Modebewusstsein positiv problematisieren, Mode als streitlustigen Dialogpartner sehen ... In Wien kümmert sich seit fünf Jahren die Agentur "Unit F büro für mode" um genau das. Mit Zeitung, Netzarchiv und Beratung für Concept Stores.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 91

Allein machen sie dich ein
Das ”Contemporary Fashion Archive“ zeigt Mode als interdisziplinäres Teamwork

”Hinter der Gründung von Unit F stand die Absicht, die Mode nicht ausschließlich über den Kleider-Aspekt zu sehen”, betont Andreas Bergbaur von ”Unit F”, dem Wiener ”Büro für Mode“. Die Klamotte an der Stange, das ist längst nicht mehr der Kern der Mode. Junge Designer arbeiten heute in Disziplin-übergreifenden Zusammenhängen. Kleidung ist Architektur ist Performance ist Skulptur ist Grafik ist Archäologie. Mode ist Teil eines gesamtkulturellen Wirbels und kann adäquat nur in dieser Vernetzung betrachtet werden.
Wirklich konsequent umgesetzt wurde diese mittlerweile populäre Einsicht bisher nicht. Mit dem ”Contemporary Fashion Archive“ (CFA) leisten Unit F und die kooperierenden Institute wie Central St. Martins in London oder Flanders Fashion Institute in Antwerpen die fällige Pionierarbeit. Das CFA ist ein Internet-basiertes Archiv zu zeitgenössischer Mode, das nicht einzelne Designer/innen isoliert nebeneinander präsentiert, sondern den Schwerpunkt auf die Verlinkung zwischen den Designer/innen und den kooperierenden Disziplinen legt. Wer nach Walter Van Beirendonck sucht, kommt zu Jürgen Teller, zur Fachhochschule für Gestaltung Pforzheim, zum A Magazine, zu Ronald Stoops … Und plötzlich steckt man mittendrin in einem Rhizom, in dem Mode der Ausgangspunkt, aber nicht der Mittelpunkt ist.
Das seit Sommer 2004 zugängliche CFA ist das ehrgeizigste Projekt von Unit F, aber längst nicht das einzige. Die Agentur, die 2000 von Ulrike Tschabitzer, Andreas Bergbaur und Andreas Oberkanins gegründet wurde, vermittelt zwischen der österreichischen Politik und den Wiener Modedesignern. Sie vergibt und betreut Stipendien, unterstützt Modeprojekte wie den Concept Store ”Park“, hat die ”Fashion Week“ als Präsentationsplattform entworfen und gibt das ”All Season Fashion Paper“ heraus.

Andreas Bergbaur erklärt im Interview, wie das Contemporary Fashion Archive gegen Mode als Chichi-Mottenkiste ankämpft.

Unit F büro für mode

Es gibt ganz banale Fakten zur Gründung von Unit F. Die Stadt Wien und das Bundeskanzleramt haben sich zusammengetan und beschlossen, man muss für den Bereich Mode etwas Längerfristiges entwickeln. Ulrike Tschabitzer und ich haben damals klargemacht, es geht nicht nur darum, nette Kleidchen zu präsentieren und jungen Designern Geld zu geben. Man muss das Thema neu besetzen, schauen, was ist in den letzten zehn Jahren passiert. Wie hat sich die Wahrnehmung von Mode, ihre Bedeutung verändert, was ist im Bereich der visuellen Kultur passiert. Mode ist in einen viel größeren Kontext gekommen, Architektur, Werbung, Musik, Design …

Welchen institutionellen Status habt ihr?

Bergbaur: Wir agieren als Verein, sind völlig unabhängig, treffen unsere Entscheidungen autonom, kriegen eine fixe Basisfinanzierung von Wien, der Stadt und dem Land, und aus dem Kunstsektor der Bundesregierung. Wir beziehen nur Geld aus dem Kunst- und Kulturbereich, keine Wirtschaftsförderung, was eigentlich schade ist …
Uns steht ein fixes Budget pro Jahr zur Verfügung. Es gibt einen Leistungsrahmen, den wir vorher präsentieren, der ist relativ klar definiert. Ein großer Prozentsatz, fast 40 Prozent der Gelder, geht in den Förderbereich.
Unser Contemporary Fashion Archive (CFA) ist ihnen allerdings zu trocken und zu wissenschaftlich, da kriegen wir kein Geld. Das kommt von der EU, darüber hinaus müssen wir uns privat aufstellen. Na, das stimmt nicht ganz, jetzt fördert uns die Stadt Wien, aber nicht der Bund. Wir in Wien und unsere CFA-Partner in Antwerpen haben Förderungszusagen über 2005 hinaus. Das Projekt wird weiter ausgebaut werden, neue Partner werden dazukommen.

Contemporary Fashion Archive

Ihr setzt euch mit dem Archiv zwei Aufgaben. Einmal zu recherchieren, was es gibt und was davon archivierwürdig ist, und andererseits die Archivierung dann auch durchzuführen?

Bergbaur: Wir sammeln nicht die Klamotten. Der Ansatz zum Archiv war der Punkt: Was kann so ein Archiv leisten, was leisten bestehende Sammlungen heute? Es fällt auf, dass alle großen Sammlungen ausschließlich objektorientiert agieren. Das Kleidungsstück ist nach wie vor die einzige und hauptsächliche Information, die gesammelt wird. Die Funktion von Designern hat sich in den letzten 15 Jahren aber verändert. Ihr Ausdrucksmittel ist nicht mehr nur die Kollektion. Wie ziehen sie Ausstellungen auf, wie sehen Shops aus? Es werden Kataloge gemacht, Bücher, ein ganzes Umfeld wird mit aufgebaut. Das Ausdrucksmittel Mode hat sich erweitert um viele andere Bereiche. Fotografie, Werbung, Design, Architektur, Kunst kommt immer wieder rein. Diese Ebenen tauchen in klassischen Sammlungen nicht auf, dafür gibt es kein Konzept. Wenn man objektorientiert sammelt, ist es schwierig, mit Images und Inhalten umzugehen, die über das Objekt hinauswandern.

