich wollte, daß die Tracks so real sind, daß alle etwas damit anfangen können, irgendwie, und daß sie klingen wie von jetzt. De:Bug: Was ist deine Vorstellung einer perfekten Beziehung? TB: Alkohol und Schreien. De:Bug: Wie einfach ist das Leben? Und, wie ironisch muß man werden? TB: Ich wünschte, das wüsste ich.

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