Vom Hip-House-Klassiker "Turn Up The Bass" nach Berlin Prenzlberg
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 124


Der Pianoloop lässt nicht locker, gesampelte James-Brown-Juchzer erhöhen den Druck aufs Euphoriezentrum und dann setzen die Vocals ein und du bist verloren. Partytime! “Tyree Cooper, the producer, awesome supa dupa trooper!”

Kool Rock Steadys Big-Up-Reime in Tyree Coopers Hip-House-Klassiker “Turn Up The Bass” haben sich genauso tief in die House-Geschichte eingeschrieben wie die Geschichte von Jack in Larry Heards “Can U Feel it?” Nicht nur Scooter haben sich später hier bedient. Ende der Achtziger schwappte nach House und Acid-House die nächste Welle von Chicago aus in die weite Welt: Hip House.

Tyree Cooper war neben Fast Eddie die zentrale Figur dieses aufgekratzten Sounds aus gut gelaunten Partyraps und straighten House-Beats. Der Marsch durch die weltweiten Charts hielt nur zwei Sommer, aber Tracks wie “Turn Up The Bass” oder “Let The Music Take Control” lieferten den Blueprint für Euro-Chartstürmer wie Technotronic oder 2 Unlimited, die, wie so oft, die finanzielle Ernte einfuhren, die in Chicago gesät worden war.

Wir trafen uns mit Tyree Cooper, der seit 2001 in Berlin lebt, um uns mit ihm über die Geschichte von HipHouse, Chicago und die Kunst des Pizza-Ausfahrens zu unterhalten.

De:Bug: Wann warst du das letzte Mal in Chicago?

Tyree Cooper: 2004. Es war okay. Chicago ist meine Heimatstadt, die Leute, außer vielleicht die Kids, kennen mich da.

De:Bug: Du wohnst seit 2001 in Deutschland. Hat sich deine Sichtweise auf House durch den Umzug entscheidend geändert?

Tyree Cooper: Nicht wirklich. Die Musik ändert sich und du wirst älter, aber die Party ändert sich nicht, die Party bleibt jung. Das ist ein Prozess, mit dem man klarkommen muss. Manchmal bekomme ich Stücke vorgespielt und denke: ”What the fuck is this shit?“ Und dann höre ich, dass es momentan ein riesiger Hit in den Clubs ist. Nur wo, frag ich mich dann. Wo? Ich muss nicht alles verstehen. Die Kids sollen sich ruhig austoben. Ich werde immer House spielen. Das ist meine Musik, auch wenn es niemand hören will, wie bis vor kurzem. House feiert ja gerade ein Comeback, aber vor zwei, drei Jahren durftest du das Wort House hier in Deutschland einfach nicht in den Mund nehmen, ohne dass sich jemand verschluckt hat. (lacht)

De:Bug: Es gibt einige Produzenten aus Chicago und Detroit, die damals an den Anfängen mehr oder weniger stark involviert waren und heute in Interviews oft eine verbitterte Note anklingen lassen. Sei es, dass sie von ihren Labeln oder Partnern abgezogen worden sind oder dass die Welt ihnen nicht den Respekt entgegenbringt, den sie verdienen usw. Mir ist bei den Anlässen, wenn wir uns unterhalten haben, aufgefallen, dass dir das vollkommen abgeht.

Tyree Cooper: Verbittert sein? Ich kann nicht über etwas verbittert sein, das ich selber mit auf die Welt gebracht habe. Die Musik musste sich irgendwann verändern. Natürlich haben wir, und damit meine ich alle Produzenten aus Chicago, der Welt eine Menge gegeben. Das, was wir zurückbekommen haben, ist natürlich nur die Neuinterpretation von unseren Ideen. Aber so ist es doch immer. Es wird auch immer so sein, dass irgendjemand etwas erfindet und jemand anderes damit viel Geld verdient. So lange man das akzeptieren kann, kann man sich auch weiter entwickeln. Du musst dir deine Nische suchen, die Gegenwart anerkennen. Wir sind die Jedi-Ritter, die den Scheiß am laufen halten. (lacht)

De:Bug: House und Chicagos erste Generation wird immer mit DJ International und Trax Records gleichgesetzt. Die beiden großen Rivalen. Du warst damals bei DJ International.

