Wenn die Welt einen Hitproduzenten wie Trentemøller  umarmt und ihm zuflüstert, "Reih sieben Dance-Tracks und ein ruhigeres Stück aneinander, dann hast du endlich dein verfluchtes erstes Album", dann ist es wahrscheinlich höchste Zeit, sich aus der Umklammerung zu lösen. Es folgt die Geschichte eines geglückten Ausbruches. Aus einem fiesen Dogma heraus ins weite Feld des eher Unkonkreten. 
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 105

Trentemøller // Anders anders

Im Studio passiert es das erste Mal. Da ist dieser kurze Moment der Verwirrung, ein Augenblick, in dem die Dinge, die man wahrnimmt, nicht mehr so recht zueinander passen mögen und sich das Ganze in etwas schräge Einzelteile zerschält.
Auf der hinteren Wand des holzverzierten Arbeitsraumes von Anders Trentemøller, einer hellen, schön durchkomponierten Wohnung im zweiten Stock, prangt ein posterartiges Bild in Schwarz und Rot. Zwei sich lieb habende Frauen im Siebdruckstil sind darauf zu sehen, eine relativ gewöhnliche Szene, die jedoch von drei kryptischen Worten umrahmt wird: Fahrschule – Die Taktische Einheit – Rutschgefahr. Wir befinden uns in Kopenhagens Innenstadt, genauer gesagt im Rotlichtbezirk. Den Kopf aus dem Fenster gesteckt, leuchtet gegenüber die freundlich-gelbe Front des Delta-Loveshops, auf der Straße unten summen die Tätowiernadeln wie ein Schwarm dicker Bienen und in den Auslagen der benachbarten Schaufenster werden aufblasbare Schweinchen, Frauen und Bergleute feilgeboten. Wer Pech hat, stolpert beim Gehen schon mal über die marmorisierte Verpackung von ”Power Piston, the Combination Pump and Vibrating Stimulator: Slip it on, Pump it up & Crank up the Vibes“ (335 Kronen). Trentemøller ist neu in dieser Gegend, gut, sagt er, gut gefällt ihm das, dieser Vibe, diese London-mäßige Spannung zwischen Elend und Hipness. Vor zwei Wochen hat hier vorne ein Mann einen anderen mit gezückter Axt über die Kreuzung gejagt. Solche Dinge passieren in dieser Ecke der Stadt. Ja, leider. Dafür gibt es zwei Straßen weiter eben vorzügliche Cafes mit nettem Inventar. Bei unserem Treffen ist Trentemøller in englischen Indie-Schick gekleidet, die dunkelblonden Haarsträhnen fallen ihm locker ins bartstoppelige Gesicht, der Rest ist schwarz wie die Nacht; die Röhrennhose, das Hemd, die Krawatte und auch das kleine Pflaster mit den grinsenden Totenköpfen auf dem Finger. Eigentlich hätte er heute Abend in Christiania auftreten sollen, erzählt er mit sanft stockender Stimme, der Solidarität wegen. ”Bevar Christiania“, sagen sie hier. Das ist die Parole des Protestes gegen Politik und Polizei, weil diese beiden Mächte Kopenhagens alternative Enklave bedrohen. ”Es ist jetzt an der Zeit, denn es geht nicht um Recht und Gesetz, sondern um die Intoleranz gegenüber alternativen Lebensweisen.“ Interviews hat Anders, der Zweiunddreißigjährige, schon zur Genüge gegeben. Zehn insgesamt für das neue Album. Dabei ist es mittlerweile erst anderthalb Jahre her, dass die große Lawine losgetreten wurde, dass er begeisterte Emails von fremden Menschen bekam, dass die Booking-Anfragen sprunghaft zunahmen und dass er plötzlich der Remixer von Royksopp, den Pet Shop Boys und The Knife war. Anders Trentemøller galt schnell als der Meister des perfekt kalkulierten Reizes, der Mister Hundertprozent des Euro-Dance-Segmentes, die Tanzmaschine schlechthin. Trentemøller selbst reagierte jedoch verblüfft, um nicht zu