Tresor steht sowohl im Fokus von Berlin-Touristen als auch von Hörern avancierter Technoplatten. Gaben sich dort einst Juan Atkins und Dr. Motte die Klinke in die Hand, wird jetzt wieder an ganz verschiedenen Orten gelebt und gearbeitet. Wie man unter der Legende, der härteste Club der Welt zu sein, nicht erstarrt, erklärt die Label-Chefin Carola Stoiber Alexis Waltz & Aljoscha Weskott.
Text: aljoscha weskott & alexis waltz | aljoscha & alexis@classlibrary.net aus De:Bug 52

techno

BAM BAM BAM BAM
Tresor als Label

Techno und der Punkt, dass er einfach nicht aufhört, drückt sich kaum irgendwo so komprimiert und unnachgiebig aus wie in der Arbeit des Club/Label-Zusammenhangs Tresor. Trotz der Abgesänge und feuilletonistischen Nachruforgien auf den Techno-Tempel hat die Mythenbildung keine regressiven Rillen in den Vinylscheiben des Labels hinterlassen. Alles begann Anfang der Neunziger, als man die Signale aus Detroit hörte und die Produktion auf heute nicht mehr nachvollziehbare Weise internationalisierte. Ganz verschiedene Deepness-Schichten trafen in den gemeinsamen Produktionen von Basic Channel aka 3MB und Juan Atkins aufeinander. Underground Resistance erreichten ihre größte konzeptuelle Geschlossenheit und physische Performanz. Nachdem das Verständnis davon, was Techno ist, auf beiden Seiten des Atlantiks auseinanderdriftete, erkannte man bei Tresor früh die Notwendigkeit der Cristian Vogel-Schule. Heute beweist man mit Interventionen in den überlaufenden Mix CD-Markt mit gemixten Manifesten Dan Bells und Matthew Herberts und auch dem aktuellen Labelüberblick “Tresor Vol 9” mit Surgeon, Supercollider, DJ Rush u.a. Sensibilität für die aktuellen Erschütterungen der Floors.

de:Bug: Ist das Label aus dem Club entstanden?

Carola: Das Label gibt es schon seit 1988, als Interfisch. Damals waren Dimitri Hegemann und Achim Kohlberger selbst als Musiker aktiv, die kannten Clock DVA aus Birmingham. Die machten Elektropunk, noch keinen Techno oder Acid House, aber auch nicht wirklich EBM, eine komische Mixtur eben. Clock DVA hatten kein Label mehr, da haben die beiden der Band gesagt, dass sie ihre Sachen toll finden, und aus der Fischbüroszene heraus, das ein Meetingpoint für alle möglichen Künstler war, ein Label gegründet.
So fing das 88 an. Cosmic Baby, Motte und Jonzon haben schon damals für uns Platten gemacht. Dann kamen die ganz frühen Acid House Produktionen von Berliner Produzenten. Bald gab es den Ufo-Club, da lief zum ersten Mal Acid House. Motte hat da aufgelegt, das war die spätere Loveparade-Clique. Der Club musste dann aber zu machen, plötzlich war es eine völlig neue Situation in Berlin, es gab neue Territorien und man ging auf Location-Suche. So entstand der Tresor.

de:Bug: Wie kam denn die Detroit-Connection zustande?

Carola: Es gab damals eine Band, Final Cut, die Rap mit elektronischer Musik kombinierte. Dimitri hat auf einer Reise nach Chicago im Tausch gegen Clock DVA eine Lizenz für die bekommen. Die wurden auch auf das erste elektronische Atonal-Festival u.a. zusammen mit 808 State eingeladen. Dabei war auch Jeff Mills. Der war der Mastermind von Final Cut. Es gab hier und bei denen diese Aufbruchsstimmung: und die wollten den Detroit Sound in die Welt bringen. Sie schlugen uns vor, X-101 in Europa zu veröffentlichen. Wir wussten: Jetzt gibt es den Tresor Club, und der Sound, der jetzt kommt, wird definitiv härter sein. Und es war klar, jetzt heißt das Label auch Tresor Records, um klar zu machen: hier ist ein Cut zu dem, was vorher war. Das passt jetzt, das gehört jetzt soundtechnisch zu dem Club. Immer kommt die Frage, inwieweit das alles geplant war. Es waren aber alles Zufälle. Wir haben nicht gesagt: “Guck mal, in Detroit ist jetzt was los, lass uns da mal was machen.”

de:Bug: Wann hat sich die Labelarbeit so weit professionalisiert, dass ihr wirtschaftlich arbeiten konntet?

Carola: Als sich die Wege von Dimitri und Achim getrennt haben, lag das Label erst mal brach. Einige Künstler haben andere Projekte gemacht. Ab 1994 haben wir das Label dann langsam wieder aufgebaut, und wir sind aus unserem kleinen Kabuff ausgezogen in ein größeres Büro. Drei Leute wurden fest angestellt, die sollten auch leben können, schließlich sollten die Künstler angemessen bezahlt werden. Eigentlich kann ich erst seit dreieinhalb Jahren etwas ruhiger schlafen.

de:Bug: Unterstützt ihr die musikalischen Entwicklungen der Künstler? Oder gibt es schon die strictly techno Vorgabe?

Carola: Das neue Neil Landstrumn geht schon in eine andere Richtung, nämlich Hip Hop und Breakbeat. Das ist aber in Ordnung, wir sagen denen nicht, mach dies oder das. Wir sagen, dass ein Album für den Künstler schlüssig sein soll. Wenn das der Fall ist, nehmen wir einzelne Tracks nicht heraus, auch wenn sie uns nicht gefallen. Das schätzen die Künstler natürlich. Natürlich probieren sie dann und wann auch mal andere Deals oder wollen gleich ein paar Schritte weitergehen, noch berühmter werden. Da schauen wir dann, ob das realisierbar ist. Wir können Projekte und Karrieren nur bis an einen gewissen Punkt bringen. Wenn sich dann herausstellt, dass sie mit einem Album ein ganzes Jahr finanzieren wollen, dann müssen sie woanders hin. Wir können halt nicht fünfzigtausend Dollar hinblättern.

de:Bug: Wie verhält sich Eure Labelarbeit zum Clubarbeit? Ermöglicht der Club, präzisere Vorstellungen vom Label zu bekommen?

Carola: Total. Ich weiß nicht wie das wäre, wenn wir den Club nicht hätten. Du weißt immer was läuft, was die Leute gut finden: Du kannst dich hinstellen und schauen, wann die Leute schreien. Du kannst aber auch sehen, was bei einem schrägeren Track passiert. Dann musst Du überlegen und sagen, wir machen das trotzdem. Das war so bei den ganzen britischen Acts: Als Cristian Vogel zum ersten Mal hier war, konnte kaum jemand tanzen, jetzt schreien die Leute wie verrückt, wenn die schrägen Sounds kommen. Das hat fünf Jahre gedauert.

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Elektronische Lebensaspekte.