Text: debug aus De:Bug 72

Wieder einen Monat geschafft. Der Wonnemonat Mai war nicht nur viel zu kalt bei gleichzeitiger akuter Waldbrandgefahr, sondern schlenderte nach der obligatorischen, gut angezogenen Nachmittagsrevolution in Berlin, bei der die Linke massiv vom Pritschenwagen um Applaus für die Mobiltelefongespräche mit den revolutionären Schwestern und Brüdern in Nicaragua angeschnorrt werden musste, schlenderte also leicht wankend, ohne asiatischen Mundschutz gen Juni. Weitaus engagierter ging es da in der Theorie zu. Suchen wir also Rat beim Theoretiker: Slavoy Zizek, so etwas wie der slowenische Woody Allen der Theorieszene und von Haus aus Psychoanalytiker und Philosoph, unterschied unlängst vier Formen des Nichtwissens bzw. Wissens. Geladen zu einem Symposium zum Thema Postkommunismus und Postatlantismus an der Berliner Volksbühne brachte ihn die Dialektik von Wissen und Unwissen auf D. Rumsfeld (Bushs scharfe Zunge mit dem alten Europa, ihr wisst noch). Jener habe an einem seiner philosophischen Tage das Nichtwissen als höchste Form der Begründung für den Krieg geadelt. Nach der Rumsfeldtheorie unterscheiden wir drei Fälle. Erstens, known known: Wir wissen, dass wir wissen, wo die Weapons of Mass Destruction (WMD) sind. Zweitens, known unknown: Wir wissen, dass wir nicht wissen, wo die WMD sind. Drittens, unknown unknown: Wir wissen nicht, dass wir nicht wissen, wo diese WMD sind. Der dritte Fall ist natürlich der höchste Interventionsgrund, da sich dort erst im Nachhinein herausstellt, warum der Krieg angefangen wurde, da wir vorher von den unbekannten WMD noch gar nicht wussten, dass wir von ihnen nichts wussten. Nach Zizek aber kam der alte tricky Meckersack aus dem Pentagon nicht auf die entscheidende vierte Form des Nichtwissens. Dazu hätte er nämlich Lacan lesen müssen. Nämlich unknown known: Wir wissen gar nicht, was wir wissen. Die Sprache bleibt das ausgesprochen Unbewusste. So gesehen weiß der Berliner Senat nicht, dass er weiß, dass am 1. Mai seit 1987 die Randaleparty in Berlin so sicher wie der Karneval zu Köln ist. Wir dagegen wissen: Der Sommer wird wieder unter kanadischem Motto stehen. In der Urwaldnation vergibt die Regierung nämlich Jahr für Jahr einen ganzen Haufen Stipendien für junge, schlacksige Musiker, die zwei Monate Europa bereisen dürfen. Der erste, Mitchell Akiyama, war schon da und hat eine schwer tosende Welle von Nachrückern angekündigt. Jake Fairley zum Beispiel. Aus dem letzten Jahr wissen wir, dass die ganzen Kids dann eh nur in Berlin abhängen. Es wird also eng im Circus-Hostel, hier bei uns um die Ecke, wo irische Hobos vor Spätkaufbüdchen unseren Redakteuren Geburtstagsständchen singen und sich über billigen Sekt wundern. Das war fast so romantisch wie die Leipziger Popup-Messe. So entspannt knuddelig trifft man sich selten zwischen indianisch folkloristisch handbemalten Jugendheimmauern in einem “Musikbusiness”, das sich von Coldplays “Fair Trade”-Engagement noch aufrichtig anstecken lässt. Weil wir aber alte zynische Säcke/innen sind, bleiben wir in der Hauptstadt der Codewort-Parties mit Rechtsanwalts-DJs, wo wir im August für einen Monat dicht machen und die Vorbereitungen für unsere dicke, fette Doppelnummer Juli/August bereits auf Hochtouren laufen.

