House hat nie die verdiente Anerkennung bekommen. Damit es jetzt endlich HipHop übertrumpft, hat Chicago-Veteranin Screamin' Rachael die Wiederverwertung des Trax-Kataloges übernommen und gleich selbst ein neues Album eingespielt.
Text: Felix Denk aus De:Bug 94

SCREAMIN’ RACHAEL UND TRAX //
Welteroberung, Teil 2

Gemeinheit! 1986 brachte die Bravo einen 14-teiligen Starschnitt von Run-D.M.C. Aber von Farley Jackmaster Funk gab es nicht mal eine popelige Autogrammkarte. Und das trotz seines Superhits “Love can’t turn around”. Schnee von gestern? Nicht für Screamin’ Rachael! Sie möchte sich auch 20 Jahre später nicht damit abfinden, dass House kommerziell nie so erfolgreich wurde wie HipHop. “Kein Mensch braucht das Bitch-blabla und die blöden Videos mit fetten Autos”, schimpft sie über 50 Cent und seine ganze Blingbling-Bande. Jetzt soll House die Welt erobern. Genau genommen Chicago-House. Das ist nur eine Frage der richtigen Vermarktung, findet Screamin’ Rachael und übernimmt die Mission.

“I’m not interested in following, I’m interested in leading”, stellt die exaltierte Blondine gleich am Anfang des Gesprächs klar. Und tatsächlich hatte sie ihre Finger mit im Spiel, als Housemusic entstand. In den frühen 80er Jahren tanzte sie im Warehouse, wenn Frankie Knuckles auflegte, und ging in die Music Box, wo der exzentrische Ron Hardy Hof hielt. Sie war mit Vince Lawrence und Jessie Saunders befreundet und organisierte mit ihnen die Pressung von “On and On”, der allerersten House-Platte. Dabei lernte sie Larry Sherman kennen, dem das Presswerk gehörte. Sie war also mittendrin, als alles begann: die Geschichte der Housemusic, die in der Frühphase so eng verwoben ist mit der Geschichte von Trax Records. Wie kein zweites Label prägte Trax die Ästhetik von House. Gleichzeitig ruinierte das Label die Chicagoer Szene gründlich, wie viele der damals involvierten Produzenten heute meinen.

Trax-Chef Larry Sherman interessierte sich für vieles, aber nicht für House. Precision Pressings kaufte er, um seine persönliche Jukebox-Sammlung mit Platten zu füllen. Und das Label betrieb er nur, weil er merkte, dass sich House gut verkaufte. Mit dieser neuen Musik konnte der Acid-Rock-Hörer nichts anfangen. Mr. Fingers “Can you feel it” wollte er gar nicht veröffentlichen. Es wird ihn trösten, dass auch die Beatles Absagen kassierten. Trotzdem brachte es Trax auf mehr Klassiker in seinem Labelkatalog als alle anderen House-Labels seither. Was die geschäftliche Seite anbelangte, ging es bei Trax eher selten mit rechten Dingen zu. Marshall Jefferson erzählt gerne die Geschichte von “Move your Body”, das er eigentlich auf seinem eigenen Label Other Music veröffentlichen wollte. Doch das wurde nichts, weil Larry Sherman einfach Trax-Etiketten auf die Platten klebte, die Jefferson bei ihm im Presswerk anfertigen ließ. So etwas wie Verträge gab es bei Trax nicht, Geld dagegen immer bar auf die Hand. Als man mit House plötzlich gut verdienen konnte, gingen die Produzenten meist leer aus. Auch Major-Labels machten einen großen Bogen um Chicago.

Heute leitet Screamin’ Rachael Trax. “Ich bin die Präsidentin”, sagt sie und klingt, als stehe sie einem multinationalen Großunternehmen vor. Für ihren Vorgänger auf dem Chefsessel plädiert sie auf ein mildes Urteil: “Larry wusste doch damals selbst nicht, was er tat. Und wir waren Kids, die sich in Geschäftsdingen nicht auskannten.” Dafür spricht manches. Zum Beispiel, dass die Konkurrenz kaum seriöser war. Um eine Pressung von 10.000 Platten zu finanzieren, tauschte Rocky Jones von DJ International seine frisierte Corvette ein. Später stellte sich heraus, dass der Schlitten geklaut war. Die krummen Geschäfte hält Rachael Larry Sherman und Rocky Jones nicht vor. Übel nimmt sie ihnen aber, dass sie das Potential von House nie richtig erkannten: “Larry und Rocky hatten nicht die Vision, ihre Labels dahin zu bringen, wo sie eigentlich hingehörten. Und das wäre auf Augenhöhe mit Def Jam und HipHop gewesen.”

House ist zwar international als Clubmusik etabliert. Aber das ist eben nicht die ganz große Bühne, auf der Screamin’ Rachael House gerne sähe. Außerdem: Wenn mit House Geld verdient wurde, dann sicher nicht in Chicago. Von der florierenden Subkultur der 80er Jahre ist in Chicago nicht mehr viel zu sehen. Dass soll sich ändern. Eine Frankie Knuckles Straße gibt es schon, in der Gegend, wo das Warehouse war. Um eine Ron Hardy Street ringt Rachael derzeit mit der Stadtverwaltung. Und im Sommer legen mittwochs Chicagoer DJ-Legenden kostenlos im Grant Park auf – die Gage sponsert das Chicago Department of Cultural Affairs. Tatsächlich scheint sich House in seiner Geburtsstadt vom Stief- zum Wunschkind zu mausern.

