Schweden ist ein heißes Pflaster, wenn’s um Techno geht. Während die Politik die Kids mit einer Spezialeinheit in Schach zu halten versucht, schuftet Tomas Andersson wie ein Fabrikarbeiter für die Tanzfläche.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 98

Der Tiger Woods des Techno

“The reasons for the growing interest in drugs among youths have been under debate. Drugs are often coupled with music, for instance rave music.” Schnörkellos, wie in grauen Stein gemeißelt, lesen sich die Verlautbarungen der schwedischen Behörden, wenn im alljährlichen Drogenreport mal wieder der Abschnitt “Techno-Drogen” ansteht. Dass “Techno-Drogen” in Tomas Anderssons Heimat ein sehr spezielles und unter keinen Umständen auseinander zu dividierendes Sujet ist, liegt wohl in der paternalistischen Natur des schwedischen Wohlfahrtsstaates. Und der wird vom großen Sozialspender zum garstigen Schlagihntod, sobald es um den Rausch seiner Schäfchen geht. Mitte der neunziger Jahre, erzählt der BPitch-Produzent Tomas Andersson, wurde dort die Rave Commission gegründet, eine Spezialeinheit der Stockholmer Polizei, die den Counterstrike gegen “Techno-Drogen” führen sollte. Was für Außenstehende klingt wie ein bürgernahes Gute-Laune-Projekt in der Tradition von Rollerblade-Cops (Bayern) und Snowboardmiliz (Österreich), entpuppt sich bei genauerm Hinsehen als absurdes Repressionsinstrument (mit zugegebenermaßen ziemlich coolem Namen). “Die schwedischen Behörden haben entschieden, dass Tanzmusik gleichbedeutend mit Drogenkonsum ist. Deswegen geht die Rave Commission sehr radikal gegen alles vor, was nach Techno riecht.” Im Klartext bedeutet das: Razzien, Personenkontrollen, Lizenzentzug und eine Spitzelhotline für alle Kids, die sich sorgen über den toxischen Konsum (respektive den Musikgeschmack) ihrer Freunde machen. Gerüchten zufolge hat diese Rave-Spezialeinheit sogar die Befugnis, schwedische Partygänger bis in dänische Clubs hinein zu verfolgen. Der ehemalige Partyveranstalter Andersson ist spürbar genervt von dieser Hexenjagd. Das ist doch alles paranoid: “Du musst dann deine Party eben Electro oder Electronic nennen, bloß nicht Techno, sonst werden sie aufmerksam.” Es wundert fast ein wenig, dass eine hervorragende Produzentenriege unter solch, sollte man meinen, lebensfeindlichen Bedingungen gedeihen konnte. Hakan Lidbo, John Dahlbäck, Andreas Tilliander, Johann Skugge und eben Tomas Andersson sind zur Zeit die wichtigen Koordinaten, wenn es um elektronische Musik aus Schweden geht. Andersson, ein sortierter, 38-jähriger Mensch mit einem Hauch Zen in der Stimme, hat vor kurzem seine sechste EP bei Ellen Alliens Label untergebracht. Drogensüchtig ist er meines Wissens nicht. “Hip Date”, die aktuelle, reiht sich nahtlos in Ellens düstere Elektrosaga ein. Wie sie liebt Andersson Hits auf der Tanzfläche, er spielt mit den pathetischen Elementen von Electro und spottet jeder Angst vor der nölenden Rave-Tröte.

Faule Musiker ans Fließband

Neben einem Album für BPitch, das nach kreativen Schwierigkeiten nun für nächstes Jahr angepeilt ist, nahm Andersson kürzlich auch an einem soziologischen Projekt mit dem Namen “The Shift” teil. “Es ging dabei um den neuen Arbeitsplatz. Wir waren acht oder neun Musiker, unter anderem Andreas Tilliander, Hakan Lidbo und Johann Skugge, die sich die Arbeitsweise der alten Fabriken zu eigen machen sollten. Solche, wo alle Arbeiter jeden Tag zur selben Zeit anfingen, monotone Tätigkeiten verrichteten und zur selben Zeit mit der Mittagspause begannen, wenn das Horn bließ. Wir wollten diese Arbeitsweise reproduzieren, jedoch mit faulen Musikern, die an Fabrikarbeit nicht gewöhnt sind. Den ganzen Tag haben wir sehr diszpliniert gearbeitet. Neben der Musik werden nun zusätzlich eine DVD und eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht – und natürlich wird das wieder niemand kaufen”, prustet Tomas, der im Laufe seiner Erzählungen regelmäßig von dem warmen Lachen eines kleinen dicken Buddhas geschüttelt wird. “Ich arbeite nicht so gerne mit Details. Wenn es nicht von Anfang an gut und spontan ist, bringt es auch nichts mehr, das noch mit Effekten geradezubiegen. Weißt du, manchmal hat man einfach diese goldenen Momente, wo es in einem Fluss passiert. Danach weiß ich meistens gar nicht mehr, wo ich war. Das ist so wie Tiger Woods. Wenn dem einer nach dem Spielen sagt, Hey Tiger, du hast heute echt gut gespielt, sagt der: ‘Echt? Ich erinnere mich an gar nichts mehr, ich war wegggetreten, alles läuft automatisch.’ Manchmal sitze ich da, und plötzlich fällt mir auf: Wow, es sind 12 Stunden vergangen.” Die Tracks, die Tomas Andersson dann am Ende einer solchen meditativen Session auf der Festplatte findet, verdienen, um noch einmal auf die Rave-Kommission zurückzukommen, definitiv das Prädikat “Ätschibätsch” von der Internationalen Organisation für Raver in Not. Tomas Andersson ist der stampfend zwitschernde Soundtrack glücklicher blonder Gören in Trompetenhosen, die den Rave-Kommissaren ein ums andere Mal entwischen – mit prallen Bäckchen voller Extacy.

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Elektronische Lebensaspekte.