Brillante Disco-Momente im Sampler
Text: Jan Joswig aus De:Bug 119


David Wolstencroft ist einer dieser Kapuzenpulli-Nerds mit Tunnelblick, die Musik machen und sich für nichts anderes als Musik interessieren. Er könnte Helden haben wie Morrissey von The Smiths, Schauspieler wie James Dean, Joe Dallesandro, Jean Marais, Rita Tushingham, Leo Ford. Immerhin kommt Wolstencroft wie Morrissey aus Manchester. Und das Cover von Wolstencrofts Album “Working Nights“ kann man als Referenz an die Smiths-Cover lesen mit ihren überfärbten Porträtfotos. Das geht Wolstencroft aber zu weit. Die übermüdete Raucherin auf seinem Foto ist nur ein anonymes Showgirl aus Las Vegas, niemand Spezielles. Und an seine Heimatstadt Manchester bindet ihn nur eines: das “Vinyl Valley“, ein Karrée von acht “weltberühmten“ Schallplattenläden im Norden der Stadt, “der erste und letzte Einfluss“ für seine Arbeit.

Aber seine Arbeit, die steckt voller begnadeter Trüffelschwein-Wühlerei. Als “Trus’me“ macht er sich auf die Suche nach den genialen paar Minuten im Schaffen der Dance-Produzenten der späten 70er, frühen 80er und optimiert diese Momente in einem epischen Deephouse, der überquillt vor der versunkenen Atmosphäre ehemaliger Disconächte. “Ich produziere wie ein HipHopper, immer auf der Suche nach der perfekten Tanz-Phrase. Einige Künstler haben nur einen kurzen brillanten Moment. Den muss man als Sample einfangen und herausstellen, damit ihn alle hören können.“

Gerätepark aus den 80ern

Besonders mit seiner dritten EP ”W.A.R.“ hat Wolstencroft eine ausufernde Berg- und Talfahrt aus gecutteten und zerbröckelnden Soul- und Disco-Samples geschaffen, die perfekt mit der Grammatik von Theo Parrishs Deephouse-Dekonstruktivismus spielt. Was Parrish auf seinem frühen Meisterwerk “Only The Beginning“ die Stimme von Luther Vandross war, ist Wolstencroft bei “W.A.R.“ der Gesang von Marvin Gaye: ein Flehen aus der Ferne, das mit seinem dramatischen Ballast die fordernden Beats belagert wie der Nebel die Stadt Antonio Bay in Carpenters “The Fog“.

Das Album “Working Nights“ fasst vier Tracks von früheren EPs zusammen, darunter “W.A.R.“, und ergänzt sie mit fünf neuen Stücken, die Wolstencrofts Vorlieben von Afro bis Disco ordentlich durchwringen, bis zur Höchstspannung auseinander dividieren und dann die Wolkendecke aufreißen lassen. Dabei ist er dankenswerterweise nicht esoterisch genug, um sich um die introvertierte Bockigkeit zu scheren, auf die sich Parrish-Stücke gelegentlich versteifen. Alles natürlich eingespielt mit einem Gerätepark aus den 80ern, der Zeit, als die “real Musicians“ auf die Elektronik trafen. Von Computern hält sich Wolstencroft so weit es geht fern.

Auf Wolstencrofts erster “Prime Numbers“-Party war Parrish-Kumpel Moodymann der Gast-DJ. Das passt genau ins musikalische Bild. Die “Three Chairs“ Moodymann, Theo Parrish und Rick Wilhite müssen einen vierten Stuhl an ihre Tafel rücken. Und der wird nicht am Fußende stehen.
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Elektronische Lebensaspekte.