sagen ein wenig befremdet auf die, die ihn da auf Händen tragen wollten. Schließlich hatte Anders schon sein ganzes Leben lang Musik gemacht, sehr unterschiedliche Musik und die meiste Zeit erfolglos. Früher, da war er mal eine Art Indie-Rocker. ”Ja“, sagt er ein wenig zerknirscht, als er auf diesen Sachverhalt angesprochen wird, ”die Journalisten sind an dieser Stelle immer ganz entzückt, weiß ich schon, aber für mich ist das echt nichts Besonderes. Damals dachte ich noch ein bisschen einfacher, ich dachte, bei elektronischer Musik ginge es einfach nur darum, einen Kopf zu drücken. Ich habe damals noch Orgel und Keyboard in unserer Band gespielt. Dann ging ich für einige Zeit nach London und entdeckte Drum and Bass, Jungle und TripHop. Das war auch die Zeit, als Portishead rauskamen. Portishead, Mann, das hat mich umgehauen. Die hatten diese guten Melodien und die Atmosphäre, so total filmisch. Ich kaufte mir in London einen Sampler und ging zurück nach Dänemark, zu unserer Rockband. Wir übten damals vier oder fünf Mal die Woche, denn wir nahmen das alles sehr ernst. An diesem einen Tag ging ich also in unseren Übungsraum, packte den Sampler aus und versuchte ein paar elektronische Beats über den Rock-Stuff zu legen – Happy Mondays und die Stone Roses hatten ja auch mit elektronischen Einflüssen experimentiert – aber die Jungs aus der Band mochten das überhaupt nicht. Sie straften mich mit einem entgeisterten Blick, einem Blick, der sagte: Anders, du bist jetzt genau wie die. Daraufhin haben wir uns getrennt und ich begann alleine Musik zu machen.“

Das Kreuz mit den Regeln
Während wir die Straße hinablaufen, vorbei an kostenlosen Fahrrädern und Geschäften mit Fläschchen ”Gammel Dansk Bitter Dram”, einem 38,5-prozentigen dänischen Elexir, erwähnt Anders dieses spezielle Trentemøller-Ding zum ersten Mal. Niemals, also nie, sagte er da noch ziemlich beiläufig, habe er sich einer Szene zugehörig gefühlt. Never. Damals nicht und heute ebenso wenig.“ Nach dem Ende seiner Rockjahre kreuzte der broterwerbsmäßig Kinder hütende Trentemøller die Stilgrenzen, zehn darbende Jahre lang war er Drum and Bass, Elektronika, TripHop und dann House – aber nie länger als kurzfristig zufrieden. Seine Live-House-Combo Trigbag brachte es dann schließlich auch zu einer Veröffentlichung, der ersten überhaupt für Trentemøller. Kurz darauf begannen die Dinge sich jedoch zu verschlechtern. ”Nach der Single mit Trigbag habe ich sehr hart gearbeitet, wirklich so hart wie ich jetzt auch arbeite, vielleicht war ich damals auch in einer ähnlichen Position wie jetzt. Ein bisschen gelangweilt von dieser ganzen Dance-Szene und ich war nicht zufrieden mit meinem eigenen Sound. Ich dachte, dass es schrecklich war. Damals habe ich viel Daft Punk und so was gehört. War total blockiert und konnte zwei Jahre lang keine Musik mehr machen. Meine Freundin hat mich parallel dazu verlassen, das war das totale Chaos in meinem Leben. Zwei schlechte aber sehr wichtige, sehr hilfreiche Jahre für mich. Ich war am Boden und deprimiert. Hatte Angst, den Computer auch nur anzusehen. Zaghaft, ganz langsam, habe ich dann wieder angefangen, Tracks und Grooves zu produzieren. Und einer davon landete schließlich bei Naked Music. Das war die Initialzündung. 16.000 verkaufte Kopien in den USA, da habe ich schließlich wieder Feuer gefangen.