Das französische Kollektiv Tone Rec/Dat Politics setzt derzeit von seiner Homebase Lille aus zum Sprung in die Unendlichkeit an. Die Idee: Zerhexelung aller auf dieser Welt existierenden Musik. Und kaum zu glauben: Es funkt flimmernd brutal.
Text: martin conrads aus De:Bug 33

/elektronika Futurismus aus dem Soundchip Tone Rec und Dat Politics. ACHTUNG, BITTE DAS TELEPOLIS/DEBUG FILESHARING LOGO EINBAUEN!!!! Bei ihren Konzerten sitzen sie an einer Art Konferenztisch, als ob sie ein Spiel spielen, ein Problem lösen oder Definitionen für die Zeit suchen, die man vor dem Laptop verbringt. Dann plötzlich verlassen sie den Tisch, lassen die Geräte weiterspielen und werden später behaupten, von der Bedeutung dieser kraftwerkesken Praxis nichts gewusst zu haben. Tone Rec sind vier Mittzwanziger aus dem nordfranzösischen Lille, einer Stadt, die all die Jahre mit Techno wesentlich vertrauter war als etwa Paris. Ursprünglich aus Charleville kommend, dem Ort, an dem Arthur Rimbaud geboren wurde, zog man zum gemeinsamen Studieren in die Grossstadt und verwandelte sich dort unaufhaltsam in eine lebendige Datenbank, in der die eigene Benutzung analoger Instrumente schliesslich deren digitaler Verarbeitung wich. Wenn man Tone Rec bei einem Auftritt über die Schulter sieht, meint man, Teil eines produktiven Prozesses zur Entwicklung von Freundschaft zu sein – und hört in diesem Sinn ein persönliches Terrain elektronischer Klänge: “Wir versuchen, eine ‘menschliche’ Beziehung aufrechtzuerhalten, wenn wir Musik machen. Es spielt dabei keine Rolle, ob wir uns während unseren Auftritten miteinander unterhalten oder nicht”, deklarieren sie. Les Constructions sonores Die Pole von Organismus und Modernismus sind es, die stilbildend die Erscheinung von Tone Rec bestimmen. Organismus, weil die hier öffentlich gemachten Arbeitsprozeduren als Selbstverständlichkeiten einer bewusst gewählten sozialen Konstruktion designt sind – und somit elektronische Musik als ästhetischer Effekt von Kommunikation definiert wird: “Die Rolle der Beziehung zwischen den Individuen ist das Interessanteste an unserer Arbeit”. Nicht ganz unwichtig: Tone Rec besteht zu gleichen Teilen aus weiblichen und männlichen Kollektivisten. Modernistisch, weil hier digitale Klangarchitekturen vorgeschlagen werden, die sich vor allem in Zeiterfahrung abbilden: Stabilität, Flexibilität, Elastizität des Hörens sind die Begriffe, die zur Disposition stehen. Brutal werden flimmernde und knirschende, geloopte Flächen mit figurativen Resten verrechnet – mit an Gestalttheorie erinnernden Effekten: Hier werden Funktionen von Nichts und Etwas, von Figur und Hintergrund dargestellt. “Constructions sonores” nennen sie es selbst, und dies bezeichnet nicht nur den Klang, sondern ebenso die Konstruktion eines handlungsfähigen Subjekts, das als Kollektiv in Erscheinung tritt. Die ersten beiden CDs, “Thugny-Trugny” und “Pholcus”, spielen späten Rock mit den Mitteln von sehr spätem Techno. “Thugny-Trugny” in dunklen Dronestimmungen, “Pholcus” mit seltsam eigenschaftsloser Leere. Tone Recs dritte CD, “Coucy-Pack” von 1999 funkelt mit der Intensität eines Perrier: “Wie abstrakt kann man Funkiness gestalten?”, könnte die Problemstellung gewesen sein, die mit den Methoden von CD-Skipping oder ausführlichem loopen gelöst wird. Mit