Diesen Rückenwind möchte Screamin’ Rachael für Veröffentlichungen nutzen. Die “20th Anniversary Collection” machte den Trax-Backcatalogue erstmalig auf CD zugänglich. Neben dieser Dreifach-Mix-CD erschienen noch “Acid Trax”, “Queer Trax” und “Rarities and B-Sides”. Obendrein gab es mit “The Next Generation” eine Compilation der neuen Acts. “Ich interessiere mich für neue Entwicklungen, aber mit der Integrität, etwas aufzubauen. Es geht nicht darum etwas schnell rauszuhauen und auf einen Trend aufzuspringen”, umreißt Rachael die Linie für Trax-Veröffentlichungen. Dass man nur bedingt der Tradition verpflichtet und gleichzeitig dem Neuen zugewandt sein kann, sieht sie nicht so eng. Ihre eigenen Stücke befinden sich auf der Klassiker- und auf der Next-Generation-CD. Ein Spagat, sicher, aber auch eine ziemliche Verrenkung.

Das gilt auch für Screamin’ Rachaels neues Album “Extacy”. Miesepeter könnten anmerken, dass die entrückte Partystimmung und die Tabletten, die das chemisch herbeiführen können, im Englischen eigentlich Ecstasy buchstabiert werden. Aber Trax müsste laut Wörterbuch ja auch Tracks geschrieben werden. “Orthografie”, weiß Screamin’ Rachael, “zählt nicht zu Larry Shermans Stärken.” Zu ihren wohl auch nicht. Scheinbar eine Trax-Tradition. Für “Extacy” jedenfalls hat sie sich noch mal in den knappen Fummel gezwängt, für den sie von Frankie Knuckles in den 80er Jahren den Spitznamen “Windy City Barbie” bekam. In roter Unterwäsche und mit Netzstrümpfen räkelt sie sich auf dem Cover und blickt kokett in die Kamera. Nein, ein Alterswerk möchte “Extacy” nicht sein. Für ihr Album hat Screamin’ Rachael das Who-is-Who der Chicago House Produzenten mobilisiert – zumindest den Teil, der mit Trax noch etwas zu tun haben möchte. Farley Jackmaster Funk, Joe Smooth, Gene Hunt waren an den Aufnahmen beteiligt, auch Maurice Joshua. Der gewann 2003 sogar einen Grammy, wie Screamin’ Rachael stolz berichtet. Allerdings für seinen Remix von Beyonces “Crazy in Love”. R&B, nicht House. Egal.

Neben 12 neuen Stücken ist auch ein Medley ihrer alten Hits auf der CD. Das durfte Trax-Nachwuchshoffnung Billy the Kid zusammenmixen. Leider zeigen die alten Stücke, woran die neuen, trashigen Dancepop-Produktionen nicht heranreichen. Screamin’ Rachael verliert gegen Screamin’ Rachael haushoch. Zum Beispiel bei dem campen “Fun with Bad Boys”. Das produzierte Afrika Bambaataa 1985 und Screamin’ Rachael rappte darauf mit Prince Ikey C von der Soulsonic Force. Das Stück gilt als erste Hip-House-Nummer. Später spezialisierte sich DJ International auf das Genre und popularisierte es mit Platten von Fast Eddie, Tyree Cooper und Kool Rock Steady. Auf Hip-House angesprochen wird Screamin’ Rachael plötzlich ganz feierlich: “Ich habe eine echte Exklusivmeldung für dich.” Pause, etwas leiser: “Rocky Jones hat mich gebeten, DJ International neu zu starten!” Eine Sensation – zumindest für Chicago. Denn Jones und Sherman hassen sich und wechseln seit Jahren kein Wort mehr miteinander. Jones möchte, dass Rachael den Back-Katalog wieder zugänglich macht und auch neue Artists für das Label an Land zieht. So wie sie es mit Trax gemacht hat. “Ich glaube wirklich an Hip-House. Das ist super Party-Musik mit einer echten Zukunft. Viel besser als Gangster-Rap”, findet Rachael. Natürlich, nur Tote können auferstehen. Aber nicht jede Leiche erwacht zum Leben, nur weil man sie wieder ausbuddelt. Es muss sich zeigen, ob neue Artists auf Trax oder DJ International den Dancefloor erobern. Rachael ist da sehr zuversichtlich. Aber an Optimismus fehlt es ihr nie.

Vielleicht ist es ja die Screamin’ Rachael Street – oder besser: Avenue -, die sie umtreibt. Jedenfalls will sie jetzt die Dinge erledigen, die ihrer Meinung nach in den 80er Jahren versäumt wurden. Ein Deal mit Casablanca, einem Investor aus Toronto, soll sicherstellen, dass Promotion und Vertrieb von Trax weltweit reibungslos funktionieren. Außerdem arbeitet sie mit First Wall St. zusammen. Die Finanzierungsspezialisten aus New York sollen helfen die ganz großen Pläne zu realisieren. Videos für Trax-Veröffentlichungen zum Beispiel und das Filmprojekt “Story of House”, das natürlich die Geschichte von Trax erzählen soll. Das Drehbuch liegt schon in Screamin’ Rachaels Schublade. Verfasst hat sie es höchstpersönlich. Deutungshoheit ist Chefsache! Außerdem schreibt sie an ihren Memoiren. Sie erzählt ja gerne. Und zwar am liebsten über sich selbst. Oder über Skandale. Zum Beispiel über ihren Freund Michael Alig. Der schillernde Party-Promoter brachte House nach New York und mutierte dann zum Party Monster: Er zerstückelte den Drogendealer Angel, vergewaltigte die Leiche und warf die Überreste anschließend in Plastiktüten verpackt in den Hudson River. Die gruselige Geschichte wurde 2003 mit Macaulay Culkin verfilmt. Der bekam übrigens einen Bravo-Starschnitt. Allerdings nicht für Party Monster, sondern für Kevin – Allein zu Haus. Gemeinheit.

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Elektronische Lebensaspekte.