“ Ein ständig nervender Wegbegleiter ist der Zweifel, das Produzieren war bei Trentemøller oft eine quälende Selbstfindung, ein sehr reflektierter Prozess, aber leider ohne absehbares Ende. Warum hat das alles so lange gedauert? ”Vielleicht lag es daran, dass ich so viel Zeit darin investiert habe, unterschiedliche Genres zu testen und Musikstile zu erkunden, und mir dabei nie sicher war, ob das jeweils der Musikstil sein würde, den ich, sagen wir, für die nächsten zehn Jahre beibehalten würde.“ Unwahrscheinlich, dass Trentemøller sich jemals für eine so lange Zeit festlegen wird, das Grundproblem waren ja immer schon die Regeln. Die Erwartungshaltung, die dümmlichen Journalistenfragen und das unsichtbare Gezerre dahinter. Die Szene verlangt spezifische Erkennungszeichen von ihrem Musiker: Gesangstechniken, Gitarrenriffs, Hallräume, Melodiefolgen, zerrende Filter oder eine schnurgerade Linie von Bassdrums, die einem wie Kanonenkugeln um die Ohren fliegen müssen. Und dann sagt er es wieder: ”Nein wirklich, ich gehöre zu keiner Szene, bin einfach total verloren in meiner eigenen Welt. Wenn ich es mir recht überlege, ist die Szene, in der ich mich am nichtzugehörigsten fühle, letztendlich die Dance-Musik-Szene. Wenn ich zu Hause bin, höre ich eigentlich nie so was, manchmal vielleicht Basic Channel oder Rhythm and Sound oder Elektronika, Massive Attack, das neue Thom-Yorke-Album. Nur wenn ich in Clubs gehe – obwohl – nein, stimmt gar nicht, ich gehe da praktisch nicht mehr hin, weil ich so oft in Clubs auftrete. Wenn ich mal Zeit habe, gehe ich lieber mit meinen Freunden in eine Bar oder wir sitzen gemeinsam bei irgendwem zu Hause, rauchen einen Joint und haben eine gute Zeit.“ Vor fünf Jahren, erzählt er dann, hätten er und sein Partner Tom zum Beispiel keine Gigs mehr in Kopenhagen bekommen. ”Wegen der DJ-Polizei“, sagt er hämisch und erklärt, die beiden seien in Kopenhagen einfach ein paar Mal zu oft aus dem Rahmen gefallen, weil sie Mash-Ups von frühen White-Stripes- und Stone-Roses-Stücken in ihre Auftritte integriert hätten. ”Es gibt so viele Grenzen, wenn du Club-Musik machst. Du musst 16 Takte Bassdrum am Anfang haben und am besten noch 16 weitere am Schluss. Warum? Natürlich weil die DJs zu dumm zum Mixen sind.“ Er lacht jetzt, nicht in den falschen Hals kriegen bitte, will er sagen, das war ein Scherz. ”Aber jetzt mal im Ernst“, fährt Trentemøller fort, ”man hat immer diesen selben Aufbau. Wenn du dir aktuellen Minimalkram anhörst, ist das ehrlich gesagt so dermaßen langweilig. Das klingt alles zu gleich. Wenn ich in einen Club gehe und der DJ spielt mehr als ein oder zwei Stunden denselben Minimal-Techno, dann langweile ich mich ehrlich gesagt zu Tode.“ Trentemøller weiß, dass dieses öffentliche Fremdeln mit der Clubmusik auch ein Sägen am eigenen Ast ist. Verständlich, dass er beschwichtigt und seine Aussagen an allzu drastischen Stellen revidiert. Er sagt: ”Ich möchte nicht so klingen, als sei ich dieser Musik nun überdrüssig.“ Er sagt: ”Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, auch in Zukunft weiter House- und Techno-Tracks zu produzieren, ja, natürlich.” Es bleibt dabei, dass Handlungsfreiheit das zentrale Motiv von Anders Trentemøller ist. Ihm wurde nach dem Erfolg seiner Maxis auf Pokerflat irgendwann klar, dass er Platz brauchen würde, für dieses eine Album, und zwar gehörig. Im Geistigen wie im Physischen. In der CD-Version von ”The Last Resort” werden von den 80 möglichen Minuten 77:35 für Musik beansprucht.

