Rockerärsche auf Globalgrundeis
Text: Anton Waldt aus De:Bug 151

Rocker verdeutlichen nicht nur exemplarisch das Globalisierungs-Dilemma der Arbeiterklasse westlicher Industrienationen. Das kulturelle Auslaufmodell findet sich außerdem in kleinen Nischen um weltweit als Erfolgsmodell organisierter Kriminalität zu schießen. Die TV-Serie Sons of Anarchy schafft es, dieses neue, vor Widersprüchen nur so triefende Rocker-Universum perfekt darzustellen.

Moment. Rocker? Warum bitte schön sollte man sich für ein kulturell dermaßen gestriges Phänomen wie fetthaarige Haudrauf-Prolls auf analogen Klimakillern mit ausgeprägt miesem Musikgeschmack, vergangener Harte-Männer-Moral und desaströsen Trinkgewohnheiten interessieren?

Schlichte Antwort: Weil es im Fernsehen läuft. Weil Sons of Anarchy (SoA) zum Seriengenre der ganz großen Erzählungen à la “Sopranos” oder “The Wire” gehört.
Weil Rocker exemplarisch das Globalisierungs-Dilemma der Arbeiterklasse westlicher Industrienationen verdeutlichen. Weil Katey Sagal aka “Peggy Bundy” die Rocker-Matriarchin spielt.
Weil Frauen in SoA sowieso oft das letzte Machtwort haben. Weil organisierte Kriminalität mit kulturellem Überbau seit dem ersten “Scarface” von 1932 ein spannendes und produktives Filmgenre ist.

Und weil man nach einer Staffel Sons endlich die merkwürdigen Meldungen aus dem Lokalteil versteht, etwa diese vom 3. März:
“Bei einer Demonstration gegen Polizeigewalt hat sich in Schöneberg eine ungewöhnliche Allianz gebildet. Dem Marsch von 300 Mitgliedern der linken Szene und vielen arabischstämmigen Berlinern schlossen sich auch 15 ‘Bandidos’-Rocker an.”
Oder diese vom 21. Februar: “Nach dem brutalen Überfall am U-Bahnhof Lichtenberg berichtet das zweite Opfer, wie er von einem Passanten gerettet wurde. Dieser habe den vier Angreifen seine Rockerkutte und eine Machete gezeigt. Daraufhin seien die vier Täter abgehauen.” Und erst recht natürlich diese hier vom 18. Oktober: “Der Motorradfahrer Mustafa B. prallte mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum. Er starb noch an der Unfallstelle. (….) Erst im August hatte der Schwerkriminelle gemeinsam mit knapp zwei Dutzend Mitgliedern seiner kurdischen Sippe in Bremen einen Ableger des internationalen Motorradclubs Mongols gegründet. (…) Den Zuwanderern ging es kaum um das ‘Easy Rider’-Feeling, die Neu-Rocker haben nach den Erkenntnissen der Polizei weder Motorräder noch den notwendigen Führerschein. Lediglich Mustafa B. hatte die Fahrerlaubnis zwei Wochen vor seinem Tod erworben.”

One Percenter
Vorbild der Sons of Anarchy aus der TV-Serie sind zweifellos die Hells Angels als prototypische und weltweit erfolgreichste Motorradgang. Deren Traditionslinien gehen auf die 1940er zurück, als sich Veteranen aus der Unterschicht zu Motorradgangs zusammenfanden, um dem Unbill des zivilen Lebens gemeinsam zu trotzen. Von den militärischen Ursprüngen zeugen noch heute die strengen Hierarchien, das Faible für schwere Harleys (im Zweiten Weltkrieg gängige Armeefahrzeuge) und Abzeichen (Patches), die in Form von Aufnähern Gangzugehörigkeit, territorialen Anspruch und den Rang innerhalb der Gruppe signalisieren. Aber auch Gewaltbereitschaft, unbedingter Zusammenhalt und konservativ moralisierendes Machogehabe zeugen von diesen Wurzeln. Das Label “Outlaw Motorcycle Club” wurde den Rockern unterdessen vom US-Pendant des ADAC, der American Motorcyclist Association, verpasst, die nach den Biker-Riots im kalifornischen Holister 1947 verlauten ließ, lediglich ein Prozent aller Motorradfahrer seien Outlaws. Verbindendes Symbol der ganz hart gesottenen Rocker ist seitdem der rautenförmige 1%-Aufnäher.

