Die letzten besetzten Häuser Berlins sind geräumt und auch TokTok haben ordentlich aufgeräumt. Zumindest was ihren Sound angeht, denn spätestens seit Soffy O mit im Boot sitzt, glauben sie an den lieben Pop. Auch wenn es live nach wie vor das ein oder andere Gabba-Experiment gibt. Und der Mainstream küsst die Berliner Underground-Legende.
Text: Harald Peters aus De:Bug 64

Jedem Stück seine Bassline
Tok Tok vs. Soffy O

Am Vortag sind sie noch in Ibiza aufgetreten, nun sitzen sie im Besucherraum ihres Labels an einem Tisch. Hinter einem Berg voller halbleerer Kaffee- und gut gefüllter Aschenbecher erkennt man schemenhaft eine aufstrebende Band. TokTok vs. Soffy O sind müde. Es soll eine “Scheiß-Veranstaltung” gewesen sein, die Veranstaltung in Ibiza, so richtig schön doof mit den No Angels und Soft Cell. Beim Soundcheck hat eine der No Angels getanzt, hinterher soll sie sich nach dem Verbleib des Albums erkundigt haben. Erst kürzlich haben sie festgestellt, dass ihre Fans immer jünger werden, zwar nicht so jung wie No Angels-Fans, aber immerhin seien die jüngsten so zwischen acht und zwölf. Denn Acht- bis Zwölfjährige gucken gern fern, und man kann sich sicher sein, dass während dieses Gesprächs irgendein Musikfernsehsender gerade das Video zur flotten aktuellen Single “Day Of Mine (Ludicrous Idiots)” zeigt. Auch das Video zur ersten Single “Missy Queen’s Gonna Die” wurde gerngezeigt, doch nicht einmal annähernd so häufig wie “Day Off Mine”. Laut amazon.de wurde “Missy Queen” von Leuten gekauft, die sich auch CDs von Fisherspooner, Tiga und Felix da Housecat bestellten. Mittlerweile wurde “Missy Queen” auch in England veröffentlicht und sorgte für eine kleine Welle der Begeisterung. Ein Rezensent schrieb, Soffy O hätte die Stimme einer “phone whore”, meinte das aber positiv. Der NME findet “Missy Queen” einfach super, die Attitude erklärt schlicht: Muss man hören. Wie man auf amazon.co.uk erfährt, wird “Missy Queen” vor allem von Leuten gekauft, die auch die CDs “Rippin’ Kittin” von Golden Boy & Miss Kittin, “Dancing Queen 98 Remixes” von Abbacadabra und “The Royal Philharmonic Orchestra Play Abba, The Beatles & Queen” vom Royal Philharmonic Orchestra bestellten. Es ist zwar schwer zu sagen, was das im Einzelnen zu bedeuten hat, doch es mag in diesem Zusammenhang beruhigen, dass auch TokTok und Soffy O nicht den Ansatz eines Schimmers haben. Andererseits muss man sagen: Es sieht nicht so aus, als würden sie sich darüber irgendwelche Gedanken machen.

Debug: Stilistisch gesehen hängt sich das Album nach den beiden Singles ja nicht besonders weit aus dem Fenster.

Soffy: Findest du.

Benjamin: Und das Gitarrenstück?

Soffy: Findest du, der Sound bleibt bei einem Style?

Debug: Schon!?

Soffy: Also ich finde jedes Stück ist mehr so ein …

Fabian: Stück für sich!

Debug: Das sagen die Künstler immer.

Soffy: Nein, nein. Also wirklich, ich dachte, dass Leute sagen, die Platte sei mehr so ein Mischmasch. Also, dass es nicht so eine Konzeptplatte ist.

Debug: Eine Konzeptplatte?!

Fabian: Also ich finde …

Benjamin: Das klingt homogen!

Fabian: Find ich auch! Ich mein, jedes Stück hat eine Bassline.

Debug: Aber es sind ja nicht nur die Tracks, die sich ähneln, sondern es ist auch der Gesang.

Soffy: Warum?

Debug: Warum? Das frag ich euch!

Soffy: Wie meinst du das?

Debug: Ich mein die Gesangsmelodie.

Soffy: Echt?

Debug: Ja, du hast so eine typische Art, die Gesangsmelodie aufzubauen.

Fabian: Aber macht das nicht auch eine Sängerin aus?