Wenn alle Stricke reißen
Wir sitzen mit gekrümmten Rücken im Hippie-Zimmer, einem mit schwarz-weißen Sitzwürfeln ausgelegten Raum im hinteren Teil des Studios. Trentemøller und sein Studiopartner Mikael haben das hier so getauft. Keine Räucherstäbchen, keine Tücher, vielleicht kommt der Name von den Instrumenten, die hier herumliegen und keine Synthesizer sind. Ein Tamburin, ein Xylophon, eine Melodika und auch dieses kleine Spielwerk. Trentemøllers Finger drehen das Gewinde im Kreis, möglichst sanft und gleichmäßig muss man das machen, dann schlagen die Noppen der Walze auf die Zacken des Kammes. Eine helle Kindermelodie erklingt, seltsam zerbrechlich wie Aphex Twin in seinen nettesten Momenten. ”Siehst du“, erzählt er fast ein wenig stolz, ”auf dem Album habe ich das genau so verwendet, diesen Sound, diese Melodie.“ Den wichtigsten Menschen hatte Anders natürlich Bescheid gegeben, dass er jetzt mal keine Party machen wollte, sondern so was. ”Dance-Alben“, sagt er, ”Dance-Alben sind so langweilig. Ich habe noch nie ein gutes gehört. Obwohl, frühe Underworld-Sachen waren schon sehr gut, sehr energiegeladen. Es kam für mich also nicht in Frage, zehn oder zwölf Tracks aneinander zu reihen, die toll für den Club sind. Ich würde mir nie ein Album anhören, das nur für die Tanzfläche gemacht ist. Du kannst einfach so viel mehr Gefühl hineinpacken, wenn du Musik machst, die nicht für den Club ist. Sonst geht es ja immer nur um die Party und den Groove, Leute am Tanzen halten. Aber Ausdrücke wie Traurigkeit, Einsamkeit oder Unsicherheit haben da keinen Platz. Man will ja nicht, dass die Leute anfangen zu weinen.“ Pokerflat, sein Label, war diesbezüglich vorgewarnt worden, Achtung, der Trentemøller wird nicht an seine Single-Hits anknüpfen, sondern etwas Neues probieren. Der will ausbrechen und ein bisschen melancholisch sein, eventuell sogar Leute zum Weinen bringen. Bei Steve Bug und dessen Kollegen gilt Trentemøller als Ausnahmeproduzent, sie gewähren – Überraschung – nicht etwa Fußfesseln sondern ”komplett freie Hand“. Die Maxis hätten sich ja auch superklasse verkauft, das Vertrauen sei immer dagewesen usw. usf. Für einen solchen Künstler kann man das Spektrum seines Plattenlabels getrost erweitern. Das House-Label Pokerflat bringt nun also eine reine Zuhör-CD auf den Markt, im Fachjargon: Eine Listening-CD und ein Special-Interest-Vinyl. ”Ja, die haben mich tatsächlich machen lassen, was ich wollte“, bestätigt Trentemøller. ”Das war meine Chance, diese andere Seite von mir zu zeigen.“ ”The Last Resort“, das bedeutet zugleich auch die letzte Chance, dann, wenn alle Stricke reißen. Das Album ist komplex und extrem vielseitig geworden. Da gibt es irgendwann am Anfang einen knarzenden Schaffel-Beat, dann sanfte Dub-Techno-Variationen, Clicks, Lo-Fi-Melodien und später sogar Scratches. Die Stücke zerfallen beim Hören wie Pusteblumen, verändern und vermischen sich konstant. Ein unglaublicher Detailreichtum steckt darin, und immer wieder ertrinkt alles für einige Minuten in einer Art Ambient-Jazzrock. ”Eine Reise“, sagt Trentemøller, so stelle er sich das vor. ”The Last Resort“ ist bestimmt kein gradliniges Stück Strecke von A nach