In London entsteht die Tropical-Szene, die ein Potpourri aus den Tanzmusiken der Welt zusammenbraut. Radioclit sind das prominenteste Aushängeschild. Uh-Young Kim hat die Szene auf Herz und Nieren und historische Tragweite abgeklopft.
Text: Uh-Young Kim aus De:Bug 125


(Radioclit greifen durch. Foto: WDR Funkhaus Europa)

Die Welt ist eine Discokugel
Tropical World Clash

“Energy, Energy!” Der MC heizt die Meute an, Sirenen heulen durch die Lagerhalle und beim Einschlag einer perkussiven Streubombe gibt es kein Halten mehr. Radioclit sind zu Gast auf dem S.O.M.A. Festival in Köln und legen ein Set hin, wie man es nur selten auf hiesigen Dancefloors zu hören bekommt. Das DJ- und Produktionsduo aus London spielt einen brachial upliftenden Mix aus den populären afrikanischen Musikstilen Coupé Décalé, Pretoria House, Kuduro, Kwaito und weiteren Dance-Music-Bastarden wie Bassline, Baile Funk, Baltimore Club, Chicago Juke und Reggaeton. In nur einer dichten Stunde spannen sie ein pulsierendes Rhythmusgeflecht aus unerhörten Tracks rund um die Welt. Dabei operieren Johan Karlsberg und Etienne Tron, die sich vor kurzem noch als Außenseiter sahen, mittlerweile aus dem Zentrum einer Bewegung heraus, die sie Tropical World Clash nennen: ein Hybridgenre, das die urbanen Tanzmusiken aus den Favelas, Townships und Dancehalls unterhalb des Äquators mit dem House-Kontinuum kurzschließt. Der Erfolg von M.I.A. hat ihnen und anderen sehr unterschiedlichen Formationen den Weg in Trendlocations und Bescheidwisser-Blogs geebnet. Im Frühjahr widmete das amerikanische Hipsterblatt The Fader dem von Radioclit produzierten Sänger Esau Mwamwaya eine Titelgeschichte. Und Time Out präsentierte den Schweden, Franzosen und Malawier als Aushängeschild des afrikanisch geprägten Londons.

Natürlich wissen Johan und Etienne, wie limitierend, exotisierend und allgemein der Genrename Tropical ist. Entsprechend zögerlich fällt ihr Bekenntnis zu der Schublade aus. Sie lehnen ihn aber auch nicht ab, wohlwissend, wie brauchbar so ein Schlagwort sein kann, um einen Sound zu benennen, ihn abzugleichen und irgendwann vielleicht zu verwerfen. Tropical bietet sich nicht nur an, weil es tribal, schweißtreibend und weit weg klingt. Sondern weil es ganz banal die nahe liegendste Kategorie bei MySpace ist, um die Öffnung der Clubkultur für Einflüsse aus der World Music zu bezeichnen (und MySpace formt die Wahrnehmung von Musik mittlerweile nun einmal mehr als jedes andere Medium). Ein Blick auf Radioclits Freundesliste offenbart, wie verschieden die Mitglieder dieser losen Szene sind, die weit über London hinaus verzweigt ist. Temporäre tropische Zonen tauchen in den Staaten überall dort auf, wo Diplo mit seiner Posse aufläuft. Gerade produziert er mit dem anderen M.I.A.-Producer Switch als Major Lazer ein Album auf Jamaika. Das Duo Buraka Som Sistema aus Lissabon hat derweil den Kuduro aus Angola aufgepimpt. Von Barcelona aus rollt El Guincho mit mediterranen Bomb-Squad-Collagen das Feld auf, Domino Records hat bereits zugegriffen. In Berlin legen die Sick Girls und Daniel Haaksmann Fährten in das Schlaraffenland des Ghetto Pop aus. Und sogar die auf Steel Drum, Marimba und Balafon herumklöppelnden Indie-Kollektive Architecture in Helsinki und The Ruby Suns vom australischen Kontinent sind in die afrophile Tropical-Bewegung eingemeindet.