Dat Politics ist mittlerweile in leicht veränderter Besetzung (“eine geht, zwei kommen”) ein Parallelprojekt zu Tone Rec entstanden, das den bisherigen Entwurf um wesentlich offensivere, fast tanzbare Partitionen erweitert. Dat Politics produzieren Musik, die man auch auf Labels wie Sonig oder Irdial findet: Beiseitegehörtes der elektronischen Kultur wird bei Dat Politics zu tatsächlich neuen semantischen Ebenen arrangiert. Sensation steht neben Schlichtheit, konzeptionelle Strenge neben binärem Ungestüm. Auf ihrer ersten (Vinyl)Platte “Tracto Flirt”, Ende 1999 auf dem kürzlich gegründeten, eigenen Label Skipp veröffentlicht, spricht das Subjekt Dat Politics mit tausend Zungen: clownesk wie Serge Comte, verspielt wie Dilemmas “Chip Tunes”, kauzig wie Bodenständig 2000 kommt die Platte daher, mit Billiggeräten angereichert, die Orgelgebläse vortäuschen, mit Spielzeug- und Computerspielmelodien (überhaupt: Melodien!), mit einer Casio-Ästhetik, die von Retro und Trash weiten Abstand zu nehmen weiss. Mit Skipp haben sich Tone Rec/Dat Politics neben der Distributionsmöglickeit auch eine Oberfläche geschaffen, um ihr Design auf visuelle Komponenten auszudehnen: Der auf der Skipp-website vorhandene Text besteht aus eingescanntem Papier mit handschriftlichen Notizen, die Grafiken hingegen sind ganz am Neuen orientiert: futuristische Collagen mit historischem Chic. Aufbruch aus Lille Neben ihrer Arbeit an Skipp erlauben sich Dat Politics aber auch weiterhin Ausflüge zu anderen Labels: Auf dem Londoner Fat Cat-Label erschien vor wenigen Wochen eine Split 12″ mit dem aus Brighton stammenden, in Köln lebenden Steve Barnes aka Process. Hier stellen sich Dat Politics noch einmal als strukturelle Austober dar (etwa im stoischen Gebrauch eines Apache-HipHop Samples), bevor sie nun, im Januar 2000, mit “Villiger” ein exemplarisches Meisterwerk erbastelt haben: Auf “Villiger”, gerade beim Kölner Label A-Musik erschienen, demonstrieren Dat Politics Musik als verschwitzten Kindergeburtstag in der eingeschneiten Chipfrabrik, als eine dekonstruierte Midi-Simulation, als Bresche für die Kostümierung der Klänge: Electro, Acid, Techno, Hip Hop, EBM und Restrock gleiten hier in Sekundenschnelle vorbei und verwandeln sich in einen Ulk oder den grössten Ernst der Lage, in fraktale Splitter oder ein grosses Ganzes für Echtzeithistoriker. Italo-Western-Musik wird hier in der simulierten Granularsynthese vorgeführt, Jimi Hendrix’ “Star Spangled Banner” scheint sich in einer unkenntlichen Digitalversion herauszuschälen, artfremde Tonobjekte werden fies gegeneinander ausgespielt und Klassikfetzen zu stotternden Breakbeats zerhackt. Manche Tracks bewegen sich dabei wie Jeff Noons Blurbflies – als mechanische Insekten mit einem Restanteil veränderter DNA-Info, als Vaz-gefüllte Facettenäugler, als aggressive Droneagenten. “Villiger” ist mindestens genauso gefährlich wie eine Blurbfly, denn es wirkt wie ein Bonbon, das umso grösser wird, je länger man lutscht. Er beginnt ummagummahaft zu leuchten, füllt das Gehirn aus, bis das Denken seine Struktur ändert, durch eine Reuse nach aussen zischt und man sich nichts sehnlicher wünscht, als eine Datenpolitik, die diesen Klängen Entsprechung bieten kann.

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Elektronische Lebensaspekte.