B, kein Pauschaltrip Berlin-Balaton, sondern eine wilde Serpentinenfahrt auf Rollerblades. Mit Umwegen, Abgründen, Ausrutschern und allen paar Metern wieder einer schönen Aussicht. Oft meint man für einen kurzen Moment alte Bekannte auf dem Weg zu treffen, das Klang-Design von Rhythm and Sound, die hallende Snare-Drum von Massive Attack, Clicks and Cuts, die weinenden Streicher von Portishead. Solche Begegnungen dauern auf dem Album in der Regel nie wirklich lange, Trentemøller akzentuiert derartige Referenzen extrem stark und addiert, wo andere auf Nüchternheit setzen, epische Melodien. Er sagt: ”Ich mag den Kontrast, ich mag das, du hast liebliche Sounds und dann so ein Kschrr! Khrr! Kschrr! So krachende Passagen.“ Die Vocals von Richard Davis und Anne Trolle wurden im letzten Moment auf die Bonus-CD verbannt. Ein Glück. Das passte nicht hinein in diesen großen unkonkreten Film. Wenn da noch jemand gesungen hätte, plötzlich und unvermittelt, dann hätte das den Bogen im Punkto Pop wahrscheinlich überspannt. ”Das wäre doch nur eine Ablenkung gewesen,“ bekräftigt Trentemøller, ”wenn dir am Ende jemand noch direkt ins Gesicht sagt, was du denken oder fühlen sollst.“

Ausbruch und Struktur
Die Arbeit an diesem Album zog sich über ein Jahr hin, vielleicht sogar anderthalb, ganz klar ist ihm das selber nicht mehr, denn immer wieder hat Anders Trentemøller an den Tracks gefeilt, während er nebenbei an einem seiner Remixe saß. Wie eine Meditation oder Therapie sei das gewesen, gibt er zu Protokoll, denn er konnte alles da hineinstecken, in dieses Projekt, das Album, alles Persönliche, die Unsicherheit, den Kummer und die vielen Melodien. Richtig gelöst wirkt er zeitweilig, spricht von Freiheit und von neuen Ideen. Das Album sei ein guter Weg gewesen, all die angestaute Energie aus dem Körper zu kriegen. Sein Kumpel Mikael Simpson steckt kurz den Kopf durch die Studio-Tür, er hat auf dem Album Gitarre und Bass gespielt. Nun, erzählt Anders Trentemøller, planten er und Mikael ein gemeinsames Singer-Songwriter-Projekt. Er freut sich auf das Neue: Überraschende Pop-Musik soll es werden, die tief ins Textuniversum eintaucht. Doch jetzt erst mal das Debütalbum über die Bühne kriegen. Ein Umbruch ist ”The Last Resort“ nicht wirklich, Trentemøller betont ein ums andere Mal, dass er schon immer mehr war als Techno und House, dass er sehr viele verschiedene Dinge getan hat, doch wie das so ist, hat man ihn natürlich von Beginn an fein säuberlich in eine Schublade gesteckt. Ein couragierter und radikaler Ausbruch aus dem Dogma ist dieses Album allemal, der Name gleich, das Label gleich und trotzdem alle Erwartungen konsequent ignoriert. Künstlerwerdungen und sonstige Metamorphosen kommen in der Branche alle Nase lang mal vor, das passiert oft, und auch die Club-Depression haben sich schon viele erfolgreiche Produzenten eingefangen. Matthew Herbert probierte es statt House mit einem Mix aus Kunst und Vulgärpolitik, Laurent Garnier verzog sich in eine unangreifbare musikalische Seltsamkeit und schrieb ein Buch. Alle beklagten die Beschränktheit, das Immergleiche, die ewigen Wiederholungen einer Musik, an der sie längst vorbeigezogen schienen. Unklar, ob