Was haben New Order und Ryoji Ikeda gemeinsam? Dieselbe Plattenfirma, jedenfalls zeitweilig. Mike Harding und Jon Wozencroft kümmern sich auf ihrem Londoner Label Touch seit Jahren um elektronische Obskuritäten zwischen Experiment und Pop und verbinden das mit einer graphischen CI, die ihresgleichen sucht. Jeder Release ein Item.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 54

Corporate Design als Trojanisches Pferd
Das Label Touch

Recherche vor dem Plattenregal. LP nach LP und CD nach CD wird herausgezogen, nach Labels geordnet, verglichen, beäugt, gewendet, angefasst. Was bleibt, ist die Tatsache, dass es draußen in der großen weiten Musikwelt kein Label zu geben scheint, das über die Jahre das Sleevedesign so konsequent ausgebaut und vorangetrieben hat wie Touch. Selbst Warp brach nach ein paar Jahren die Designers Republic auf und arbeitete fortan mit mehreren Designbüros. Bei Touch regieren die Bilder und Arrangments von Jon Wozencroft, der nach eigenen Angaben weder Graphikdesigner noch Fotograph ist, sondern eine Art des ‘Visual Editing’ betreibt, das sich – angeblich – vor allem im Ansatz radikal vom Rest der Designwelt unterscheidet. Ist die Verpackung einmal aufgeklappt, landen Tonträger so unterschiedlicher Künstler wie Ryoji Ikeda, Hilmar Örn Hilmarsson, John Duncan, Mark Van Hoen, Biosphere, Mika Vainio, Rehberg und Bauer oder eben New Order im CD-Player oder auf dem Plattenspieler. Eine krude Mischung. “Das soll auch so sein”, referiert Jon Wozencroft mit sonorer Stimme aus einem Londoner Büro in mein Diktiergerät.

DeBug: Ihr Design ist eng mit dem Image des Labels Touch verbunden. Worum geht es ihnen dabei?

Jon Wozencroft: Bevor ich antworte, muss ich zwei Dinge klarstellen. Ich bin weder Graphiker noch betreiben wir ein Label.

DeBug: Klären sie mich auf.

Jon Wozencroft: Ich mache kein Graphikdesign sondern Visual Editing. Design ist eine Dienstleistung und ist eng mit der Werbeindustrie verknüpft. Man ist an die Vorgaben des Kunden gebunden und nur damit beschäftig, sicherzustellen, dass sich das Produkt auch gut verkaufen wird und die Menschen wie ferngesteuert das entsprechende Regal im Supermarkt ansteuern. Visual Editing hingegen hat keinen kommerziellen Hintergrund, muss sich nicht anpassen. Es geht darum, eine Verbindung herzustellen zwischen der Musik und den Bildern. Bislang ist es mir noch nicht gelungen, diese Beziehung zu beschreiben, aber man kann sie fühlen. Und gleichzeitig geht es um den Gegensatz zwischen der Musik, die bei unseren Veröffentlichungen ja oft sehr schwierig und nicht gerade unterhaltsam ist, und einem Artwork, von dem wohl kaum jemand sagen kann, es sei abstoßend oder schwierig. Es ist das reine Bild. Selbst der Font ist weit im Hintergrund und komplett unauffällig. Das fängt die komplizierte Musik auf und stellt eine Art Gleichgewicht her. Ich denke, das Letzte, das man bei Musik, die progressiv, hinterfragend und radikal ist, braucht, ist ein bis ins letzte Detail designtes Cover. Wir bauen also mit jedem Release ein kleines Trojanisches Pferd. Unser Artwork ist unkompliziert und straight und gibt dem Käufer seine Position als purer Beobachter zurück. Das ist in der heutigen Designlandschaft radikal. Radikal im ursprünglichen Sinne, zurück zu den Wurzeln also.

