Tom Clark ist als Clubveranstalter, DJ und auf Frontpage-Touren durch die harte Schule der ersten großen Technozeiten Berlins gegangen. Das trägt jetzt Früchte als Produzent und Labelbesitzer. Auf "Highgrade" und "Laufwerk" gibt er seinem zwar produktiven, aber chaotischen Genremix zwei Richtungen: Minimale Housesounds und experimentellere, poppigere Elektrotracks machen getrennt mehr aus sich.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 61

Dienstag wäre doch ein perfekter Clubtag

Tom Clark

Es ist schön in Berlin. Nicht nur wegen des Ostguts, sondern auch wegen Leuten wie Tom Clark (aka Thomas Haertel), der vermutlich zu den fast schon selten gewordenen Berlinern in Berlin gehört. Während man nämlich einerseits das ganze Metropolen-Blabla um Berlin nicht mehr hören kann, ist die Producerszene und Labelszene der Stadt eher bis auf ein paar Ausnahmen durch ein konsequentes Berlin-Understatement bekannt. Die Bärenflagge will sich kaum einer aufs Label oder seine Bio kleben. Tom Clark ganz gewiss nicht.

Als er Anfang der 90er mit einem Freund anfing aufzulegen, kam ihm eine dieser cleveren Ideen, die man Jahrzehnte später noch groß finden muss: “Dienstag wäre doch ein perfekter Clubtag. Dachten wir.” Sie starteten also einen regelmäßigen Dienstag im Westen (damals noch nicht so schlimm wie die Süddeutsche neulich bemerkt hat) und feierten unermüdlich mit der Hand voll Anwesenden. Dienstag würde auch in den nächsten zehn Jahren der Tag bleiben, an dem in dieser Stadt absolut gar nichts geht. Irgendwann aber, weshalb die Idee dann doch wieder so schlecht nicht war, trollte sich die damals real existierende, ebenfalls im Westen basierte Frontpage Posse (vermutlich von ihrer fünften Afterhour des Wochenendes) bei ihm herum und flugs wurde er in die Familie eingemeindet und begab sich auf die harte Schule der Frontpage Touren und Afterhour Sessions der ersten großen Technozeiten der Stadt, bis er schließlich zu einem der meistgebookten Residents in allen entscheidenden Clubs Berlins wurde und den Rest der Republik mit all ihren Schwächen und Vorzügen auswendig kannte.

Partylocation und weniger Labellandschaft

“Ich glaube, anfang der 90er hat man in Berlin einfach zuviel gefeiert. Deshalb entwickelte sich hier die Labellandschaft auch viel langsamer.” Klar, wie jeder in Berlin verneigt sich auch Tom Clark gerne vor der Institution Basic Channel und Hard Wax, aber Mitte der 90er wurde es doch offensichtlich, dass während ringsum ein Label nach dem anderen aufmachte, Berlin eigentlich eher überall als gute Partylocation galt, denn als Produzentenhauptstadt. Seine ersten Releases machte er auch ungefähr zu der Zeit und zusammen mit Dirk Lunkenheimer (Curtis IC als Producer, auch Frontpage, die ihn damals mit “dieser große Mensch mit den sehr langen Haaren” beschrieb) auf dem von ihnen (mit Thomas Alexander) gestarteten Gold Plate Music, zu dem sich Adel Dior (Sono Tab, Autotune, mittlerweile bei Woodys Fumakilla) dazugesellte, und auf Amtrax, einem längst vergessenen Low Spirit Sublabel, als Klark Teknik, TH Reingold und natürlich Tom Clark. Das Chaos wurde schnell perfekt, als Funk und Elektro neben Techno und House das Label von Release zu Release immer wieder neu orientierten und Tom mehr und mehr seine ganz eigenen Produktionen machte. Und wie es mit Chaos so ist, es entstanden in dieser Zeit eine Menge extrem guter Produktionen, die dem Sound von Tom Clark heute noch seine Richtung geben.

Langsam begann er aber nicht nur zu sehen, dass ein Label ebenso wie ein DJ ein starkes Profil braucht, um richtig wahrgenommen zu werden, sondern dass ein DJ auch ein Producerprofil braucht, um richtig eingeordnet werden zu können. “Ich glaube, heute würde ich nicht gerne nur als DJ anfangen. Es gibt nicht nur zu viele, sondern ohne eigene Produktionen bekommt man auch kaum die Aufmerksamkeit, die man vielleicht haben möchte.” Warum also nicht einfach alles bündeln und professionalisieren und nicht nur tun, was man will, sondern den Bekannten und Freunden, die in eine ähnliche Richtung gehen, auch noch eine funktionierende Plattform liefern. Gesagt, getan. Nachdem die Gold Plate Releases immer spärlicher geworden waren und Tom Clark dennoch, und vor allem zurecht, und auch mit einigen Platten auf Labeln wie Sandy, Rampe D und natürlich Morris Audio aus der Schweiz als Producer immer bekannter wurde, gründete er vor knapp zwei Jahren dann endlich seine eigenen Label: “Highgrade” für den minimalen Housesound und “Laufwerk” für die eher experimentelleren, elektroid poppigeren Tracks.

Oszillation zwischen Techno und House

Warum zwei? Damit beides am meisten aus sich machen kann. Nur für wenige Label macht es Sinn, sich über die Genregrenzen hinwegzusetzen. Und auch wenn Tom Clark mit Sicherheit immer wieder nicht nur als Producer zwischen der technoideren Seite von minimalem Sound und der explizit housigeren, sondern auch zwischen Minimalem überhaupt und Elektroidem oszilliert, sozusagen nicht nur zwischen Rampe D, Tresor und Ostgut auf der einen und Pokerflat, Cabinet, Panoramabar usw. auf der anderen, sondern auch noch weit mehr entwickelt, kann Tom Clark dennoch für den Berliner Sound genau so wie für die Attitude stehen. Für Highgrade kamen sofort James Flavour und Scoopa Fi als Berliner Housestartups und Dialogue (die Morris Audio Connection) zusammen, die perfekt in seine Vorstellung eines runden, kickenden, minimal-urbanen Housesounds passten, und auf Laufwerk erschien mit „Gomera” neben elektroideren Tracks ein höchst merkwürdiges retrofuturistisches Projekt. Und so wie man generell Minimalhouse nicht einfach in eine Richtung entwickeln kann, so entstehen auch bei Tom Clark die Tracks durch mehr Konzentration, durch den Willen, das weiter und immer besser zu machen, fetter, runder, pumpender, ohne dabei den direkten Weg (Hit, Gesang, Blabla, etc.) gehen zu können oder zu wollen und mit ständigem Feedback zur Crowd. Tom ist immer noch Resident im Tresor, hat seine Abende sowohl im Ostgut (unten) als auch in der Panoramabar (oben), hat im Laufe der Zeit einige Landstriche Deutschlands von seiner Karte gestrichen (wo ist Ruhrpott?), Freundschaften mit anderen Clubs entwickelt, aber ist dennoch am liebsten in Berlin, weil dort nicht nur er weiß, was sein Publikum will, sondern auch das Publikum genau weiß, warum es seit einem Jahrzehnt nicht genug bekommt von diesem Sound und auch Sonntag nachmittags noch lange kein Ende der Afterhour in Sicht ist.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. De:Bug Musik » 10 Jahre Highgrade

    […] Labellandschaft auch viel langsamer”, hat Tom Clark Anfang der Nuller Jahre in seinem ersten De:Bug-Interview gesagt. Mittlerweile sind sowohl Labellandschaft als auch Clublandschaft in in den 90ern ungeahnte […]