es bei Trentemøller ähnlich ist. Der Vergleich mit diesen beiden hinkt zumindest deshalb, weil es sich hier im Grunde immer noch um einen Newcomer handelt und nicht um jemanden, der seit Jahren die Titelbilder der Zeitschriften zupflastert. Trotzdem, vielleicht geht Trentmöllers ”Last Resort“ sogar über Garniers ”Unreasonable Behaviour“ hinaus. Statt einem einfachen, linear nachzuvollziehenden Wandel oder Experiment gleicht sein Album einem angestochenen Ballon, aus dem die Luft in alle Richtungen entweicht. Einem umfangreichen Katalog des Könnens, aber auch einer seltsamen Explosion der Möglichkeiten. So heftig, dass es manchmal schwer fällt zurückzutreten, um das Ganze darin wahrzunehmen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Die Tracks von Anders Trentemøller sind wie Blöcke aus schwarzem Marmor: kühl, glatt poliert bis ins letzte Detail, Oberfläche: schwarz, matt schimmernd und sehr massiv. Sie treffen die Techhouse-Synapsen exakt ins Mark.
Text: Ludwig Coenen aus De:Bug 96

Perfekter Vorsprung

Selbst der spärlichst talentierte DJ kann mit den Tracks von Anders Trentemøller nahezu jeden technoiden Dancefloor in ein Knäuel aus schierer Verzückung verwandeln. Zu gut funktioniert die Kombination aus schweren Kicks, massivem Bass und der idealen Menge DSP-Schnipsel obendrauf, ausgefeilt bis ins letzte Bit. “Sweat on the Walls” par Exellence. Rockt wie nichts Gutes. Der 32-jährige Däne mit Rockband-Vergangenheit holt dabei mit seinem Perfektionismus den maximalen Drive aus der Essenz von Techhouse. Inklusive aller Schwächen, die dieses Genre mit ich bringt: Denn die Hybrid-Musikrichtung von zwischen den Stühlen, die nichts sein will außer einer raffinierten Understatement-Variante von Abfahrt samt kalkulierter Sickness, lässt doch immer wieder Begriffe wie Wärme oder Soul im Strobonebel zwischen zwei leeren Vodka-Redbull-Gläsern verkümmern.

Trotzdem findet natürlich alles, was zerrt, zieht, drückt, nach vorne will, jederzeit ein Zuhause in Trentemøllers Tracks. Und dafür, dass es nicht langweilig wird, sorgt sein Perfektionismus. Denn bei aller Funktionalität, seine Tracks bleiben spannend: “Es macht mir einfach am meisten Spaß, die ganzen Details der Tracks auszuarbeiten. Steht erst mal die Bassline und der grobe Aufbau, stürze ich mich in die Feinarbeit. Es gibt schon zu viele Clubtracks, in denen sich gar nichts ändert. Für mich ist ein guter Track im Club immer eine Reise von A nach B, also versuche ich das auch so zu machen.” Allerdings hat Anders auch die Schattenseiten des Perfektionismus zu spüren bekommen: “Früher habe ich manchmal mehrere Monate an einem Track gearbeitet, ohne das ich je zufrieden war. Aber andererseits ist es natürlich auch gut, wenn man seine Ideen ausarbeitet, nicht zu schnell zufrieden zu sein. Trotzdem muss man es dann schaffen, das Spontane der ersten Idee zu erhalten.“ Was rauskommt, sind die knackigsten Clubtracks zurzeit, goutiert von Myriaden von Tanzbeinen. Damit ist der ehemalige Kindergärtner aus Kopenhagen auf jeden Fall um eine Nasenlänge voraus, im Seifenkistenrennen auf der Suche nach dem perfekten Beat.

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