Medien-Selbstreflexion findet im Fernsehen nicht nur auf 3Sat, sondern manchmal auch in den regulären Formaten des kommerziellen TV-Zirkus statt - ein Klassiker und zwei neue Serien zur Selbstdarstellung auf dem Bildschirm: Images vor Gericht in "Justice", Teenie-Standards mit "Sweet 16" und Promi-Spielregeln in der "Larry Sanders Show".
Text: Sascha/Waldt aus De:Bug 107

EGO-TV

Justice
Die Vermischung von Anwalts-Serien mit Reality-Shows plagt uns nicht nur im deutschen Nachmittagsprogramm, sie treibt in den USA seit geraumer Zeit auch höchst eigentümliche Blüten. Im Zeitalter des universellen Pimps fehlte allerdings bisher noch ein Format, das sagt: Gerechtigkeit ist, was gut aussieht. Genau diese Lücke füllt “Justice”. Hier geht es kaum noch um den Fall, die Motivation für den Mord, die Frage, ob Anwälte ihren Kunden glauben, all das ist lediglich Hintergrundgeplätscher der Handlung, wichtig ist nur noch die mediale Repräsentanz des Beklagten. Wie viel Airtime bekommt der Anwalt, um die Geschworenen von Anfang an für seinen Fall zu beeinflussen? Wie muss der Klient im Gericht aussehen? (Falls die passende Kleidung fehlt, geht man halt einkaufen.) Wann darf er lächeln, wann muss er ernst aussehen? Sämtliche Aussagen werden zur Klärung dieser Fragen in “Justice” vor der Verhandlung mit einer “Mock-Jury” geprobt. In den USA gibt es ja generell eine starke Faszination für das Gericht als Dramabühne, weil der normale Bürger als Geschworener mitwirkt. Auch eine zweite neue Anwaltserie, “Shark”, arbeitet mit dem doppelten Boden, der die Situation vor Gericht zu einem Schauspiel verkehrt. Bei Shark zeigt sich das z.B. darin, dass der Staranwalt zu Hause über eine komplette Replik des Gerichtssaals verfügt, in der er jedes Plädoyer probt und filmt, bis er im Video selbst voll überzeugt. Justice geht aber einen Schritt weiter. Geht etwas schief, wird so lange getuned, bis man alles an Quote aus der Mock-Jury herausgeholt hat. Justice verlagert die Show in jedes noch so kleine Detail der Wirkung. Der Anwalt ist kein Vertreter des Rechts mehr, sondern vor allem Imageberater. Und damit ist er gleichzeitig Produzent und Regisseur seiner eigenen Sendung und die Geschworenen sind die Zuschauer (weshalb sie auch häufig 3D-Animationen des Tat-Hergangs ansehen müssen und ständig Flatscreens in den Gerichtssaal gefahren werden), die am Ende nur noch den richtigen Knopf auf ihrer Fernbedienung finden müssen, um das gewünschte Urteil zu fällen. Nicht schuldig.
bleed
http://www.fox.com/justice

