An kommerziellen Projekten arbeitet er genauso wie an experimentellen: Der englische Designer Tom Flemming aka Tomaken hat ebenso seltsame Filme über Hacker gedreht, wie er ein Magazin für Viva gestaltete (und das hässliche Logo zwangsweise integrierte). Trotz dieser Palette hat er, schon Creative Director, außerdem noch nebenbei Philosphie studiert. Der Mensch wird offenbar nie müde. Bewundernswert.
Text: Jarrett Kertesz aus De:Bug 63

Wie die Welt von oben aussieht, dürfte einem wie Tom Flemming relativ gut bekannt sein. Als Einmann-Show fliegt er zwischen London und Los Angeles, um ganz nebenbei seine eigene Vorstellung von Design und Film zu verwirklichen. Nur wenige unterbrechen ihre Karriere als Creative Director für ein zweites Studium – er brachte es auf immerhin einen Abschluss in Philosophie und in Kunst am Londoner Royal College of Arts. Dass es eine Welt zwischen Hollywood und Studentenglamour geben muss, haben wir ja schon länger geglaubt, mit seiner Agentur “Tomaken” liefert er den lebendigen Beweis dafür. Ganz im Stil eines guten Versandhauskatalogs liegt die Stärke in der breiten Basis eines Designers, der nie müde wird zu beteuern, dass es für ihn keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, bzw. frei und kommerziell gibt.

DEBUG: Erzähl uns doch zunächst bitte etwas über dich und dein Studio. Wo steckst du gerade?

TOM FLEMMING: Ich bin zur Zeit in London. Während der letzten drei Jahre war ich wahnsinnig viel unterwegs für Projekte in Europa, Silicon Valley und Hollywood. Im Prinzip mache ich alles auf meinem Powerbook. Seit es MP3s gibt, hat man ja alles in einer Maschine. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so viel reisen konnte. Unterwegs zu sein hat mir sehr geholfen, meine Wahrnehmung zu schärfen und neue visuelle Ideen zu entwickeln. Eines Tages würde ich gerne auch mal unter Wasser arbeiten.

DEBUG: Wenn man deine kommerziellen Filmprojekte mit deinen eher experimentellen Arbeiten vergleicht, fällt kein großer Unterschied auf. Du gehst keine Kompromisse zwischen beiden Welten ein, sondern lieferst eher Interpretationen ab. Ist das eine bewusste Entscheidung, dich mehr oder weniger grundsätzlich deinen experimentelllen Neigungen hinzugeben?

TOM FLEMMING: Es ist extrem wichtig, zwischen der Idee und der Ausführung zu unterscheiden. Ein Projekt besteht einfach aus einer Serie von Prozessen, völlig egal, wie komplex oder abstrakt diese sind. Man ist einzig und allein abhängig von einer Begabung und dem Wissen, mit dieser Begabung umzugehen. Bei einem kommerziellen Projekt steht einem auch immer nur begrenzte Zeit zur Verfügung. Insofern erleichtern generelle Ideen und Arbeitsweisen natürlich den Umgang mit diesem kanppen Gut. Es geht also eher um den kontinuierlichen Prozess, deine eigene Sprache und visuelle Rhetorik weiter zu entwickeln, für alle Projekte.

DEBUG: Empfindest du es als Beschränkung, in festgelegten kreativen Richtlinien zu arbeiten, oder ist das eher eine Herausforderung?

TOM FELMMING: Beschränkungen sind ein integraler Bestandteil der Arbeit und essentiell. Es ist vielmehr eine Frage der Herangehensweise, ob man diese Beschränkung auch als solche interpretiert oder sie vielmehr aushebelt. Eine Antwort auf eine Frage zu haben, verkleinert nicht zwingend dein Problem. Ich bin oft in der Position, in der ich die generelle Struktur eines Projektes entwickeln muss. In dieser Phase wird oft schon viel grundlegende Arbeit geleistet, die natürlich von den entsprechenden Richtlinien bestimmt wird. Es ist wichtig, in dieser Phase so viel wie möglich schon für sich selber zu skizzieren und herauszufinden, warum die Dinge so sind, wie sie sind.

DEBUG: Hast du das Gefühl, dass es Berührungspunkte zwischen Politik und der kreativen Arbeit in deinen Projekten gibt oder versuchst du diese beiden Dinge strikt voneinander zu trennen?

TOM FLEMMING: Es gibt eine sehr klare Unterscheidung zwischen beiden Ebenen. Es hängt alles sehr von der Wortwahl ab und wie die Sprache dann letztendlich eingesetzt wird. Im Idealfall zeigt dir ein Projekt die Grenzen auf. Für einen kleinen Moment bekommst du dann eine Idee davon, wie politisch deine Arbeit eigentlich sein kann! Kunst muss zunächst immer unpolitisch sein und die Tatsache zulassen, dass unser Leben von Politik bestimmt wird. Kürzlich arbeitete ich an der Imagekampagne für einen großen Nachrichtenkanal. Ich schaute mir ein Band mit Reportagen des Sender an und es fiel mir extrem schwierig, diese Reportagen als integralen Bestandteil ihres Images zu begreifen. Nachrichten sind ein sehr sensibles Thema. Natürlich hat das auch mit Branding zu tun. Warum sind die Nachrichten oder Berichte des einen Senders besser als die des anderen? Und wie wird dieses Verständnis stimuliert? Ich denke, dieses Beispiel macht die Grenze zwischen dem Prozess des Politikmachens und der kreativen Arbeit klar, die sehr dünnne Linie zwischen Dokumentation, Journalismus und der Meinung großer Bevölkerungsschichten. Eines der Schlüsselkonzepte, das ich entwickelt habe, untersucht unser Verhältnis zwischen Ereignissen und der Art und Weise, wie wir sie wahrnehmen. In diesem speziellen Fall habe ich den Unterschied zwischen dem tatsächlichen Zeitpunkt des Ereignisses und der jeweiligen örtlichen Zeitzone untersucht. Das ermöglicht eine Präsenz der Politik in der Arbeit, während man sich gleichzeitig auf die Sprache konzentrieren kann, die uns das, was passiert, vermittelt. Es geht um die Art und Weise, wie man Dinge betrachtet, um deine persönliche Herangehensweise.

