Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 84

Es gibt einen Unterschied zwischen wenig Handlung und Freejazz. In Japan allerdings ist eh alles zu spät. Zumindest wenn De:Bug-Redakteure nach zwölf Stunden Flugzeug, keinem Schlaf, einem Temperaturunterschied von 25 Grad und einem unfertigen Hotelzimmer ohne Sonnenbrille in Shibuya aufschlagen. Zum Glück spricht die U-Bahn Englisch und das mit den lebensgefährlichen Fahrrad-Chaoten auf schmalen Bürgersteigen kriegen wir auch noch hin. Es war live und wir waren da. Elektronische Musik in Japan beginnt früh (Doors: 18 Uhr, erste Anzeichen einer Schlangenbildung gegen 16.30), der Schedule ist tougher als in Roskilde und wenn man sich als Künstler an der Bar rumdrückt, bekommt der Promoter schlechte Laune, weil man doch bitte lieber in der zum Backstage umfunktionierten Parkgarage auf seinen Auftritt (30 min) warten soll. Mit 50 Euro Eintritt ist man dabei. Völlig ok für vier Live-Acts, oder? Dass Japan teuer ist, ist allerdings ein Mythos, der hier ein für alle Mal entkräftet werden soll. Wer ohne Wassermelone auskommt, denkt im 24-Std.-Supermarkt, er sei bei Lidl. Bei eingeschweißten, luftdicht-verpackten Edamer-Streifen kauft man dann aber doch lieber Sake und eine Pulle “Pokari Sweat”. Oder fährt im Schnellzug ”Shinkansen” und probt bei 300 Sachen, Eier auf Löffeln zu balancieren. Das japanische Eisenbahnnetz überzeugt durch wie auf Wolken schwebende Züge, in denen die Schaffner nicht “noch jemand zugestiegen” brüllen, sondern diskret Buch führen über die Platzbelegung in den einzelenen Wagen und dann direkt auf neue Reisende zukommen. Dass man im öffenlichen Nahverkehr in Kyoto in den Bussen hinten einsteigen muss und dem Fahrer beim Aussteigen (vorne!) Geld in eine Box werfen muss, haben wir zu spät gemerkt. Hätte man recherchieren können, ja, denn Internet ist in japanischen Hotels schnell und umsonst, selbst in Bauarbeiter-Pensionen in Osaka, einer Stadt, die einen wieder auf den Boden und die Obdachlosen zurück ins Straßenbild holt. Der Club allerdings ist im 8. Stock und über einen separaten Fahrstuhl erreichbar. Die japanischen Bierbrauer müssen sich im Moment warm anziehen. Die kleine Brauerei “Berliner Bürgerbräu” launcht mit “German Dry” gerade die Revolution. Zumindest stellt man sich das im Goethe-Institut so vor und verkauft die Dosen (0,5) dort für 80 Cents. Und sonst? Auch wenn Japaner eigentlich mit T-Shirt-Größe “S” gut bedient sind, kaufen sie XL-Hemden. Die gehen ihnen dann bis zum Knöchel und das ist HipHop. 2005: Nach Japan ziehen, Shirts oder Döner verkaufen und sich ’ne goldene Nase verdienen. Nur nicht mit Air France hinfliegen, diese Airline hat aus Kostengründen noch 10 Sitzreihen mehr in ihre Boeings gequetscht und den Feedback-Destroyer aus ihrer Bord-PA ausgebaut.
PS: Meine Visitenkarten sind alle.

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Elektronische Lebensaspekte.