Alles zusammen in Notting Hill
Die polynesisch beeinflussten Ruby Suns aus Neuseeland waren im Mai zu Gast bei Secousse, der Clubnacht von Radioclit im Notting Hill Arts Club. Auch A.J. Holmes, der selbst erklärte “King Of The New Electric Hi-Life”, legt dort oft auf, seitdem er nach fünf Jahren in Wedding wieder in sein Heimatviertel Hackney gezogen ist. Im afrikanisch geprägten Osten Londons hat der weiße Brite gelernt, die Gitarre im Landesstile Malis zu spielen, und den Hi-Life später mit kauzigem LoFi-Pop gekreuzt. Einmal im Monat bringen Radioclit Grenzgänger wie Holmes mit Londoner Bands wie der simbabwenischen Combo Harare zusammen und ziehen damit sowohl Schalträger im American-Apparel-Look als auch Figuren aus der afrikanischen Community an. Der Raum ist in sattem Grün dekoriert, Dschungelklänge eröffnen den pumpenden Mix der DJs, dazu singt Esau Mwamwaya, als ob er gerade auf dem Gipfel des Kilimandscharo stehen würde. Für ihn haben Radioclit gerade ein ganzes Album produziert. Auf dem gerade von diversen Labels heftig umworbenen Werk singt der “afrikanische Phil Collins” Acapella-Stücke im Stile des “König der Löwen”, glücklich machende Pop-Nummern, die Paul Simon in die Ära von Ableton Live holen, aber auch über zügellos perkussive House-Banger. Als Gäste sind M.I.A., die New Yorker Band Vampire Weekend und Marina – ehemals von Bonde Do Role – mit von der Partie. Remixe und Produktionen für Santogold, Mika, Shitdisco, Yo Majesty und Dancehall-Star Turbulence sind bereits im Kasten.

Tropical 1, Minimal 0
Zurück auf dem S.O.M.A. Festival: Die Menge tobt. Mastermind Etienne ist versunken in seine Selection, Feierkollege Johan feuert sonische Detonationen aus dem Sampler ab, während der 20-jährige Grime-MC Ears breitbeinig über den Kontrollverlust auf dem Floor regiert. Ein B-Boy springt auf die Bühne und rockt zum polyrhythmischen Beat der nächsten Radioclit-Single “Secousse”. In bester Soundsystem-Manier herrscht ein unmittelbarer Vibe, bei dem alles im roten Bereich anschlägt. Von Claps, Bässen und Chants angetriebene Tracks gehen als wummernde Attacken auf die Sensomotorik los. Der ganze Laden johlt und springt. Kein Vergleich zur Afterhour noch am Morgen zuvor an selber Stelle: Da verwaltete die gepflegte gerade Kick des üblichen Minimal-Moll-Techno die Tanzfläche, die DJs hielten die Schlafüberdrüssigen streng bei der kurzen Leine, mittags geisterten etliche chemische Wolken über die Industriebrache im Mad-Max-Stil. Keine Spur mehr von den inspirierenden Momenten, die einst von der Techno-Kultur ausgingen. Klar funktioniert die heilige Bassdrum nach wie vor, ihr Puls ist auch im Tropical allgegenwärtig. Doch in den letzten Jahren hat sich der 4/4er nur über selbstreferenzielle Verfeinerungen und rückwärtsgewandtes Liebhabertum von Saison zu Saison gehangelt: von einer kurzen Acid-Renaissance und noch mehr Retro-Deep-House über die Cosmic Disco bis zu Post-Punk. Minimal will ja eh keiner mehr sein, Geldverdienen müssen aber viele damit. Nun lösen sich die zu Tode reduzierten Essenzialismen in steriler Gleichförmigkeit auf, sind die letzten Gebiete nostalgischer Kennerschaft abgegrast und auch die abseitigsten Götzen durchgenudelt. Kuhglocken-Schrammel-Bands kennen nicht einmal mehr Gang Of Four, sondern beziehen sich auf James Murphy. Environ wird wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit tolle, aber sattsam bekannte Muster durchdeklinieren. Und der Nu Rave hat sich als Endstufe der Selbstbespiegelungssause vollends abgeschossen. Der Zyklus der Koalition aus Indierock und Techno von und für weiße Jungs neigt sich nach über fünf Jahren dem Ende zu. Erzähl mir nichts mehr über handgespielte Trackästhetik, Downtown-Mythen und verschollenen Italo Disco von anno dazumal. Was passiert eigentlich gerade an der Elfenbeinküste? Welchen Sound feiert man in São Paolo, Southside Chicago und Auckland?

