Gemeinsam online an Tracks arbeiten.
Text: Ji-Hun kim aus De:Bug 123


Gemeinsam online an Tracks zu arbeiten … diese Idee geistert seit Jahren immer wieder durch die einschlägigen Foren. Doch so gnadenlos Firmen bislang an dieser Idee gescheitert sind, so erfolgreich sind unabhängige Portale, die als gemeinsame Plattform einfach das Netz und nicht eine teure Hardware nutzen. Neues Beispiel aus Berlin: Tracks And Fields. Hier weiß man: Die Server-basierte Band ist schon lange Realität.

Die Wunden der ersten Dot-Com-Blase von 2001 scheinen vernarbt. Mit 2.0 und Social Network steigt wieder der Mut zum Entrepreneurship für neue Internetmusikplattformen. Es müssen Alternativen zu MySpace, iTunes und Amazon her. Wider die neue Digi-Oligarchie. Die Schnauze voll von Major-Weinereien über das Ende der Musikindustrie und irrsinnig zähen Lizenzgeschichten. Im Berliner Prenzlauer Berg machen sich “Tracks and Fields“ zum Ziel, für sich die Definition für Musik im Netzwerk neu zu skizzieren.

Neben Geschäftsführer Christian Mix-Linzer, der bislang als Indielabelbetreiber von Transsolar Bands wie The (International) Noise Conspiracy zuerst in Deutschland veröffentlichte, traf De:Bug auch Maurice Summen, ebenfalls Labelbetreiber (Staatsakt) und Sänger der Band “Die Türen“, der für die PR von Tracks and Fields zuständig ist. Also keine Kommandozeilengeeks, die einfach irgendwas tun, sondern Leute, die jahrelang im Geschäft gewesen sind und vor Wissen strotzen, was den Status Quo für die Musikszene betrifft, und da spielen die Hörer, die sich aktiv in Produktionsprozesse einbinden sollen, eine entscheidende Rolle.

Man könnte Tracks and Fields den Second-Life-Proberaum nennen, nur ohne unnütze 3D-Animationen und –Welten. Musiker stellen einzelne Spuren ins Netz, und mit einem onlinebasierten Sequenzer lassen sich neue Tracks und Remixe anfertigen. “Es entsteht gerade eine neue Generation der Mediengestalter, die alles am Laptop machen können“, meint der Türen-Frontmann und fordert, dass unabhängig von Raum und Zeit Musik global mit anderen gemacht werden soll und kann. “In Berlin sich zu verabreden, um Musik zu machen, ist mehr Organisation als Spielen, jeder hat ein kleines Studio bei sich, keiner will vor die Haustür …“

Das, was in global vernetzten Zeiten noch häufig als Defizit bezeichnet wurde, nämlich nicht mehr in Omas Keller zu schwitzen und kollektiv Powerchords zu dreschen, wird hier als kreatives Grundprinzip ernannt. “Nachts nach Hause gehen, etwas aufnehmen und Leute in Toronto oder sonstwo was damit machen lassen. Heute haben wir ohnehin schon eine Epoche der Server-Bands. Und diesen Prozess auf einer Plattform zu konzentrieren, ist im Moment das Interessante.“ Aber nicht nur die neue Generation der Prosumer wird immer stärker, sondern die Tendenz ist auch unverkennbar, dass Künstler, wie auch bei Soundcloud, sich immer mehr an Musik-StartUps beteiligen bzw. diese gründen. Es scheint, dass die Kreativklasse der Industrie, nämlich die Artists selber, sich den neuen Fahrtwind in die eigenen Segel streicht.

Verklagen war gestern
In Zeiten, in denen noch immer träge Wirtschaftsstrukturen schnelles Agieren und Reagieren zum Elefantenritt machen, wird die Leichtigkeit des Internets bezüglich Sounds durch die Musiker selber auf eine synergetische Interpretationsebene gehoben. “Man kann natürlich die gesamte Popgeschichte als Technikgeschichte lesen, aber man sieht, dass die Konsumenten richtig Bock auf Interaktion haben. Jugendliche haben keine Lust mehr, sich stur irgendwas anzuhören, sondern sie möchten live Spuren beeinflussen, etwas Kreatives schaffen. Ob die irgendwas drauf quatschen oder ob ein richtiges Produkt dabei rauskommt, an dieser Schnittstelle stehen wir in etwa“, meint Summen.

“Das Remixen ist jetzt auch nicht neu, aber die bisherigen Hürden der Majors zu überwinden, dass ein Fan verklagt wird, nur weil er einen Bastard-Song gemacht hat, das ist es, was sich im Moment radikal ändert. Die Labels zeigen sich heute weitaus kooperativer als zu früheren Zeiten, wenn man nicht sogar durch offene Türen rennt. Aber wir stehen mit den Musikern ja auch direkt in Kontakt und es soll ja auch nicht ausschließlich um fertige Songs gehen, sondern eben um einzelne Ideen und Spuren“, beschreibt Mix-Linzer die allgegenwärtige Lizenzfrage. Da tut sich was im Business. Universal hört auf, sich mit MySpace zu streiten. MTV hat gemerkt, dass YouTube zu verklagen auch keinen Sinn macht, und stellt nach und nach alle Musikclips auf die eigene Seite. Man kriegt die unzähligen mutmaßlichen Querulanten nicht klein, auch nicht mit Massenklagen, man muss mit in den Wettbewerb einsteigen, den Media-Dissidenten die Stirn bieten. Das wird das kommende Motto im Entertainmentgeschäft. Auch von den beiden wird der Anfang einer neuen Ära verkündet.

Aber ist es nicht doch wieder nur eine Blase und schneller eine verkrustete Laugenpfütze, als man denkt? Mix-Linzer: “Wenn schon Prince, als Überbleibsel einer fast vergessenen Superstargarde der 80er, sich solchen Prinzipien öffnet, dann ist das ein Signal. Und wenn einer aus dieser Liga auf einer Plattform wie der unseren sich erst mal öffnet. Dann bleibt es nicht aus, dass da andere nachziehen.“ Dabei wird bewusst vermieden, zum Klinkenputzer der Majorindustrie zu werden. “Da geht es gerade auch um das Unperfekte, wenn ein Singer-Songwriter tausend Skizzen hat, aber damit nicht weiterkommt, dann findet er in unserer Community vielleicht einen Frickler, der genau diese Ideen weiterbringen kann. So kann man den kreativen Prozess erweitern und produktiver gestalten. Bei MySpace muss man sich als fertiger Act präsentieren, schon sofort am Start sein. Bei Tracks and Fields sollen die Phasen davor transparent sein, vor allem da es die Musiker vielleicht auch wollen, weil sie Input suchen und dort ganz konkret finden können.“

Proberaum und Kellerbar à la Second Life im virtuellen Netz, dass da Potential besteht, ist klar. Da ist man gespannt, was noch kommen wird, vor allem wenn es nicht mehr closed beta ist, sondern bald auch mal beta beta, und dann shiften wir das Connecten auf Konzerten ins Digitale und gründen bald eine neue Phase der Super-Super-Bands.
http://www.tracksandfields.com

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Elektronische Lebensaspekte.