Tyree Cooper: Es war großartig. Ich habe mir die Promos von Trax und DJ International abgeholt und fast alles, was sie veröffentlicht haben, konnte man spielen. DJ International orientierten sich mehr Richtung Radiotauglichkeit, Trax war mehr street. Ich glaube nicht, dass Larry Sherman so viel von der Musik, die er herausbrachte, verstand. Er machte es einfach. Wenn jemand mit einem Tape zu ihm kam und ein DJ, den er kannte, die Tracks auf dem Tape abfeierte, dann hat Larry einfach eine Platte draus gemacht. Keine weiteren Fragen. Sound egal. Raus damit. DJ International war etwas mehr strukturiert. Du musstest mit einem kompletten Projekt zu Rocky Jones, dem Chef von DJ International, kommen. Du musstest ihn von dem Projekt überzeugen. Sie haben Promotion gemacht, wollten ihre Künstler aufbauen. Bei Trax reichte eine Kassette. Deswegen sage ich, dass Trax mehr street war. Nicht wegen des Sounds, sondern weil es unmittelbarer, direkter in der Umsetzung war. Larry Sherman didn’t give a fuck, So lange jemand sagte, dieser oder jener Track ist heiß, hat er ihn rausgebracht. Fertig. Die ganzen Geschichten, dass Künstler sowohl von Trax als auch von DJ International abgezogen wurden … das ist alles wahr. Aber man kann den beiden trotzdem ihr Erbe nicht streitig machen. Sie waren die beiden besten Label der Welt, auf denen die ganzen frühen Klassiker rauskamen. Und jeder hatte seine Nische, seine Hits: DJ International hatte ”Jack Your Body“, Trax ”Move Your Body“. Ron Hardy nahm eine Platte für Trax auf, Frankie Knuckles eine für DJ International. Larry Sherman hatte Acid-House, Rocky Jones HipHouse. Es gab immer diesen Wettbewerb.

De:Bug: Lass uns über HipHouse reden. Der Stil, mit dem du deine größten Hits hattest.

Tyree Cooper: HipHouse war eine Erfindung von Fast Eddie. Fast Eddie wollte irgendwann keine House-Platten mehr machen, nur noch HipHop. Sein Label, DJ International, war aber ein House-Label. Keiner von beiden wollte nachgeben. Eddie hat sich dann wohl gesagt: ”Fuck it“, kombinierte House und HipHop und nahm ”Yo, Yo Get Funky“ auf. Das war der Startschuss zu etwas ganz Neuem. Mein Beitrag zu HipHouse kam dann kurz nachdem ”Yo, Yo Get Funky“ zum Hit geworden war. DJ International drängten mich, auch eine HipHouse-Platte zu machen. Ich wollte erst nicht, weil es Fast Eddies Ding war. Aber sie blieben hartnäckig und ich sah mich schließlich nach einem geeigneten Rapper um. Ich fragte Kool Rock Steady, den Cousin von Afrika Bambaataa, den ich über Lidel Townsell kannte. Er fand die Idee cool. Das erste Ergebnis war ”Turn Up The Bass“, mein größter Hit.

De:Bug: ”Turn Up The Bass“ war auch in Europa ein Charthit.

