Kid Koala ist zugleich der durchdachteste und groovigste Turntablist der Welt. Mit einem selig schrägen Smilen manipuliert der Kanadier seine Platten, bis man beschwipste Koalabären aus New Orleans neben sich vermutet. Dazu malt er sich sein eigenes Cartoonuniversum und hat schon die nächsten zehn Jahre vorgeplant. Niedlich? Nicht nur.
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 76

30 Monate scratchen

Kid Koala, the Turntablewizard. Endlich. Zu diesem Musiker hatte ich immer eine besondere Beziehung. Seit dem Erscheinen der ersten Platte habe ich jeden Kid-Koala-Schnipsel gelesen, blieb aber ob widriger Umstände immer ohne auditives Erlebnis. Trotzdem hatte ich das Gefühl, darüber Bescheid zu wissen, vielleicht weil seine Art, Musik zu machen, sehr theoretisch schien, schließlich schreibt er all seine Samples in ein Sketchbook und seine Tracks entstehen so erst auf Papier.
Jetzt dieses Interview und schließlich liegen seine Platten und Projekte (er scratchte u.a. für die Gorillaz, Loveage, Handsome Boy Modelling School) auf meinem Tisch – das Kid-Koala-Universum: Oppossum-Jazz, Faultier-Funk und Koalabären-Swing.
Auf seiner Website finde ich einen Release-Plan – für die nächsten zehn Jahre sind hier Projekte aufgelistet, als ob all das, was er tut, einem selbstgeschriebenen Drehbuch folgt. Als ob all das in seinem Kopf präexistent ist und nur noch realisiert werden muss, ein Musical, ein Kabarett, mehrere Bücher, Soundtracks und alles Teile eines großen Ganzen, dass bis jetzt nur er sieht.

EIN MUSICAL FÜR MAMA
So, wie seine Musik, skurril, albern und ernsthaft zugleich ist, sitzt auch er mir nun gegenüber und erzählt, dass Musiker nur aus Liebe zu ihren Eltern produzierten – auf der Suche nach Anerkennung. Deswegen will er als nächstes Projekt dieses Musical realisieren, damit er endlich etwas produziert, was auch seine Mutter verstehen kann. Natürlich ist dieses Musical kein Musical im klassischen Sinne, natürlich hat es etwas mit Turntables zu tun und die Interpreten werden auch keine Sänger, sondern Puppen sein, aber wir sind ja auch im Kid-Koala-Universum und der studierte Grundschulpädagoge würde schließlich auch gerne mal den Soundtrack zu einer Sesamstraßen-Episode machen …

SCHRÄGES TURNTABLE THEATER
Kid Koala, der im wirklichen Leben Eric San heißt, vergleicht seine Sounds mit Figuren in einem Theaterstück.
Kid Koala: “In einem Theaterstück siehst du Charaktere, die sich mit so genannten ‘real life issues’ beschäftigen, weißt aber, dass es nicht das wahre Leben ist. Das ist das Tolle daran – du kannst für die Zeit des Stückes in einer fremden Welt aufgehen. Platten und Klänge sind für mich auch so, der Plattenspieler reproduziert reelle Musik, aber weil sie eben mit einem Plattenspieler wiedergegeben wird, hört sie sich anders an, ein wenig ‘odd’.”
Um diese “Oddness” zu betonen, verwendet er seine Sounds wie Cartoon-Charaktere, die wie reelle Menschen laufen, aber eben in dieser übertriebenen Art und Weise. Er hat Spaß daran, die Realität zu verfälschen, zu verniedlichen, lächerlich zu machen, zu cartoonisieren. Deswegen klingen seine Trompeten gerne betrunken, wissenschaftliche Sprachsamples werden persifliert.
Zweieinhalb Jahre hat er an diesem Album gearbeitet, 1,5 Jahre Research und 1 Jahr Studio, von letzterem hat die Arbeit am “Basin Street Blues” ungefähr die Hälfte der Zeit beansprucht.

AB INS PARALLELUNIVERSUM
DEBUG:
Wie ist die neue Platte entstanden? Hattest du eine Geschichte im Kopf, die du umsetzen wolltest, oder entstanden die Tracks intuitiv?
KID KOALA:
Ich wollte Emotionen erzeugen, das war das Wichtigste an dieser Platte, ich wollte sehen, ob Turntable Music auch melancholisch klingen kann. Ich habe mit “Basin Street”, mit einem Dixieland-Track, angefangen und danach wollte ich den Hörer wieder woanders hinführen, jetzt Ska, und dann nach Philly und wieder zurück. Ich wollte sehen, wohin ich diese Musik bringen kann, sehen, ob ich es schaffe, den Zuhörer vergessen zu machen, dass alles, was er hört, Scratching ist .

Kid Koala will mit seinem Publikum reisen, von der Basin Street aufs Vacation Island.
Deswegen benutzt er diese Sprachsamples wie Zäsuren, die ihm erlauben, an einer komplett anderen Stelle wieder einzusetzen – auf HipHop-Beats via Monty Python Dixieland folgen zu lassen, um dann auf einer kitschdurchtränkten Hawaii-Postkarte davonzuschweben.

KID KOALA:
I`m kind of this weird overenthusiastic turntable tourguide. Wenn du nicht bereit bist einzusteigen und mit mir auf Reisen zu gehen, dann wird es eine extrem bizarre Erfahrung für dich sein, meine Musik zu erleben, aber wenn du dich darauf einlässt, dann …

DEBUG:
Und wen willst du mitnehmen, wer soll deine Musik hören?
KID KOALA:
Ich glaube, es ist Musik für betrübte Roboter, Djs mit Liebeskummer, alberne Menschen, vielleicht für Kinder. Ich versuche, Musik zu machen, die jeden berühren könnte.

Beim überfüllten Konzert am Abend sind tatsächlich die verschiedensten Menschen anwesend, vom Indie-Kid über den B-Boy zum Music-Nerd ist alles dabei. Eric San ist in seinem Element. Grinsend. Sein atemberaubendes Können wirkt wie eine Leichtfertigkeit. Er spielt ein Violinsolo, indem er die Nadel eines Plattenspielers flink millimetergenau auf dem Vinyl absetzt, so dass eine tragisch süße Melodie aus den einzelnen Tönen entsteht. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für Feuerzeuge. “Moon River And Me”. Aber als nächstes dürfen sich die B-Boys über Westcoast-HipHop freuen und ängstlich spähen, dass ihnen keiner von diesen kunstfertigen Scratches entgeht.
Dieser Mann ist einfach hoffnungslos romantisch, ein Wunderkind, dass sein eigenes Instrument gefunden hat und darauf zu spielen weiß wie kein zweiter. Im Winter will er mit einem DJ-Orchester auf Tour gehen, dass mit 8 Plattenspielern bewaffnet die Konzertbühnen Europas erobern wird. 3 DJs: Der hinten macht die Beats, der vorne rechts steuert die Basslines bei und der Frontmann macht die Melodien. Ganz klassisch. And remember: It’s all about love.

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Elektronische Lebensaspekte.