Kontexte zu dokumentieren ist schwierig …

Rhizome der Mode

Bergbaur: Das ist genau das, was dieses Archiv versucht. Sehr wohl diese sehr unterschiedlichen ästhetischen Inszenierungen und Kontexte von Designern – und das bleibt der ausschlaggebende Faktor für die Auswahl – zu dokumentieren und zu sammeln. Alle Medien, die sie einsetzen, und alle Netzwerke von Personen wollen wir dokumentieren. Im Gegensatz zur Informationshierarchie, die in einer klassischen Sammlung ganz klar vertikal angelegt ist, von Designer xy ausgeht und darunter alle anderen subsumiert, also von einer klassischen Chronologie ausgeht, haben wir eine starke horizontale Linie eingebaut, die ganzen Netzwerke, die sich horizontal ausfächern. Helmut Lang arbeitet eben mit Melanie Ward, mit Jürgen Teller, dann kommen noch Peter Kruder und die Musiker dazu, die Architekten.

Aber dieser Verflechtungsgedanke, das Objekt Mode in andere Kontexte zu stellen, es jenseits der konsumistischen Modewelt zu verankern, ist doch längst kein exklusives Verfahren avantgardistischer Designer mehr?

Das Aufrufen von Verflechtungen, von Produkt-Wiederverwertungen, von Recycling, das wir schon lange kennen als klassische Design- oder Kulturtechnik, wird mittlerweile einfach von großen Firmen als Marketing-Tool eingesetzt. Ja, da sieht man, wie stark sich dieser Zugang von Designern mittlerweile ausgewirkt hat, wie interessiert Großkonzerne sind, auf der Ebene mitzuspielen. Das wird aber nie auf das Produkt zugreifen, es ist ein bisschen eine Imagekorrektur, aber das Produkt selbst bleibt unbeeinflusst davon. Da laufen die Strategien anders. Da ist nach wie vor dieses sehr präzise Designresearch und Trendresearch wichtiger, diese Studios, die abschätzen können, was braucht der Markt, wonach schreit er.

Bei dem Archiv habt ihr eher die Leute im Blick, die Richtung Kunst …

Bergbaur: Es ist schwierig, das in Richtung Kunst zu betiteln. Es geht uns um Leute, die ihre Modevorstellungen wesentlich umfassender ausdrücken, nicht nur auf das Kleidungsstück beschränken, sondern um die Grundidee Kleidung herum ein ästhetisches Konstrukt bauen, eine Vorstellung von einer kleinen Welt, eine kleine Martin-Margiela-Welt, eine kleine Raf-Simons-Welt, eine kleine Branquinho-Welt, die tatsächlich auch sehr verschieden funktionieren. Wenn man ihnen eine Kamera in die Hand drücken würde, diesem Team, und ihnen ein Objekt hinlegt, würde man lauter Fotos erhalten und man könnte genau zuweisen, von wem was kommt. Die Präzisierung über das Kleidungsstück hinaus ist da. Wie vernetzen sich die Designer in unserer total medialen Welt, die eine Bilderflut für uns ist. Wie erzeugen sie klare Bilder. Das ist auch das Problem großer Marken. Klare Bilder können sie nur mit viel Geld und massiver Werbekampagne durchsetzen. Sie müssen breit agieren, müssen ganz, ganz starke Bilder produzieren, damit sie nach wie vor diesen Abhängigkeits- und Anbetungsstatus erhalten. Louis Vuitton, wir müssen dich anbeten. Da muss man extrem agieren. Die jungen oder independent, zumindest nicht so stark gebrandeten Designer zeichnen sich dadurch aus, dass sie abseits von diesem Markenkult nicht nur Bilder, sondern Inhalt geschaffen haben, der uns anzieht, mit dem wir sie verbinden. Ob es stimmt oder nicht stimmt, ist vielleicht noch mal eine andere Frage.

Was ist mit Laura Ashley, zum Beispiel. Die hat ja auch einen ziemlich präzisen Kosmos aufgebaut um ihre Klamotten, kommt im Archiv aber nicht vor? Ihr habt nicht den Anspruch, eine Komplettdokumentation unabhängig von eurem eigenen Geschmack leisten zu wollen?

Bergbaur: Es geht schon um den innovativen Ansatz. Die Kollektion muss neue Aspekte in der Mode aufgreifen. Ein anderer spannender Punkt an diesem Archivgedanken ist, die Sammlungsmethodik an die Arbeitsprozesse von heute anzugleichen, den klassischen Sammlungsweg zu verlassen. Digitales Archivieren usw., die Schlagworte, die wir alle kennen aus diesen Wissenschaftsbereichen, das ist auch ein Faktor, um in den Bereich reinzugehen. Der wichtigste Punkt bleibt aber: Mode ist viel mehr als hübsche Kleider an der Stange oder hübsche Mädels auf dem Catwalk. Die Ebene hat es verlassen, das wollen wir mitbedenken. Mode soll rausgeholt werden aus der Chichi-Mottenkiste.

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Elektronische Lebensaspekte.