Text: Stephen Lumenta aus De:Bug 63

Die Fusion des “Echten”
Tony Allen

Ein ganzes Leben dem Rhythmus der Musik verschrieben. Ein ganzes Leben auf der Suche nach musikalischem Fortschreiten. Ein Leben, in dem man niemals stehen bleibt, in dem man seinen Weg zur Not auch ganz alleine geht. Tony Allen (62): ehemaliger Drummer für Fela Ransome Kuti, der verborgene Protagonist des Afrobeat-Movement der 70er-Jahre, heimlicher Held von all den Schlagzeugern und Produzenten, die die Heimat der Snare auch abseits einer 2 und 4 sehen und Einzelgänger, nachdem Fela Kuti sich dem Alkohol, der Politik und seiner eigenen Eitelkeit ergeben hat. Diverse Projekte und Gastauftritte hat er in den 24 Jahren seit seiner Trennung von Afrika ’70 gehabt, sein neuester Streich ”Home Cooking“ ist aber die Bombe, die endlich mal gezündet werden musste. Auf dem Papier wirkt die Platte zu durchschaubar, wie ein kleiner Promo-Gag einer ambitionierten Plattenfirma: Old Drummer vs. HipHopper. Da läuten auf Anhieb die Alarmglocken – wer hat heutzutage noch nicht versucht, mit der lustigen Musik der Straßenkinder sein Image aufzufrischen?
Alle Befürchtungen lösen sich aber nach dem ersten Hören in Luft auf: Das hier ist fresh, da hat sich jemand ernsthaft Gedanken gemacht und das hat immer noch den individuellen Beat, für den wir doch Tony Allen so lieben. Geschmack, der sich auch auf der Gästeliste äußert: Ty (britischer Rapper auf Big Dada), Eska (die Sängerin aus der West London Broken Beat Zelle) und Damon Albarn (der Blur-Frontmann, der am liebsten schwarz wäre) sprechen allesamt für Qualität in ihrer jeweiligen Szene. Tony Allen gibt die Beats und einen Teil der Musik vor, lässt den jeweiligen Kollaborateuren trotzdem genug Platz, sich zu entfalten. Das Ergebnis ist ein kickender Hybrid aus Afrobeat, Funk, HipHop und Soul. ”Man, just call it AfroHop!“, wird gemacht, Herr Allen. Und wie war das jetzt mit dem HipHop? ”HipHop ist eine Message. Du hast diesen Rhythmus und dazu sprechen sie. Ich kann das fühlen. Ich mag Musik, die Gefühl hat und gut komponiert ist. Da draußen gibt es einfach zu viel Sachen, die verdammt noch mal langweilig sind. Musik sollte sich aber verändern, sie sollte Grenzen sprengen. Heutzutage wird alles von Plattenfirmen und einfältigen Produzenten geplant. Der Platz für die nötige Kreativität fällt komplett weg. But it’s all about the evolution!“ Die Beschreibung klingt doch ganz nach elektronischer Musik. Der Sampler als Werkzeug, mit dem man in Bereiche vordringen kann, in die normale Instrumente nicht gelangen, oder nicht? ”Es gibt natürlich ein paar elektronische Sachen, die ich mag, trotzdem belügen diese Leute sich selbst. Sie sind wie Roboter, der ganze Produktionsablauf ist zu mechanisch. Die sind DJs, die sind Produzenten, sie sind aber keine Musiker. Der Klang an sich ist in Ordnung, man muss nur wissen, wie man das mit dem Echten fusioniert.“
Lernen von den Alten, und man hat schon wieder ein schlechtes Gewissen. Gestern noch am Computer gesessen und mit den neuesten PlugIns rumgespielt und heute schon der mechanische Dämon, der angeblich nur Musik designt. Also soll man jetzt wirklich den nächsten Sperrmüll-Container suchen und seinen Sampler zum Teufel jagen? Das ist natürlich nicht die Aussage – Tony Allen hat eine gestandene Karriere hinter sich. Er braucht für sich keine Kompromisse mehr einzugehen. Er hat eine Vision, sie wird ihn noch sein ganzes Leben verfolgen. Und einen kreativ anspornenderen Verfolger kann man sich kaum denken.

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Elektronische Lebensaspekte.