My Super Sweet 16
Diese MTV-Serie generiert reinen Medienwahnsinn, der die Grenze zwischen echtem Ereignis und dessen TV-Darstellung so richtig gründlich verschwimmen lässt: In jeder Folge feiert ein Paris-Hilton-Wannabe seinen 16. Geburtstag mit einer umfassenden Party-Inszenierung, die ohne Tänzer, musikalischen Stargast, Stylisten, professionelle Organisation und Security-Personal schon längst nicht mehr möglich ist. Definitv nichts für schwache Nerven oder sensible Zeitgenossen mit ausgeprägtem Stilempfinden, aber ein phänomenales Schlaglicht auf gesellschaftliche Konventionen und Verhältnisse. Die Frage, ob die TV-Show oder das Ereignis an sich für die jeweiligen Protagonisten wichtiger ist, kann dabei schon lange nicht mehr beantwortet werden: Die Party ohne ausufernden Dokumentations-Apparat gibt es nämlich offensichtlich nicht mehr. Die Ankündigung mittels selektiver Einladung in der Highschool und im sozialen Umfeld sowie die Dokumentation durch professionelle Fotografen und Filmpersonal scheinen bereits fester Bestandteil des Rituals zu sein – das dann noch zusätzlich von MTV gefilmt und verwertet wird. Die Anwesenheit des Senders fördert demnach lediglich eine Tendenz zur medialen Transzendierung des klassischen Ereignisses Geburtstagsparty. Ob die Party für die jeweilige Gastgeberin noch etwas anderes bedeutet als durch viel Arbeit und Stress erkauftes Renomée, ist unterdessen schwer zu bezweifeln. Auf der anderen Seite drängt sich der Eindruck auf, dass auch die Gäste sich schon längst darauf eingestellt haben, dass ihre Rolle weniger darin besteht, ein gute Zeit zu haben, sondern darin, als Testimonials einer gelungenen Inszenierung zu fungieren. Dass von den Vätern (es sind wirklich nie die Mütter) der Geburtstagskinder mindestens einige Zehntausend, wenn nicht Hunderttausende für die Partys ausgegeben werden – Beyoncé auf der Bühne kostet eben – macht die Art und Weise zu “feiern”, die in “My Super Sweet 16” praktiziert wird, natürlich zu einem elitären Phänomen. Trotzdem geht es hier um Masse: In den USA gibt es nicht weniger als 2,7 Millionen Millionäre, so schnell dürfte MTV also nicht der Stoff ausgehen.
waldt
sweet16.mtv.com

The Larry Sanders Show
Ein Serien-Klassiker aus HBO-Produktion über das Leben in der Medien-Öffentlichkeit, auch fast zehn Jahre nach Serienende definitiv immer noch sehenswert: Die fiktive Late-Night-Talkshow des Moderators Larry Sanders hat fast in jeder Folge echte Promis zu Gast und manchmal auch ein ganzes Cluster – und natürlich besteht ein großer Teil der Serie aus dem, was hinter den Kulissen und im Studio vor und nach der Show passiert. Highlights sind dabei die Werbepausen, in denen Larry und seine Gäste ihr On-Air-Dauergrinsen abstellen und ausdealen, wie ihr Gespräch weitergehen soll, oder wer mit welcher Hollywood-Schauspielerin im Bett war. In den Garderoben und Produktionsbüros der Show werden die Techniken des Ego-Pimping auf hohem professionellen Niveau zelebriert, die fatale Kunst der totalen Rückratlosigkeit inklusive: Larrys Sidekick Hank Kingsley kann hier als abschreckendes Beispiel für alle C-Prominenten mit hochfliegenden Merchandising-Ambitionen verstanden werden, weil er regelmäßig seine Würde gegen Ärger und heiße Luft eintauscht. Den Grad an Egozentrik, den echte A-Stars an den Tag legen müssen, um auch wirklich ernst genommen zu werden, illustriert unterdessen Larry Sanders selbst, indem er beispielsweise seine Bettgespielinnen samt und sonders durch den Konsum seiner eigenen Sendung vergrault – Merke: Kein Sex kann so wichtig oder gut sein wie das Erlebnis, sich selbst als Hauptdarsteller im TV zu betrachten. Eine Zeit lang konnte man übrigens den Eindruck bekommen, dass Harald Schmidt mit seinem Konzept von der Einbeziehung aller möglichen Mitarbeiter früher oder später beim Larry-Sanders-Format ankommen würde, nach seinem Senderwechsel haben sich allerdings alle Hoffnungen in diese Richtung zerschlagen. Und da bislang auch kein anderer würdiger Nachfolger auf den Schirm drängt, stellt Larry Sanders immer noch den Höhepunkt der Selbstreflexion im Promi-TV dar.
waldt
http://www.sonypictures.com/tv/shows/thelarrysandersshow

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Elektronische Lebensaspekte.