Tony Simon ist eine feste Größe des amerikanischen Indie-HopHop. Als Produzent für Aesop Rock zog er stilbildene Strippen im LoFi-Hintergrund. Mit seinem Solo-Projekt "Blockhead" leutet er nun auf Ninjatune ein neues Kapitel ein. Und muss sich über Dinge Gedanken machen, die sich dem manischen Beat-Programmierer bisher nie in den Weg gestellt hatten.
Text: Eric Mandel aus De:Bug 81

Beats aus dem Untergeschoss
Blockhead

Tony Simon steht am Ninja-Tune-Merchandise-Stand, während Hexstatic das Haus mit ihren amüsanten DVD/Audio-Cut-Ups rocken. Er wirkt beeindruckt, aber auch etwas ratlos und muss zugeben, dass er die meisten Stücke des Ninja-Kataloges, die Hexstatic und vorher Coldcut auf die Menge abgefeuert haben, gar nicht kennt. Mit TripHop verbindet er in aller Unschuld Portishead und findet ansonsten: “Es ist ein ziemlich blödes Wort.” Dabei zählt der New Yorker mit dem Kampfnamen Blockhead gegenwärtig zur Nouvelle Vague von Ninja-Tune-Künstlern, und auf den ersten Höreindruck scheint sein Album “Music by Cavelight” so genau ins Labelkonzept zu passen, dass man kaum einen weiteren Gedanken dran verschwenden mag: nach Super Numeri, Bonobo, Pest und wie sie alle heißen mal wieder eine Ausgrabung von instrumentalem Clubsound von irgendwo in der Welt, der im besten Fall zeitlos, im schlimmsten altmodisch klingt, eher gut als genial ist und von der weiterlatschenden Karawane nicht mehr als einen vollen Durchlauf im CD-Player kriegt.
Ist noch jemand wach? Ja? Dann schubst die anderen an, es kann Entwarnung gegeben werden: Blockhead ist jung, aber kein Neuling, vielleicht habt ihr schon was von ihm zu Hause, sein Name steht nur in der Regel auf der Plattenrückseite, beispielsweise auf den ersten beiden LPs von Aesop Rock, aber auch dem etwas untergegangenen Comedy-Projekt Party Fun Action Comittee, ebenfalls auf Blockheads Stammlabel Def Jux, wo auch Slug, Murs und C-Rayz Walz zu seinen Kunden gehören. Wer Aesops ”Daylight/Nightlight”-EP kennt, wird auch schon festgestellt haben, dass Blockhead-Produktionen als Instrumentals genauso gut dastehen wie die Vocal-Versionen. “Seit ich produziere, war meine Einstellung: Es geht bei Beats um mehr als um einen Drumloop mit Bass. Du brauchst Parts, Layers, damit kannst du deinen MC auch einfach besser unterstützen. Und so klangen die Tracks auf meinen Beat-CDs immer schon mehr wie Songs.”
Für die aktuelle Aesop-Scheibe ”Bazooka Tooth“ steuerte er ebenfalls noch drei Tracks bei, respektiert aber auch Aesops Entscheidung, derbere Sounds zu testen. “Bazooka Tooth ist schon ziemlich end-of-the-world, sehr apokalyptisch und man muss sich schon Mühe geben, dabeizubleiben. Es ist noch mehr ‘Nightlight’ geworden, während ich im Vergleich dazu eher der ‘Daylight-Typ’ geblieben bin.“

Als vor drei Jahren das damals mit Acts wie cLOUDDEAD, Boom Bip oder Radio Inactive einigen Staub aufwirbelnde US-Label Mush bei Blockhead nach einem Instrumental-Album anklopfte, war das für den gebürtigen New Yorker der logische nächste Schritt, seine Producer-Skills in richtigen Songs auszutesten. Das war kurz vor der Kontroverse zwischen Def Jux’ El-P und dem seinerzeit noch mit Mush in Verbindung stehenden Anticon-Founder Sole. Ob es an diesem Streit lag oder ob die Leute bei Mush mit ihrer Vision von Indie-HipHop als “neuem Grunge” einfach nicht alle Tassen im Schrank haben, werden HipHop-Historiker kommender Generationen analysieren, Jedenfalls hörte Tony von Mush kein Wort mehr und seine Anrufe wurden auch nicht beantwortet. “Def Jux war an einem Instrumentalalbum nicht weiter interessiert, da sie auch gerade RJD2 hatten, der sowas ja schon machte. Wir haben das Teil also rumgeschickt und bekamen dann glücklicherweise grünes Licht von Ninja Tune, was so ziemlich das Beste ist, was passieren konnte. In den USA interessiert sich nämlich kein Mensch für Instrumental-HipHop. Außer Shadow und RJ kenne ich eigentlich auch nichts in der Richtung.”

LoFi-Sampling bei Kerzenschein
Blockhead-Produktionen ist einerseits diese gewisse epische Breite eigen, andererseits auch eine gedrückte Matschigkeit, ein bolleriger LoFi-Charme. Herr Blockhead, wie haben sie das gemacht? “Nun, ich bin als Producer wirklich eher LoFi, die meiste Zeit arbeite ich auf einem ARS-10, einem Keyboard-Sampler-Teil, das heute nicht mehr gebaut wird. Tatsächlich sind die Tracks von Aesops Labor Days ohne Effekte komplett auf dem Ding gemischt. Was die Stimmung auf der Ninja-Platte betrifft, ist sie wohl von meinem Arbeitsplatz geprägt, der unteren Etage meiner Wohnung, wo echt nur mein Kram steht und das einzige Licht kommt durch so einen Fensterschlitz oder ich muss eine Kerze anzünden. Daher der Name ‘Music By Cavelight’.”
Der kann aber auch als Höranweisung gelesen werden, denn Blockhead hat das Tempo abermals gedrosselt, arglos Keith Jarrets Köln Concert gesampelt, einen befreundeten Gitarristen einige Takte eingniedeln lassen und tendiert zu wirklich verträumten Stimmungen. Sogar ein Triptychon zum Thema Liebesbeziehung hat er komponiert – eine Platte für den erwachsenen B-Boy und seine Kleinfamilie. Zur Live-Umsetzung muss er sich – in seinem ersten Jahr als Profi-Musiker ohne flankierenden McJob – allerdings noch was einfallen lassen. Jonathan More von Coldcut hat ihm auf lange Sicht natürlich Ableton Live empfohlen, als Opener für die Zen-TV-Tour seiner neuen Arbeitgeber legt er einfach Aesop-Instrumentals und ein paar frische eigene Sachen auf. “Übers Live-Spielen musste ich mir nie Gedanken machen, ich hab halt immer meine Beat-CDs rausgegeben und irgendjemand hat dann seine Platten damit gemacht. Ich musste nie aus meiner Wohnung raus.“

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.