Tyree Cooper: HipHouse war nicht so aggressiv wie HipHop. Es war cluborientierter, massentauglicher. Die europäischen Majors haben das schnell verstanden und HipHouse ausgeschlachtet. Wir saßen derweil in Chicago und haben das erst gar nicht mitbekommen. Was HipHouse den Garaus gemacht hat, waren die käsigen Vocals, die dann vor allem in Europa zu den Raps gesellt wurden. Es wurde einfach unglaublich kommerziell. Daran ist erst mal nichts auszusetzen, ”Yo, Yo Get Funky“ war ein kommerzieller Hit, ”Turn Up The Bass“ auch, aber nach dem Hype ging schnell der Witz an der Sache verloren. Wie so oft, ging es nur um schnell verdientes Geld, das man in kürzester Zeit aus einem Sound pressen konnte. In Chicago, und in den ganzen USA, änderte sich viel durch Gangsta-Rap. Das Bewusstsein der Kids änderte sich. Plötzlich ging es nicht mehr um Party und Fun. Gangsta-HipHop hatte mehr Street-Credibility. Wir hatten auch HipHouse- und Beatbox-Battles, ich saß in der Jury von DMC-Wettbewerben. Alles als HipHouse-Künstler. Wir hatten sogar einige verbale Auseinandersetzungen mit heute berühmten HipHoppern aus New York.

De:Bug: Mit wem?

Tyree Cooper: Ed Love und Dr. Dre. Und Brand Nubian. Sie konnten mit HipHouse nichts anfangen. Gar nichts (lacht). Ihr Hauptproblem war, dass wir das Ganze HipHouse nannten. Dabei machte der Name ja nun wirklich Sinn, weil wir über House-Tracks rappten. Wir sagten, dass wir alle Teil derselben Familie wären, aber das wollten die Jungs aus New York nicht hören. Ein weiterer Grund war wohl auch, dass HipHop gerade dabei war, sich in Amerika als feste Größe zu entwickeln, und da kamen wir und nahmen ihnen ein Stück von ihrem Wachstum. Zumindest sahen sie das so. HipHouse-Tracks wurden damals oft im Radio gespielt. Von Fast Eddie, mir, KC Flight. Selbst MC Lyte hat eine HipHouse-Maxi gemacht. House und HipHouse war damals so groß in den USA, dass sogar Eazy E und The D.O.C. nach House-Remixen für ihre Tracks ”Something To Dance To“ und ”Portrait Of A Masterpiece“ bei unserem Manager anfragten. Leider wurde nichts draus. Aber Fast Eddie hat einen Remix für Queen Latifah gemacht, ”Come Into My House“. Letztendlich glaube ich, das Dr. Dre, Brand Nubian und der Rest vor allem etwas gegen HipHouse hatten, weil es nicht aus New York kam. (lacht)

De:Bug: Du hast vor kurzem angefangen, auf deinem eigenen Label Supa Dupa Records deine alten Hits wieder zu veröffentlichen. Wie kam es dazu?

Tyree Cooper: Ohne das vertiefen zu wollen, kann ich sagen, dass ich DJ International vors Gericht gebracht habe, um die Rechte an meinen Tracks zu bekommen. Alle. Das war 2000. Es hat geklappt und jetzt gehören mir alle meine Tracks. I am my own man now.

De:Bug: Wann hast du das erste Mal mitbekommen, dass House in Europa ein Thema ist?

Tyree Cooper: Ich bin mir nicht sicher. Ende der Achtziger. 1988 war ich zum ersten Mal in Berlin. Niemand konnte ahnen, dass House so groß werden würde. Als der NME zum ersten Mal nach Chicago kam, um DJs und Produzenten zu interviewen, war mir vollkommen unklar, wen ich da vor mir hatte. Ich hatte keine Ahnung, dass der NME das Rolling Stone Magazine Englands war. Ich komme von der Southside Chicago, woher sollte ich das wissen. (lacht) Oder dieses deutsche Magazin, Bravo, woher sollte ich wissen, was das für ein Heft ist.

De:Bug: Du warst in der Bravo?

Tyree Cooper: Klar. (lacht). Mit ”Turn Up The Bass“. Das volle Programm, Poster, die Texte wurden abgedruckt. Ich hatte sogar einen Fanclub in den späten Achtzigern.

De:Bug: Hat die Bravo auch einen Journalisten nach Chicago geschickt?

Tyree Cooper: Nein. Die habe ich in Deutschland getroffen. Als ich dort zum ersten Mal auf Tour war. Das war schon absurd, ich stand da, in meinem Tracksuit, keine Ahnung, mit wem ich es zu tun hatte, und dann hieß es: ”Ihre Platte ist in den Pop-Charts, haben sie den Teenagern etwas zu sagen? Es muss nicht viel sein, nur ein, zwei Sätze.” Das war schon verrückt. Aber es hat Spaß gemacht. Ich war auch bei Top Of The Pops. Das würde ich auch sofort wieder machen (lacht).