SAMCRO
Die TV-Serie erzählt natürlich nicht von irgendeiner Untergruppe der Sons, sondern vom Gründungs-Chapter, also der Keimzelle der inzwischen weltweit agierenden Gang. Daher wird die Bande auch gerne SAMCRO genannt, was für “Sons of Anarchy Motorcycle Club, Redwood Original Chapter” steht und in seinem Abkürzungswahn wiederum an die Army-Wurzeln der Rocker erinnert. SAMCRO residiert in einem fiktiven kalifornischen Ort mit dem verstrahlten Namen “Charming”, und dies keineswegs als Außenseiter, wie es der zentrale Rockermythos will, sondern als integraler Bestandteil des Machtgefüges, allen voran haben die SoA die örtliche Polizei am korrupten Sack.

Bewährte Grundlage der Kooperation lautet: Nicht in den eigenen Vorgarten scheißen! Was im Klartext bedeutet, dass SAMCRO in Charming unbehelligt seinen Geschäften im Waffenhandel oder der Pornoproduktion nachgehen kann, solange sie ihre Konflikte nicht in der Gemeinde austrägt und zudem dafür sorgt, dass niemand in Charming ernsthaft Drogen verkauft – dabei ist Marihuana selbstverständlich ausgenommen, schließlich spielt die Geschichte in Kalifornien, da kifft der alte Polizeichef sein “medizinisches Gras” ganz offen im Dienst.

Die SoA sind also lokal und regional bestens verwurzelt und vernetzt, was der Legende von den unverbesserlichen Outlaws zuwiderläuft. Doch dem Outsider-Klischee zu genügen und gleichzeitig ein zünftiges Vereinsleben aka organisiertes Verbrechen zu betreiben, ist schlicht und einfach unmöglich, denn die Kombination würde zwingend und schnell in eine suizidale Gewaltspirale münden.

Muskelschwund
Gleich zu Beginn der Serie wird so der Outlaw ohne großes Gewese über Bord geworfen, aber nicht weil “Sons of Anarchy” ins Fantastische driftet, sie erzählt von den Veränderungen und Verwerfungen des gemeinen Motorradrockers in den Untiefen der Globalisierung. Um es vorweg zu sagen: Sie bekommt ihm nicht besonders gut, und zwar zunächst ganz einfach, weil sie seine angestammte Existenzgrundlage durch ehrliche oder wenigstens ehrenwerte Muskelarbeit vernichtet, indem die Knochenjobs an Maschinen oder Chinesen ausgelagert werden. In den USA ist dieser Niedergang besonders harsch – und Motorradrocker funktionieren so gewissermaßen als Abziehbild eines US-Phänomens – hier wird das Milieu der traditionellen, sprich vor allem weißen, Arbeiterschaft regelrecht ausgetrocknet.

Für knorrige Muskelarbeiter gibt es in den Industriestaaten immer weniger Jobs, und das gilt auch auf den kriminellen Betätigungsfeldern, mit denen sich Motorradrocker schon immer gerne beschäftigen. Denn auch im illegalen Business treten Kriminelle rund um den Globus vermehrt zueinander in Konkurrenz, während gleichzeitig straff organisierte, international operierende Strukturen die einträglichsten kriminellen Branchen übernehmen, für maßvoll agierende Gauner mit altmodischer Ganovenehre wird der Spielraum enger. Was bleibt der Rockerbande in dieser Situation?
Schwanz einziehen oder sich professionalisieren, also von der Gelegenheits- zur organisierten Kriminalität umschalten.

