Weg vom inszenierten 80s-Pop-Ego, hin zum Turner, wie er leibt und lebt. So klingt sein neues Album "Slow Abuse".
Text: Sarah E. Schwerzmann aus De:Bug 96

Näher geht’s nimmer

Vor langer Zeit einmal: Turner hat seinen ersten Auftritt. Es wäre doch schön, wenn die Distanz zum Publikum nicht allzu groß wäre, hat er sich gedacht, und keine Bühne aufbauen lassen. Ja und dann ging es los. Turner konzentriert sich. Schaut nach dem dritten Track mal ins Publikum. Alle weg. Die haben im Nebenraum auf den Sänger gewartet. Bühnenpräsenz pur. Seitdem sind einige Jahre ins Land gezogen. Drei Alben hat Turner ungehalten veröffentlicht, voller schnulzig-aufdringlich-märchenhaftem Sound, der auch mal handgreiflich wird, einen aufs Bett pappt und mit Rage auf den Tränendrüsen rumdrückt, bis nichts mehr kommt. Auch wenn es brutal klingt, haben wir es nicht alle genossen? Und es sah so aus, als könnte es noch ewig so weitergehen, hätte da nicht das vierte Album ein Eigenleben entwickelt: Slow Abuse, der Querschläger.
Schon das Artwork der neuen Platte impliziert, was der Sound später explizit bestätigt: Nun ist aber Schluss damit. Turner ist gewachsen. Hat sich einen Schritt von seinem Studio entfernt und nur noch mit den Fingerspitzen an seinem Equipment rumgefummelt. Das Resultat: genau. Reduziert. Auf den Punkt. Slow Abuse. Weg von diesem 80s-Touch, hat da der Querulant Turner ins Unbewusstsein gepflanzt. Und dieser hat sich leiten lassen, hat sich auf die Essenz konzentriert, die Spuren reduziert und alles weggelassen, was gar nicht da sein muss. Nicht mehr weich gepolstert muss es sein, sondern rudimentär, skizzenhaft. Und überhaupt. Wer braucht denn Drums? Es hat auch so Charme. Komisches Wort, wenn man bedenkt, dass Turner auf diesem Album nur von einem singt: Entfremdung.
Man nutzt aus, wird ausgenutzt, weiß es die ganze Zeit, hat es aber nie bemerkt. Ein alt bekanntes Thema also, geht es in der Turnerschen Weltsicht doch immer um Love, Loneliess, Loss und andere abgegriffene Pop-Sujets. “Diese Themen sind millionenfach bearbeitet worden. Und doch interessieren sie mich, weil sie immer wieder anders ausgelegt werden. Die Person, die den Song geschrieben hat, muss einfach durchscheinen, dann funktioniert alles.” Trotzdem hat es manchmal den Anschein, als würde es bei den Lyrics ein bisschen harzen. Es scheint eben nicht nur Turners Persönlichkeit, sondern auch der deutsch-polnische Hintergrund durch und macht die Platte noch um einiges charmanter. Und das ist wohl auch der Grund, warum man Turner sagt, und nicht Törner.
Wo Turner sich bei seinen ersten drei Platten gewollt hinter einem inszenierten Pop-Ego versteckte und schichtenweise Make-up trug, um sein wahres Gesicht zu verstecken, entblättert er sich bei Slow Abuse langsam und zeigt: Auch ich gucke manchmal drein wie ein begossener Pudel. Ein mutiger Schritt für jemanden, der sich ursprünglich vorgenommen hatte, Backstage zu bleiben. Klar deshalb, dass dies nicht ohne Konsequenzen bleibt. “Ob Menschen aus meinem Umfeld oder beim Label, viele können mit der Platte nichts anfangen. Sie ist ihnen zu persönlich. Zu direkt. So viel wollten sie von mir wohl gar nicht wissen.” Schade, denn es lohnt sich genauer hinzuhören. Mit einer Power, die man von Turner eher weniger kennt, und authentischer als jemals zuvor stellt er sich bei Slow Abuse mitten auf die Bühne und präsentiert sich erstmals als Sänger und nicht nur als nettes Nebengeräusch. Und das findet er selber wohl auch besser so. “Wenn ich mir die letzte Platte anhöre, dann muss ich sagen: Nett, aber es berührt mich nicht. Bei Slow Abuse ist es anders. Ich höre hin und denke schweren Herzens: Gott, ist das traurig. Und es ist ein gutes Gefühl. Es hört sich einfach interessanter an.”

