Der Italiener Touane hat eine musikalische Heimat in der Berliner Exilantenklicke um Stewart Walker gefunden. Neben dem Pizzabacken hat er Zeit, ausführlich über Parallelen zwischen Literatur und Musik zu sinnieren und uns sein musikalisches Gedicht "Awake" vorzustellen.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 94

Touane // Guten Morgen, liebe Sorgen

Wenn Luigi und Super Mario nicht gerade Fliegenpilze aßen und in fremden Welten unterwegs waren, Monstern auf den Kopf sprangen und eine keusche Prinzessin retteten, lebten sie ihr Immigranten-Dasein bekanntermaßen gemeinsam in einer kleinen amerikanischen Pizzabude aus. Trist, proletarisch, beschaulich, aber nur zur Tarnung, versteht sich. Marco Tonni trägt keinen Schnauzbart, keinen Overall und auch keine Ringel-T-Shirts, scheint kein nennenswertes Interesse an psychedelischen Drogen zu haben und hat obendrein einen Universitäts-Abschluss in Literaturwissenschaft. Den Königsweg italienischer Immigranten ist er aber trotzdem gegangen. Sein Weg nach Deutschland führte ihn erstmal an einen Pizza-Ofen in Berlin. ”Der italienische Gastarbeiter, der nach Deutschland kommt, um Geld zu machen. Ich bin schon eine Art Klischee“, räumt er ein.
Zum Glück sind Pizzen nicht Marcos Hauptbeschäftigung. Als Touane erscheint gerade sein erstes Album auf Stewart Walkers Label Persona. ”Awake“ ist entstanden, bevor Marco nach Deutschland kam, in einer persönlich schwierigen Zeit. Eine langjährige Beziehung war kaputt, Studium und Zivildienst zu Ende und die Zukunft schien furchtbar offen und unbestimmt. Also nistete er sich für einige Monate im Keller seiner Eltern ein, um nachzudenken, die Vergangenheit klarzukriegen und Musik zu machen. “Ich habe mich praktisch vier Monate lang isoliert und im Keller neben meinem Vater gearbeitet. Er wusste nicht, was ich tue, und ich nicht, was er da unten trieb. Er stellte mir keine Fragen und trotzdem bestand ein gegenseitiges Einverständnis und Vertrauen zwischen uns beiden.“ Vielleicht liegt es an dieser speziellen Situation, dass ”Awake“ ruhiger ist als Touanes Vinyl-Veröffentlichungen. Ein Zuhöralbum, kaum gerade Bassdrums, Schwebende Akkorde, warme Melodien auf dem Bass und der kaputten Gitarre, die Marco mal als Kind geschenkt bekommen hatte. Als Gegengewicht zur Musik verfasste er tagebuchartige Notizen für das Booklet, die alle vom Halbschlaf erzählen. Wenn der Körper schon wach ist und das Hirn noch weiterträumt. ”Die Texte bilden einen Rahmen und stellen Verbindungen zur Musik her. Ich brauche nicht unbedingt Wörter, um mich auszudrücken, Musik ist eine freiere Ausdrucksform. Mit Wörtern oder Schrift ist man schnell in einem Käfig von Normen gefangen: Wie man was sagt, was üblich ist, was Leute von dir wollen. Klang ist dagegen eine weitgehend unerforschte Sprache, die direkt ohne irgendwelche Filter in deinen Körper eindringt. Der Sinn offenbart sich einem nicht ohne eine eigene Leistung. Das Schöne an einem Gedicht ist doch, dass es interpretiert werden muss.“

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Elektronische Lebensaspekte.