Die West-Berliner Legende starb in Schönheit
Text: Jan Joswig aus De:Bug 118

Berlin hat eine ikonische Disco, die so für das New-Wave-Nachtleben der 80er steht wie der Tresor für das Techno-Nachtleben der 90er: der Dschungel in der Nürnberger Straße.

Der große zuspitzende Gesellschaftschronist Kid P. beschrieb 1982 in der Musikzeitschrift “Sounds“ den Dschungel als “eine halbwegs gut gestylte, taghelle (man will gesehen werden), ehemalige Eisdiele“. Es war ein chinesisches Restaurant, Schwamm drüber. Aber dieses “Halbwegs“ ist eine riesige Auszeichnung aus der Feder des notorischen Runterputzers und Style-Arroganzlers. Der Dschungel war mit seinen Türstehern in Armani und seiner Wendeltreppe zum Posieren der ultimative Austragungsort für die schicke Selbstzerstörung, die man zu New-Wave-Zeiten mit allem Brimborium schauspielerte. Rio Reiser entwarf sich hier als Iggy Pop Deutschlands, Bowie entspannte am Tresen von seinen Berliner Museumsbesuchen und DJ Clé brachte die Ahnung des kommenden Techno-Zeitalters mit.

Die Ausgabe 4 des Fanzines UP ist ganz für die schwarz-weiße Fotoserie vom Abriss 2006 reserviert. Der Künstler und Fotograf Alexander Lieck hat dem Dschungel damit ein viel adäquateres Denkmal gesetzt, als es Farbfotos aus der Hochzeit des Clubs je hätten einlösen können. Durch die zerschundene, skelettierte Architektur blickt man auf die Geister der Feiernden, im Fries spiegeln sich die vergangenen Nächte wieder. Die Ruine ist beredt. Beim Feiern kämpft man gegen die Vergänglichkeit – und wirft sich ihr entgegen. Der zerlegte Dschungel mit der geschwungenen Treppe, die auch im Trümmerzustand ihre Grandezza verteidigt, ist die perfekte Allegorie auf diese melancholische Doppelbewegung.
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Elektronische Lebensaspekte.