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Elektronische Lebensaspekte.

Hamburgs Turner schießt den Vogel mit dem sehnsuchtstraurigen Gefieder ab. Sein Album "A Pack of Lies" ist nichts anderes als die inoffizielle Hymne aller Taschentücherhersteller. Der Mut zum gefühlvollen Hit mit Politbewusstsein und Authentizitäts-Frühwarnsystem zahlt sich in baren Tränen aus.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 64

Was ist nur mit ihm passiert, dem Turner? Dass er nach einem polterigen ersten Album und den Kratzegitarren auf dem zweiten nun gen weichgezeichnete Gefilde, gen Schmusepop gesegelt ist. Man könnte sagen, zum – wohlgemerkt auf erfreuliche Weise – chartverdächtigen Pop mit zartschmelzenden Melodien. Aber herzallerliebst. Zu wehmütig hingehauchten Wehklagen, die Robert Smith von The Cure anno dazumal nicht dahinwallender hingekriegt hätte. Zu den 80ern und zu “a-ha für Arme”, wie Charlotte von Ladomat zur Promo in Schweden sagt. “Die 80er? Hab ich nicht so richtig bewusst gehört. Das ist eine dreiste Unterstellung”, verteidigt er sich rigoros, schließlich ist Turner spätgeborene 24. Trotzdem ein Album, in dem man sich geborgen fühlt wie in der damaligen Lenorwerbung, in der der freudestrahlende Teddy mit der charmant roten Schleife um den Hals in die kuschelweichen Frottéehandtücher sinkt und sich an ihnen reibt. Voll von romantischer Verklärung und Sehnsuchtsgestus und einer nicht zu unterschätzenden Kniekehlenwippattitüde, die schon auf den vorigen Platten sachte anklang. So was soll tanzbar sein? Der Kniekehlentritt geht gezielt an die Mitwipper und -schwinger. Ein Königreich für so hingeschmalzte Liedzeilen wie “Heaven is here, touching your lips”. Harmonie darf gar nicht weit genug gehen, hier nicht.

Warum singst du?

“Nach dem letzten Album hat es mich genervt, dass das Projekt Turner so unentschieden ist, dass da überhaupt Gesang drauf war (die Single ’been out’), weil es die anderen Stücke mit auf ein Level gezogen hat. Die nächste sollte eine Songplatte werden, ein Märchenalbum, das mit slawischen Märchen spielt. Das Titelstück ’Pack of Lies’ ist das letzte, was davon übrig geblieben ist. Eine polnische Gute-Nacht-Geschichte, die ich frei ins Englische übersetzt habe. Der Gesang sollte entschiedener teilen, dass das Tanzclubmäßige auf mein Projekt Pawel (auf dem Hamburger Label Dial) reduziert wird.” Gut, die Klarheit ist da, und er lässt sich unbeschränkt von seinen Stimmungen sachte an der Hand nehmen. Es gibt kein Konzept, keinen Masterplan, nur Gefühlswallungen, die sich in die Unmittelbarkeit von lauen Lüftchen verflüchtigen. Es ist eben “wie man sich in dem Augenblick fühlt, vor dem Fernseher, im Club mit Freunden oder wie man konkret Musik wahrnimmt. Zwei Wochen später kann man das nicht mehr nachvollziehen. Nach einer Zeit verliert man den Zugang. Es wird schwierig, wenn Stücke auf einen klaren Moment hin entstanden sind.” Doch sicher nicht beim selbstvergessenen Rumfrickeln allein im Studiokämmerlein. Turner: “Musikalisch komme ich eher vom Melodischen als vom Soundtechnischen. Die Platte hätte ich von Anfang an machen sollen, nur konnte ich nicht. Ich hab mich nicht getraut. Ich bin nicht Computerfreak genug, der die Leidenschaft entwickelt, an Sounds so zu basteln. Das ist nicht mein Gefühl.”
