Ideal Fashion Show: Monique van Heist
Text: jan joswig aus De:Bug 109


Die Ideal Fashion Show in Berlin setzt auf störrische Aufregung in der Mode. Sonst nützt es alles nichts. Damit positioniert sie sich gegen die satten deutschen Messe-Dickschiffe Bread & Butter (ausgelagert nach Barcelona) und Premium und sucht den Schulterschluss mit der Rendezvous in Paris und der New Generation in London. Die holländische Designerin Monique van Heist kommt der Ideal da gerade recht mit ihren konzeptuellen Widerspenstigkeiten. Horrible ist das neue Hübsch. Wer das nicht glaubt, wird auch nie das Potential von Cargo-Hosen mit Reißverschluss unterm Knie begreifen.

Wenn man im BMW über holländische Autobahnen brettert, während in der Frontscheibe rote Haare reflektieren, wenn die Nacht am dunkelsten ist, während man sein letztes Stella Artois köpft, dann bekommt Mode einen ganz anderen Nachdruck, als wenn man mit Willy Bogner verheiratet ist, zum Beispiel. Monique van Heist will sich nicht in die Phalanx aus Grinsegesichtern einreihen, die Mode (neben Popmusik) zur affirmativsten aller Künste machen. Man muss auch mal unflätig sein dürfen (ganz ohne vorherige Absprache) – und trägt 2007 Lycra-Shortleggings mit Taschen. Hier das Anti-Manifest: Mode muss vieles nicht müssen.

Nicht jeder muss Mode machen.

Monique van Heist: It’s horrible. In Holland glauben gerade alle Sängerinnen, sie müssten auch Mode machen. Ich sage: Verzieht euch.

De:Bug: Mode hat eben nicht die gleiche Autorität wie Kunst. Um sich zu trauen, Kunst zu machen, muss man schon David Bowie sein …

Monique van Heist: Es ist komplette Ignoranz gegenüber den Kompetenzen von Mode-Designern. Wenn ich singen würde – horrible.

De:Bug: Bei deinen Sachen geht es offensichtlich nicht um reine Schönheit.

Monique van Heist: Nein.

De:Bug: Geht es um Verunsicherung?

Monique van Heist: Wenn ich eine scheußliche Hawaii-Bluse sehe, total zu groß, denke ich: Das ist wirklich horrible, wie kann ich so etwas Scheußliches in etwas Attraktives verwandeln. Da ist eine Grenze, die ich möglichst scharf ziehen möchte.

De:Bug: Was kickt dich?

Monique van Heist: Mode muss nicht bei den Extremen suchen. Mich kicken meine Besuche im Supermarkt in der Nähe meines Studios. Es ist ein tiefpreisiger Supermarkt. Dort kaufen die Marginalisierten in ihren hässlichen Klamotten. Ich gucke sie mir in der Warteschlange an. Dann renne ich ins Studio und mache mir Notizen.

De:Bug: Es ist also ein bisschen so, wie ins Ghetto zu gehen, die Jogginganzüge aus Fliegerseide zu sehen und sie dann zu Mode zu erheben?

Monique van Heist: Nein. Es geht ganz und gar nicht ums Ghetto. Es geht um die normalsten aller Leute. Wenn man ins Ghetto geht, erwartet man den heißesten neuen Szene-Style. Ich will keinen Szene-Style. Ich will nicht wissen, wie die hässlichsten Vögel in Rotterdam aussehen. Ich beobachte die allernormalsten Leute. Diese Frau in ihrem selbst gehäkelten Mohair-Überwurf. Mein Gott, sie hat ihn selbst gehäkelt. Wie ist sie überhaupt auf den Schnitt gekommen? Und dann denke ich: Auch das ist Mode. An diesem “Auch“ bin ich interessiert.

Mode kann sich dem Existentiellen stellen.

De:Bug: Deine Kollektion mit dem Thema “Survival“ scheint sich nicht mit den Grenzen des Mode-Ästhetizismus zufrieden geben zu wollen. Als ob du etwas von der Außenwelt hereinbringen wolltest?