DeBug: Bleiben wir noch einen Moment beim Layout der Veröffentlichungen und der Thematik. Züge, Bahnhöfe, Autos, Flughäfen: Reisen oder das Gelangen von A nach B spielt eine zentrale Rolle bei Touch und zieht sich wie ein roter Faden durch die Veröffentlichungen.

Jon Wozencroft: Stimmt. Es geht um die Beziehung zwischen der tatsächlichen physischen Beförderung und den rein mentalen Reisen, um die Tatsache, dass es heutzutage eben kein Problem mehr ist, lange Strecken hinter sich zu bringen, und um die Idee der Freiheit, die damit eng verbunden ist. Gleichzeitig aber auch um die andere Seite, um den täglichen Umgang mit Verkehrsmitteln in großen Städten, in denen ein Verkehrsinfarkt den nächsten jagt, darum, dass man unter Umständen stundenlang in der U-Bahn festsitzt. Prinzipiell geht es um Fortbewegung und übertragen natürlich um Fortschritt. Da kommt dann wieder die Verbindung zur Musik ins Spiel. Außerdem: Musik hören ist ja auch eine Art der Zeitreise, weil man sich zumindest unter dem Kopfhörer in die Welt der Musiker begibt oder mit den Stücken bereits Dinge assoziiert, die länger zurückliegen oder die man sich für die Zukunft erhofft.

DeBug: Sprechen wir über die musikalische Seite. Eine Plattenfirma ist Touch also nicht?

Jon Wozencroft: Nein, bestimmt nicht. Bei Plattenfirmen geht es darum, Künstler oder eine bestimmte Art von Musik zu promoten. Wir haben eine andere Strategie. Wir denken nicht in Kategorien oder Schubladen. Stell dir ein Regal bei HMV oder Tower oder wie immer die großen Plattenläden bei euch in Deutschland heißen vor. Du hast eine vorgefertigte Idee von dem, was du da kaufst. Diese Plattenläden haben also mehr mit einem Supermarkt zu tun als zum Beispiel mit einer Kunstgalerie. Bei Touch weiß man nie, was einen erwartet, auch wenn der Künstler schon vorher bei uns veröffentlicht haben sollte. Als wir vor einiger Zeit die New Order Platte rausgebracht haben, mussten wir uns zwangsweise mit dem System dieser Musiksupermärkte auseinandersetzen und fanden unsere gesamten Vorurteile bestätigt. Die großen Läden sind korrupt. Und wir möchten kein Teil dieses Systems sein, können wir auch gar nicht. Wir haben viele Freunde im Geschäft, die uns gerne helfen würden, aber es würde nicht funktionieren. Es interessiert uns auch nicht. 1995 hatten wir Demos von allen Laptop-Musikern auf dem Tisch, die sich heute einen Namen gemacht haben. Wir haben sie nicht unter Vertrag genommen, weil wir dann genau an dem Punkt gewesen und in einer Schublade gelandet wären. Ich bin davon überzeugt, dass man so ein Unternehmen, wie wir es führen, klein halten muss, um sich vernünftig um alles kümmern zu können.

DeBug: Aber dennoch ist Touch doch Teil des Business. Allein aus Verantwortung gegenüber den Künstlern.

Jon Wozencroft: Sicher. Nur eben auf einer kleinen Ebene. In Zeiten, in denen so gut wie jedem Magazin eine CD beiliegt, dieses Medium immer billiger geworden ist, man also den potentiellen Käufern Musik auf einem Tonträger anbietet, der nichts wert ist, muss man andere Aspekte des Produkts betonen, die Aufmerksamkeit auf die Musik lenken, seine Integrität aufrecht erhalten, dass Touch für etwas Interessantes steht und nicht Teil des langweiligen Rests ist. Dass die Musik auf Touch bewirkt, dass man seine Umgebung und sich selbst in Frage stellt und etwas Positives aus dieser Auseinandersetzung zieht.

DeBug: Vielen Dank!

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Elektronische Lebensaspekte.