Es muss sich aber anstrengend anfühlend, darüber zu reden. Bei Fragen in die emotionsbehangene Richtung windet er sich, als wollte er sich vor ihnen ducken, redet vorsichtig und betont, wie introvertiert er ist. Als möchte er mit dem eigenen Gefühlshaushalt ein wenig kokettieren. Genau das führt geradeaus durch in die Authentizitätsfalle. “Als ich beschloss, diese Art von Stücken zu machen, wollte ich so ehrlich wie möglich sein, ohne mir dabei Gedanken zu machen, ob es jetzt zu 80er ist oder zu persönlich.” Wie bei dem Eurythmics-Cover “Right By Your Side”, zu dem es keine Hintergrundgeschichte gibt: “Es war ein Instrumentalstück und ich habe den Eurythmics-Text mal live darüber gesungen, als ich keine Stücke mehr hatte. Bis auf den Text hat es nichts mit dem Original zu tun.” Bei Ehrlichkeit und aufrichtigen Gefühlen klingelt garantiert gleich der Diskrepanzalarm, wenn er das anderen live vorspielen will. Nur kann er auf der Bühne nicht wirklich zwischen Method Acting, Überschwallpathos und Selbstironisierung wählen. Turner sagt: “Wenn ich live auftrete, bin ich immer so unsicher und versuche, alles Persönliche zu ironisieren. Wenn ich das dann singe, ist es nichts, was sich richtig gut anfühlt.” Wieviel kann er sich vormachen, indem er sich selber lustig hinstellt? Ehrlicher wäre es, den Schlagersängerprofi zu markieren und die Show todernst im Elvis-Glitzeranzug durchzuziehen. Nur muss man für so was ziemlich exhibitionistisch veranlagt sein. Will er das? Eigentlich nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Tim Lorenz aus De:Bug 17

TURNER EIN AUSFLUG AUFS LAND Tim Lorenz tim.lorenz@hamburg.netsurf.de Musik zwischen leeren Wartehallen und Strohballen. Ein Ausflug mit Freunden. Es ist Samstag nachmittag, und der Ford Taunus bringt euch raus aus der Stadt aufs Land saftiger Wiesen und ungeordneter Baumgruppen. Fahrt ins Blaue des Sommerhimmels. Picknick im Grünen. Da läuft dann Turners Musik. Und wenn du auf dem Rücken im Gras liegst, fällt dir die Verwandtschaft zum Mäandern der Wolken auf. Nostalgisch, irgendwie. Wann ist der Himmel schonmal noch so richtig blau für länger. Aber vielleicht war es ja so, als du noch zur Schule gingst. Egal, denn es zieht tatsächlich Regen auf – da heißt es zusammenpacken. Und wenn du nachhause kommst, liegt ein Brief vom Turner im Kasten, handgeschrieben natürlich. Ein >Planet der Affen<-Fan mal wieder, der 20jährige Paul Kominek, der mit >Lukin Orgel< auf Ladomat seinen ersten Langspieler veröffentlicht. Einen Japaner hat er auch schon geremixt. Als Keni Mok veröffentlicht er auf dem Frankfurter Poet's Club-Label. Aber das ist wieder eine andere Schiene. Bei Ladomat dagegen hat er ersteinmal, Respekt, eine neue Nische aufgemacht. Und in der sitzt es sich sehr gemütlich. Faune und Porze die, voll im Schwung, sich zwischen Klang-Kaskaden über die Wiese tummeln. Wind weht. Nordlicht leuchtet und ein bißchen Wieff steigt auf. So eine Art moderne Folkmusik ist das geworden, ohne Gitarren zum Glück, aber dafür klingt es recht organisch. Die Stücke stehen erstmal da und breiten ihren Klang aus wie die Wolken im CD-Inlay, -wenn sie denn in Bewegung wären, dann verzaubern sie mit charmant-poppigen Melodien. Liegt es vielleicht an der Multiorgel? Dynamik ist ein Stichwort, wie schon der Name Turner ( mit U wie Jahn) andeutet, aber man muß schon genau hinhören, um die Fortbewegungen mitzubekommen. Tut man es nicht, scheinen die Stücke auf der Stelle zu tanzen - aber das sehr angenehm. Musik für Bilder, die es noch nicht gibt. Oder schon. Im Kopf beben mal wieder. Und auf dem Cover natürlich. Da steht er denn, mit