De:Bug: Wie hast du damals den Übergang von den Achtzigern, in denen House explodierte, zu den Neunzigern, in denen Techno vor allem in Europa die Führung übernahm, erlebt. Wie war die Stimmung in Chicago?

Tyree Cooper: Anfang der Neunziger starb die Szene in Chicago in gewisser Weise. Die wichtigsten Clubs, die Muzic Box und das Powerplant, waren geschlossen, Frankie Knuckles wieder nach New York gezogen und Ron Hardy tot. Es gab immer noch Leute, die Platten machten und Labels betrieben, aber die Stimmung in der Stadt hatte sich geändert. Ich hatte mit dem Musikbusiness auch abgeschlossen, ich wollte nichts mehr damit zu tun haben. Ich hatte damals das Gefühl, dass egal wie vielen Leuten in der Szene ich Gefallen tat und ihnen half, nichts zurückkam. Niemand half mir, einen Gig zu bekommen, einen Remix, irgendwas, um meine Karriere fortzusetzen. Mich hat das so angekotzt, dass ich der Musik den Rücken gekehrt habe. Anfang der Neunziger, so von 91-94, war es richtig hart für mich. Ich konnte nicht verstehen, warum das alles passierte. Ich war ein DJ, der ein paar Hits gehabt hatte, das hieß aber nicht, dass ich verstanden hätte, wie das Business funktioniert oder was es bedeutet, ein Künstler zu sein. Ich wollte einfach weiter Platten machen und auflegen. Als das nicht mehr ging, habe ich gesagt: Fuck y’all.

De:Bug: Was hast du dann gemacht?

Tyree Cooper: Ich habe mir einen Job gesucht, was denkst du. Ich habe ein paar Tage an der Börse in Chicago gearbeitet. Komplett mit Schlips und Kragen. Aber das war nichts für mich. Ich hätte ganz, ganz unten angefangen. Mein Freund, der mir den Job vermittelt hatte, hätte wohl schnell dafür sorgen können, dass ich befördert werde, aber der Job war nichts für mich. Ich habe eine Weile Essen an Seniorenheime geliefert. Aber der beste Job, den ich neben der Musik je hatte, war Pizza ausfahren. Das hört sich vielleicht seltsam an, aber es war der entspannteste Job und er brachte damals eine Menge Geld ein. Vier Jahre lang machte ich keine Platte und trotzdem hatte ich 60 Gs im Jahr in der Tasche.

De:Bug: Hört sich nach einer echten Pizza-Goldgrube an.

Tyree Cooper: Du kannst mir das wirklich glauben. (lacht) Ich hab damals 700 bis 800 Dollar die Woche mit Pizza ausfahren verdient. Es war großartig. Ich habe Gras geschenkt bekommen, Pizza an die Rolling Stones geliefert, an The Grateful Dead. Die ganzen anderen Fahrer kamen aus den unterschiedlichsten Ländern, Russland, Südamerika, Vietnam. Ein wahrer Melting Pot. Sie wussten nicht, wer ich war, und ich nicht, wer sie waren. Wir hingen zusammen ab, lernten uns kennen. Es war cool. Und nicht nur das, der Chef des Pizzaladens ist einer der Hauptgründe, warum ich wieder angefangen habe Musik zu machen. ”Du bist ein guter Fahrer, Tyree“, sagte er, ”aber du kommst nie in den Laden, du hängst immer in deinem Auto ab und hörst Musik. Du denkst nur an Musik. Ich glaube, du solltest wieder damit anfangen. Ich werde dich nicht feuern, aber Musik ist deine Bestimmung, denk darüber nach.“ Ich habe zehn Jahre gebraucht, um mir das selber zu beweisen. Er hatte Recht.

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Elektronische Lebensaspekte.

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