Jacqueline Klein und Riley Reinhold haben sich nach einer Südamerikareise über ihre neuerwachte Musiksensibilität glücklich erschrocken und sie in 2 Labeln sublimiert. Ambient muss nicht gasförmig, aber die Party darf gern flächig, so in Trapez-Form, sein. Mit Traum und Trapez der Kölner Wurst entkommen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 55

Rockende Romantik
Trapez/Traum

Seit knapp drei Jahren arbeitet das Kölner Label Traum mit einem weitverzahnten Netzwerk von Gleichgesinnten an der Melodienfindung in minimalen Soundwelten. Man könnte auch sagen, Ambient mit anderen Mitteln und einer Dancefloor-Affinität, die sich dem Partyimperativ verweigert und gleichzeitig die Intensivierung der Aufmerksamkeit einfordert.
In Köln sitzt man damit natürlich am richtigen Ort, als Schnittstelle, Basislager und Inspirationsarchiv zwischen Minimaltechno, Pop-Entwürfen und einem nie geschwundenen Interesse an Ambient (file under: Gas, All, Dettinger oder eben Pop-Ambient). Dabei haben es Tracks wie Philippe Cams “LFO Drive” (man könnte hier genauso gut Jake Fairleys Projekt Fairmont oder Process anführen) mit seinen deepen Chords trotz fehlender Bassdrum geschafft, den Dancefloor zu erobern und damit gleichzeitig Traum Schallplatten an exponierte Stelle zwischen Mainfloor und Lounge katapultiert.
Im letzten Jahr kam dann mit Trapez Label Nummer zwei hinzu, das seinen Fokus eindeutiger auf Euphoriemaximierung ausgerichtet hat, dabei aber einen verspielt feingliedrigen Dancefloor im Sinn hat. Die Abfahrt minus das rockistische Moment. Ganz nebenbei hat man es geschafft, mit Akufen einen der Produzenten-Entdeckungen des Jahres zu importieren.
Labelbetreiber Jaqueline Klein und Riley Reinhold über Südamerikareisen, musikalische Sensibilisierungen und Textilien aller Art.

DEBUG: Fangen wir mal mit dem Naheliegendsten an: Was war der Auslöser, ein Label zu starten? Ich meine gehört zu haben, dass eine Reise nach Südamerika ein nicht unwesentlicher Grund war.
RRR: Das stimmt. Das hört sich vielleicht komisch an, aber das Goethe-Institut war da ein wesentlicher Faktor. Die haben uns damals nach Buenos Aires eingeladen. Buenos Aires ist ja eine Stadt, die ihren Höhepunkt schon lange hinter sich hat. Ich denke mal in den zwanziger Jahren war das schon ein Vergnügungspunkt für Reiche. Seitdem hat die Stadt aber kontinuierlich abgebaut. Es herrscht dort eine sehr melancholische Stimmung und wir haben dort nicht nur deren Musik, sondern auch die Musik, die wir aufgelegt haben, zum ersten Mal mit anderen Ohren gehört. Das Entscheidende war die Sensibilität, die wir dort erfahren und entdeckt haben. Und das nicht nur von den Argentiniern, sondern auch in uns selbst. Da habe ich teilweise Tracks von Platten gespielt, die ich sonst nie gespielt habe und die ich dort dann komplett neu eutdeckt und ein Gefühl dafür bekommen habe, was sie eigentlich bedeuten könnten. Uns wurde gesagt, dass wir die ersten waren, die es geschafft haben, die argentinische Szene, die wie wohl jede andere Szene aus vielen unterschiedlichen Egos besteht, die man normalerweise nie zusammen bekommt, in ein Studio zu bekommen, um zusammen Musik zu hören.

DEBUG: Das Ergebnis war dann die erste CD: Elektronische Musik aus Buenos Aires?
RRR: Ja. Jaqueline, die dann noch einmal eingeladen wurde, und ich haben uns da entschieden, das wir das gerne machen möchten. Dieser Musik ein Forum bieten. Die hatte es ja eigentlich noch nie aus Buenos Aires raus geschafft.

