Die Majorindustrie reitet sich in ihrer völligen Ignoranz gegenüber der Tausch- und Umsonstkultur im Internet von einer gefloppten Gegenreaktion zur nächsten. Die neusten Gerüchte lassen jedoch einen Lerneffekt vermuten. Werden die Filesharing-Kids und die Industrie zusammenrücken?
Text: Anton Waldt aus De:Bug 61

Filesharing

Die Sache mit der “Umsonstkultur”
Musikplattformen im Netz

Ginge es nach den Phantasien der Musikindustrie, würden wir alle schon seit Jahren die Hitparade zu Ladenpreisen aus dem Netz saugen. Ganz offensichtlich ist dem nicht so. Als Ursache führt die Industrie regelmäßig die grassierende “Umsonstkultur im Internet” an. Die Wortschöpfung, die vor einigen Jahren zur Popkomm aufkam, ist zwar ästhetisch gänzlich misslungen, aber sie stellt einen der wenigen Treffer der Branche zum Thema dar, denn sie erklärt die aktuellen Probleme eigentlich recht plastisch. Allerdings will die Industrie diese Erklärung offensichtlich nicht hören und schon gar nicht die Konsequenzen ziehen. Ausgerechnet die versammelten Medienmanager können demnach die “Kultur” in der “Umsonstkultur” nicht richtig einordnen, sonst hätten sie begriffen, dass sich ihr vielbeschworenes Problem durch den massenhaften Gratis-Download von Musik weder durch Verbote noch durch ungleich unattraktivere Ersatzangebote lösen lässt. Die Musikmananger scheinen sich durch das vergangene Boomjahrzehnt eine hartnäckige Trotzmentalität angeeignet zu haben, die ihnen den Zugang zu realistischen Entwicklungsszenarien weitgehend verstellt.

Drei Jahre zu spät
Sowohl der gesunde Menschenverstand als auch einschlägige Studien besagen, dass die Musikindustrie bisher mit ihren kostenpflichtigen Download-Services nicht auf die Wünsche und Bedürfnisse der Konsumenten eingeht – obwohl diese prinzipiell an kostenpflichtigen Diensten Interesse haben, denn so verbohrt und egoistisch wie von Industrieseite gerne dargestellt, sind die potentiellen Käufer gar nicht. Schließlich mögen sie ja die Musik und ein Großteil ist durchaus bereit, für deren Produktion einen kleinen Obulus zu entrichten. Die Konsumenten wollen allerdings – im Gegensatz zu den Angeboten der aktuellen Services – ihre Musik besitzen, kontrollieren und darüber nach ihren Wünschen verfügen. Das alles leitet sich ganz offensichtlich aus den Gewohnheitsrechten und eben jener viel beschworenen “Umsonstkultur” ab, sollte also eigentlich nicht besonders schwer zu verstehen sein. Ist es aber: Die kostenpflichtigen Online-Flaggschiffe der Industrie Pressplay (Universal und Sony) und MusicNet (BMG, EMI, AOL Time und RealNetworks), die nach quälenden Verzögerungen Anfang des Jahres installiert wurden, sind einerseits viel zu teuer, andererseits beschränken sie die Nutzung drastisch. Kein Wunder, dass beide Services komplett zu floppen scheinen, jedenfalls wurden noch für keinen der Dienste Kundenzahlen veröffentlicht, was gemeinhin als Bankrotterklärung gelten kann. Ganz, ganz langsam dämmert dies anscheinend auch einigen Verantwortlichen und darum starten jetzt sehr zögerlich die Versuche, die vor drei Jahren gefragt gewesen wären, um die Industrie am Ball zu halten: Die Warner-Music-Tochter Maverick Records wird als erstes der großen Musiklabel eine Single ausschließlich im MP3-Format auf den Markt bringen und dies zu einem moderaten Preis von 99 US-Cent. Obwohl es sich dabei um ein Nischenprodukt handelt (“Earth” von Meshell Ndegeocello) ist die Aufregung in der Branche groß und gestandene Gartner-Analysten versichern, dass “jedes andere Label das genau beobachten wird”. Universal Deutschland will angeblich im Juli noch wesentlich weiter gehen – wenn sich die Ankündigung nicht als Ente erweist. Als erster kostenpflichtiger Online-Service der Musikindustrie soll “popfile.de” auf jegliche Nutzungsbeschränkung wie einen Kopierschutz oder ein DRM-System [Digital Rights Management] verzichten: “Die User können die kopierten Tracks auf CD brennen oder auf ihre MP3-Player überspielen”, behauptete Tim Renner, Chef von Universal Music Deutschland in einem Interview. “Die Leute sollen so positive Erfahrungen wie möglich machen – vor allem vor dem Hintergrund, dass sich die Musikindustrie gegen illegale Angebote wehren muss. Das komplette Repertoire von Universal Deutschland soll auf popfile.de bereit gestellt werden”, versicherte Renner. Der Durchschnittspreis soll bei 99 Cent pro Track liegen. Sollte Universal Deutschland mit der Ankündigung ernst machen, wäre “popfile.de” wohl der erste Download-Service der Industrie, der mittelfristig ernsthaft Chancen hätte, von einem größeren Publikum akzeptiert zu werden. Dazu müsste das Unternehmen allerdings auch eine große Portion Durchhaltewillen mitbringen, denn die Vertrauensbasis ist nachhaltig gestört: So ist durchaus vorstellbar, dass andere Industriegrößen Druck ausüben werden, weil sie hier die Unterminierung ihrer strikten Abwehrpolitik wittern, andererseits sind potentielle Kunden vom bisherigen Verhalten der Industrie schon so nachhaltig abgeschreckt, dass jedem Major-Angebot eine große Portion Misstrauen entgegengebracht wird. Wie gestört das Verhältnis ist, zeigte sich im Mai sehr plastisch, als KaZaA begann, auch kostenpflichtige Downloads in seinen Suchergebnissen aufzulisten: Einerseits kündigten massenhaft Nutzer an, auf andere Filesharing-Dienste umzusteigen, weil sie schlicht die Vermischung von kommerziellen und Gratis-Angeboten nicht akzeptieren wollen. Andererseits war praktisch kein Rechteinhaber bereit, seine Stücke via KaZaA anzubieten, weil die Nähe der “Piraten” gescheut wird. Die “Umsonstkultur” hat sich demnach in den letzten Jahren durch das aggressive Verhalten der Musikindustrie so weit entwickelt, dass nicht einmal unverbindliche und einigermaßen faire kommerzielle Angebote akzeptiert werden.

