Text: Janko Röttgers aus De:Bug 18

Wenn Wunschmaschinen surfen lernen Identität in Zeiten des Internet: Sherry Turkle im eMail-Interview Janko Röttgers roettgers@devcon.net ”You can create as many brains as you like.” Nein, das ist kein Zitat aus einer Anleitung für heimische Klon-Experimente. Es stammt aus einem Promo-Text der Firma Natrificial, deren Programm “The Brain” sich anschickt, die Desktop-Metapher durch eine Hirn-Metapher zu ersetzen: Statt auf Fenster und Ordner setzt “The Brain” auf ein Geflecht aus Gedankensträngen und Assoziationen. Zugegeben: Im Detail ist das noch etwas unausgegoren. Und Design-Bibeln hatten die Natrificial-Programmierer wohl auch nicht unterm Kopfkissen. Aber vielleicht Sherry Turkles Buch “Life on the Screen” – behauptet sie doch darin, in der Ästhetik einer Benutzeroberfläche spiegle sich unser Identitätsbegriff. “The Brain” ist demnach nichts anderes als in Codeform gegossene postmoderne Theorie: Nichtlinear, multipel, vernetzbar. Doch wer ist Sherry Turkle? Chatten als Forschungsauftrag Die MIT-Professorin beschäftigt sich seit Anfang der 80er mit psychologischen Aspekten der digitalen Revolution. Den Beziehungen zwischen Mensch und Maschine widmet sich ihr 1984 erschienenes Buch “The Second Self: Computers and the Human Spirit” (deutsch: “Die Wunschmaschine”). Gegen Ende der 80er verschiebt sich ihr Arbeitsfeld. Bulletin Boards und das Internet machen den Computer mehr und mehr zum Kommunikationsmedium. Sherry Turkle schreibt dazu in einer eMail: “Ich begann mich dafür zu interessieren, wie die Natur des Mediums die Beziehungen der Menschen beeinflußt. Und auch die Beziehung der Leute zu sich selbst – anders gesagt: wie dies die Identität des Einzelnen beeinflußt.” Sie entdeckt Chats, virtuelle Communities und textbasierte Rollenspiele (MUDs) im Netz als Forschungsfeld. Über mehrere Jahre befragt sie mehr als tausend Personen zu ihren Online-Erlebnissen und sammelt selbst eigene Erfahrungen. Das Ergebnis hält sie im Buch “Life on the Screen” fest, daß Anfang diesen Jahres auch auf Deutsch erschienen ist. Cyrano im Cyberspace Das Buch analysiert akribisch die technologischen Diskurse von den Siebzigern bis zum Internet-Boom. Neue Forschungsansätze zur Künstlichen Intelligenz, veränderte Interfaces, Computereinsatz in der Psychoanalyse – für Sherry Turkle sind dies alles Stationen auf dem Weg zur computervermittelten Selbsterkenntnis. Vorläufig letzter Zwischenstop: Das Netz als Ort der Rollenspiele, Ort der Selbstverwandlungen. “Wenn die Leute Online-Persönlichkeiten annehmen, neigen sie dazu, verschiedene Aspekte ihrer selbst auszuspielen. Sie beginnen, sich fließend zwischen ihnen zu bewegen.” Das Wechseln zwischen den einzelnen Fenstern eines Chat-Clients wird zur Metapher für fließende Identitätswechsel. “Weil das Netz extravagante Experimente erlaubt – mit den Möglichkeiten des Geschlechtswechsels, eines flexiblen Alters und dem ganzen Rest – bringt es uns dazu, die Frage nach der Bedeutung von Identität neu zu stellen.” Die Antwort darauf fällt nicht immer einfach aus. Manch einer hat Schwierigkeiten, die Online-Erfahrungen in sein “echtes Leben” zu integrieren. “Ich nenne dies gerne den “Cyrano-Effekt”. Rostands Charakter erschuf sich eine text-basierte virtuelle Realität, die Welt seiner Briefe, um sich der Frau auszudrücken, die er liebte. Aber er konnte nie glauben, daß er der Mann war, den sie liebte.” In anderen Fällen nimmt die Fleischwerdung der virtuellen Charaktere auch schon mal groteske Züge an. Als Sherry Turkle sich mit der Online-Geliebten eines ihrer Gesprächspartner treffen will, führen ihre Recherchen sie in ein Altersheim. Das “Fabulous Hot Babe” entpuppt sich als die kollektive Schöpfung einer Gruppe gelangweilter Rentner. Willkommen in der neuen Mitte Allerdings gestaltet nicht jeder sein Online-Leben derart extravagant. Einige der Befragten richten es sich im Netz ausgesprochen heimelig ein. Sie bauen sich in ihren MUDs hübsche Häuschen, erarbeiten sich Ansehen und Reichtum und heiraten schließlich mit großer Zeremonie. Sehen so radikale Identitätsexperimente aus? ”Für einige Leute bietet der Cyberspace einen Zugang zur Mittelklasse, den das Real Life ihnen verweigert. Sie wuchsen in Mittelklasse-Familien auf und gingen zum College. Doch jetzt arbeiten sie in Fast Food-Restaurants oder Geschäften, die meisten teilen sich Wohnungen, einige sind zurück zu ihren Eltern gezogen. Sie leben nicht so, wie man ihnen glauben machte, daß jemand mit einer College-Ausbildung leben würde.” Im Netz dagegen funktioniert sozialer Aufstieg