Politik im Kopf, Funk unter dem Herzen. Tys neues Album setzt dem UK-HipHop eine überzeugende Krone auf. So.
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 107

HipHop

Familioenangelegenheit
Ty

Der erste Test morgens im Büro. Normalerweise produziert das Radio unauffällig oszillierende Hintergrundgeräusche. Ich versuche “Closer“, das neue Album von UK Lieblings-Rapper Ty. Und 45 Minuten später: Test bestanden, trotz kaputter Kaffeemaschine und Kater vom Wochenende, die CD läuft bis zum Ende durch. Ein Ty-Album nervt nicht. Es groovt, es ist leicht und geschmeidig.
Und es klingt wie ein Ty-Album, ja durchaus, und wir meinen damit, gut. Die Füße wippen automatisch, die Maus bewegt sich fast von selbst, eine Million Tote in der Strophe und trotzdem kein Grund zur Depression. Ich versuche, den Autor dieser tragischen Leichtigkeit dazu zu bringen, mir sein Geheimnis zu verraten. Die Glücksformel, die Tys Mädchen in Marzipan tunkt, bevor er sie in seinen Refrains tanzen lässt (don’t watch that).

Ben Chijoke antwortet mir zunächst äußerst wortkarg. Eine der wenigen Informationen, die ich um 10 Uhr morgens UK Time aus ihm herausbringen kann, ist, dass es ihm um den Funk geht. Funk und immer wieder Funk ist seine treibende Kraft und der Mann hinter den clownesken Beats ist im wirklichen Leben eher seriös, fast schon ein bisschen dröge, um nicht mürrisch zu sagen.
Aber: Ty kann keiner böse sein, denn er hat sein Versprechen eingelöst und uns zufrieden gestellt mit seinem neuen Werk – Homogenität bewiesen, saubere Arbeit geleistet, auch in der Wahl seiner Gäste. Egal ob Bahamadia, Arrested Development oder Vula (Basement Jaxx), Ty umgibt sich mit Extraklasse. Delasoul lieben ihn und singen auch auf diesem Album gerne mal den ein oder anderen Hook, Robert Wyatt gibt Props und für den Mercury Award war der aus Nigeria stammende Künstler in seiner Londoner Heimatstadt auch schon nominiert.
Allerdings stellt er zum (UK-)Musikmarkt resigniert fest:
“Im Mainstream Business ist doch keiner an wirklicher Black Music interessiert und schwarzen Künstlern wird nur eine Plattform geboten, wenn sie ‘US Import’ quer über ihrer Brust tragen, sonst wirst du einfach nur ausgesaugt und fallen gelassen.“

Keine Kompromisse
Das kommt für Ty nicht in Frage, er denkt auch überhaupt nicht über andere Labels nach. Wie auch, denn richtiger conscious HipHop will nur Musik machen und das kann Big Dada gut verkaufen. Tys Anspruch bleibt es, den Soul der siebziger Jahre in zeitgemäße elektronische Beats zu übersetzen, ihn ein bisschen zu drehen und zu wenden, mit den richtigen Lyrics zu versehen und am Ende ein Resultat zu haben, dass weltweit verstanden wird und dabei nie belanglos bleibt.
“Niemanden hat es 1994 interessiert, was in Ruanda passiert ist, vielleicht erreiche ich ein bisschen mehr, wenn ich 2006 darüber singe. Die Aufmerksamkeit der Medien beschränkt sich doch nur auf ausgewählte Bilder – ich versuche, so viel wie möglich anzusprechen. Ich kann auch nicht den Leuten die Augen öffnen, aber ich versuche, etwas rüberzubringen, genauso wie Bahamadia oder Speech, die mit mir ‘Oh’ singen. Wir versuchen alle, etwas für uns Bedeutsames anzusprechen, was sonst verloren gehen würde, und diese Energie in etwas Positives zu verwandeln, du kannst nachdenken und gleichzeitig gute Musik hören, man muss nicht destruktiv klingen, um sich mit etwas ernsthaft auseinander zu setzen …“

Bevor Ty Musik gemacht hat, hat er getanzt, die Energie der Musik zelebriert, dann kam Spoken Word und damit die rastlose Eloquenz, es folgten zahlreiche Projekte und Ghetto-HipHop-Workshops für Teenager. Dann kam das erste Album.
“Closer“ ist wie schon “Upwards“ und “Awkward“ in Zusammenarbeit mit Drew Horley entstanden. Neu ist, dass Tys Mitbewohner Leroy Brown von Urban Species eine tragende Rolle als Beatproduzent bekommt und alle Stücke noch mehr klingen, als wären sie aus einem Guss. Mit traditioneller nigerianischer Musik aufgewachsen, hat sich Mr Chijoke ganz schnell anderen Klängen zugewendet, um sich von seinen Eltern abzugrenzen. Tys Musik ist international und nicht Roots-orientiert. Für die eigenen Tracks werden lieber die Familienmitglieder des “Universal HipHop“ herangezogen, um dazu beizutragen, dieses Album zu dem zu machen, was es ist. Eine neue Jahreszahl, ein schöner Ausklang eines langen, heißen Sommers und mit ein bisschen Glück winkt am Ende der Lifetime Achievement Award.

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Elektronische Lebensaspekte.