Präventivkrieg heißt die neue Masche. Und nicht anders als auf dem Laufsteg will man da natürlich seine neuesten Entwicklungen vorzeigen. Auch in diesen Krieg ziehen wir wieder mit den smarten Bomben, die jetzt noch effektiver geleitet und serieller hergestellt werden können. Wir stellen die mal vor. Daneben erklären wir, wie man mit 272 Milliarden Dollar für den Irakkrieg das Völkerrecht ruiniert, dafür aber 15% der Erdölvorkommen in die Hände bekommt.
Text: Martin Sachwitz aus De:Bug 67

Unsere Waffen für den Irak
Krieg – Die neue Selbstverständlichkeit

In St. Louis, Missouri wird bei Boeing (Aktienkauf dringlich empfohlen!) auf Hochtouren die Wunderwaffe JDAM am Fließband produziert. 20.000 liegen davon auf Halde, 2000 können monatlich gefertigt werden. Eigentlich ist JDAM – Joint Direct Attack Munitions – nur so eine Art umgeschnalltes Geschirr, wie es kleine Kinder bei den ersten Gehversuchen bekommen. Dadurch werden, dank Hightech, dumme Bomben in smarte, für chirurgische Eingriffe geeignete Wurfpostsendungen konvertiert. Kennen wir schon. Im Desert Storm Unternehmen 1991 wurden uns allen diese Video Clips präsentiert. Bombe in den Schornstein und es erwischt Saddam am Kamin. Der Rest wird grün(!) ausgeblendet. Das ist natürlich keine Zensur und schon gar nicht in den Universal Studios hergestellt, heißt es höheren Orts. Nun sagen uns dieselben Krieger, dass damals nur 7% der Munition präzisionsgeführte JDAMs waren, im Kosovo 1999 waren es schon 30, letztes Jahr in Afghanistan 60 und nun werden es unschlagbare 100% sein. Wenn das nicht Fortschritt bedeutet. Der Preis für ein solches Ding kann quasi aus der Portokasse des Pentagon bezahlt werden: schlappe 27.000 Dollar verglichen mit der Million Dollar, die für jede Cruise Missle geblecht werden muss. Und dann erst die unvergleichliche Genauigkeit. Dank des Global Positioning System GPS – drei KH-11 und drei Lacross Militärsatelliten scannen permanent Iraks Territorium – kann das Ziel mit drei Metern Genauigkeit getroffen werden. Und wenn doch mal das schwache GPS Signal abhanden kommt – unser Freund der Computer hilft vor Ort, um noch 30 Meter zu schaffen. Vorbei die Zeiten, als das steinzeitmäßige Laserleitsystem versagte, nur weil ein paar brennende Ölfelder im Kuwait dicke Qualmwolken erzeugten oder einfach nur Nebel herrschte. Und noch etwas ist einfach genial. Unsere Bomber Jacket Träger können ihre smarten Bömbchen aus 11.000 Metern Höhe und in 24 km Entfernung vom Ziel ausklinken. Play Station 5 oder so. Noch dazu nutzerfreundlich in 10 Minuten einsatzbereit – die alte Cruise wollte eine Stunde Vorspiel haben. Die Planer sind sich so sicher, dass sogar schon das gesamte Drehbuch vorgestellt wurde – erst die kleinen, unsichtbaren B-2 Bomber mit je 16 JDAMs und dann darf’s etwas mehr sein mit B-1 und 24 JDAMs. Im Golfkrieg mussten 10 Fighter auf ein Ziel angesetzt werden, heute kann es ein Jet gleich zwei Targets besorgen.
Nur eins nervt die Militärs: Die Geheimdienste kommen wieder mal nicht aus dem Knick. Die präziseste Waffe nutzt nichts, wenn kein Schwein weiß, wohin damit. Unvergessen ist der B-2 Angriff 1999 in Belgrad, als eine JDAM die chinesische Botschaft ganz präzise traf – auf dem Stadtplan war da ein jugoslawisches Wehrersatzamt eingetragen.

