Auf "Dear Science" treiben die New Yorker ihr wahnwitziges Spiel mit ungefilterten Pop-Essenzen zum nächsten Höhepunkt.
Text: Björn Bauermeister aus De:Bug 127


Mit ihren ersten beiden Alben führten TV On The Radio jegliche Genre-Stereotypen ad absurdum. Auf “Dear Science” treiben die New Yorker ihr wahnwitziges Spiel mit ungefilterten Pop-Essenzen zum nächsten Höhepunkt. Denn nur wer aus dem Vollen schöpft, wird Außergewöhnliches erreichen.

Alles ist Kunst, zumindest ansatzweise. Das tägliche Treiben, das Lernen vom Leben und der Austausch mit Menschen geben Anknüpfungspunkte, um kreativ zu werden. Ein großer Pool, aus dem man schöpfen, aber nicht per se Gutes oder gar Außergewöhnliches fischen kann. Denn der Fisch ist oftmals schon gelutscht, wenn man sich an Regeln und Zeitgenössisches hält. Tunde Adebimpe angelt viel, aber anders.

Er spielt vor der Kamera, führt hinter ihr Regie, zeichnet Cartoons, animiert Videos für andere Bands und singt obendrein noch in seiner eigenen Band namens TV On The Radio. Nichts davon ist brotloser Zeitvertreib, sondern Adebimpe ein Gefragter auf jedem dieser kreativen Schauplätze. Allerdings nicht etwa, weil er genrespezifische Standards bedient, sondern weil er aus dem Vollen schöpfen kann. Bestes Beispiel dafür: seine Band. Gemeinsam mit Dave Sitek gründete Adebimpe vor sieben Jahren TV On The Radio.

Ein Jahr später verteilten sie diy-mäßig “OK Calculator“, 2004 erschien dann das eigentliche Debüt “Desperate Youth, Blood Thirsty Babes“ auf Touch And Go, dem Vorgänger zu “Return To Cookie Mountain“ (4AD), einem der außergewöhnlichsten Indie-whatever-Alben der letzten Jahre. “Mich wundert es ehrlich gesagt auch ein wenig, dass wir mit dieser Art der Musik erfolgreich sind. Aber ich bin natürlich glücklich darüber, denn somit kann ich diese Sache, die ich vor ein paar Jahren mit Freunden begonnen habe, noch immer weitermachen.“

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Ebendiese Sache erlaubt Adebimpe darüber hinaus auch, dass er sich anderweitig austoben kann. Auch wenn seine Arbeit beim Film, beim Zeichnen oder innerhalb der Band selbstredend immer eine andere ist, besteht zwischen diesen Tätigkeiten ein nicht unerheblicher Nexus. Die verschiedenen Spielplätze sind wie unterschiedliche Level desselben Grundgefühls, einer Art Dringlichkeit, sich stets in kreativer Freiheit auszutauschen.

Das ist für Adebimpe so essentiell wie für seine Bandkollegen, denn niemand aus diesem bunten Zirkel könnte sich vorstellen, ausschließlich Teil der Band zu sein. “Im Grunde könnte sich noch nicht einmal jemand von uns vorstellen, ausschließlich Musik zu machen. Jeder informiert und inspiriert mit seinen neuen Eindrücken, Erfahrungen und Fähigkeiten die anderen immer wieder aufs Neue. Und oft merkt man ja selbst auch erst, was wichtig an einer Sache ist, wenn man gerade nicht in ihr steckt, man also mit Abstand auf sie blickt. Solche Momente sind wichtig.“

Genau in diesen Momenten scheint das Geheimnis der Band zu liegen. Ihr Rezept ohne Masterplan, aber mit dem unausgesprochenen Bestreben, dem Stillstand entgegenzuwirken.

Auf “Dear Science“ haben TV On The Radio noch freier und ungezwungener mit ihren Ideen gespielt als jemals zuvor. Weniger Irrungen und Wirrungen in theoretischen Details, mehr Vertrauen auf die Momente, in denen alles auf seinen Platz fällt. Entschlackt, aber keineswegs einfältig, spielen sie mit Pop-Essenzen, ohne das Bowie-esque vermissen zu lassen, während sie den Prince-Anteil großräumig ausweiten. Was das noch mit Indierock oder Artverwandtem zu tun hat? Natürlich herzlich wenig, wenn man an dessen Formen im herkömmlichen Sinne denkt.

Denn fern von sterilem Stadionrock-Gestus und peniblem Soundfetischismus ist der Progress von TV On The Radio in ihren ureigenen, anachronistisch anmutenden Momentaufnahmen zu finden. Es rumpelt, rauscht und randaliert zu jeder Sekunde auf ungewöhnlich Weise, wiegt sich dabei aber stets in einem harmonischen Gleichgewicht. Schuld daran ist eine gewisse Balance. Eine Balance zwischen den verschiedenartigen Eindrücken, die schließlich die Öffnung des Ganzen bewirkt. “Unsere Einflüsse sind mittlerweile fast schon altmodisch geworden: Rap, Soul, Drum & Bass, Klassik und solche Sachen. Aber wenn wir aufnehmen, höre ich nichts anderes als das, was wir in dem Moment machen. Nichtsdestotrotz fließt dabei aber viel von dem mit in die Musik ein, was jeder von uns jüngst aufgesogen hat. Und dies hat in unserem Fall oftmals nur sehr wenig mit Musik zu tun.“

Den Blick für diese Randerscheinungen zu schärfen und die Größe in den Kleinigkeiten zu sehen, die außerhalb der eigenen Suppe schwimmen, hat Adebimpe aber nicht etwa während seiner Zeit auf der Kunsthochschule gelernt. Vielmehr hat er sie seinem Leben und Dasein in Brooklyn, New York zu verdanken, den dortigen Begegnungen mit Menschen auf unterschiedlichstem Kreativterrain: “Ein gutes Gespräch, ein einfacher Pinsel oder ein schäbiger 4-Track-Recorder als bloße Ausgangssituation bringen dich im Ansatz oftmals sehr viel weiter als ein Haufen theoretischen Wissens oder technischer Möglichkeiten.“ Das Schöpfen aus dem Fundus der Vielseitigkeiten ist demnach eine Bedingung für die Möglichkeit, im Unerschöpflichen zu balancieren. Und so kann man dann Außergewöhnliches fassen.
http://www.tvontheradio.com

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Elektronische Lebensaspekte.