Text: Sabine Fischer und Thomas Noller aus De:Bug 19

The face behind the site Sabine Fischer und Thomas Noller königin@pixelpark.com und tnoller@typospace.de Fotos: Claudia Burger Es ist selten, daß man auf ganz besondere Seiten im Netz stößt. Seiten, die nach der ersten Emphase auch noch eine zweite und dritte hervorrufen. Spätestens nach der dritten fragt man sich, wer dahintersteckt. Eine dieser Seiten ist typospace.de. Das User-Interface macht den Eindruck, als ob jemand ein neues Medium erfunden hat (es lebe der Paradigmenwechsel): Navigation ist nicht mehr linear, sondern gleichzeitig. Frames sind tot. Man fragt sich auch, ob der Mensch eigentlich weiß, was er da gemacht hat. Thomas Noller steckt hinter http://www.typospace.com. Er hat sich selbst gefragt, was er da eigentlich gemacht hat: This is the dawn of a new era Du hast drei Jahre in Amerika Printdesign studiert. Du durftest dich an shopping-bags und Kaffee-Becher-Aufdrucken schulen. Web Design wurde zu deiner Zeit nicht gelehrt. Wie kamst Du dennoch zum Web? Thomas Noller: Ich glaube, was mich am Print Design schon immer gestört hat, war die Tatsache, dass es so prozesslastig war, aber letztendlich vom Prozess so wenig im Endprodukt vorzufinden ist. Allein all diese Dinge, die man beachten muss: Papier, Farbauszüge, Überfüllung, Druckfarben, Monitor-Kalibrierung, ganz zu schweigen vom Design – und am Ende steht man vor vollendeten Tatsachen. Das, was man auf dem Bildschirm hatte, sieht auf Papier ganz anders aus. “What you see is what you get” war immer ein leicht reizvollerer Ansatz. Auch wenn es nur bedingt zutrifft. Abgesehen von diesen technischen Aspekten. Gab es noch andere Anlässe ins Web “zu wechseln”? Thomas Noller: Naja, es kam da schon die Frage auf: Wieviel verschiedene Wege, ein Poster oder eine Broschüre zu gestalten, gibt es denn eigentlich noch? Es gibt natürlich immer einen neuen Weg, aber zu der Zeit, als ich mir die Frage stellte, schien sich alles zu wiederholen. Selbst das sogenannte “cutting edge design” aus den Hochburgen wie Cranbrook oder CalArts, dass wir natürlich alle kräftig kopierten, war mittlerweile absolut vorhersehbar geworden. Ein ganzes Jahrzehnt lang hatte man sich den Kopf über die Inhalte zerbrochen. Die Frage, ob Blocksatz nur eine ästhetische oder eine politische Entscheidung war, beschäftigte ganze Essays in Emigre. Der entsprechende graphische Look war zu einer hohlen Formel verkommen. Einwenig Lyotard, Baudrillard und Barthes hier, ein wenig Fontographer dort und dazu noch aus dem fahrenden Auto geschossene Photos. Fertig war das post-strukturalitische Layout. Ich würde nicht sagen, dass ein Designer kein Verantwortungsbewusstsein haben sollte. Aber man kann es auch übertreiben. Das ganze klang zu sehr nach Kunst. Ich war immer sehr skeptisch gegenüber Kunst. Die Kunst ist der Bereich menschlichen Schaffens, der am meisten beansprucht und am wenigsten bewirkt. Die Sachen, die die Menschen wirklich bewegen, passieren woanders. In der Technik, der Wissenschaft, in den Medien. Besuch vom MIT Es war also Zeit für einen Schnitt, gab es einen konkreten Anlass? Thomas Noller: Ja. Eines Tages zeigte uns ein Professor dieses Video vom MIT Media Lab. Lisa Straussfeld und Earl Rennison von der Visible Language Group hatten in ihrer Thesis die trockenste aller Informationen – eine gewaltige Zahlentabelle – in ein anschauliches virtuelles Gebäude verwandelt, das der Benutzer in Echtzeit und in 3 Dimensionen durchnavigieren konnte. Das alles sah wunderschön aus. Die Zahlen schwebten da auf verschiedenen Ebenen vor einem tiefschwarzen Hintergrund. Es war wie ein alternatives Universum. Wir bekamen auch die theoretische Arbeit zu lesen. Diese Erfahrung war mein persönlicher Quantensprung. Hier war endlich mal ein ganz neuer Ansatz, weg von der Ideologie hin zur