Text: benjamin weiss aus De:Bug 23

Vor einigen Wochen bildete sich ein neuer Höhepunkt im Kampf Softwareindustrie gegen Hacker heraus: über das Internet lassen sich die sogenannten Hotlineserver (von denen es nach vorsichtigen Schätzungen momentan etwa zehntausend gibt) nach Programmen, Mpeg Sounddateien und sonstigen Files und Daten durchsuchen. Über die neuen Hotline Suchmaschinen ist es nicht nur möglich, einzelne Server zu finden, sondern auch gezielt nach Software zu suchen und sich den gesamten Inhalt eines Servers auflisten zu lassen. EINFÜHRUNGSTEXT ENDE Hotline Hotline ist ein Browser/Serversystem, das sehr einfach zu bedienen ist und ursprünglich für das externe Backup von Daten jeglicher Art gedacht war. Ein Hotlineserver sieht im Prinzip aus wie eine Festplatte: alle Files liegen in einer Ordnerstruktur, runterladen lassen sie sich per Doppelklick, will man Files auf den Server laden, müssen sie nur per Drag&Drop auf das entsprechende Verzeichnis gelegt werden. Dazu gibt es noch die Möglichkeit, in einem Fenster zu chatten oder News zu posten. Ebenso wie die Browsersoftware ist auch die Serversoftware von Hotline sehr klein (unter einem Megabyte), sehr einfach zu installieren und für die beiden großen Betriebssysteme verfügbar: der eigene Computer läßt sich innerhalb von zehn Minuten zum vollständigen Hotlineserver machen, inklusive Zugangsberechtigungen, Passwörtern und Ordnerstruktur. Für eine Übersicht über die bestehenden Server gibt es sogenannte Tracker, deren Adresse sich im Browser einstellen läßt. Sie bieten eine Liste mit Servern, die jeweils eine Zeile Infos mit dem Servernamen verbindet. Per Doppelklick kann man sich dann auf dem jeweiligen Server einloggen. Zu Beginn waren die meisten Hotlineserver für alle frei zugängig, inzwischen gibt es aber für die meisten Server eine kleine Hürde zu nehmen: entweder muß man vom Admin (Betreiber) des Servers gesuchte Software auf den Server laden, oder ein Banner auf einer Webseite anklicken, um das Passwort zu erfahren. Waren die sogenannten Bannersites zu Beginn noch verpöhnt und galten als Abzockerei, hat sich diese Art der Finanzierung (der Admin bekommt für jeden Klick auf das Banner ein paar Cents) inzwischen jedoch weitgehend durchgesetzt. Neben vielen Servern für MP3 Files und einigen Special Interest Servern finden sich auf einem Großteil mittlerweile vor allem Sexbildchen und -Filme sowie Raubkopien. Warez R US Die Softwareindustrie ist von Beginn an der natürliche Feind des Hotlinesystems gewesen, denn nie zuvor war es mit so wenig Vorkenntnissen so einfach, sich Warez (Raubkopien) zu verschaffen und eigene Server zu unterhalten. Zunächst versuchte man die Betreiber einzelner Server unter Androhung rechtlicher Konsequenzen dazu zu bringen, Raubkopien von ihren Servern zu entfernen bzw. ihre Server ganz zu schließen. Diese Strategie ging nicht auf, denn meistens wurde der Server (manchmal noch am gleichen Tag) unter einer anderen IP und anderem Namen wieder aufgemacht, außerdem gab es bereits zu viele Server, als die Industrie zu handeln begann. Nachdem sich der zwanzigjährige Programmierer Adam Hinkley, der das Programm 1996 entwickelt hatte, im Streit von der Firma Hotline Communications getrennt hatte, begann die schrittweise Kommerzialisierung der Firma, die auch der Softwareindustrie unverhofft zur Hilfe kam: in die neueste Version der Hotlinesoftware wurde ein Microsoftismus eingebaut, der Informationen über die auf dem jeweiligen Server befindliche Software und über die User an die entsprechenden Stellen zur Strafverfolgung schickte. Aber auch das konnte die Hacker auf Hotline nicht aufhalten: schnell gab es eine “bereinigte” Version der neuen Software, außerdem war auch die alte bereits so weit verbreitet, daß der Effekt gleich null war. If you can’t beat them, use them Auf der anderen Seite ist Hotline für die Industrie auch mehr und mehr eine Art gewollt – ungewollte Betatest – Plattform geworden, denn hier sind alle Programme und Betriebssysteme meist schon Monate vor ihrer offiziellen Veröffentlichung zu finden und werden von einigen tausend potentiellen Nutzern getestet. Auch der Erfolg einer Software läßt sich anhand der Verbreitung auf Hotline vorraussagen und so gibt es einige Beispiele von professionellen Programmierern großer Softwarehäuser, die höchstselbst (ob nun im Auftrag ihrer Firma oder aus eigenem Interesse sei dahingestellt) ihre Software “gehackt” (um den Schein zu waren und die natürliche Paranoia der Hotline – User nicht allzusehr zu strapazieren) und auf Hotlineservern verbreitet haben. Ein weiteres Indiz dafür ist auch die erstaunlich gute Qualität der meisten Hacks und ihre schnelle Verfügbarkeit. Aber selbst wenn es der Industrie gelingen sollte, das Hotlineproblem in den Griff zu bekommen, die Nachfolger stehen schon in den Startlöchern: so haben zwei Deutsche die Carracho Software entwickelt, die in den wesentlichen Features Hotline erstaunlich gleicht (Gerüchten zufolge hat Adam Hinkley den beiden wesentliche Teile des Codes von Hotline zur Verfügung gestellt) und (noch?) ohne Microsoftismen auskommt. Links Homepage von Hotline Communications: http://www.hotlinesw.com Carracho Homepage: http://www.carracho.com The Hotline Conspiracy http://www.hotlineswsucks.com Hotline Suchmaschinen: http://www.tracker-tracker.com/search.html http://www.thesnitch.com http://search.hlserver.com

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Elektronische Lebensaspekte.