Strumpfhosen als Sahara

DEBUG: Gab es durch das Zusammentreffen mit den Südamerikanern bei euch so etwas wie eine Neuorientierung, was Musik angeht?
RRR: Nein, ich würde nicht von Neuorientierung sprechen, sondern eher von einer Neusensibilisierung. Verdecktes wieder bloßlegen. Es schlafen halt viele Dinge in dir selbst. Als DJ musst du den Dancefloor rocken und darüber vergisst du manche Sachen, die dich interessieren, weil sie überdeckt werden. In Buenos Aires ist einfach was aufgemacht worden. In Köln geht es halt immer um die Wurst. Da gibt es – auch rein geographisch – kaum einen Freiraum. Mit dem Label wollten wir uns diesen Freiraum schaffen.
Jaqueline: Der Name Traum bedeutet schon, dass die Musik, die darauf veröffentlicht wird, nicht nach den selben Regeln des Alltags funktioniert. Für die Gestaltung, die ich mit meiner Schwester Yvettte mache, haben wir z.B. Motive aus Märchen von überallher verwendet. Alle Traumcover basieren übrigens auf Textilien. Das geht von Seide über Wolle bis zu Strumpfhosen. Zum Beispiel das Cover der ersten Philippe Cam, das so aussieht wie ein Ausschnitt aus der Sahara, ist eine Strumpfhose, die in Falten liegt. Diese Rückkopplungen mit Yvettes Visuals sind für das Labelkonzept schon wichtig. Ästhetisch und optisch muss das stimmen und das eine das andere stützen.

DEBUG: Woran macht sich diese Neusensibilisierung fest?
RRR: Früher als Rezensent bei Spex und De:Bug ging es für mich immer um die Suche nach dem neuen Sound. Das ist es mit dem Label jetzt nicht mehr. Dieses verzweifelte Suchen betreiben wir jetzt nicht mehr. Natürlich sind wir immer noch neugierig auf neue Dinge. Aber auf Trapez kann einem durchaus auch mal etwas begegnen, was alt ist und was man sehr gut kennt. Traum ist für mich ein wenig kunstvoller und romantischer. Der Faktor des Unbekannten ist bei Traum größer. Es gibt immer wieder Leerstellen, die man für sich nicht auflösen kann, wobei bei Trapez die Tracks weniger über die Sounds, sondern über die Arrangements funktionieren und ihre Stärken haben.
Wenn man immer nach dem Neuen sucht, übersieht man eine Menge Dinge. Zum Beispiel bei Traum. Da könnte man teilweise sagen: “Ja, das kenn ich, das ist so ein Dub-Sound”. Aber wenn man dann hört, was für Mikromelodien zwischen den Chords mitschwingen und konträr etwas ganz anderes tun, dann merkt man doch, was alles in den Tracks drin steckt. Wenn man immer nach dem Neuen sucht, kann es sein, dass man nicht genug Aufmerksamkeit für die Dinge, die da sind, übrig hat. Und nicht genug Zeit einer Sache widmen kann. Man fängt schon mit etwas Neuem an, bevor man die andere Sache richtig abgeschlossen hat.

DEBUG: Wo würdest du denn Traum verorten?
RRR: Mir ist schon wichtig, dass auch die Platten auf Traum für den Club sind. Und nicht nur für die Lounge. Tobias Thomas zum Beispiel schafft, es eine Philippe Cam um drei Uhr zu spielen, und es funktioniert. Traum-Platten sind nicht Musik für jede Stunde am Tag. Aber es ist auch nicht nur Musik für gewisse Stunden (lacht). Es liegt irgend wo dazwischen. Sagen wir, es ist Musik für mehrere Stunden am Tag (lacht).

DEBUG: Trapez ist da dann schon eindeutiger…
RRR: Trapez ist: die Nadel aufs Vinyl und die Party beginnt. Das ist schon eindeutig. Das soll aber auch so sein. So archetypisch. Den Techno-Gedanken im Stil verankert. Das ist bei Traum nicht so. Da gibt es immer noch etwas Artifizielleres und vielleicht auch Abstrakteres, was aber eher in den Sounds als im Arrangement liegt.
Jaqueline: Melodischer auf jeden Fall. Übrigens finde ich nicht, dass Traum artifiziell ist. Bei Traum geht es auf jeden Fall um Melodien. Das bringt auf gewisse Weise den Popaspekt mit.

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Elektronische Lebensaspekte.