Struktur. Was mich daran so faszinierte, war die nahezu wissenschafliche Vorgehensweise. Was die am MIT machten, war so etwas wie Grundlagenforschung, fast so wie Teilchenphysiker im Beschleuniger. Man sucht nach den ultimativen Einheiten, ohne überhaupt schon zu wissen, wohin das Ganze einmal führen wird. Das fand ich faszinierend. Irgendwie verband ich das sofort mit dem WWW. In beiden Fällen ging es um sehr komplexe Informationen, die durch Interaktivität anschaulich und begreifbar gemacht werden konnten. Grundsätzlich ein prozessualer Ansatz, weniger ein inhaltlicher. Die Leute vom MIT wussten das natürlich auch. Craig Kanarick, der am Visible Language Project mitarbeitete, war Mitbegründer von razorfish. Und Straussfeld und Rennison schreiben jetzt Java Applets, die das Prinzip auf das WWW portieren sollen. Das ist dann der Punkt, an dem “typospace” entstand? Thomas Noller: Ja. Am selben Tag ging ich nach Hause und lernte HTML. Mein Roommate hatte Linda Wurman’s Designing Web pages. Ich kaufte ein paar Bücher über Javascript und legte los. Damals noch auf meinem Mac LC mit 80 MB Festplatte. War es schwierig? Thomas Noller: Es kommt darauf an. Ich wollte eigentlich schon immer Programmierer sein. Diese Leute bewundere ich zutiefst. Die Tatsache, aus abstrakten, logischen Befehlen etwas Anschauliches zu schaffen, das auch noch bestimmte Ablaufprozesse im Auge behalten muss, hat für mich einen höheren Stellenwert, als etwa ein Bild zu malen. Programierer sind Künstler, obwohl sie sich sicherlich nicht selbst als solche sehen. Javascript und html sind Programiersprachen für Arme, wie man sagt, aber dennoch enthalten sie dieses fast magische Element, mit einer Maschine zu sprechen und ihr zu sagen, was sie machen soll. Man gibt die kleinste Einheit ein, die auf dem Computer denkbar ist, Zahlen und Text, und die Maschine macht ein Abbild daraus. Das ist toll. Mitte der 90er war das WWW noch ein wenig anders als jetzt, und was mich faszinierte, war vor allem, dass die Ausgangsbedingungen für alle gleich waren. Jeder hatte mit den gleichen Limitationen zu kämpfen, egal ob er ganz neu im Designgeschäft war oder schon seit Jahren zu den Vorreitern gehörte: 216 Farben, tables, gif’s, jpeg’s, hyperlinks. Alle standen an der selben Startlinie. Budgets spielten noch keine grosse Rolle, und man konnte sogar als One-man-show extrem erfolgreich sein. Die erste “typospace”-site entstand in einer Woche. Ich nahm mir 2MB Serverplatz umsonst bei geocities.com und hängte sie ins Netz. Dann hab ich erst einmal gewartet. Erst passierte nicht viel, aber nach ein paar Monaten ging es los. Ich bekam unglaublich viel Feedback, Job-Angebote, gewann eine High Five und nach einem Jahr hatte ich über 1 Million Page hits. Die site orientiert sich ganz klar an bestimmten Vorbildern. Thomas Noller: Ganz klar. Ich habe das MIT bereits genannt. io360 war ein anderer grosser Einfluss. Sicherlich auch MetaDesign zu einem bestimmten Masse. Mittlerweile ist das ja schon zu einer Art Stil geworden, dieser schwarze Hintergrund und die reduzierte Darstellung. Inwiefern spielen die Inhalte denn eine Rolle? Thomas Noller: Dass sich die Site um Typographie und Design dreht, ist eigentlich eher nebensächlich. Es könnte genauso gut um Hundefutter gehen. Wichtig ist mir, wie der User zur Information geführt wird. Was er dann dort erzählt bekommt, ist zunächst einmal zweitrangig. Es ist nicht das, was mich in erster Linie interessiert. Im Internet ist alles mehr oder weniger gleich interessant. Es kommt nur darauf an, wie es präsentiert wird. In dem Beispiel vom MIT ging es um Zahlen. Ich denke, eine der Stärken des WWW ist, dass es keine prädestinierten Inhalte gibt, wenn man mal von Porno absieht. Wichtiger ist mir der Prozess der Hinführung. Der beste Inhalt geht verloren, wenn die Strategie der Hinführung