Mit der Rohstoffkrise hat sich die Ära des Mülls beendet. Jedenfalls auf der Erkenntnisebene, die natürlich der Wirklichkeit arg hinterherhinkt. Wir haben uns ganz tief ins Thema Müll eingebraben.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 130

Gemälde: ornaldo kern

Mit der Rohstoffkrise hat sich endgültig die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir uns nicht leisten können, weiterhin so viel oder überhaupt Müll zu produzieren. Damit ist die Ära des Mülls beendet – jedenfalls auf der Erkenntnisebene, die natürlich der Wirklichkeit arg hinterherhinkt, in der eher immer noch mehr als weniger Müll erzeugt wird.

Angetrieben von steigenden Rohstoffpreisen und dank neuester technischer Durchbrüche scheinen die Tage des Mülls endgültig gezählt. So ist ein kaputtes Handy schon längst nicht mehr ein Giftmüllentsorgungsproblem, sondern ein Fall für den “oberirdischen Bergbau”. So bezeichnen Recycling-Unternehmen die Gewinnung von Rohstoffen aus den Müllbergen der Konsumgesellschaft.

Dabei gibt das Handy ein besonders plastisches Beispiel ab, denn ein durchschnittliches Modell enthält für rund einen Dollar Gold und dazu Spuren zahlreicher anderer Edelmetalle. Angesichts dieses Goldschatzes hat die Recycling-Branche begonnen, Rocket Science zu finanzieren, um den Schatz zu heben.

Und auch wenn die Kosten-Nutzen-Kalkulation meist nicht so klar auf der Hand liegt wie beim Handy, sind ähnliche Entwicklungen auch in anderen Segmenten der Abfallwirtschaft zu beobachten.

Wenn aber die Ära des Mülls ihrem Ende entgegeneilt, stellt sich natürlich die Frage, was danach kommt. Was passiert etwa in der Popkultur, in der “trashig” ein wichtiger Fix- und Angelpunkt ist? Wird “trashig” in 50 Jahren als Kategorie und Anweisung der formelhaften Popmusikdarbietung gelten, wie heute “fortissimo” bei einem klassischen Orchesterwerk?

Und was wird aus dem recht jungen Datenmüll? Wird der Datenmüll, den wir heute so arglos produzieren wie in den 60er Jahren Wohlstandsabfälle, in einer Zukunft, in der nur noch sinnvoll strukturierte Daten produziert werden, zum neuen Erdöl?

Und ähnlich verwirrend wie die Müll-lose Zukunft scheint der Blick zurück in die Müllgeschichte: Denn auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten mühsam in das Bewusstsein der Konsumgesellschaft eingepflanzt hat, dass Müll uns alle etwas angeht, scheint der Begriff immer noch merkwürdig unscharf.

Worum handelt es sich eigentlich, wenn man gemeinhin über Müll spricht? Wie sieht das Phänomen wirklich aus? Ist Müll nicht nur Problem, sondern auch ein Verhältnis, das weitaus mehr über unsere Welt verrät als allgemein vermutet? Wenn man über Müll spricht, dann ist eine Definition im Regelfall genauso heterogen und nicht klassifiziert wie das Dinge-Chaos auf der Deponie oder in unserem Mülleimer.

Dazu kommt, dass Müll einerseits ein erstaunlich junges Phänomen ist und andererseits nur in den Wohlstandszonen unseres Planeten auftritt. Sogar der Begriff “Müll” taucht überraschend spät auf. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts ist hierzulande die Rede von Müll. Etymologisch geht das Wort auf das Mittelalter zurück, wo Müll beziehungsweise Mull so viel wie “Zerriebenes, Zerbröckeltes, lockere Erde, Staub” bedeutete.

Jahrhundertelang von derselben Semantik, spalteten sich die Bedeutungen von Müll und Mull. Unter Mull versteht heute man den nährstoffreichen Torfmull. Müll ist der Unrat, der in der vor allem städtischen Gesellschaft anfällt und organisiert entsorgt werden muss. Dass der Begriff nur in den reichen Ländern eine Rolle spielt, liegt daran, dass in armen Ländern keine Mülldeponien, sondern nur Resteverwertungshalden entstehen: Denn von Indien über Ägypten bis nach Brasilien gibt es ausgeklügelte Müllverwertungssysteme, die extrem effizient sind.

Den Preis für diese Effizienz bezahlen allerdings die besonders armen Menschen, die in der Müllbranche ihr kärgliches Auskommen finden. Abgesehen davon wird natürlich die Umwelt geschädigt, wenn mit mittelalterlichen Werkzeugen die Produkte unserer High-Tech-Industrie recycelt werden.

Auf den folgenden Seiten nähern wir uns dem Phänomen von mehreren Seiten. Und auch wenn wir dabei längst nicht alle aufgeworfenen Fragen beantworten können, machen wir uns wenigstens schon einmal mit dem Terrain vertraut. Wir durchleuchten die Geschichte, Definition und das Problemfeld Müll mit Heike Weber, Technikhistorikerin an der TU Berlin.

Eckhard Schumacher, Literatur- Medientheoretiker in München, erläutert das Verhältnis von Trash und Popkultur. Und abschließend gehen wir zusammen mit Michael Horn vom Chaos Computer Club (CCC) dem Phänomen Datenmüll auf den Grund. Was ist es genau? Und, erfordert die Masse an digitaler Daten- und Informationsmüll-Produktion auch ein spezifisches Bewusstsein?

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. mister kern

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    ornaldo kern
    mrkern.com