Ohne Percussion geht gar nichts
Ausgerechnet aus den lokalen Szenen der unglücklich so genannten World Music kommen derzeit die neuen, spannenden Impulse für die Dance Music. Dabei gab es Zeiten, als z.B. Bongos und Congas ein No-Go in der elektronischen Musik waren. Schon beim Gedanken daran kamen Ethno-Hippie-Klischees aus Patchoulidüften, Parktrommlern und Ausdruckstänzern mit Goa-Stich auf. Heute ist Trance wieder ok, und fast kein Carl-Craig-Track kommt mehr ohne den Einsatz eines schmissigen Percussion-Loops nach fünf Minuten Monotonie aus. Neben Ricardo Villalobos hat Craig mit Remixen für die Morna-Diva Cesária Évora von den Kapverden und zuletzt für die Afrobeat-Ikone Tony Allen viel zur Öffnung gegenüber Musikkulturen beigetragen, die den Horizont des gemeinen Ravers übersteigen. 2008 sind weitere wegweisende afrikanisch inspirierte House-Tracks aufgetaucht. Henrik Schwarz hat mit der populären Xhosa-Band Amampondo aus Kapstadt das hypnotische “I Exist Because Of You” produziert. Bereits 2006 schlug er mit einem Remix für die skandinavische Yoik-Sängerin Marie Boine eine Brücke zur Weltmusik und hat dabei dezent ein wenig Tribalismus zurück in den House gebracht. DOP aus Paris wiederum lassen den traditionellen Griot Sibiri Samaké aus Mali über ihren Minimal-Track “Foly” singen. Und ohne die Melodie aus Juan Jiménez’ Stück “La Cumbia Cienaguera” von 1951 hätte es Samims “Heater” nie bis nach Ibiza und in die Fußballstadien geschafft. Sehr viel deeper greift Matias Aguayo die Rhythmen Lateinamerikas auf.

Der Blick zurück
Programmatisch für den transkulturellen Clash im Zeichen der Samplekultur, wie er sich nun im Tropical aktualisiert, war der Coldcut-Remix von “Paid In Full” aus dem Jahre 1987. Eric B. & Rakim hassten den Remix zwar wegen des Ofra-Haza-Samples. Aber mit dem Chorus aus “Im Nin’alu” wurden sie größer als HipHop. 18 Jahre später knüpfte der Überhit “Galvanize” von den Chemical Brothers und Q-Tip mit einem Sample von der marokkanischen Sängerin Najat Aâtabou an die Kombination aus Breakbeats, Rap und orientalischer Hook an. In den dazwischen liegenden Neunzigern waren Entwürfe einer hybriden Dance Music dann stark vom Community-Gedanken geprägt. Im britischen Asian Underground um Talvin Singh oder die Asian Dub Foundation etwa ging es immer auch um ethnische Identifikation. Von der anderen Seite her sind unter dem Deckmantel des kulturmissionarischen und letzlich paternalistischen Mottos “Elektronik meets Tradition“ so manche Verbrechen begangen worden. Heute ist Multiethnizität ein normales und grundlegendes Merkmal fast aller Gesellschaften. Befreit von national kodierten Verbindlichkeiten können sich von daher Klänge als pure Materialitäten entfalten, ohne Stereotypen der Ferne und des Fremden hervorzurufen. So verwendet auch die Dubstep-Ausnahmefigur Shackleton ganz unbefangen Spuren arabesker Volksmusiken in seinen apokalyptischen Subbass-Tracks. Zu seinen Vorbildern zählt er den türkischen Sazspieler Erkan Ogur und den pakistanischen Weltstar Nusrat Fateh Ali Khan. Und auch Benga muss keine indischen Vorfahren haben, damit seine Tabla-Exkurse überzeugen.

Frei von jeglichem Authentizitätszwang eignen sich Radioclit nun die aktuelle urbane Dance Music aus Afrika an. Und zwar von unten und auf gleicher Augenhöhe – mehr Bruce Lee als Peter Gabriel. Auch bei ihnen scheint ein HipHop-Hintergrund durch: Johan war Mitglied der “Eurocrunk”-Truppe Stacs Of Stamina, Etienne war für Big Dada tätig und brachte Diplo mit M.I.A. (musikalisch) zusammen. Nicht zuletzt findet durch Tropical der universalistische Pioniergeist von HipHop im Sinne von Afrika Bambaataas “Planet Rock” wieder Eingang in die Dance Music. Das Bündnis zwischen fahlen Ravern und blassen Indie-Kids mag als Gegenpol zur Dominanz von Mainstream-Rap und Hochglanz-R&B für einige Zeit Sinn gemacht haben. Nun hat man aber lange genug im eigenen Saft geschmort. Der Blick schwenkt in die Inner Cities von Brasilien, Afrika und Nordamerika. Dort blinkt es bunt und schrill wie in türkischen 1-Euro-Shops und M.I.A.s neuer Modekollektion. Deutlich wird die Wende mit dem Stück “Township Funk” von DJ Mujawa: ein magischer, darker Kwaito-House-Track aus Pretoria. Erinnerungen an Laurent Garniers “Flashback” und frühe LFO werden bei dem Tune mit der ansteckenden Signalmelodie wach – und doch klingt er völlig neu. Im September wird der zwei Jahre alte Hit aus Südafrika auf This Is Music aus dem Umfeld von Simian Mobile Disco in England veröffentlicht. Für den Rest der Welt hat Warp das Stück gerade lizenziert. Die korrekte Seite der Globalisierung ruft.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.