DEBUG:
War es nach deiner Arbeit als Kreativdirektor, Berater und Art Director schwierig, für einen Magister in elektronischer Medienkunst wieder am ”Royal College of Art” anzufangen?

TOM FLEMMING: Das RCA in London ist schon merkwürdig! Aber ein wirklicher Wissensbrunnen und eine perfekte Umgebung, um seine Begabungen und Interessen zu schärfen und Ideen weiter zu entwickeln. Mir wurde der Magister der Philosophie für meine Filmforschung zuerkannt. Meine Abschlussarbeit beschäftigte sich mit Zeitbrüchen, verbunden mit einer Theorie über Filmstruktur, unserer Wahrnehmung und unserer Sprache. Ich habe auch einen Abschluss in Kunst, zu dem ich über Informationsskulpturen gearbeitet habe.
In diesem Sinne war meine Zeit am RCA sehr stimulierend und vielleicht so etwas wie ein Wendepunkt für mich. Aber ich denke, der größte Unterschied ist, dass ich heute mehr von meinen eigenen Ideen geleitet werde als von kommerziellen Unternehmungen. Die Schwierigkeit liegt darin, dieses Vertrauen in die eigene Arbeit zu erforschen und in der Lage zu sein, auf einem größeren Level zu arbeiten. Ich arbeite immer noch an vielen kommerziellen Projekten und bin froh darüber, solche Aufträge zu erhalten. Aber es ist wichtig, an seinen eigenen Projekten weiter zu arbeiten. Daraus schöpft man Kraft.

DEBUG: Woher kommt das Titelkonzept für den Film “Antitrust”? Ich finde, die Idee, den unabhängigen Hacker als eine umtriebige Anemone und den Firmenmagnat als eine Art Teilchenbeschleuniger darzustellen, war so einfach und offensichtlich, dass man es fast hätte übersehen können!

TOM FLEMMING: Ich wollte zunächst eine gemeinsame Ebene finden, von der aus ich starten konnte. Mit dem generellen Filmplot über Programmierer im Kopf begann ich, mit binärem Code zu experimentieren. So wurden die Nullen und Einsen die Hauptbestandteile. Die Art und Weise, wie wir uns zur Softwareentwicklung verhalten, ist sehr verlockend und spannend. Die Entwicklung von Programmen wie Photoshop oder dem Betriebssystem von Apple sind die besten Beispiele dafür. Stell dir einfach vor, dass du diese umfangreiche Art der Entwicklung niemals zu Lebzeiten vollenden kannst. Und, als Programmierer, also eigentlich nichts anderem als einem kleinen Partikel in dieser binären Suppe, dass deine Überlebenschancen vielleicht viel interessanter werden, wenn du nicht allein bist. Dieser Startpunkt gibt dir eine sehr kraftvolle Idee vom Wert jeder einzelnen Einheit, oder sogar eine Idee des Werts unserer individuellen Arbeitskraft. Gleichzeitig macht es auch immens viel Spaß, einem guten Programmierer bei der Arbeit zuzuschauen. Code wird zur Poesie, Wiederholung wird obsolet, jede Zeile ist eine Effizienzübung. Poesie ist das, was in der Übersetzung verloren geht. Die Bilder und Ideen, die mit dem Programmieren zu tun haben, haben eine sehr “handfeste” Schönheit. Und mit meiner Vorliebe für alles Maritime begann ich eine narrative Idee zu entwickeln, die in dieses Leben des Codes abtaucht und auf diese Weise die eigentlichen Inhalte herausfiltert.

DEBUG: Welche Rolle spielt die Technologie in deiner Arbeit? Fühlst du dich verpflichtet, immer über die aktuellsten Tools informiert zu sein oder ist das Konzept nach wie vor ausschlaggebend?

TOM FLEMMING: Was mich fasziniert, sind die Spuren, die Technologie hinterlässt. Genauso wie es spannend ist zu beobachten, wie Technologie es uns ermöglicht, Sprache zu erfahren. Wird Technologie einmal transparent, sind wir uns dessen plötzlich schon nicht mehr bewusst. Also können wir uns auf die Entwicklung der eigentlichen Idee konzentrieren. Als Technologie sollten nur die Dinge bezeichnet werden, die nicht funktionieren. Ich finde es faszinierend, in wieweit eine neue Technologie plötzlich dafür verantwortlich zeichnet, wie wir Ideen umzusetzen versuchen. Sie ermöglicht uns, die Ideen neu zu überdenken und auf ihre Gültigkeit zu überprüfen. Am Ende geht es weniger um die eigentliche Technologie als vielmehr darum, inwieweit sie die Idee erhellen kann.

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Elektronische Lebensaspekte.