Sometimes good guys don’t wear white: Bohren und der Club of Gore feiern die dunkle Seite der Nacht - den erhabenen Stillstand, wenn der Mondschein einen Hof hat und alte Bäume in einem stillen Sturm knacksen. Ihr Zeitlupen-Jazz ist ein angenehm unlustiger Abstieg in die Abgründe der Spaßgesellschaft.
Text: Florian Sievers aus De:Bug 66

Der Hausmeister hatte keine Ahnung, was in dem Keller vor sich ging. Ein paar alte Frauen hatten den Raum mit pulverisierten Alraunen bestäubt. In den Ecken wurden Schädel von erschlagenen Barbesitzern aufgestellt, die zu Lebzeiten mit manipulierten Skat-Sets gehandelt hatten. Der DJ mixte Sade mit Slayer, die Bedienung Absinth mit Asbach. Ehemalige HC-Skatekids waren angereist und hatten ihre Boards unter die Rucksäcke geklemmt. Ein paar Schwarzgewandete mit getrockneten Fledermausflügeln in der Tasche lungerten rum. Hornbrillenträger, die im bürgerlichen Feuilleton über das Phänomen gelesen hatten. Anhänger progressiven Metals. Freunde elektronischer Musik. Und die Punks, die sowieso immer hier abhingen. Auf der Bühne herrschte Finsternis. Schatten erschienen und fingen fast unbemerkt an zu spielen. Das Kühlschranklicht an der Bar wurde ausgeschaltet. Die Gespräche verfielen zunächst in Flüsterton und verstummten dann. Es wurde still. Und als schließlich das Saxophon einsetzte, weiteten sich Pupillen und erstarrten. Der Raum gefror. Die Menschen in diesem Raum dachten jetzt vielleicht an Cthulu. An das namenlose Grauen. An den, der hinter den Reihen wandelt. Oder einfach nur an ein Glas guten Whiskey in einem samtbeschlagenen Etablissement. Denn eigentlich war dies nichts Satanisches. Es war genau genommen überhaupt nichts Religiöses. Eher eine Feier zur Entdeckung der Langsamkeit. Eine Messe des Nichts.

“Wenn es gut läuft, kann so ein Konzert von uns tatsächlich zu einer Art Messe werden“, sagt Christoph Clöser, Saxophonist und Tastenspieler bei Bohren und der Club of Gore. In Interviews beschreibt er die Konzerte und Platten seiner Band gerne mit dem schönen Bild eines stehenden Gewässers, in das jemand vorsichtig einen kleinen Stein wirft. Dann wartet, bis sich die Wellen wieder beruhigt haben. Und schließlich den nächsten Stein in die Hand nimmt. Es ist das Prinzip, das homöopathische Medizin mit Minimaltechno verbindet: Das einzelne Element wird um so wirkungsmächtiger, je vereinzelter und vereinsamter es ist. Jeder Besenschlag auf dem Schlagzeug, jedes Hauchen des Saxophons bedeutet eine ganze Umdrehung der Welt. “Viele Leute“, sagt Christoph und grinst, “werden dann richtig nervös, weil sie so viel Ruhe und so wenig Geschehen gar nicht aushalten können.“

Freeze, Bruce Lee, freeze!

Christoph ist 45, stammt aus Köln und spielt seit dem 2000er Album “Sunset Mission“ bei Bohren, die er über Jörg Follert (Wunder/ Wechsel Garland) kennenlernte, mit dem er wiederum früher mal in einer Band gespielt hatte. Die anderen drei – Morten Gass, Thorsten Benning und Robin Rodenberg – sind Anfang 30, kommen aus Mülheim an der Ruhr und haben einen anderen Werdegang als der studierte Musiker Clöser. Mit ihrer Band 7 Inch Boots waren sie früher aus irgendeinem Grund in der Hardcore-Szene gelandet. Aber zwischen all dem demonstrativen X-auf-die-Hände-malen, den bissigen PC-Diskussionen und den sportiven Stagediving-Ritualen fielen sie schon damals als ziemlich obskur auf. Auf ihren beiden langsam mahlenden 7-Inches trafen Bruce Lee-Bilder auf Ruhrmetal-Totenschädel und ergaben eine irgendwie ziemlich abseitige Ästhetik. Irgendwann wurde ihnen das Ganze dann auch zu langweilig. Die Geschwindigkeitsgrenze war sowieso schon ausgereizt, also bremsten sie fast bis zum Stillstand runter, nahmen einen neuen Namen an und beschäftigten sich 1994 auf der LP “Gore Motel“ mit schmierigen Tavernen, Nutten und Maden-Tango. Die einzige Verbindung zu früher war Bruce Lee, der wieder vom Cover guckte. Es folgten die Großstadt-Neonlicht-einsamen “Midnight Radio“ (1995) und “Sunset Mission“ (2000).

Auf Bohrens neuem Album “Black Earth“ geht es jetzt, zumindest äußerlich, wieder zurück zu den Anfängen: ein schwarzes Totenschädel-Cover und Songtitel wie “Grave Wisdom“ oder “Skeletal Remains“ könnten ein paar Metals in die Irre führen. Drinnen jedoch findet sich wieder dieser weltweit einzigartige Zeitlupen-Horror, der extreme Körperzustände erzeugt und die Raumtemperatur senkt. Musik, mit der man Tage zuerst verlangsamen und dann gänzlich anhalten kann. Ein erhabener Stillstand aus streichelnden Besenbeats, hinterhältig samtigen Saxophonlinien und böse dräuendem Bassgezupfe. Doch obwohl diese Musik bei jedem, der sie hört, Massen von Bildern evoziert (siehe oben), wehren sie sich gegen die üblichen Lynch- und Paranoia-, Ruhrgebiets- und Zerfall-Assoziationen. “Unsere Musik hat nicht mit dem Ruhrgebiet zu tun, nichts mit brachliegenden Fabriken oder so“, sagt Christoph. “Und das ist auch nicht als Musik für imaginäre Filme konzipiert. Wenn es jemand als Jazz (was er extra als “Jatz“ ausspricht – Anm. d. A.) bezeichnet, kann man da auch geteilter Meinung sein. Der Rest der Truppe findet, das ist Jazz, nach meinem Verständnis ist es das genaue Gegenteil davon, schließlich ist bei uns nichts improvisiert, sondern alles klar strukturiert.“ So verhindert bei Bohren eine Mischung aus Bodenständigkeit, Eigensinn und Vision alle simplen Zuschreibungen, die so schnell auf der Hand zu liegen scheinen. Nach eigenem Bekunden machen sie einfach “Begleitmusik”. Eine allerdings, die alle sozialen Zusammenkünfte, die sich von ihr untermalen lassen, schnell in eine Landschaft aus zerlegten Körpern und eisbedeckten Ziffernblättern verwandeln kann.

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Elektronische Lebensaspekte.