Text: Felix Denk aus De:Bug 71

Schwarz rot gold auf olivem Grund

Im Krieg intensiviert sich auch an der Heimatfront der Zeichenfluss merklich, wenn auch mit anderen Symbolen. Während Picassos Friedenstaube so manches Schild auf der Friedensdemo schmückt, was man auch als letzte Zuckungen des 80s Revivals deuten kann, ersetzt das merkwürdig runenartige Peacezeichen, das wie ein erweiterter Mercedesstern aussieht, das Logo von (MTV oder Viva, weiß ich jetzt nicht mehr so genau.)
Sonderbare Konvergenzen zwischen der Zeichensprache des Krieges und der Popkultur ergeben sich derzeit in der Mode, die ohnehin als zuverlässiger Seismograph für gesellschaftliche Befindlichkeiten aller Art fungiert. Geht man diesen Frühling in Londons Straßen spazieren, sticht einem eher früher als später ein ungewohntes Bild ins Auge. Der trendy Londoner trägt nicht nur Militärparkas, wie es der trendy New Yorker, Römer oder Berliner wohl ebenfalls tut, sondern bevorzugt einen deutschen Armeeparka mit, jawohl, Deutschlandflagge auf dem Ärmel!
Getreu der alten Fashion-Regel – sieht man etwas zwei mal, dann kann es sich noch um einen Zufall handeln, beim dritten Mal aber ist es definitiv ein neuer Trend – muss man wohl vermuten, dass hinter der Deutschlandfahne auf olivem Grund tatsächlich Kalkül steckt. Anders als ein Fashion-Statement lässt sich die Häufung nicht mehr deuten. Doch was soll das bedeuten? Ist die schwarz rot goldene Fahne auf dem Parka als ein Zugehörigkeitsbekenntnis zur Achse der Kriegsunwilligen zu verstehen? Firmiert die deutsche Flagge etwa neuerdings als ästhetische Störung im Zeichensystem Armeeparka? Oder wollen die Träger die in Kriegszeiten problematische Kleidungswahl, mit einem Militärparka herumzulaufen, gar durch ein anders besetztes Symbol umkodieren?
Eine beachtliche Image-Konversion wäre das schon. Germany in den Augen der Engländer, das war immer Pickelhaube, Blitzkrieg und bestenfalls schmerzvolle Niederlagen im Fußball. Die anderen gängigen Attribute deutschen Nationalcharakters – Autoliebe, Effizienz und Melancholie – geben auch nicht unbedingt Aufschluss darüber, warum die Farbkombination aus Schwarz, Rot und Gold in den letzten Monaten zu modischem Avantgarde-Status auf der Insel gelangt ist.
Grundsätzlich gab es immer drei Möglichkeiten, mit der Deutschlandflagge auf dem Parka umzugehen. Entweder man lies sie dran, bemalte sie irgendwie merkwürdig oder trennte sie eben weg. Eigentlich wurde aber immer von den letzten beiden Möglichkeiten Gebrauch gemacht, wobei letztlich nur die dritte Variante wirklich akzeptabel erschien. Wenn man auf den einschlägigen Flohmärkten in London eine Runde dreht, wird man aber den Eindruck nicht los, dass sich das Blatt zugunsten der ersten Option gewendet hat. Da hängen die olivgrünen Kaputzenkutten nämlich in der vordersten Front. Aber auch Partygespräche kreisen um die Armeeparkas made in Germany. Beispielsweise kann man qualifizierte Expertisen einholen, wo man die Dinger am günstigsten herbekommt. John jedenfalls meinte, er kenne einen Laden im Wimbledon, wo man die Parkas für schlappe 17 Pfund bekommen könnte. Ein absoluter Kampfpreis, wie er versicherte. Von Unentschlossenen, wie Steven aus der New-Labour-Hochburg Islington, hört man, dass er auf der Suche nach einem aufnähbaren Union Jack für den anderen Ärmel seines neu erstandenen Parkas ist. Brückenbauen, auch so ein neues heißes Ding von der Insel.

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Elektronische Lebensaspekte.