Vogelnest auf dem Kopf. Und drinnen Wartehallen, aber alle sind schon weg. Fangen wir also damit mal an, mit den Bildern. Die Musik geht auf jeden Fall in so ne poppige Richtung. Und ich hab gedacht, wenn man so ne Art von Platte rausbringt, also so eine Art von Musik, dann sollte man auch alle Regeln der Kunst nutzen, um das in die richtige Richtung zu stellen, also die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen. Ursprünglich sollte das Cover ja auch etwas anders aussehen, mehr mit Menschen, Touristen, die warten, aber Charlotte (von lado) gefiel das nicht so. Sie meinte, das sei zu unpersönlich und passe nicht so zur Musik. Das fand ich zwar nicht so stark, aber auf jeden Fall sind jetzt alle Reaktionen aufs Cover, also alles was ich bisher gehört habe als ersten Eindruck, genau so wie ich es mir eigentlich gewünscht habe. So ein bißchen albern, kindisch... Charmant irgendwie und persönlich Genau Die Musik klingt ja auch so, also nicht wie die Musik, die man im Club um die Ohren gehauen bekommt, sondern mehr so was, was einem einer zuhause mal vorspielt. Ja, genau genau. So hab ich mir das ja auch gewünscht, daß es irgendwie diese persönliche Note kriegt. Daß es irgendwie nicht so ernst rüberkommt. So wenn man das Cover sieht, denkt man erstmal: Ah, ein Strohkopf. Ja (lacht).So vogelnestmäßig. Die Bilder im Inlay sind ja ein bißchen Kontrast dazu. Eher kühler. Leere Räume. Stillstehende Dinge. Ja, das fand ich auch irgendwie gut, weil das Cover allein wäre ja vielleicht doch ne Spur zu albern. Oder umgedreht nur die anderen Fotos, das wäre dann so unterkühlt, Techno. So aber bricht das eine das andere auf. Das Cover macht ersteinmal eine andre Ansage, man kommt ersteinmal auf andere Gedanken, als wenn es nur Bilder gäbe von Stühlen ... Flughäfen ... auf mich hat es zumindest so gewirkt. Aha. Wenn Du Tracks machst, gehst Du dann von bestimmten Stimmungen aus, die Du im Kopf hast, oder setzt Du Dich einfach hin und frickelst los? Naja, unterschiedlich meist. Vielleicht fange ich mit einem Sound an, der mir besonders gefällt, oder ich habe erstmal einen Basslauf oder eine Melodie. Also, ich bastele meist was um eine Sache herum, um irgendein Element, was mir besonders gefällt. Und oft ist es auch so, daß ich anfange und ein Element gefällt mir besonders gut, aber mir fällt nix weiter dazu ein. Dann laß ich das erstmal liegen, und nach ein paar Tagen oder Wochen oder so ist die Idee wieder ganz frisch ... Aber die meisten Stücke auf dem Album sind ja auch schon etwas älter, und, naja, hier jetzt mehr oder weniger aus einem gewissen Druck heraus zusammengestellt worden. Also schon Stücke, die ich irgendwann mal veröffentlichen wollte, hatte nur keinen Kontext gesehen, wo man die veröffentlichen sollte. Die meisten auch so Ideen, Skizzen, die ich bis dahin nicht fertig gemacht hatte. Eigentlich waren nur zwei richtig fertig, die anderen sind dann ältere Skizzen, die ich einfach überarbeitet habe und dann drumherum gebaut. Aber mit Stücken, die sich über so einen langen Zeitraum entwickelt haben, verbinde ich schon viel. Also es ist nicht so spezifisch, daß ich dasitze und denke: jetzt mal ein Morgen, Dämmerungs-Track, das ist nicht so konkret, daß ich gleich so die Bilder im Kopf habe. Aber es kann sein, daß ich halt ein Stück mache und mir ein Element, eine Stimmung oder so, darin besonders gefällt, und dann versuche ich schon, darum herum was aufzubauen, lösche andere Sachen weg, die nicht dazupassen und so. Wie lange machst Du eigentlich schon Musik? Also ich hab Klavier gelernt, durch meine Eltern. Irgendwann hab ich dann ein Keyboard