"Früher bin ich in mein Zimmer gegangen, hab die Tür zu gemacht, Motörhead aufgelegt und ordentlich aufgedreht. Ich mein, das ist es doch. Alles andere ist doch Quatsch." (HP, Scooter in DE:Bug 59) Das Bay Area Label Ubiquity sieht das mit seiner pädagogischen Verfeinerungslinie um Broken Latin Beats ganz anders. Sind Menschen mit besserem Geschmack auch die besseren Menschen?
Text: markus klug aus De:Bug 60

“No Categories”

Überall gleichzeitig sein, nicht zentrierte Vielheit, sondern über den Wolken schwebende Fusion, da möchte “Ubiquity” hin, in eine Welt ohne “Schöner-Hören-Appartments”-Modell. Traumbau oder idealistische Revolte in der Mikrostruktur der Populärkultur? Lauter Künstler, Musiker und aufgeklärte Hörer, die das kollektive Bewusstsein in eine übergeordnete Sphäre tragen und dabei der Philosophie eines Roy Ayers folgen, “Evolve, but by all means stay in the groove”. Ein Gespräch mit Jonas Altman (JA) von Ubiquity Records (San Francisco).

DEBUG: Bezüglich des hundertsten Release auf eurem Label, wie würdest du die Entwicklung beschreiben? War da eine spezielle Linie zu beobachten, die von traditionell-afrikanischer und südamerikanischer Musik hin zu Jazz und von Jazz zu House und Broken Beat führte?

JA: Andrew Jewis führte die ganze “New Latinaires”-Serie an und wenn überhaupt, dann trug er dazu bei, diese ganze Afro-Cuban/Brazilian/Bossa-Geschichte der Öffentlichkeit näher zu bringen- ein großartiger Einblick in die Welt von Afro-Cuban, Brazilian, Latin Jazz, begonnen mit einem Batucada-Mix von Beatless‘ “Latinaires”. Von da ab diverse Interpreten wie z.B. Carl Craig (Detroit), Utsumi (Japan), Modaji (London) und schließlich die Jazzanova-Crew aus Deutschland, die ihren Teil dazu beitrug, konventionelle Grenzen zu sprengen.

DEBUG: Würdest du bestätigen, dass die afrikanische und südamerikanische Tradition in der Vergangenheit oft vernachlässigt worden ist?

JA: Ja. Es war an der Zeit diese Tradition anzuerkennen, die so lange vergessen worden ist. Vielleicht war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Leute mehr öffnen würden. Die Linie von traditionell-afrikanischer und südamerikanischer Musik hin zu Broken Beat ist eigentlich nicht so schwierig nachzuvollziehen – eine notwendige, evolutionäre Bewegung im Sound, einer Gruppe von Leuten, die ihren Teil zu dieser Veränderung beigetragen haben.

DEBUG: Sind die Hörer aufgeschlossener als früher? Existiert ein Trend von Spezialisierung hin zu Fusion?

JA: Wir bevorzugen die Leute, die bewusster mit Musik umgehen, die selbst auswählen, was sie hören. Es gibt immer Musik, die populär ist. Der Fusion-Sound ist momentan sehr beliebt, aber vielleicht war das schon immer so, nur haben die Leute das halt nicht bemerkt. Wenn der afrikanische, brasilianische Vibe für manche Leute ausgeschöpft ist, wird wieder ein neuer Trend ins Leben gerufen. Mit zunehmend anspruchsvolleren Hörern können Modeerscheinungen kommen und gehen. Der durchschnittliche Konsument ist dann nicht mehr in der Lage, Musik zu hören, ohne sie zu klassifizieren. Wenn ein Song so viele Einflüsse und Genres reflektiert, ist es manchmal schwierig, den Überblick zu behalten. Aber wenn du offen genug dafür bist, wirst du es verstehen. Stell dir einfach vor, es gäbe keine Kategorien.

DEBUG: Ubiquity versucht also, das Bewusstsein der Hörer zu forcieren?

JA: Forcieren ist ein sehr starkes Wort, aber wenn jemand offen ist, dann helfen wir dieser Person dabei, die Dinge bewusster wahrzunehmen. Wir veröffentlichen einfach Musik, die wir lieben. Das ist alles.

DEBUG: Aber ist die Vorstellung, dass letztendlich keine Kategorien existieren, nicht ein wenig idealistisch?

JA: Ich denke, es ist idealistisch. Aber das ist zwangsläufig nicht schlecht. Die Idealisten und Puristen sind es, die unsere Musik kaufen und verfechten.

DEBUG: Aber glaubst du wirklich, dass die Medien und die Industrie an so einer Welt interessiert sind? Ich denke, Klassifizierungen werden dazu benötigt, das Bewusstsein der Hörer an diskursive Machtmechanismen zu binden. Vielleicht sind dann die Leute, die sich nicht so stark manipulieren lassen und gelernt haben, Musik aus einer anderen Perspektive heraus wahrzunehmen, die Lösung aus dem Dilemma.

JA: Wenn man das auf die Industrie und die Medienwelt bezieht, ist das mit Sicherheit richtig. Aber wenn ich von Ubiquity spreche, denke ich nicht primär daran. Lass uns zurückkehren zu den Ursprüngen: qualitativ hochwertige Musik für Leute, die das zu schätzen wissen und daran glauben, dass da draußen genügend Hörer sind, die für sich selbst denken können und der Welt ein offenes Ohr schenken.

DEBUG: Das würde bedeuten, dass die Puristen und Idealisten die Welt in der Mikrostruktur verändern, damit sich diese Bewegung auf die Makrostruktur übertragen kann.

JA: Ja. John Lennon, Marvin Gaye, Martin Luther King, Spike Lee und viele andere sind ein gutes Beispiel dafür. Wenn du von deiner Idee überzeugt bist und gute Absichten verfolgst, wird deine Botschaft sich ausbreiten. Es ist eine langsame Schlacht und wenn niemand bereit wäre, für seine Ideen zu kämpfen, wären wir verloren. Music makes the world go round.

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Elektronische Lebensaspekte.