Die erste Compilation von Tonsport dokumentiert den ganz eigenen Weg des Kölner Labels auf der Suche nach der perfekten Kombination von Techno und Popappeal. Eine interessante Zusammenstellung von Musik, die sich quer durch die Geschichte der 90er Jahre Elektronik bewegt und dabei auch mal ordentlich dick aufträgt.
Text: Katja Hanke aus De:Bug 55

Tonsport
Spaß am Groove

Eine der ersten Veröffentlichungen des Kölner Labels Tonsport wurde in dieser Zeitschrift als eine “höchst merkwürdige Platte” bezeichnet, die “klar zusammenbringt, was nichts miteinander zu tun hat.” Auch die erste Compilation des Labels funktioniert nach diesem Prinzip und bietet eine äußerst eigenwillige Zusammenstellung von Titeln, die wiederum selbst wie hybride Gebilde wirken. Stücke beginnen beispielsweise mit düsterem Minimal-Technoflair, vereinzelte Streicher tragen dann dick auf, Melodien verdichten sich und werden nach psychedelischem Acid-Gezwirbel von einer wummernden Rave-Bassdrum geschluckt, zu der Vocals sehnsüchtig im Pop-Pathos dahinschmelzen. Der typische Köln-Sound rückt in den Hintergrund und kloppert und klickert auch dort gelegentlich. Eine bizarre und irgendwie liebenswürdige Mixtur, bei der Pop ganz groß geschrieben wird.

Der lange Weg des Pop
Tonsport-Labelchef Dieter Hoff ist ein Techno-Quereinsteiger. Wenn er von Pop redet, weiß er, wovon er spricht. Ende der 80er Jahre hatte dieser ihn musikalisch so weit eingeengt, dass er beschloss, sich von der Poprock-Band Purple Schulz (ja, wirklich!) zu trennen. Dann kam ein Aufenthalt in Afrika und die Faszination für repetitive Trommelklänge, danach ein paar Solo-Pleiten und Ärger mit den Majors. Schließlich, Mitte der 90er, fiel ihm eine “Groove Box” in die Hände. Er experimentierte damit und war begeistert. Es beschloss, ein Label zu gründen, um Techno etwas “Popappeal mit auf den Weg zu geben.” Techno, so dachte er, hat keine Grenzen, darf sie nicht haben. “Das war die Zukunft.”
Als Freitag produziert Hoff auf Tonsport Stücke, in denen er nach Sounds sucht, “rumspinnt und rumforscht”, wie er es nennt. Von intellektuellen Konstruktionen und purer Funktionalität hält er nicht viel. Die Dinge einfach fließen lassen und sehen, was passiert. Spaß am Groove. Dabei sprudelt immer wieder aus ihm heraus, was er eigentlich hinter sich lassen wollte: Pop. “Ich kann einfach nicht anders. Ich möchte aber auch nicht stagnieren. Das größte Problem ist für mich, den Schritt aus den 80ern in die 2000er zu bewältigen.” Gerne würde er jetzt schon “supermoderne Musik” machen, das ganz Besondere finden. “Doch das ist ein langwieriger Prozess.”

Das andere Köln
Stationen dieses Weges sind auf der ersten Tonsport-Compilation “Bye Bye Mr. Jagger” zu hören. Schon der Titel ist programmatisch: der Abschied von einer bestimmten Art von Musik, von der Vergangenheit. “Das ist auf diese Weise charmanter, als einfach nur zu sagen: Alles Blödsinn, ich will nichts mehr damit zu tun haben.” Als purer Label-Querschnitt steht diese CD jedoch nicht; vielmehr zeigt sie das Spektrum des Umfeldes von Tonsport: Musik, die die Kluft zwischen Techno und Pop überbrücken soll. Gabriel Ananda von Karmarouge Records, der mit vier Stücken vertreten ist, spielt dabei eine bedeutende Rolle. “Ihm fällt es sehr leicht, die Popgeschichten mit Techno zu verbinden. Er ist ein Kind der Technogeneration. Das bin ich nicht. Ich bin immer noch am Rumfummeln und Überlegen, wie ich was mache, dass ich gut damit leben kann.” Außerdem ist Anandas Musik völlig unabhängig, hat nichts mit dem Kompakt-Umfeld zu tun, von dem und dessen “paar Göttern” Hoff sich fern halten möchte. Er kommt immer wieder darauf zurück. “Köln ist für mich eine Heimat und kein musikalischer Himmel.” Für Tonsport möchte er eine neutrale Position, unabhängig der Kölner Szene. Die “intellektuelle Musik” imponiere ihm schon, doch: “Ich bin nicht so.” Seine Musik soll fließen, Spaß machen, einfach passieren. Experimentierfreudigkeit gegen “konventionelle Formate”. Ich dachte, das freie Ausprobieren im Techno dürfte nie enden. Doch dann sagen Leute: ach nein, das ist viel zu sanft oder zu schön.” Etwas kitschig eben, rührend und irgendwie ergreifend. Der Pop, von dem Hoff – “Manchmal ist er bei mir so heftig da.” – noch immer übermannt wird.
Sein Gefühl für relativ kommerzielle Klänge scheint ohnehin noch immer ausgeprägt: Label-Kollege Dirk Schilling (Filmpalast) landete mit “I want” einen Club-Hit, der jetzt auf Compilations von Timo Maas oder Paul van Dyk zu finden ist. Eine kleine Portion Kommerz ist wichtig; als Basis, um weiterarbeiten zu können. Hoff hat viele Ideen. Er braucht Zeit, “eine gerade Linie” in seine Musik und der des Labels zu bringen. Seinen neuen Platz zu finden. “Wenn du an Voigts Wassermann denkst; das ist der Konsens. Er hat ihn für sich gefunden, doch dafür hat er auch zehn Jahre gebraucht. Die hätte ich auch gerne.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.