Prostitution ist nicht genug
Was das konkret bedeutet, rückt die vierte Folge ins Bild: Der Distributionsweg für das Kerngeschäft der Sons, der Handel mit schweren Waffen, muss abgesichert werden, also wird der Devil’s Tribe, eine bislang eher lose befreundete Rockerbande, deren Aktivitäten sich bislang auf lokale Prostitution und etwas Glücksspiel beschränkten, zum Übertritt gedrängt. Vor der feierlichen Zeremonie darf immerhin noch aussteigen, wem der neue Verein zu krass ist, dem ohnehin harten Rest werden dann prompt die neuen Spielregeln eingebläut:
Protagonist Jackson “Jax” Teller zockelt zu einer Kneipe der SoA-Erzrivalen Mayans (unverkennbar die Bandidos) und tritt ein paar Bikes auf den Asphalt. Dann flitzt er zum Clubhaus des ehemaligen Devil’s Tribe, die Mayans natürlich auf den Fersen, und schon ist die schönste Schießerei im Gange, nach der auch der dümmste Rocker geschnallt hat, dass die Sons jetzt in der Stadt sind und alle, denen das nicht passt, sich verpissen können. Durch diesen Wechsel der geschäftlichen Gangart verändert sich natürlich die wirtschaftliche und soziale Situation der Rocker, aber auch ihre kulturelle Basis, die Subkultur-Folklore der Ledermänner auf schweren Maschinen gerät unter Druck – allein weil Harleys eigentlich Schönwetter-Vehikel sind und sich für professionellen Gangsterkram wie Verfolgungsjagden denkbar schlecht eignen.

Der rechte Weg
In der TV-Serie wird der Konflikt zwischen der traditionellen, kleinkriminellen Rocker-Vergangenheit und der gnadenlosen Gegenwart, die durch strengen Wettbewerb auf einem internationalen Markt geprägt wird, einfach aber effizient als familiäre Konstellation dargestellt, die sich rund um die Erlöserfigur Jax Teller gruppiert: Sein bereits vor geraumer Zeit verstorbener Vater hat die Sons gegründet, seine Mutter Gemma wird großartig luzide von Katey “Peggy Bundy” Sagal gegeben, während Ron “Hellboy” Perlman dem Clubgründer sowohl als Präsident als auch im Ehebett gefolgt ist.
Zu Beginn der Serie erhält die kleine Patchwork-Familie zudem Nachwuchs durch Jax‘ Sohn Abel, dessen nichtsnutzige Junkie-Mutter aber schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, um einer weiteren starken Frau Platz zu machen, der Ärztin Tara, die als Jax‘ Freundin für die bürgerliche Kontrastfläche sorgt, auf der sich die Blutspritzer des SAMCRO-Alltags schön deutlich abzeichnen. Als Jax die Tagebücher seines Vaters in die Hände fallen, der pathetisch über Freiheit, Zugehörigkeit und den “rechten Weg” für seine Motorradrocker sinniert, ist der Versuchsaufbau eigentlich schon komplett, den Jax stellvertretend für uns Betrachter zu bewältigen hat: Das Vermächtnis seines Vaters gegen die Geschäfte seines Stiefvaters lautet die Wahl, der Einsatz ist die Zukunft seines Sohns Abel. Und so schizophren das anmuten mag, halten die gesamte Familie, alle Club-Mitglieder und auch die Konkurrenz-Biker um jeden Preis an “Family Values” fest, so diffus diese auch sein mögen. Auf schizophrene Weise versuchen alle, Privat- vom Berufsleben getrennt zu halten, was natürlich überhaupt nicht funktioniert, weshalb große Teile der Handlung immer wieder von den Versuchen handeln, die Sphären zu entwirren, was in der Regel nur noch tiefer ins blutige Chaos führt.

