Ebenfalls auf der Compilation "Reflections On Classical Music" vertreten: Francesco Tristano. Der Pianist Francesco Tristano negiert den Graben in den Köpfen und macht erfolgreich, was er ohnehin nicht lassen kann: Musik als Leidenschaft begreifen, und mit all ihren Parametern arbeiten, ohne sich von Epochen und Stilen einengen zu lassen.
Text: Constantin Koehncke aus De:Bug 135

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Crossover ist ein hässliches Wort. In der Klassik wird dieser Begriff für solche Musik verwendet, die die Brücke schlagen soll zwischen klassischer und zeitgenössischer, populärer Musik. Oft sind es die Instrumentalisten, die auf der Geige oder dem Klavier auf diese Art und Weise versuchen, über den Umweg eingängiger Musik ihrem Publikum einen Zugang zum klassischen Instrument und Repertoire zu ermöglichen. Leider ist das Ergebnis oft: musikalische Nivellierung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Wenn man sich mit dem 25-jährigen Francesco Tristano über die Vermischung von klassischer und zeitgenössischer Musik unterhält, merkt man, dass Crossover durchaus etwas anderes bedeuten kann: ”Musik ist ein Kontinuum. Sie in Stile einzuengen ist falsch. Purismus ist im 21. Jahrhundert ein vollkommen überholter Gedanke.” Franceso Tristano steht beispielhaft für eine allumfassende Leidenschaft für die Musik.

In der Welt der Klassik ist der Pianist Tristano ein Wunderkind: Mit fünf beginnt er Klavier zu spielen, mit 13 tritt er das erste Mal auf, er komponiert früh selber und studiert später an der renommierten Juilliard School of Music in New York, an der neben vielen anderen schon Thelonious Monk, Nigel Kennedy oder Miles Davis studiert haben. Wie es heißt, würde der Manager eines großen Klassiklabels Tristano am liebsten sofort unter Vertrag nehmen.

Aber es gibt auch den anderen Francesco Tristano, den, der durch seine Interpretationen elektronischer Musik bekannt wird. Den Tristano, der sich während seines Studiums in New York nachts nach dem regulären Unterricht das Sequenzer-Programm Logic aneignet, beginnt zu diesem Zeitpunkt auch, an eigenen elektronischen Entwürfen zu basteln.

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2005 spielt Tristano am Ende seiner Konzerte immer Derrick Mays wegweisenden Detroit-Klassiker ”Strings of Life“ in einer eigens für das Klavier adaptierten Version. Carl Craig wird auf ihn aufmerksam. Die beiden beginnen einen Austausch von Barcelona, wo Tristano nun lebt, nach Detroit, denn, so sagt Tristano, man könne sich gegenseitig noch sehr viel beibringen.

Ein großer Clou wird das Stück ”Melody“, eine beschwingt-glückliche, rhythmische Pianohymne, die im Remix von Carl Craig den Dancefloor-Feinschliff erhält. An einem schwülen Sonntagabend im Juli tritt Francesco Tristano auf dem Berliner Badeschiff, dieser Mischung aus urbaner Strandbar, Schwimmbad und Konzert-Location, zusammen mit seinem Studienkollegen Justin Messina auf. Ihre Musik vermengt dubbigen Techno, jazzige Elektronika, klassische Melodien. Sie wirkt zerbrechlich, fällt immer wieder in neue Partikel, die sich zusammensetzen oder einfach zersetzt im Raum umher schwingen.

Dass elektronische Musik der klassischen Musik durchaus noch etwas hinzufügen kann, haben zuletzt Carl Craigs und Moritz von Oswalds Interpretationen von Karajans Aufnahmen bewiesen. Gemeinsam mit diesen beiden, die für Francesco Tristano eine Art Lehrmeister in Sachen elektronischer Musik sind, hat er das Trio S.H.A.P.E. gegründet. Daneben hat Tristano eine Band gegründet, er hat eine Compilation für Infiné Music, das Label des französischen Technomeisters Agoria, zusammengestellt, und findet dabei immer noch die Zeit in den großen Konzerthäusern klassische Konzerte, beispielsweise Bachs Goldberg-Variationen zu spielen.

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Sein erster großer Entwurf gelingt ihm allerdings mit dem Album ”Not for Piano“: Hier hat Tristano Stücke eingespielt, die allesamt nicht für das Klavier geschrieben wurden, neben eigenen Kompositionen Stücke wie Jeff Mills’ ”The Bells“, Autechres ”Andover“ oder eben Derrick Mays ”Strings of Life“. Stücke, die ihn früh geprägt haben. Dabei entsteht eine eigene Rhythmik, ein eigenes Spiel, eine eigene musikalische Sicht auf die Dinge.

Mittlerweile ist es dunkel geworden am Spreestrand. Wider Erwarten entlädt sich die schwül-heiße Atmosphäre nicht in einem Gewitter, die Wolken klaren auf und ein leichter Wind beginnt zu wehen, als Tristano nach seinem Auftritt an der Bar steht und Freunde trifft, über neue Projekte spricht und launig seine Getränkemarken verschenkt. Gerade hat er ein Live-Set mit ”Melody“ beendet und die anwesende Mischung aus versprengten Sonntagsravern, jungen Familien, rüstigen Schwimmbadgästen und Studenten ist vereint im Glück.

Eigentlich, so sagt Francesco Tristano dann noch, seien die basischen Impulse der Musik doch immer die gleichen. Es gäbe Melodien, Harmonien, Rhythmik, Kontinuität und Kontraste. Und deshalb seien Trennungen schlicht überholt. Jedes Spiel, jeder Stil hätte doch seinen Reiz. Tristano beweist: Crossover kann sehr schön sein.

myspace.com/francescotristano

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Elektronische Lebensaspekte.

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