Soffy: Nee, nee, nee! Also wenn die Gesangsmelodien sich ähneln, das wäre schon scheiße. Ich dachte, das wäre nicht so. Ich glaub, ich bring mich um.

Fabian: Nee!

Debug: Nee, nee, das lass mal.

Fabian: Ich hab auch schon gegenteilige Meinungen gehört.

Benjamin: Das ist sowieso schwer zu beurteilen, wenn man den ganzen Kram gerade fertig gemacht hat. Man hat ja auch überhaupt keinen Abstand mehr. Aber es ist interessant, dass die Leute so unterschiedlich reagieren.

Soffy: Es gibt Leute, die sagen: Wow, du machst jetzt viel mehr mit deiner Stimme …

Fabian: Das hab ich auch gehört.

Soffy: Und ich hoffe auch, dass das stimmt. Ich meine, ich bin ja keine Sängerin. Ich find es auch immer noch total absurd, dass ich mit dabei bin.

Debug: Wie kam denn das?

Soffy: Ich hatte keine Wahl. Die kamen an und sagten: Du stehst auf dem Flyer. Du spielst jetzt mit.

Debug: Und es muss ja auch nicht schlecht sein, wenn der Gesang immer gleich ist. Bei Underworld ist das schließlich auch so.

Benjamin: Und bei den Pet Shop Boys.

Soffy: Mir ist auf jeden Fall aufgefallen, dass man die Lyrics von einem Stück problemlos zu irgendeinem anderen Stück singen kann. Das die austauschbar sind. So Bastardpop-mäßig. Das passiert vor allem live, weil wir die Stücke anders spielen.

Debug: Sag ich doch. Nichts anderes wollte ich sagen.

Benjamin: Ja, aber das ist ja nichts, was ich vorhatte, das ist mir jetzt erst aufgefallen.

Debug: Wieso heißt es eigentlich TokTok vs. Soffy O? Ist es nicht vielmehr ein TokTok & Soffy O?

Benjamin: Das vs. hat schon seine Berechtigung. Also, schon sportlich gesehen?

Debug: Ja, und was ist denn bei euch so gegenläufig im Sinne von vs.?

Benjamin: Also das, was generell gegenläufig ist, wenn man mit anderen Leuten Musik macht. Also das, was daran auch interessant ist.

Soffy: Gerade bei diesen Live-Geschichten. Vor allem bei diesen Gabba-Teilen, wo ich dann einfach keine Wahl habe, da muss ich einfach mitmachen. Und ich denke, scheiße, ich will aufhören, und dann dieses Feedback, aber da muss ich durch, ich kann ja nicht die Bühne verlassen. Und dann denk ich, alles klar, das ist ziemlich vs.

Benjamin: Nee, aber eigentlich ist es schon eher ein &. Warum haben wir das damals eigentlich gemacht?

Soffy: Ich fand vs. eigentlich schon immer scheiße.

Fabian: Stimmt, du wolltest eigentlich immer &.

Soffy: Ja, einfach irgendwas anderes.

Benjamin: Das klingt halt so nach Jason Nevins vs.

Soffy: Als wir den Vertrag unterschrieben haben, dachte ich: Das sieht scheiße aus.

Fabian: Ich find, es sieht cool aus.

Debug: Und in welcher Schublade steckt ihr drin?

Fabian: In dieser 80er-Jahre-Electroclash-Kiste, ob wir nun wollen oder nicht.

Soffy: Also, ich sehe uns da nicht.

Benjamin: Aber die Leute sehen uns da.

Debug: Und ihr habt mit dem Album nicht wirklich versucht, euch da heraus zu bewegen.

Benjamin: Das wär ja auch Quatsch.

Fabian: Auf unserer kommenden TokTok-Platte ist jedenfalls keine einzige 80er-Bassdrum drauf. Naja, ich will nicht zuviel versprechen.

Benjamin: Wenn man sich damit auseinandersetzt, dass man jetzt gerade in so einem Hipness-Dings drinsteckt, dann würde man sich ja nur noch darum kümmern, hip zu sein, und nicht um die Musik.

Fabian: Also man würde sich darum kümmern, nicht hip zu sein.

Benjamin: Was letztendlich ja das Gleiche ist.

Debug: Und was sagt ihr zu eurem Erfolg.

Fabian: Darum kümmern wir uns nicht. Naja, man hat ein bisschen mehr Geld, das ist schon ganz gut.