geschenkt gekriegt und hab dann so irgendwelche, äh, Popstücke komponiert. Aber allein, oder so richtig in einer Band? Ja, allein, allein. Ich wollte zwar eigentlich immer in eine Band, aber mir hat immer ein bißchen das Selbstbewußtsein gefehlt, weil Keyboarder sind ja irgendwie immer die größten Deppen in der Band, die anderen sind voll beliebt, aber den Keyboarder sieht man meist gar nicht hinter seinen Geräten. Selbst Schlagzeuger haben ein besseres Image. Deshalb dachte ich halt: als Keyboarder in ner Band bist du bestimmt verloren. Gitarre- spielen habe ich immer probiert, aber nie so den Draht dazu gefunden. Irgendwann habe ich mir dann eben den ersten Synthesizer gekauft, also zur Hälfte von meinen Eltern bezahlt. Aber den habe ich mir eigentlich nur gekauft, weil ich so Pop machen wollte, so Whitney Houston-Stücke, oder, nee warte, eigentlich mehr so Pet Shop Boys, so Sachen. elektronisch hatte ich da noch überhaupt gar nix im Kopf gehabt. Und da sind dann schon ein paar Stücke, Melodien entstanden, an die die Sachen auf dem Album auf jeden Fall noch erinnern. Also nicht so Chartpop halt, aber schon so... ...angenehm, um nicht zu sagen gefällig. (lacht) Ja, ein bißchen schon. Aber ich habe schon gehofft, daß die Leute das nicht zu glatt finden, aber halt eben auch nicht zu kompliziert, daß man also gut zuhören kann. Also, das Album soll schon so zum Hören sein. Aber die nächste Platte -- die wird dann ganz anders! Die wird auf jeden Fall - also ich bin ja schon dabei - sehr tanzbar werden, vertrackter. Hat auch wieder was mit Dynamik zu tun, wahrscheinlich wird sie >Trampolin< heißen. Die ist auch nicht für Ladomat. Aber es soll schon ne Verbindung zu >Lukin Orgel< haben, in dem Sinne, daß es das krasse Gegenstück ist in allen Belangen. Die Musik ist ja nun relativ eigen. Mir fällt erstmal nicht ein, in welche Schublade das passen würde. Siehst du dich in irgendeiner Linie. Oder anders gefragt - was hörst du denn sonst so? Oder hat das, was du hörst, Einfluß auf das, was du machst? Auf jeden Fall. Die rockigeren Stücke, zum Beispiel >Im Schwung<, haben schon Einfluß durch die Plattensammlung meines Bruders Der ist wie alt? 28. Aber auch, was meine Eltern so hören, also Klassik oder Jazz. Elektronisches eher wenig, weil ich mir nicht so viele Platten kaufe und dann schon gar nicht viel Elektronisches (lacht). Beck finde ich sehr gut, oder die Dustbrothers als Producer. Oder auch Marilyn Manson. Also, ich höre echt alles, weil ich auch immer aus allen Richtungen Sachen, äh, aufgedrückt bekomme... Aufgedrückt - oder suchst Du selbst? Naja, am Anfang schon eher aufgedrückt, so mit neun, zehn Jahren. Lief halt immer Musik, bei meinem Bruder, bei meinen Eltern ... und so schwingt da halt alles mit. Ganz viel Soundtracksachen, auch. Morricone natürlich. Das ist dann ja wieder die Stimmungsabteilung. Auf Deinem Album geht ja auch viel in diese Richtung. Ja, aber da habe ich noch 1000 andere Stücke, die kann man fast gar nicht anhören, weil sie so minimal, soundtrackartig sind, die hätten da gar nicht draufgepaßt, aber ich denke, die werden jetzt so Stück für Stück auf irgendwelchen Compilations rauskommen. Aber neben allen anderen Schienen habe ich mit dieser Art von Musik schon die meiste Zeit verbracht, so soundtrackmäßig was zu machen. Auch schon mit dem Gedanken, richtig konkrete Gefühle zu vertonen. Also so Musik für ein Bild, weniger Musik an sich als Musik mit nem Grund. Genau, genau. Diese Wirkungen, die man mit Musik im Film erreichen kann, interessieren mich auch sehr. Aber auch so Musik im Raum, also nicht nur mit zwei Boxen links/rechts, aus