Monique van Heist: Die Flut in New Orleans war der Auslöser. Wenn so etwas in Rotterdam passierte, was wäre die Aufgabe von jemandem wie mir, jemandem, der nur Klamotten entwirft? Die Schwämme an Modedesignern macht mich krank. Ich wollte mich aufs Wesentliche beschränken. Ein Beutel voll Klamotten muss reichen. Statt von einer Kollektion spreche ich lieber von einem “Fashion Package“. Ich entwerfe nur ein paar Items, einzelne Tools, die man verschieden einsetzen kann. Zum Beispiel gibt es ein Kleid, das man sowohl in Leoparden-Print als auch in schwarzer Seide ordern kann. Als ob es aus völlig unterschiedlichen Kleiderschränken käme. Auf der Ideal-Show in Berlin werde ich auch solch ein “Fashion Package“ zeigen. Es soll so zusammengewürfelt aussehen wie beim zufälligen Blick in jemandes Kleiderschrank. Oder hast du zu Hause nur Teile aus einer Kollektion?

In Berlin reden auch gerade alle lieber über Funktionskleidung von North Face oder Fjäll Raven, als ob sie die Nase voll hätten von dem hochnäsigen Fummel, mit dem man immer ins Taxi steigen muss, weil man sonst erfriert wie dieser englische Arktis-Forscher Robert Scott, nach dem dann später nicht einmal ein VW-Wohnmobil benannt wurde, da hat man den arroganten Asienreisenden Sven Hedin bevorzugt …

Mode kann auch mal die Frauen ignorieren.

De:Bug: Es wird in letzter Zeit eine Menge diskutiert über Männer-Rollen zwischen metrosexuell und Bären-Style. Frauen scheinen in die Defensive zu geraten …

Monique van Heist: Das wird auch endlich mal Zeit. Frauen waren schon immer Mode-bezogen, immer im Spotlight. Männer fangen gerade erst an. Es ist nur logisch, wenn Männer mehr Beachtung finden. Es ist ihre emanzipatorische Revolution, ihr Feminismus. Frauen haben das seit den 70ern hinter sich.

Mode kann auch mal Leute vorführen.

De:Bug: Wenn deine Survival-Kollektion in allem Ernst vorführt, wo die Grenzen von Mode liegen, scheinen sich deine T-Shirts mit dem “Fashion Tourist“-Aufdruck eher darüber zu amüsieren?

Monique van Heist: Im Endeffekt geht es bei Mode immer nur um Klamotten, die jemand trägt. Die ganze Welt kommt zur Amsterdam Fashion Week und verbreitet Aufregung. Das musste ich kommentieren. Ich forderte die Leute auf: Bringt mir ein Kleidungsstück von euch, ihr kriegt im Austausch ein T-Shirt von mir mit dem Aufdruck ”Fashion Tourist“. Jetzt habe ich zu Hause eine Kiste voller Kleidung von Leuten, die ich überhaupt nicht kenne.

De:Bug: Ein T-Shirt, das sie alle unter den gleichen Claim zwingt …

Monique van Heist: Je betrunkener die Leute waren, desto absurder wurde es. Sie versuchten, so unglaublich nach Mode-Profis auszusehen, wirkten aber nur unbeschreiblich billig in diesen T-Shirts. Ein soziologisches Spitzen-Experiment. Am lustigsten war der Typ mit der Sonnenbrille. Er ist der Programmdirektor der Amsterdam Fashion Week. Er hat sofort verstanden, wo der Witz lag.

Mode kann auch mal anti bussi-bussi sein.

De:Bug: Er könnte auch im Butt-Magazin als Brummbär auftauchen. Haare auf dem Rücken scheinen gerade mehr en vogue zu sein als Kreide auf den Zähnen?

Monique van Heist: Alle meine Kollektionen haben einen Namen. Meine aktuelle heißt Rony. Rony kann die ganzen Prints auf Sweatshirts, die es gerade überall gibt, nicht leiden. Ich entwerfe eine Mickey Mouse, die so was von horrible aussieht. Die prangt auf meinen neuen Sweatern.

Leggings können auch baggy sein.

De:Bug: Ist horrible nicht das neue Chic? Leggings für die befreiten Männer sind zum Beispiel der letzte Schrei …

Monique van Heist: Ich habe mich immer gefragt, was würde eine Frau tragen, die auf ihren Knien arbeitet, und wenn sie aufsteht, sieht sie extrem gut aus, ohne sich umziehen zu müssen. Sie trägt Short-Leggings, die wie Jogginghosen geschnitten sind, aus dem gleichen Lycra-Material, aber weiter und mit Taschen. Da spielen auch diese Cargo-Hosen rein, die man per Reißverschluss unter dem Knie zur Shorts machen kann. Die finde ich so was von hässlich, ich hasse sie. Also habe ich versucht, sie ins Lustige zu treiben – damit sie aufhören, so horrible zu sein.

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Elektronische Lebensaspekte.