Fernsehen wird immer interaktiver. Und immer bequemer. Mit TV on Demand fällt nerviges Zappen weg. Und ein paar Kalorien weniger werden verbraucht.
Text: Sarah E. Schwerzmann aus De:Bug 96

Nur für Loser
TV on Demand/VOD

Oh, welch Wunder! Wieder mal ist ein Film vor dem offiziellen Release (natürlich world wide simultan) im Netz erschienen und hat Fans die Tränen in die Augen getrieben. Bei Lord Of The Rings war’s so. Bei Spiderman. Und bald schon steht der nächste Hollywood-Blockbuster vor seinem Erscheinen im Netz, weil irgendein beknacktes Oscar-Jury-Mitglied zu besoffen war. Klar, dass man dafür auch mal den Schlaf sausen lässt, um zum richtigen Zeitpunkt ein paar verschwommene Bilder von (wieder einem!) Star-Wars-Film zu erglimpsen. Wer aber die Tränensäcke und Augenringe langsam aber sicher mal satt hat, für den sollte es eigentlich schon lange eine Alternative geben. Genauer: TV on Demand.
Zugegeben, bevor der Film ins Kino kommt, wird man ihn wohl nicht sehen. Aber gleich danach. Denn für diese lebenswichtigen Dränge hat unsere 3-2-1-Jetzt-Gesellschaft ein System hervorgebracht, dass abhilft: PVR, DVR oder EPG. Alles das Gleiche: Personal Video Recorder, Digital Video Recorder oder Elektronischer Programm Guide. Damit ist eines klar: Fernsehen wird interaktiv. Feuer hinterm schwabbeligen Hintern aller Couch Patatoes dieser Welt. Möchte man meinen. Doch wer genauer hinguckt, merkt, dass die drei Zauberakronyme den lazy Consumer nicht happy auf dem Sofa rumhüpfen lassen, sondern ihn, im Gegenteil, hyperlazy machen.

Das Zauberkürzel VOD
Doch was genau ist TV on Demand, d.h. Video on Demand? Dahinter verbirgt sich ein System, das mir zu jeder Zeit erlaubt, eine Auswahl von Videofilmen und TV-Sendungen zu wählen und abzuspielen. So einfach geht das. Dabei kann man sich das ausgewählte Programm streamen, d.h. man guckt sich den Film übers Internet an, oder man lädt ihn runter und speichert ihn auf der Set-Top-Box, bevor man ihn sich anschauen kann. So oder so: Vor- und Rückspulen sind bei beiden Verfahren drin. Und hats man einmal gesehen, löscht es sich automatisch. Fertig.

Doch woher kommt diese Idee? Von den Amis, würde man sagen. Weit gefehlt. Denn der erste VOD-Anbieter kam aus Hong Kong und versuchte sein Glück Anfang der Neunziger. Wie es sich herausstellen sollte, war die Hong-Kong-Telecom ihrer Zeit um einiges voraus, denn nicht nur funktionierte die notwenige Technologie nicht, wie sie sollte, sondern es war schlicht und ergreifend einfacher, in die Videothek um die Ecke zu pilgern und sich dort etwas auszuleihen. Fazit: 2000 wurde das Unternehmen von Pacific Century Cyberworks übernommen und die VOD-Abteilung geschlossen.

Und dann kam TiVo …
… einer der bekanntesten und erfolgreichsten amerikanischen Anbieter. Denn obwohl die Grundidee nicht aus den USA kommt, sind die Amerikaner heute Markführer. Doch zurück zu TiVo. Deren System ist das, was man als “intelligent” bezeichnen könnte. Denn nebst einer Auswahl an Filmen und Sendungen, die man nach Zeit, Sender, Titel, Genre, Schauspieler und Regisseur auswählen und aufnehmen kann, hat TiVo noch andere Vorzüge, die einem das Sitzen vor der Mattscheibe um einiges erleichtern. Konkretes Beispiel: Entscheide ich mich dafür, “Lost” aufzunehmen, dann genügt einmaliges Programmieren und die Serie wird immer aufgenommen, egal auf welchem Sender sie läuft. Die Serie wird dann auf der Festplatte der Top-Set-Box gespeichert, so dass ich sie mir zu jedem Zeitpunkt anschauen kann (so genanntes “Time Shifting”). Außerdem registriert TiVo die Keywords der ausgewählten Sendungen und durchforstet das Angebot nach Sendungen und Filmen, die dem User auch noch gefallen könnten. Intelligentes Fernsehen eben. Upgedatet wird das Programm einmal alle vierundzwanzig Stunden, meist nachts. Bequemlichkeit pur also. Doch das ist noch nicht alles: Seit kurzer Zeit kann man sich auf TiVo auch Filme ansehen, die im FreeTV bisher noch nicht erschienen sind.