Klagen, bis die Luft ausgeht
Während allerdings die ersten zaghaften Ansätze für akzeptable kommerzielle Services entstehen, bemüht sich vor allem der US-Musikindustrieverband RIAA darum, das Totschläger-Image der Branche immer wieder aufzufrischen. Nachdem die Lobbyisten schon Napster, Morpheus, Kazaa, Grokster, MP3Board und Madster (aka Aimster) meist erfolgreich verklagt haben, schickten sie ihre Anwälte Ende Mai aus, um der Tauschbörse Audiogalaxy den Garaus zu machen. Audiogalaxy, derzeit mit über 15 Millionen registrierten Usern, wird vorgeworfen, dass die Filter, mit denen urheberrechtlich geschützte Songs gesperrt werden sollen, nicht funktionieren. Sollte das Gericht dieser Ansicht folgen, dürften Schadensersatzforderungen in exorbitanter Höhe Audiogalaxy in die Pleite treiben. Aber auch wenn man zunächst Glück und gute Anwälte hat, kann der Prozess zum Aus führen, wie das Beispiel KaZaAs zeigt: Obwohl bei einem Etappensieg ein holländisches Berufungsgericht dem Dienst KaZaA bescheinigte, nicht für die Copyright-Verletzungen von Usern, die die Technolgie benutzen, verantwortlich zu sein, musste die Tauschbörse im Prozess aufgeben, weil die Verhandlungen einfach zu teuer wurden: “Der Fall ist in Gefahr zusammenzubrechen, ganz einfach deshalb, weil die Beklagten finanziell zermürbt werden, bevor es zu einer Entscheidung kommt”, kommentierten die Anwälte. “Wenn das der Fall ist, wäre das ein unglücklicher verfahrenstechnischer Triumph einer Gruppe enorm mächtiger und reicher Unternehmen, der sich ausschließlich aus deren Macht und völlig unabhängig von der eigentlichen Streitangelegenheit ergibt.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.