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Elektronische Lebensaspekte.

Die letzten besetzten Häuser Berlins sind geräumt und auch TokTok haben ordentlich aufgeräumt. Zumindest was ihren Sound angeht, denn spätestens seit Soffy O mit im Boot sitzt, glauben sie an den lieben Pop. Auch wenn es live nach wie vor das ein oder andere Gabba-Experiment gibt. Und der Mainstream küsst die Berliner Underground-Legende.
Text: Harald Peters aus De:Bug 64

Jedem Stück seine Bassline

Am Vortag sind sie noch in Ibiza aufgetreten, nun sitzen sie im Besucherraum ihres Labels an einem Tisch. Hinter einem Berg voller halbleerer Kaffee- und gut gefüllter Aschenbecher erkennt man schemenhaft eine aufstrebende Band. TokTok vs. Soffy O sind müde. Es soll eine “Scheiß-Veranstaltung” gewesen sein, die Veranstaltung in Ibiza, so richtig schön doof mit den No Angels und Soft Cell. Beim Soundcheck hat eine der No Angels getanzt, hinterher soll sie sich nach dem Verbleib des Albums erkundigt haben. Erst kürzlich haben sie festgestellt, dass ihre Fans immer jünger werden, zwar nicht so jung wie No Angels-Fans, aber immerhin seien die jüngsten so zwischen acht und zwölf. Denn Acht- bis Zwölfjährige gucken gern fern, und man kann sich sicher sein, dass während dieses Gesprächs irgendein Musikfernsehsender gerade das Video zur flotten aktuellen Single “Day Of Mine (Ludicrous Idiots)” zeigt. Auch das Video zur ersten Single “Missy Queen’s Gonna Die” wurde gerngezeigt, doch nicht einmal annähernd so häufig wie “Day Off Mine”. Laut amazon.de wurde “Missy Queen” von Leuten gekauft, die sich auch CDs von Fisherspooner, Tiga und Felix da Housecat bestellten. Mittlerweile wurde “Missy Queen” auch in England veröffentlicht und sorgte für eine kleine Welle der Begeisterung. Ein Rezensent schrieb, Soffy O hätte die Stimme einer “phone whore”, meinte das aber positiv. Der NME findet “Missy Queen” einfach super, die Attitude erklärt schlicht: Muss man hören. Wie man auf amazon.co.uk erfährt, wird “Missy Queen” vor allem von Leuten gekauft, die auch die CDs “Rippin’ Kittin” von Golden Boy & Miss Kittin, “Dancing Queen 98 Remixes” von Abbacadabra und “The Royal Philharmonic Orchestra Play Abba, The Beatles & Queen” vom Royal Philharmonic Orchestra bestellten. Es ist zwar schwer zu sagen, was das im Einzelnen zu bedeuten hat, doch es mag in diesem Zusammenhang beruhigen, dass auch TokTok und Soffy O nicht den Ansatz eines Schimmers haben. Andererseits muss man sagen: Es sieht nicht so aus, als würden sie sich darüber irgendwelche Gedanken machen.

Debug: Stilistisch gesehen hängt sich das Album nach den beiden Singles ja nicht besonders weit aus dem Fenster.

Soffy: Findest du.

Benjamin: Und das Gitarrenstück?

Soffy: Findest du, der Sound bleibt bei einem Style?

Debug: Schon!?

Soffy: Also ich finde jedes Stück ist mehr so ein …

Fabian: Stück für sich!

Debug: Das sagen die Künstler immer.

Soffy: Nein, nein. Also wirklich, ich dachte, dass Leute sagen, die Platte sei mehr so ein Mischmasch. Also, dass es nicht so eine Konzeptplatte ist.

Debug: Eine Konzeptplatte?!

Fabian: Also ich finde …

Benjamin: Das klingt homogen!

Fabian: Find ich auch! Ich mein, jedes Stück hat eine Bassline.

Debug: Aber es sind ja nicht nur die Tracks, die sich ähneln, sondern es ist auch der Gesang.

Soffy: Warum?

Debug: Warum? Das frag ich euch!

Soffy: Wie meinst du das?

Debug: Ich mein die Gesangsmelodie.

Soffy: Echt?

Debug: Ja, du hast so eine typische Art, die Gesangsmelodie aufzubauen.

Fabian: Aber macht das nicht auch eine Sängerin aus?

