Mit Traktor rollt die Softwareschmiede Native Instruments allen Wannabee-DJs den roten Teppich aus. MP3s, WAVs oder Audio-CDs lassen sich wie von Geisterhand synchronisieren, pitchen, loopen und editieren. Rettung oder Blasphemie?
Text: jan joswig | janj@de-bug.de aus De:Bug 51

Zukunft des DJs

Die Zukunft des DJs
Der DJ als Button

Der Traktor und die Kunst
Is it the man or is it the music? Guck mal, der Typ hinter dem DJ-Pult zieht den Crossfader rüber – und man hört keinen Bruch. Handwerk als Hexerei, immer noch, 25 Jahre, nachdem Grandmaster Flash die Vorhörfunktion erfunden hat. Das handwerkliche Können macht beim DJing genau so die Faszination für die Laientänzer aus wie die Auswahl der Stücke und ihre Platzierung über den Abend. Zu den DJ-Skills gehört dieser Aspekt untrennbar dazu. Je schwerer erlernbar es ist, desto mehr Reputation fällt ab. Alle technischen Erleichterungen für den DJ gefährden nur seinen Ausnahmestatus auf manufakturellem Genie-Verständnis. Hat schon mal jemand erlebt, dass bei einem DJ-Contest mit Reverse-Knöpfen oder Punch-Ins gearbeitet wurde? Nachdem die Möglichkeit des nachträglichen Editing von DJ-Mixen ruchbar wurde, wies man auf CompilationCDs explizit darauf hin: garantiert keine Overdubs. Paranoide Authentizitätskonstrukteure bauen extra ein paar Wackler ein. Dass der Mensch gegenüber der Maschine scheitert, ist sein Heroismus und sein Soul. Für den DJ gilt: Handwerk hat nie seinen goldenen Boden verloren. Verzerrt sich da nicht jeder DJ, der sich von dem spartanischen Ur-Arrangement Technics-Mixer-Technics und dessen heldenhaften Scheitermöglichkeiten löst, auf das verabscheuungswürdige Format des Terminators aus dem ersten Teil der Filmsaga? Technisch überlegen, aber ein Kotzbrocken? Deshalb schreit bis heute jeder DJ mit Sympathiesucht: Um Gottes / Jeff Mills’ Hände Willen, rühren sie mir nicht ans Interface. Die katholische Kirche hat ihre Altare auch nicht mit blinkenden Neonkreuzen nachgerüstet. Warum sollte der DJ die geheiligte Dreieinigkeit aus Technics-Mixer-Technics umrüsten? Das ist blasphemisch. Mouseclick statt “Needle to the groove”?

Kunst kommt von Können?
Kein Drama, sagen die Softwareentwickler von Native Instruments, Mouseclick UND needle to the groove sind die Zukunft des DJs. Niemand muss die alten Zöpfe abschneiden, aber man kann daneben ein paar neue drehen. Mit ihrer modularen DJ-Software “Traktor Studio”, “Traktor Mixer” und “Traktor Player” machen sie nicht nur aus jedem notorischen Stolper-DJ per Button einen Mixgott, sie bieten auch Zusatz-Features an, die es analog nicht gibt. “Traktor” sagt wie Duchamps Pissoir: Kunst kommt nicht von Können, Kunst kommt von der Idee. Je leichter dir ein Instrument die Umsetzung deiner Ideen macht, desto begrüßenswerter ist es. So soll auch weniger der DJ, sondern der (unfreiwillige) Nicht-DJ in den Sattel vom Traktor. Wie würde sich ein Set mit meiner Musiksammlung (MP3, WAV, AudioCD) anhören, wenn ich pitchen, synkronisieren, cuen könnte, sprich das kleine 1×1 des DJens, das Mixen, beherrschen würde? Traktor setzt alle Kontrollmöglichkeiten des herkömmlichen Interfaces auf dem Bildschirm um: Pitch, Crossfader, EQs, Vorhörfunktion, und vor allem und neu! die Visualisierung der Schallplattenrillen als Waveform-Display, um das Setzen von Cue-Punkten per Hingucken zu ermöglichen. Die Kontrollmöglichkeiten sind da, die Kontrolle ist perfekt. Man kann ein Mastertempo wählen, an das sich automatisch alle Tracks angleichen lassen. Der Pitch reagiert in Echtzeit und ist Tonhöhenstabil, keine Mäuschenstimmen beim Hochpitchen. Über das Waveform-Display kann man mit der Mouse hin- und herfahren und hat so Scratcheffekte ohne Aussetzer oder Verzögerungen. Und: Der Sync-Button synchronisiert die Geschwindigkeit beider Platten mit einem Click. Da rauft er sich die Haare, der traditionelle DJ, wo sein exklusives Können hin geht. Und der Laie freut sich einen perfekten Party-Mix ab, und zwar mit links.

Wer zum Teufel ist Sven Väth?
Wem das traditionelle Berufsbild des DJs und dessen Interface schnuppe ist, dem stehen mit Traktor nicht nur die gleichen, sondern weitaus mehr Möglichkeiten zur Verfügung. Traktor bietet als I-Tüpfelchen eine Loopfunktion, die analog nicht umsetzbar wäre. Im Mix lassen sich über die Cue-Punkte auf dem Waveform-Display Loops von jeder Länge ausschneiden, die beliebig verschiebbar sind, ohne je aus dem Groove zu kommen. Mit dieser Loop-Funktion wird die Grenze zwischen DJ und Produzenten durchlässig. Aus kleinsten Loops neue Tracks zusammenzusetzen, kommt der Arbeit mit Samples sehr nahe. Fragt mal, wie Richie Hawtin die Tracks seines neuen Albums konzipiert hat. Ach ne, der vertritt in diesem Special ja Final Scratch. An diesem Punkt ist die Bezeichnung “Traktor Studio” für das Flaggschiff der Traktor-Serie keine Übertreibung, und auch der traditionsbewusste DJ wird hellhörig.

Die Zukunft des Mixes
Tanzmusik will gemixt sein, auch daheim. Mix-CDs stehen bei WOM gleich an der Kasse neben den Süßigkeiten und Feuerzeugen. Clubs stellen ihre DJ-Abende als Audiostream ins Netz. Und keine Lieblingsmusikminidisc kommt mehr ungemixt daher. Private Mixe als Audio-Files über das Netz zu verschicken, scheitert jedoch an den Rechner- und Verbindungskapazitäten. Ein Skandal, der das kreative Potential unzähliger Bedroom-DJs unterdrückt. Gerade hat man mit Traktor seinen ersten 1A-Mix im Kasten, kann man ihn nicht mal eben schnell an seine Peergroup weiterschicken. Aber die rettenden Engel in Blau-Weiß von Native Instruments haben auch daran gedacht. Alle Mixbewegungen werden gespeichert und können von dem Audio-Material isoliert werden. Dadurch kann man sie nicht nur nachträglich editieren, sie können auch mit geringster Belastung verschickt werden. 1MB für eine Stunde Mix statt ca. 60 MB. Der Empfänger muss nur über die gleiche Audiodateien verfügen, damit das Mix-File die Tracks erkennen und auf sie zugreifen kann. Aber was echte Kumpels / Kumpelinnen sind, die singen doch eh unisono die gleichen Tracks von Münchhausen bis Madrid. Vielleicht tut man Traktor also ganz Unrecht damit, es in dieses Special zu pferchen? Vielleicht müsste es statt unter “Die Zukunft des DJs” eher unter der Überschrift laufen: “Die Demokratisierung des Mixes”?

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Elektronische Lebensaspekte.