scheitert. Mein Freund Garry, mit dem ich zusammen in New York studierte, erzählte mir einmal, dass er sich “Information Architect” nenne, weil das bei Gehaltsverhandlungen ein paar tausend Dollar mehr einbringe. Sich irgendwo als”web designer” vorzustellen, reisst diesbezüglich natürlich keinen mehr vom Hocker. Klick Was an der zweiten Version von “typospace” auffällt, ist das Navigationsprinzip. Was war die Intention dahinter? Thomas Noller: Der Anlass war eigentlich die Einführung von scriptable Layers durch Netscape Ende 1996. Ich fand dieses Prinzip genial. Es ermöglichte mir, eine einheitliche Präsentationsform zu erschaffen, die sich mehr oder weniger in einem eigenen virtuellen Raum abspielt. Was mich am Web immer ein wenig gestört hat, war dieser Blätter-Effekt, wenn man auf einen Hyperlink klickt. Es gibt jedesmal diese kurze Unterbrechung, bevor sich die neue Seite lädt. Mit “typospace” 2 wollte ich die Desktop Metapher ins Web übertragen. Die Site nimmt dabei die Funktion einer Applikation an, die zu jedem Zeitpunkt eine Antwort auf das User-Verhalten hat. Es gibt Kontext-sensitive Menus und Keyboard Events. Thomas Noller: Richtig. Aber ironischerweise funktioniert das alles nicht. Obwohl oder vielleicht sogar gerade weil es sich in gewisser Weise am Macintosh oder Windows System orientiert. Warum? Thomas Noller: Ich denke, das Prinzip des Hyperlinks ist bereits zu sehr in den Köpfen der User. Sie sind gewöhnt, das ein einfacher Klick eine Reaktion hervorruft. Sie vor dem Klick zu veranlassen noch eine Keyboard-Taste zu drücken, ist schon zu viel. Ich hatte diesen interessanten Feedback von Filip Stoj von digitalthread, der mir sagte, er bewundere die Technik hinter der Navigation, aber letztlich wünschte er sich ein einfaches Menu, etwas, das ihm die Orientierung erleichtert. Wenn ich natürlich ein gewöhnliches Menu einführen würde, wäre das ganze Brimborium mit den Pop-up Menüs überflüssig. Ein Schritt zu weit also oder ein Schritt in die falsche Richtung? Thomas Noller: Schwer zu sagen. Ich glaube, letzteres. Man sollte die Medien niemals vermischen. Eine Website ist genausowenig ein Desktop wie eine Buchseite. Sie ist ein Interface mit ganz eigenen Regeln. Die Hauptregel ist Klick und sonst nichts. Wie wird typospace 3 aussehen? Thomas Noller: Ich weiss nicht. Ich glaube, es muss doch wieder mehr um Inhalte gehen. Das Navigation zum Selbstzweck werden kann, hat mir die letzte Erfahrung gezeigt. Ich hatte unlängst eine Diskussion mit zwei Ex-Studenten von Cranbrook, die beide grosse Probleme haben, sich mit dem WWW anzufreunden. Einer von beiden meinte, er verstehe dieses ganze Gerede um Navigation und Transparenz der Inhalte nicht. Es gibt nun einmal nur so und soviel Wege, wie der User Information aufnehmen kann, rein von der Struktur seines Gehirns her. Und diese Aufnahmeart ist und bleibt linear. Vielleicht hat er recht. Ich hätte grosse Lust, einmal eine sinnvolle und schöne Nurtext-Seite zu entwickeln. Dann gibt es aber halt noch so Sachen wie Flash. Da ist ganz schön. Sicher. Aber es wird mehr und mehr wie diese Fernsehprogramm-Animationen. Und bisher sind die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Flash und anderen Elementen noch begrenzt. Das wird sich sicher schnell ändern. Thomas Noller: Wenn eins sicher ist, dann das. http://www.typospace.de mail: tnoller@typospace.de ZITAT: Die Frage, ob Blocksatz nur eine ästhetische oder eine politische Entscheidung war, beschäftigte ganze Essays in Emigre. Die Kunst ist der Bereich menschlichen Schaffens, der am meisten beansprucht und am wenigsten bewirkt. Eine Website ist genausowenig ein Desktop wie eine Buchseite. Sie ist ein Interface mit ganz eigenen Regeln. Die Hauptregel ist Klick und sonst nichts.

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Elektronische Lebensaspekte.