Soffy: Nee, nee, nee! Also wenn die Gesangsmelodien sich ähneln, das wäre schon scheiße. Ich dachte, das wäre nicht so. Ich glaub, ich bring mich um.

Fabian: Nee!

Debug: Nee, nee, das lass mal.

Fabian: Ich hab auch schon gegenteilige Meinungen gehört.

Benjamin: Das ist sowieso schwer zu beurteilen, wenn man den ganzen Kram gerade fertig gemacht hat. Man hat ja auch überhaupt keinen Abstand mehr. Aber es ist interessant, dass die Leute so unterschiedlich reagieren.

Soffy: Es gibt Leute, die sagen: Wow, du machst jetzt viel mehr mit deiner Stimme …

Fabian: Das hab ich auch gehört.

Soffy: Und ich hoffe auch, dass das stimmt. Ich meine, ich bin ja keine Sängerin. Ich find es auch immer noch total absurd, dass ich mit dabei bin.

Debug: Wie kam denn das?

Soffy: Ich hatte keine Wahl. Die kamen an und sagten: Du stehst auf dem Flyer. Du spielst jetzt mit.

Debug: Und es muss ja auch nicht schlecht sein, wenn der Gesang immer gleich ist. Bei Underworld ist das schließlich auch so.

Benjamin: Und bei den Pet Shop Boys.

Soffy: Mir ist auf jeden Fall aufgefallen, dass man die Lyrics von einem Stück problemlos zu irgendeinem anderen Stück singen kann. Das die austauschbar sind. So Bastardpop-mäßig. Das passiert vor allem live, weil wir die Stücke anders spielen.

Debug: Sag ich doch. Nichts anderes wollte ich sagen.

Benjamin: Ja, aber das ist ja nichts, was ich vorhatte, das ist mir jetzt erst aufgefallen.

Debug: Wieso heißt es eigentlich TokTok vs. Soffy O? Ist es nicht vielmehr ein TokTok & Soffy O?

Benjamin: Das vs. hat schon seine Berechtigung. Also, schon sportlich gesehen?

Debug: Ja, und was ist denn bei euch so gegenläufig im Sinne von vs.?

Benjamin: Also das, was generell gegenläufig ist, wenn man mit anderen Leuten Musik macht. Also das, was daran auch interessant ist.

Soffy: Gerade bei diesen Live-Geschichten. Vor allem bei diesen Gabba-Teilen, wo ich dann einfach keine Wahl habe, da muss ich einfach mitmachen. Und ich denke, scheiße, ich will aufhören, und dann dieses Feedback, aber da muss ich durch, ich kann ja nicht die Bühne verlassen. Und dann denk ich, alles klar, das ist ziemlich vs.

Benjamin: Nee, aber eigentlich ist es schon eher ein &. Warum haben wir das damals eigentlich gemacht?

Soffy: Ich fand vs. eigentlich schon immer scheiße.

Fabian: Stimmt, du wolltest eigentlich immer &.

Soffy: Ja, einfach irgendwas anderes.

Benjamin: Das klingt halt so nach Jason Nevins vs.

Soffy: Als wir den Vertrag unterschrieben haben, dachte ich: Das sieht scheiße aus.

Fabian: Ich find, es sieht cool aus.

Debug: Und in welcher Schublade steckt ihr drin?

Fabian: In dieser 80er-Jahre-Electroclash-Kiste, ob wir nun wollen oder nicht.

Soffy: Also, ich sehe uns da nicht.

Benjamin: Aber die Leute sehen uns da.

Debug: Und ihr habt mit dem Album nicht wirklich versucht, euch da heraus zu bewegen.

Benjamin: Das wär ja auch Quatsch.

Fabian: Auf unserer kommenden TokTok-Platte ist jedenfalls keine einzige 80er-Bassdrum drauf. Naja, ich will nicht zuviel versprechen.

Benjamin: Wenn man sich damit auseinandersetzt, dass man jetzt gerade in so einem Hipness-Dings drinsteckt, dann würde man sich ja nur noch darum kümmern, hip zu sein, und nicht um die Musik.

Fabian: Also man würde sich darum kümmern, nicht hip zu sein.

Benjamin: Was letztendlich ja das Gleiche ist.

Debug: Und was sagt ihr zu eurem Erfolg.

Fabian: Darum kümmern wir uns nicht. Naja, man hat ein bisschen mehr Geld, das ist schon ganz gut.

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