Europa hinkt wieder mal
Klar, dass die VOD-Bewegung trotz unbegrenzter Kommunikationsmöglichkeiten in Deutschland ein wenig langsamer vonstatten geht. Oder besser gesagt: nicht nur in Deutschland. Denn ganz Europa hinkt den Amis wieder mal hinterher. Länger hat es also gedauert, bis auch hier der erste VOD-Receiver entwickelt wurde. Aber besser spät als nie. Und von wem kommt er? Natürlich von T-Online. Und auf der IFA 2005 wurde das Goldstück mit Namen T-Online S 100 erstmals gezeigt. Funktion: kostenpflichtig Videos runterladen und im Internet telefonieren. Vorteil: Wie mit den von Fujitsu, Siemens und Samsung gebotenen Geräten kann man das Provider-eigene Breitband-Portal ”T-Online Vision“ auch ohne PC nutzen. Nachteil: Da allerdings der S 100 ohne Festplatte auskommt, kann nicht zwischengespeichert werden und als Konsequenz können bei DSL-Ausfall auch keine Filme gestreamt werden.
Kurz und bündig. Doch da kommt noch etwas: Schaut man sich die Preise an, wird der VOD-Euphorie wieder mal eins unter die Gürtellinie geknallt, denn beim T-Online VOD-Dienst (www.vod.t-online.de) kosten die Filme einiges mehr als bei der herkömmlichen Videothek. Alte Filme kriegt man ab 99 Cent, neuere kosten bis zu 4,- Euro, wobei die “Leihdauer” 24 Stunden beträgt. Dafür gibt’s aber keine Öffnungszeiten. Downloads können zu jeder Tag- und Nachtzeit getätigt werden und somit bleibt einem die Fahrt bis zur nächsten Videothek erspart, gesetzt der Fall, dass man über DSL verfügt. Das Angebot von T-Online Vision umfasst 300 Spielfilme und 200 Programmstunden der ProSiebenSat.1-Senderfamilie. Gut, zugegeben, das Angebot ist im Gegensatz zu einer Videothek ziemlich mickrig, doch das soll sich ändern, denn T-Online Vision hat kürzlich einen Deal mit den Warner abgeschlossen, so dass VOD-Kunden künftig in den Genuss von Kassenschlagern wie Matrix, Harry Potter, Spiderman und anderen Filmen kommen werden.

Breites Anwendungsspektrum
Nicht nur Spielfilme sind aber für VOD-Anbieter attraktiv, sondern, Premiere Direkt macht’s vor, auch Erotik und Sport. Für ungefähr 3,- Euro bekommt man während drei Stunden von “Premiere Direkt” verschwitze Trikots und von “Premiere Erotik” Champagner-glänzende Brüste zu sehen. Doch nicht nur Premiere schwimmt in diesen Gewässern, nein auch die ARD (Sport natürlich, nicht Brüste). Meint auf jeden Fall ARD-Sportkoordinator Hagen Bossdorf: “Gerade ein Ereignis wie die Olympischen Spiele in Peking bietet sich an, auf verschiedenen Kanälen aufbereitet und in einer Art ‘TV on Demand’ angeboten zu werden. Dann kann der Zuschauer sich zum Frühstück den Hundertmeterlauf aus der Nacht anschauen. Dieses Angebotsfernsehen ist für uns eine neue technische Herausforderung.” So weit, so gut. Doch VOD ist weit davon entfernt, nur für die Unterhaltungsbranche interessant zu sein. Das zeigt ein Sender Namens “Medizin-TV”, der sowohl Patienten und Interessierten als auch dem Fachpublikum zugänglich ist. Mit diesem Fernsehsender, der über IP-basierte Medien zu empfangen ist, können Kliniken und Ärzte ihre Patienten informieren. Das gesamte Gesundheitsspektrum wird nach Fachrichtungen und Indikationen abgedeckt. Egal ob Zehen gebrochen oder Hämorrhoiden, ein jeder kann sich den entsprechenden Beitrag anschauen und sich im Vorfeld umfassend über die Chancen und Risiken von verschiedenen Behandlungsmethoden informieren.

Own statt Demand
Das klingt ja bis hierhin schön und gut, nur gibt es ein Problem: Irgendwie kommt das ganze Konzept nicht so richtig in die Gänge. Immerhin sind die iTunes Stores ähnlich organisiert und boomen wie nie. Doch VOD kriegt die Kurve irgendwie nicht so richtig. Denn verglichen mit den Verkaufszahlen von DVDs fallen die Umsatzzahlen von VOD immer noch sehr mager aus. Kenner sagen voraus: Video on Demand kann nur als Download to Own erfolgreich sein. Dies bestätigt auch die kürzlich in den USA durchgeführte Studie “Video on Demand: the Future of Media Networks – A Strategic Analyses of the US market”. Es sind ganz klar neue Businessstrategien und Konzepte der Content-Vermarktung nötig, um dem Markt zum Wachstum zu verhelfen. Dabei wird empfohlen, sich auf ”Download to Own“-Modelle wie den oben erwähnten iTunes Music Store zu stützen, um die VOD-Umsätze zu steigern. Somit kämen die Entwicklungen der Branche schneller voran, wenn Handelsstrategien aus dem DVD-Geschäft in den digitalen Vertrieb übernommen würden. Das heißt, dass zum Beispiel Hollywood-Studios den Verkauf von Filmen auch als Download anbieten, was bereits in Vorbereitung ist. Die jährlichen Umsatzzahlen von VOD liegen in den USA aber immer noch unter 400 Millionen Dollar, trotz stetiger Bemühungen von Seiten der Kabelanbieter und Filmstudios.
“Video on Demand entwickelt sich schnell und wird im nächsten Jahrzehnt in unseren Medienalltag fest eingebunden sein”, so Tom Adams, Präsident der Adams Media Research, der Firma, die die Studie durchgeführt hat. Gewagte Aussage, denn mir kommt gerade in den Sinn, dass das 1999 schon mal jemand prophezeit hat. Wer das nur gewesen sein mag?

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.