Text: Aram Lintzel aus De:Bug 75

Tanz um den goldenen Väth
Der letzte Cocoon-Sommer auf Ibiza

Ibiza, 18. August 2003, der Saisonhöhepunkt. Obwohl uns The Face und ID seit Jahren erzählen wollen, dass man auf Zypern längst besser feiert, quillt die Insel über. Neben den notorischen UK-Lads und deutschen Ravern sind vor allem Spanier und Italiener präsent. Wie eh und je kreisen die Propellerflugzeuge über den Stränden und preisen auf langen Transparenten “F***”- oder “Balearic People”-Parties im Amnesia oder Eden an. Das Privilege nennt sich immer noch megalomanisch “World’s Biggest Club”. Sven Väth und sein allmontäglicher “Cocoon-Club” im Amnesia haben sich diesmal für eine bescheidenere PR-Kampagne entschieden. Es ist angeblich der letzte Cocoon-Sommer auf Ibiza. Viele kleine Poster wurden inselweit auf Garagentore, Bäckereieingänge und Strandbüdchen geklebt. Sie zeigen Sven Väth als Wasserkopf in Boxerpose, darunter liest man das aktuelle Cocoon-Motto: “In your Face!” Und an diesem 18. August kann vor der einsetzenden Abschiedsmelancholie endlich die höchste Eskalationsstufe gezündet werden. Ein orgiastisches Schauspiel erwartet uns, als wir um halb zwei am Amnesia vorfahren und von einem bekifften Anweiser auf einen Parkplatz navigiert werden. Drinnen legt die glatzköpfige Miss Kittin eine Mischung aus Electro, Acid und Minimal auf, sie singt zwischendurch und tanzt. Set und Show sind fantastisch, die Menge schunkelt wohlwollend, wartet aber insgeheim natürlich nur auf ihren Sven. Der lauert aber noch auf der VIP-Tribüne, auf der ich mit meinen drei aufgekratzten Begleitern dank Debug-Entree ebenfalls Platz nehmen darf. An die feisten Sektkübel, an denen sich die muskulär auffällige Frankfurter Incrowd bedient, trauen wir uns aber nicht heran, also bestellen wir Getränke an der VIP-Bar: ein Bier, eine Cola, zwei Campari-Orange und einen Wodka Lemon. “Macht 74 Euro!” Na denn Prost! Schluck! Um uns herum findet sich ein Querschnitt des hessischen Nightlife-Universums ein, mit nahtlosen Übergängen zum Bouncer-Milieu. Bestimmt nennen die Herren ihre Begleiterinnen hier noch zwanglos “Bräute”: Stöckelschuhe und Miniröcke, wohin man schaut. Tresor-Chef Dimitri Hegemann sitzt derweil missmutig im Sessel, obwohl Miss Kittin großartig auflegt. Schon bald ist es kurz vor drei Uhr und nun überschlagen sich die Ereignisse: Eine infernalische Nebelmaschine röhrt, für mehrere Minuten sieht man nichts und fühlt sich wie mitten im nuklearen Fall Out (beziehungsweise wie in der Dinosauriergrotte des Phantasialands). Um 3.05 Uhr vernebelt sich schon wieder alles, nun fällt überdimensioniertes Konfetti von der Decke. 3.10 Uhr: Riesige Sven-Väth-Grimassen erscheinen als Projektionen auf einer Raupe (“Cocoon”) oberhalb des Floors. Gleichzeitig beginnen drei Gogo-Tänzerinnen auf Höhe der VIP-Tribüne mit ihren professionellen Windungen. Die Personality-Gaukelei wird total, als dann um 3.15 Uhr aus dem Nebel eine mehrere Meter lange Sven-Väth-Maske auftaucht, die nun als diabolischer Fetisch über die Crowd gleitet. Der Tanz ums goldene Kalb! Angesichts des tribalistischen Rave-Ritus läuft es mir kalt den Rücken hinunter – gibt es so was eigentlich heutzutage noch jenseits solcher Zonen des touristischen Ausnahmezustands? Um halb vier übernimmt Väth die Turntables, nachdem er mehrmals Applaus für Miss Kittin provozierte. Sehr aufmerksam! Es folgt ein gut geschmiertes, aber im Gegensatz zu Miss Kittin leider sehr homogenes Set mit den üblichen zwei bis drei Aufpeitscheffekten. Nach einer guten Stunde haben wir genug von den routinierten Reizen und verlassen das Spektakel. Draußen lungern junge Party-People und wollen unsere gelben VIP-Bändchen abgreifen, verständlich bei 50,- ? Eintritt. Ich überlasse meines einem Spanier mit Ramones-T-Shirt und Stirntuch. Muchas Gracias und Gute Nacht!

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