denen alles rauskommt, sondern wirklich so acht Boxen im Raum verteilt und Musik direkt für den Raum komponieren. Du hast schon Lust, auch mal richtige Filmmusik zu machen? Ja, schon - ich finde das interessant, weil es wirklich Musik mit ganz konkretem Anlaß ist und eben so auf direkte Wirkung komponiert - aber der Zuschauer bekommt das eigentlich eher unterbewußt mit. Ein bißchen ähnlich ja wie auch Dance-Musik funktioniert, daß du die Musik beim Tanzen, oder zumindest Elemente von ihr, eigentlich nur unterbewußt registrierst, weil du ja deine Bewegungen zum Bass oder Schlagzeug abstimmst. Sind eigentlich viele Samples auf dem Album? Nein, eigentlich nicht. Ist mir aber auch erst im Nachhinein aufgefallen, als der Verlagstyp von Ladomat eine Liste wollte, um die Samples zu clearen, und dann waren das dann grade mal sieben oder acht Sachen. Prägnanter sind natürlich die Rhythmusmaschinen, also 808 und 909, die wir, als ich die Stücke gemacht habe, gerade neu hatten und in die ich dann natürlich erstmal voll verknallt war, weshalb sie auf fast jedem Stück zu hören sind. Und warum immer Breakbeats - also bis auf ein Stück. Naja, woran das liegt, weiß ich natürlich auch nicht genau, aber irgendwie haben mir so gerade Beats noch nie so richtig gefallen. ich bin auch nur ganz kurz auf so minimalen Techno abgefahren. So zwei Monate lang habe ich Jeff Mills echt geliebt und bin voll abgefahren dazu, nächtelang durchgetanzt, aber dann war das auch durch und hat mich nie wieder so richtig gekickt. So coole Housestücke mag ich schon, so funkige Sachen. Außerdem, immer wenn ich Musik mache und mir gar nix einfällt, tippe ich erstmal so - tap tap tap tap - einen geraden Beat ein, und dann wirds immer schon, äh, nicht - sehr - gut. Und allein deshalb habe ich da schon eine gewisse Abneigung, weil ich nie so was Gutes hinbekomme. Also, bei einigen Sachen mit gerader Bassdrum, die mir gefallen, beneide ich die Leute schon, die da sowas rausholen können, weil ich das irgendwie nicht so richtig kann bzw. fühle... Aber dir liegt schon viel am Klang der Stücke? Daß alles irgendwie organisch zusammenpaßt. Genau, genau. Die meisten Leute, die mir beim Musikmachen zugucken, lachen mich auch erstmal aus, weil, ich arrangiere immer gleich. Ich mache also nicht erst einen Loop oder so, sondern wenn die Sequenz gut ist, kopiere ich sie gleich weiter und versuche gleich ein Stück aufzubauen, damit ich merke, wohin es geht. Und dann stelle ich halt am Mischpult auch gleich die Sounds so ein, daß man es gleich schon aufnehmen könnte. Wie lange brauchst Du für ein Stück so? Naja, so fünf, sechs Stunden, aber das kann sich ja schon über Wochen verteilen. Aber einige Tracks mache ich auch am Stück, etwa >Drum & Dran<, und das waren dann so fünf Stunden. Irgendwann muß man einfach auch aufhören, bevor man alles zu voll stopft und so. Deshalb klingt das Album ja vielleicht auch so schlicht - im positiven Sinne. Stimmt. Aber man muß schon sagen daß das Album, so wie es jetzt ist, nicht allein repräsentativ ist für alles ,was ich so mache. Es gibt ja auch noch das Keni Mok Projekt, und das ist vom Arrangement, den Sounds und so schon eine ganz andere Herangehensweise. Turner soll schon mehr einen Pop-Appeal haben, zum Zuhören eben. Und stop. Aufhören zu lesen. Und lieber hören. Content-Type: application/rtf; x-mac-type="52544620"; x-mac-creator="4D535744"; name="turner.rtf" Content-Description: Microsoft Word Document Content-Disposition: inline; filename="turner.rtf" Attachment converted: bleed:turner.rtf (RTF /MSWD) (00012A92)

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