Don't Forget to Pick up a T-Shirt! Mit Gratis-Inhalten lässt sich kein Geld verdienen? Der erste und einzige Webcomic-Verlag TopatoCo haut tolle Shirts auf den Markt und zeigt, dass im Webcomic Geschäft künstlerische Integrität, freie Inhalte und Wirtschaftlichkeit ganz wunderbar Hand in Hand gehen. Solange du dein T-Shirt zu bedienen weißt.
Text: Dennis aus De:Bug 138

Als Mitte 2000 Comic-Theoretiker Scott McCloud an den immensen Erfolg seines Standard-Werks für Comic-Analyse “Understanding Comics” anknüpfen wollte und mit “Reinventing Comics” einen Band über die endlosen Möglichkeiten des Comics im Netz plante, da wurden Webcomics kurz als der neue heiße Scheiß abgefeiert. Damals schien alles möglich, als die DotCom-Blase bereits kurz vor dem Bersten stand und das Internet als die neue, vielversprechende und bunte Zukunft voller .gifs und geocities-Websites gesehen wurde. Auch Comics sollten durch das Netz profitieren. Die Rede war vom “infinite canvas”, von unendlichen Möglichkeiten, künstlerischer Freiheit, eingebettetem Sound, Animationen, kurz: Das Internet sollte das Medium Comic völlig neu erfinden.


Neun Jahre später ist davon nicht mehr viel zu spüren. Zwar gibt es vereinzelt Webcomic-Künstler, die wie Aaron Diaz (Dresden Codak) Panels sprengen, wie Ryan North (Dinosaur Comics) mit Text und Bild spielen oder die wie Street-Art Künstler Suto (Nawlz) ein multimediales Gesamtkunstwerk entwerfen. Aber sie sind Ausnahmen. Das Netz hatte mit Comics etwas anderes vor. Es hat mit ihnen keine Revolution veranstaltet, sondern einer alten Kunstform wieder Leben eingehaucht: Dem Comic Strip.

Es gibt tausende Comic-Künstler, die mehr oder weniger regelmäßig neues Material online stellen und mit Themen um Killerroboter, Ninja-Ärzte und Indie-Rock-Romanzen die moderne Alternative zum Comic-Strip in der Frühstückszeitung darstellen. Und Jeffrey Rowland ist der Mann, der mit TopatoCo das Wirtschaftsmodell “Webcomic” im großen Rahmen möglich macht.

T-Shirt als Finanzierungsmodell
Da der Content von Webcomics in den meisten Fällen aber frei ist, müssen andere Finanzierungsmodelle her. Werbung durch Banner deckt dabei höchstens die Serverkosten. Während die großen Comic-Verlage DC und Marvel ihren Profit mit Blockbuster-Filmen und Action-Figuren machen, müssen Webcomic-Autoren eine bescheidenere Schiene fahren. Sie verkaufen Shirts, Poster und Sammelbände. Der Großteil der Einnahmen wird durch Merchandising gemacht.

Vor TopatoCo waren zwar viele Webcomic-Künstler miteinander vernetzt und befreundet, ihre jeweiligen Shops aber waren voneinander getrennt oder aber (schlimmer noch) von Cafe Press betrieben, das den Verkäufern kaum Profitmargen lässt. Für Leser bedeutete das zusätzliche Versandkosten und mehr Aufwand, wenn man Produkte verschiedener Künstler kaufen wollte.

TopatoCo ändert das: Der erste Webcomic-Merchandise-Shop hat über 30 der erfolgreichsten und spannendsten Comic-Künstler in einem Shop zusammengebracht, der gleichzeitig auch Verlag, Label, Referenzmaschine und ein überraschend gutes Geschäftsmodell darstellt, das auch über Webcomics hinaus interessant ist.

Not und Zufall
Dabei entsprang das Konzept eher Not und Zufall, als einem cleveren Business-Plan. “Ich wollte schon immer Comics machen”, erklärt Jeffrey Rowland. “Erst für Zeitungen, aber die Strips fand ich dann viel zu öde. Ich hab das also einfach online als Hobby gemacht und in Oklahoma als Bauunternehmer für die Regierung gearbeitet – bis 2004 Bush ‘wiedergewählt’ wurde und ich dazu auch noch meinen Job verlor.”

Genervt von allem und bekräftigt durch einen gesunden Hass auf die gesamte Welt entwarf Jeffrey Rowland dann sein erstes erfolgreiches Shirt-Design. “Ich machte also dieses Design mit einem völlig entgeisterten Weißkopfseeadler und der Caption ‘Everybody Stay Calm GWB OMG WTF’. Über 1000 Shirts habe ich davon verkauft. Auf jeden Fall genug, dass ich davon locker die nächsten vier Monate leben konnte. Und da merkte ich: Versand macht mir Spaß. Ich liebe es, Sticker auf Pakete zu kleben und wenn Bestellungen reinkommen.”

Mit etwas Glück und einem blödsinnigen Design zur rechten Zeit bewies Rowland, dass der Verdienst von Geld mit kreativen Inhalten im Netz nicht unbedingt über den Verkauf derselben Inhalte (in diesem Fall Comics) funktionieren muss, sondern durch die Zugkraft eines vorhandenen Publikums kombiniert mit einem Bedürfnis nach gutem Merchandising (dem T-Shirt) ganz gut laufen kann.

