Mit ihrem zweiten Album "This Is Not Here" liefern Tonetraeger eins der Indietronic-Highlights dieses Jahres ab. Beach-Boys-Chöre, Akustikgitarren und eine gehörige Portion Imagination ist dafür verantwortlich, dass die Musiker beim Wort "Eskapismus" nur zustimmend nicken können. Schuld ist Yoko Ono.
Text: René Margraff aus De:Bug 86

Let’s go away for a while

Torsten Mauss (Twig) und Volker Bertelmann (Hauschka, Music A.M.) lassen sich nicht beirren. Da ihr Debüt “Spieleabend“ leider etwas unterging, liefern sie nun mit “This is not here“ einfach ein Meisterwerk ab. Mit an Bord sind bei Tonetraeger neben allerlei fiepsiger Elektronik viele runde Fender Rhodes, Gitarren, Glockenspiel, Drums und noch einiges mehr. Sicherlich ist diese Art der “Indietronics-Instrumentierung“ nicht gerade neu oder an sich selten, aber häufig wurde sie noch nicht so schön kombiniert und eingesetzt. Man kann sich gut vorstellen, wie die beiden zufrieden in die Sonne zwinkern. Die Sorgen sind hinter der Tür geblieben, die braucht ja auch niemand. “This is not here“ klingt warm, rund und glücklich und ist damit schon das, was man so gerne als “eskapistisch“ bezeichnet, zumindest meine akustische Rettung durch den Alltag. “Eskapismus“ werten Volker und Torsten dankenswerterweise nicht als Angriff. Torsten bestätigt: “Es wäre toll, wenn unsere Musik diese Wirkung haben kann. Auf mich hat Musik diese Wirkung, obwohl sie heutzutage so gut wie immer und an allen ‘alltäglichen’ Orten präsent ist und fast schon den Alltag untermalt. Unsere Musik reflektiert jedoch nicht unseren Alltag. Ist eher ein Bild, eine Geschichte, die wir beide im Kopf hatten, als wir mit dem Album angefangen hatten. Und diese Geschichte war schon irgendwie Pop.“

Das Artwork zur Platte hat Torsten selbst übernommen. Es spielt mit Transparenz und verschiedenen Schichten, die durchscheinen. Figuren sind teilweise nur skizziert. Wie bei der Musik von Tonetraeger sind es hier die Andeutungen und Layer, die gefallen. Eine Strandszene? Volker ist sich auch nicht so ganz sicher, aber Torsten erklärt: “‘This Is Not Here’ ist ein Zitat und stammt eigentlich von Yoko Onos Ausstellung in den 70ern. Die Ausstellung war ein Wohnzimmer, in dem alle Möbel weiß gestrichen und halb durchgesägt waren. Die andere Hälfte war nur in deiner Vorstellung da. So ist das wohl auch mit den Menschen auf dem Cover: Sie sind da, aber es gibt eigentlich keinen Raum, in dem sie sind. Das This (räumlich) ist nicht hier (here), also den Ort, den du meinst. Im Artwork ist auch alles gelayert, transparent, aber auch undurchsichtig. So ist das vielleicht auch mit der Musik. Ich denke an Country, wenn ich in ‘Elastic’ eine Slide-Gitarre höre, aber eigentlich ist da kein Country. Ich wollte eigentlich nie genau einen Musikstil machen. Obwohl das vieles vielleicht einfacher machen würde.“
Im direkten Vergleich zum Debüt fällt bei “This is not here“ die Vielzahl an Sounds auf, ein klares Ja zum Wall of Sound, und dann ist da noch der Gesang. Volker hat sich auf hohe Beach-Boys-Chöre spezialisiert, Herr Mauss trägt eher mit tieferer Stimme vor. Und ganz simpel: Es sind eher Songs als Tracks. Volker: “Uns war ein gewisses Maß an Songwriting wichtig. Da hat sich dann auch die Herangehensweise geändert. Anstatt einen Loop aus der MPC bringe ich inzwischen mal meine Akustikgitarre mit und spiel erstmal was darauf. Dann singe ich was dazu ein und schon entsteht ein Song. Ganz klassisch. Wir wollen uns aber so einiges offen halten. Andere Stücke entstehen natürlich anders. Dann programmiert man halt was. Ich glaub, auf dieser Platte sind wir auch weg vom Sample, was die erste ausgemacht hatte.“ Torsten ergänzt: “Bei diesem Album lag etwas Opulentes im Raum. Ich hatte immer die Vokabel ‘Bombast’ ins Spiel gebracht, so wie ich eine Platte ursprünglich im Kopf hatte. Da merkt man allerdings schnell, dass man im Homestudio mit dem Bombast schnell an die Grenzen kommt. Wichtig war mit Sicherheit, dass wir Lust hatten, dem Ganzen etwas Organisches zu verpassen. Gitarren, Gesang, Bläser.“

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Elektronische Lebensaspekte.