kinderleicht. Kauf dir ein Modem, und du gehörst zur Info-Elite. ”Im Cyberspace haben sie das Gefühl, zur Mittelklasse zu gehören. Sie verbringen ihre Zeit mit Leuten, deren kulturellen Background sie teilen. Sie fühlen sich in einer politischen Umgebung zuhause, in der sie sich abgrenzen können.” So mutiert das vielbeschworene globale Dorf stellenweise zu einer Ansammlung biederer Vorstädte. Und ihre Bewohner genießen die Zugehörigkeit zur neuen Mitte. Apropos Politik: Einige von Sherry Turkles Gesprächspartnern schätzen am Netz besonders, politischen Einfluß auf das Online-Geschehen nehmen zu können. Für sie ist das Internet eine Art Abenteuerspielplatz der Basisdemokratie. Entwickelt sich damit auch ein neues Verhältnis gegenüber “realer” Politik? “Als jemand, dessen politisches Bewußtsein sich in den 60ern entwickelt hat, muß ich leider sagen, daß sich die Dinge nicht in diese Richtung bewegen.” Statt dessen überwiegt Desinteresse gegenüber den politischen Entwicklungen außerhalb des Netzhorizonts. “Du mußt dich nicht mit dem Zustand deiner Stadt beschäftigen, wenn du weißt, daß du diese andere Alternative hast.” Not all boys and their toys Wenn Technik schon nicht die Welt verändert, so hat sich doch einiges in der Welt der Technik verändert. Was für Sherry Turkle auf der sprachlichen Ebene anfängt: “Traditionellerweise hat die Computer-Kultur am Anfang eine Sprache mit sich gebracht, die dazu tendiert, Mädchen auszugrenzen. Ich meine, wenn Du einen Fehler machtest, hat der Computer dich gefragt: “Abort, execute, or kill?” Diese Worte vermitteln Bilder, die Mädchen einfach nicht zusagen. Heute benutzen Computer keine solchen Eroberungsmetaphern mehr.” Neben der Semantik spielt ihrer Meinung nach auch das Design eine wichtige Rolle. Womit wir wieder beim Interface wären: Durch den Sprung vom zeilenorientierten zum Desktop-Betriebssystem wurden Computer gegenständlicher. “Ich verstehe dies nicht als eine Vereinfachung, sondern als eine Verschiebung von der Kalkulation zur Simulation. Interfaces bringen dich dazu, sie zu manipulieren, mit Objekten auf dem Bildschirm zu spielen. Ganz, als wären sie greifbare Objekte, Elemente einer Collage.” Nicht mehr Herrschaft und Kontrolle über die Maschine, sondern spielerisches Ausprobieren ist gefragt. Auf der Strecke bleibt dabei eine männlich geprägte Expertenkultur. Macs sind was für Mädchen, hieß es deshalb eine zeitlang. Oder eben für Designer – aber die sind ja eh alle schwul … Wenn allerdings der Computer geschlechtsneutraler geworden ist – überträgt sich dies auch automatisch auf unseren Umgang mit ihnen? Genauer gefragt: Ist das Netz jene Gender-freie Zone, als die es so gerne bezeichnet wird? Sherry Turkle hat da andere Erfahrungen gemacht: “Frauen, die ins Netz gehen, sind oft von den Flamings abgeturned, von der vormenschlichen Primitivität, die sie dort zu sehen bekommen. Aber sie finden Plätze im Netz, wo dies nicht der Fall ist. Und wenn sie diese nicht finden, können sie solche schaffen – it’s not all boys and their toys.” Die intime Maschine Wenn man sie nach der Zukunft des Netzes fragt, hütet sich Sherry Turkle vor Mutmaßungen. So möchte sie sich weder auf die Seite der Propheten, noch auf die der Kassandra-Rufer schlagen. “Hypen oder Bashen legt den Schwerpunkt auf die Technologie. Ich versuche, den Schwerpunkt auf die Menschen und ihre menschlichen Entscheidungen zu legen.” Weniger ungewiß ist indes ihre eigene Zukunft. Das nächste Projekt und damit auch das nächste Buch sind bereits in Arbeit: “Ich beschäftige mich damit, in welcher Weise der Computer anfängt, auf unser Körperbild Einfluß zu nehmen. Wie sich Identität verändert, wenn die Menschen eine weitaus fließendere Grenze zwischen sich und der Technologie erfahren.” Angeregt wurde sie dazu durch einige Kollegen am MIT, die mit Wearables experimentieren. Sherry Turkle konnte beobachten, daß diese tragbaren Computer für ihre User oft weit mehr sind als nur Tools oder Prothesen. Sie realisieren sich damit ihre Träume vom synthetischen Menschen: “Sie nennen sich sogar Cyborgs. Ich habe den Computer immer schon als eine intime Maschine verstanden. Aber jetzt sehe ich, daß diese Intimität auf eine sehr drastische Weise konkret wird.” Sherry Turkles Buch: Leben im Netz ist bei Rowohlt 1998 für 48,-DM erschienen. Links & Info Homepage Sherry Turkle http://web.mit.edu/sturkle/www/ Natrificial/ The Brain: http://www.thebrain.com ZITAT: Kauf dir ein Modem, und du gehörst zur Info-Elite. Abort, execute, or kill?

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Elektronische Lebensaspekte.