Knopf-Fabrik, Comicstrip, Web-Traffic
TopatoCo war eine logische Konsequenz. Jeffrey Rowland zog zu seinem Kumpel Rich Stevenson (Diesel Sweeties) nach Massachusetts, mietete sich zusammen mit ihm Lager- und Wohnräume in einer ehemaligen Knopf-Fabrik und holte sich nach und nach seine Webcomic-Freunde ins Boot. Die persönliche, soziale Komponente ist dabei immens wichtig für TopatoCos Erfolg. “Die Meisten meiner Partner haben schon bei mir gewohnt und mit vielen habe ich Tequilla-Shots getrunken.”, lacht Rowland.

“Und lass dir sagen, Kate Beaton kann verdammt viel Tequilla trinken. Wir sind alle Freunde.” Inzwischen werden alle Shirts zentral im TopatoCo HQ gelagert, das Geld geht an Rowland, der dann seine Künstler nach verkauften Shirts bezahlt.

Und eigentlich wäre das dann auch die ganze Geschichte, wenn TopatoCo nur ein einfacher Webshop wäre. Doch TopatoCo ist der erste, echte Webcomic-Verlag. Schon jetzt steht ein Deal mit dem McMillan-Imprint First Second an und auch die hauseigenen Künstler werden nach und nach veröffentlicht. Der Clou an der Sache ist, dass der relative Erfolg der Bücher so gut wie garantiert ist, die Leser sind schließlich schon längst da. “Jeden Tag kommen Anfragen von Künstlern, die zu TopatoCo wollen. Wir haben da keine genauen Richtlinien, aber wenn mir jemand sagt ‘Hey, ich hab 40.000 Leser am Tag, lass uns ein Buch machen’, denke ich ernsthaft darüber nach.”

Auch wenn die erfolgreichsten Shirt-Designs oft auch die absurdesten sind – Delfine mit Revolvern, Bier trinkende Bären, Elefanten auf Einrädern – so sind die Webcomics auf TopatoCo weit von plumpem Internethumor entfernt. Comics wie “Pictures for Sad Children”, “Dresden Codak” oder Kate Beatons Historiencomics sind intelligent, professionell und hintergründig.

Der Inhalt leidet nicht in geringster Weise unter der Ägide des Merch-Handels. Im Gegenteil: statt darauf zu achten, es allen Lesern recht zu machen, kann der Inhalt frei sein und sich zwischen explodierenden Robotern auch mal mit Heisenberg und Carl Jung beschäftigen – alles erlaubt, solange es dazu ansprechende Shirts gibt.

Featuren und Remixen
TopatoCo funktioniert damit fast eher wie ein Musik-Label, als ein Verlag. Leser, die unsicher sind, welchen Comic sie als nächstes in ihren Google-Reader-Stream packen sollen, finden auf TopatoCo genügend Anhaltspunkte für gute Strips. Die vernetzten Comic-Künstler featuren und remixen sich ständig gegenseitig in Gast-Comics und veranstalten selbständig Conventions. Rowland fördert dabei die Kreativität der einzelnen Künstler, achtet aber auch auf die Qualität der Designs.

Der Content ist dabei immer noch gratis, es ist auch kein Freemium-Modell am Werk, das einen erst nach Zahlung an die richtig guten Comics ranlässt. “Man muss den Leuten etwas für umsonst bieten. Und man muss sie ständig daran erinnern, dass man da ist. Der durchschnittliche Internet-User hat die Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege – und ich bin da keine Ausnahme. Wenn man mich nicht erinnert, dass etwas da ist, vergesse ich es in spätestens zwei Wochen. Ich weiß nicht, worauf große Verlage schauen, aber auf Web-Traffic jedenfalls nicht, so viel ist klar.”

Über die Ehrlichkeit mit den Lesern und den qualitativ hochwertigen Inhalt wird eine Verbindung mit dem Comic hergestellt. Die Shirts, Poster und Bücher funktionieren als Gunstbeweis und emotionale Bindung an den Comic sowie als subkultureller Code – immerhin sind Webcomics noch immer nicht wirklich Mainstream, sie bewegen sich aber zielgerichtet in die richtige Richtung.

Das Webcomic-Weekend war innerhalb von zwei Tagen komplett ausgebucht. 700 Leute waren März 2009 in der Knopf-Fabrik, nächstes Jahr sollen es 2000 werden. Und schon jetzt ist eine Zentrale in Europa geplant, während etwa die Hälfte der TopatoCo Comic-Autoren inzwischen ganz gut von ihren Comics leben können.

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Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses

  1. Ansgar Warner

    Kostenlose Webcomics über T-Shirt-Verkauf monetarisieren!? De:Bug ü das Erfolgsmodell des US-Verlags TopatoCo http://ow.ly/1tcUp

  2. Ahoi, Dennis | Superlevel

    […] Superlevel so gemacht habe, meine Texte gab es u.a. in: Kill Screen, GEE, TITEL, Gamestar, ZEIT, De:Bug. Ich lebe in Finnland, falle vornehmlich bei Minustemperaturen vom Fahrrad und schreibe nebenher an […]