Rocker ohne Rock
Zuletzt gerät die Welt der Motorradrocker dieser Tage nicht nur durch die Fliehkräfte der Globalisierung unter Druck, sondern auch dadurch, dass ihre kulturelle Basis schon so lange in Traditionen erstarrt ist, dass sie hohl und morsch in der Zeitgeistbrise ächzt: die Männlichkeit der Rocker, ihre Ehrpusseligkeit, ihr groteskes Festhalten an starren Hierarchien, Revierkämpfen und der alles dominierenden Körperlichkeit haben sich schon lange gründlich überlebt, trotzdem oder gerade deshalb werden hier zu jeder Begrüßung, jedem Abschied und zwischendurch gerne noch einmal aus Rührseligkeit lederbejackte Schultern geklopft und gepatscht, dass man vor Überdruss schier kotzen könnte.

Eigentlich gibt es keinen Aspekt dieser wertkonservativen Rockergesellschaft, der nicht hoffnungslos anachronistisch wäre, von der Übermotorisierung über Gewalt als universelle Konfliktlösungsstrategie bis zur ehrlichen, handgemachten Rockmusik. Und natürlich trägt auch dieses Unzeitgemäße zur Radikalisierung bei, schließlich müssen sie ihre Stellung gegen die fortschrittsgläubige Welt verteidigen. Der paradoxe Befund lautet demnach:
Die Motorradrockerbande ist ein kulturelles Auslaufmodell, gleichzeitig radikalisiert sie sich und expandiert weltweit als Erfolgsmodell organisierter Kriminalität. Über ihre Zukunft entscheidet daher die Frage, wie weit sich die Rockerkultur verbiegen und verändern kann, ohne ihre integrative Funktion zu verlieren?
Sogar bei den Sons of Anarchy wirkt die Harley oft nur noch wie eine verzichtbare Staffage, aber können die Rocker tatsächlich auf ihre Böcke verzichten und trotzdem als kriminelle Bande erfolgreich bleiben?

Was den Soundtrack zum Rockerleben angeht, ist bei den Sons die Welt noch in Schweinerockordnung, in Berlin zeigen die Hells Angels aber auch schon mal Flagge auf dem Rave und ein lokales Bandido-Chapter hat sogar eine HipHop-Crew offiziell zu Supportern ernannt, die auf YouTube über die Biker-Herrlichkeit rappen. Der TV-Serie Sons of Anarchy kommt das Verdienst zu, dieses neuen, vor interessanten Widersprüchen nur so triefende Rocker-Universum überhaupt einmal umfassend darzustellen, die bisherige Kulturproduktion zum Thema ist nämlich genauso hoffnungslos überholt, wie das klassische Rockerklischee vom freiheitsliebenden Outlaw.
Das einzige, was an SoA auszusetzen bleibt, ist, dass die Serie nicht von HBO produziert wurde, das Thema hätte das Sender-übliche opulente Budget allemal verdient.

Bilder: http://www.fxnetworks.com/shows

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Elektronische Lebensaspekte.

4 Responses

  1. madmats

    Naja, Old Ladies klingen nicht sehr lecker, ist auch so alles voller Klischees behaftet, aber ein paar Details sind schon echt witzig und real. Ich mag die Serie, auch wenns oft genug von der Wirklichkeit abschweift, aber Film-/TV-Produktionen leben nun mal vom Unterhaltungswert, wird hier genauso geliefert wie bei Spartacus, Realität hin oder her. In meinen Augen spannend, gespickt voller historischer Details. Ich mags, klar, ist rein subjektiv, aber was solls. Ich fands spannend und hab bis zum Finale geguckt. Ich denk, die originalen Silberlinge werden irgendwann auch Einzug in meine originale Sammlung finden wie HdR extendend und Spartacus und weiss der Geier noch das andere Zeugs.