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Text: Sami Khatib aus De:Bug 70

Zwischen Grand Prix-Vorentscheidung, Deutschland sucht den Superdepp und Prankenolli Kahns Gefummel mit anderen Frauen hätten wir fast die wirklich wichtigen Dinge im Leben vergessen. Es wird Frühling, ihr elektronischen Stubenhocker und Tresenhänger! Gebt mit meine Jeansjacke wieder und schmeißt die Straßencafés endlich an. Auch wenn in ostelbischen Gelfilden der Frost nur mühsam aus den Straßen kriecht, nach einem langen Winter erweckt der eitel Sonnenschein nicht nur den Debug Redaktionshinterhof zu neuer Betriebsamkeit.
Auch wieder aus dem Winterschlaf zurück: Jürgen W. Möllemann, das verstrahlte Stehaufmännchen aus Westfalen. Er hat zwar immer noch keine Volksfront gegen seine angeblichen ”zionistischen” Feinde gegründet, kaum sieht man aber die ersten Schneeglöckchen sprießen, wühlt er sich wieder durch die Mülleimer der Geschichte. ”Der Mossad jagt mich”, verkündet der liberalschnurrbärtige Verschwörungstheoretiker in seinem neuen politischen Bestseller ”Mein Klartext”, äh ”Klartext. Für Deutschland Möllemann”. Na ja, jedenfalls klar und deutsch getextet, der Mann geht aufs Ganze.
Allem Sonnenschein zum Trotz will es auch George W. noch immer wissen. Die PR- und Propagandaschlacht in vollem Gange waren sich die Amis einfach zu Schade, Chirac einen alten Mann, die UN einen Papiertiger und Old Europe einfach alt sein zu lassen. Ob das Kriegsgenerve in der UN nun Erfolg haben wird oder nicht, bis Bush im offenen Jeep als Befreier in Bagdad einrollen kann, geht das Wettrüsten auf symbolisch medialer Ebene weiter. Die ”French Fries”, vulgo Pommes, heißen überm Teich jetzt ganz patriotisch ”Freedom Fries” oder etwas vorschnell ”Victory Fries”, sei da nun patriotisches Acrylamid drin oder nicht. Im Netz battlen sich derweil die Hacker gegenseitig zwischen usastinks.com, francestinks.com, axisofweasel.com und germanystinks.com im sinnfreien Universum des Signifikantenschwachsinns. Spießig unfrei dagegen war Powell, der nicht vor Picassos Guernica-Bild im UN-Hauptquartier die Koalition der (Kriegs-) Willigen erweitern wollte, während die Beastie Boys schon mit Antikriegs-HipHop-Hymnen zurückreimten. Puh.
Und wir dachten schon, im durchökonomisierten globalen ”Empire” der Dienstleistungsproletarier nur noch den einen Beat des freien Marktes tanzen zu müssen. Nichts da, jetzt tauchen die ganzen Untoten der Weltgeschichte wieder auf: Echte Bösewichte, gute Helden, Moraldebatten, Verschwörungstheorien, große Politik mit Kriegsdiplomatie und Säbelgerassel, kleine Politik mit Blut-, Schweiß- und Schröderreden etc. Dabei würde uns ein bisschen Frieden mit befreitem Milchkaffee und belgischen Pommes im Stadtpark völlig ausreichen. In diesem Sinne, der Kampf geht weiter, der Sommer kommt bestimmt und der Mai wird heiß.

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aus De:Bug 68

In die Gaderobe passt kein Geist

Das Schöne ist das Gute. Wer sich schön ausschmückt, versucht, dem bösen (für weniger religiös moralische Menschen: dem schlechten) Grau des Alltags sich selbst als Beweis für die Existenz des Guten entgegenzustellen. Sich schmücken ist blanker Idealismus. Mode ist die Institutionalisierung des Schmückens. Modeverkaufsmessen sind die Institutionalisierung der Mode, also die doppelte Institutionalisierung des Schmückens. Institutionalisierungen behindern Idealismus, doppelte behindern ihn doppelt. Aber gänzlich auffressen können sie ihn nicht. Wir haben Knotengeschwüre der Signifikanz zwischen dem orientierungsarm kopistischen Fashion-Organismus auf der Bread & Butter-Modemesse in Berlin erspäht: tibetanisch dickwollener, handgefärbter Ziegenhirtenzwirn mit italienischem Dialekt. So sieht das Gute aus (für eine Saison). Und ich beharre drauf: Barfuß wird doch der Renner im Sommer. Musik: Einstürzende Neubauten (Bildhauerwerkstattsassistenten mit Metallblechen und –fräsen bei Diesel), Accapella-Rap (Ex-Anti Pop Consortiums Beans auf sich selbst gestellt bei Adidas) und Metro Area verwoben mit Voigts “Life’s a gas”(auf Endlosschleife in der Messehalle). Na, wo flüchtet ihr euch jetzt hin, ihr oberflächenfeindlichen Musikliebhaber-Slacker-Nerds? Etwa zu Susan Sontag und Christine Öttinger in Klaus Biesenbachs Kunstwerke zu Sontags 70stem Geburtstag? Die zwei Ikonen linker und feministischer Grandezza bewiesen enorme Überlegenheit über alle Fragen, die Bread & Butter oder sonstige Modegatherings auch nur im entferntesten aufrufen könnten. Sagt uns das was zur Inkompatibilität von Geist und Garderobe? Wenn man an Ulf Poschardt in seinen Nike Shoxx denkt oder die esoterischen Luftblasenphilosophien, mit denen sich die Designer in ihrem Minderwertigkeitskomplex gegenüber der E-Kultur gerne selbst verklären, schon. Ansonsten immer wieder die italienischen Anarchisten der 20er-Jahre in ihren Maßanzügen befragen. Warum überhaupt diese Diskussion? Weil mir gerade jemand in Kölle meine grün orange Hermès-Krawatte abgeschnitten hat, psychotherapeutische Schadensbegrenzung.

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Text: Jan Joswig, Thaddeus Herrmann, Karen Khurana aus De:Bug 66

Wir wollten’s ja nicht wahrhaben. Aber Winter ist die Jahreszeit für die Reinstallation alter Weisheiten. Zum Beispiel: Rock’n’Roll will never die. Beweis: Tobi Neumann, immer schon mittelalter Technoanimateur, lässt sich in der DJ-Booth ausschließlich Champagner kredenzen. Tocotronic, live auf der Bühne ewigjugendliche Tagebuchrocker, setzen dem Aftershow-Exklusivpublikum Bierflaschen in Kästen vor. Klarer Charakterkantersieg für Rock’n’Roll.
Genau wie in München neulich, als Martin Console ein Käsebrot aß und sich nicht daran störte, dass über der kalten Platte gerade ein Rohrbruch stattgefunden hatte. Kellerstyle.
Den kennt auch Eminem. Pünktlich zu Weihnachten präsentiert er in seinem neuen Film “8 Mile” die Geschichte eines weißen armen Jungen, der HipHop-Star werden will. Die Fortsetzung schreibt das Leben gerade selbst: Ein weißer englischer Popstar, der in Amerika nach oben will, bittet den mittlerweile schauspielernden amerikanischen HipHop-Star um ein Duett und feuert seinen bisherigen Songwriter. Kaum gefeuert, fackelt der nicht lang und bastelt jetzt mit Britney Spears an ihrem Weihnachts-Soundtrack.
Das Krippenfest heißt bei Debug vor allem: Leserpoll (Seite 47). Geschenke gegen knallharte Infos, wenn das nicht der Wahnsinn ist.
Wer nicht klauen will, gewinnt. Winona Ryder hat gerade verloren. Mit Haarreifen präsentierte sie sich wegen Videoaufzeichnungen von Winona im Kaufhaus vor Gericht. Frisch dem Diebstahl und Vandalismus schuldig gesprochen, ist nun ihre Akte zur Festlegung des Strafmaßes verschwunden. Die Yellow Press steigert schon mit, heißt es, ratet mal wo.
Ins Land der Präzedenzfälle kann man seit diesem Monat auch wieder mit der neuen Ally McBeal-Staffel schauen. Wieder ohne Freund mit neuer jungen Freundin, in der sich gar nicht so dumm wie befürchtet ihre eigene Geschichte wiederholt. Nur bald soll Ally den King of Rock’n’Roll Mr. Jon Bon Jovi kennenlernen, und das geht zu weit.
Ebenfalls zu spätem Schauspielerruhm kommen jetzt die Helden des New Yorker Disco-Olymps. Josell Ramos zeigt in seinem Dokumentarfilm “Maestro” Masters wie Francis Grasso, Frankie Knuckles, Francois Kevorkian, Larry Levan oder Nicky Siano at Work. Last night a film saved my life, können wir da hoffentlich nach einem der Club-Screenings im deutschen Winter ausrufen (Termine unter Präsentationen, Seite 48).
Um im italienischen Herbst eine gute Zeit zu haben, kann man die großen Städte mittlerweile getrost knicken. 100 Kilometer von Italiens Vorzeigestadt Bologna entfernt ist es Killer, wie Thaddi on Tour aus Faenza berichtet. Nur dass die Italiener sich jetzt routinemäßig aus Autos wegverhaften lassen, verwirrte die deutsche Reisegruppe. Vive la résistance (für italienische Version bitte Google befragen)!

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