Fragen, die man stellen sollte

Wenn Saddam nicht so ein Arschloch wäre, man könnte glatt Sympathien für ihn empfinden, diesen hoffnungslosen Underdog. Aber solche Typen wollen einfach nicht in ihren wohlverdienten Ruhestand treten – am 28. April diesen Jahres ist Saddam 65 Jahre alt geworden. Nun, er ist immer noch der Feind Nr. 1 für Bush. Wenn Bayern im Pokal gegen Traktor Brieselang spielt, kommen auch solche Plattheiten: Nicht unterschätzen!, sagt Ottmar. Bisweilen geht das ja wirklich in die Hosen. Aber wie stark ist eigentlich der Saddam?
Irak hat heute etwa 30% seiner militärischen Schlagkraft verglichen mit der Zeit vor dem Golfkrieg. Da war und is nix. Irgendwelche 6 Küstenboote sollen sich der US Marine entgegen werfen. Einige russische T72 Panzer, schon beim Einmarsch 1968 in Prag veraltet, sollen überlebt haben. Und die in Ludwigsfelde DDR gebauten W50 Lastwagen sind nun wirklich Schrott, auch ohne feindliche Einwirkung. Aber waren da nicht noch die Nuklearwaffen?
Erst einmal sind die irakischen nuklearen Anlagen, ob nun für friedliche oder militärische Nutzung, gründlichst durch US-amerikanische, britische und israelische Flugzeuge bombardiert worden. Auch ohne Kriegserklärung. Weiterhin ist es sehr einfach, gesetzt es gibt eine lokale Inspektion, eine Produktion von waffenfähigem Material zu verifizieren. Die Uran-, Plutonium- und sonstige Isotope sind so zahlreich, dass sie immer einige ihrer Vertreter am Ort des Geschehens hinterlassen – die berühmten Fingerabdrücke. Die sind von der Internationalen Atombehörde IAEO, die in den letzten Jahren immer wieder im Irak aktiv war, nicht gefunden worden.
Und was ist mit den biologischen und chemischen Waffen? Ohne Zweifel, Irak hatte diese Massenvernichtungsmittel und hat sie bedenkenlos eingesetzt: intern gegen die Kurden und im Krieg gegen den Nachbarn Iran. Die Technologie kam von den selben westlichen Ländern, die jetzt so vehement nach totaler Entwaffnung schreien. Aus Freunden wie Bin Laden und Saddam sind Schurken geworden. Die UN Inspektoren veranlassten in den 90er-Jahren die Zerstörung von 38.500 chemischen Granaten, 625 Tonnen Gift, 2700 Tonnen chemischen Ausgangsmaterials und 426 Produktionsstätten, so der UN Bericht. Allein vom neuerdings sehr bekannten Anthrax besaß der Irak vor dem Golfkrieg nach eigenen Angaben 8400 Liter – das reicht für etwa 100 Millionen tödliche Briefe.
War das alles? Im Gegensatz zu nuklearen Anlagen ist die Sache bei chemischen und biologischen Waffen etwas schwimmend. Da kann schnell die Fermentierungsanlage einer Molkerei zum Rüstungsbetrieb umfunktioniert werden oder als solcher missinterpretiert werden; je nach Auslegung. Die UN Inspektoren sollen die totale Abrüstung dokumentieren. Die sind etwas in Verruf geraten, weil selbst in den eigenen Reihen Klagen über CIA-Unterwanderungen laut wurden. Inspektionen als Tarnmantel für Spionage kann nicht akzeptiert werden, finden auch die USA und treten aus diesem Grund einem internationalen Kontrollabkommen gegen Biowaffen nicht bei. Entdeckt UN Chefinspektor Hans Blix im Irak etwas, dann kann gebombt werden, findet seine Mannschaft nichts, hat der Irak sie behindert und es kann wiederum gebombt werden. Und wenn alles nichts hilft, gibt es ja noch die völkerrechtswidrigen Flugverbotszonen.

Einmal Überfall, 272 Milliarden Dollar, bitte!

In jeder UN-Resolution, den Irak betreffend, wird die Souveränität des Landes garantiert. Wenn sich aber dieser Staat gegen Luftangriffe auf sein eigenes Territorium wehrt, ist dies ein Kriegsanlass. Grünes Licht für die Bomber, anyway. Immerhin geht es um 15% der Weltreserven an Erdöl. Die Lagerstätten schreien geradezu nach amerikanischer Ausbeutung. Denn die Produktionskosten liegen bei unter einem Dollar pro Barrel; in Sibirien oder der Nordsee bei 16 bis 18 Dollar. Wenn schon Krieg, dann würde eine UN-Legitimation vielen helfen. Saudi Arabien, Jordanien und Ägypten wären weniger verdächtig, ihre arabischen Brüder im Irak verraten zu haben. Und auch potenzielle Partner in Europa könnten nicht mehr abgeneigt sein, den Briten in Nibelungentreue zu folgen. Nur, was passiert nach Saddams Sturz?
Nun, eine demokratische, friedliche, weltoffene Regierung hat sich ja wie immer im Exil etabliert, oder? War das nicht so in Kuwait, dem Kosovo und in Afghanistan? Die Friedensdividende ist dann für uns ein billigerer Boxenstopp an der Tanke oder wie im Fall Afghanistan weltweit fallende Heroinpreise durch traumhafte Mohnernten. Ist doch was.
Die Rechnung: Hier hat das Congressional Budget Office für den US Steuerzahler just ermittelt, dass der Aufmarsch, gerade im Gange, 9 bis 13 Mrd. $ kostet, 6 bis 9 Mrd. $ pro Monat ein Krieg und 5 bis 7 Mrd. $ der Abzug der GIs verschlingen würde. Der Plan – wann ging der schon mal auf – geht von 3 Monaten Krieg und einem Nachschlag von fünf Jahren Besetzung aus. Ein neuer Marshall Plan inbegriffen sind das in Summa 272 Mrd. Dollar. Herr Bush vernichtet gerade den Überschuss, den die Clinton Administration wundersamer Weise erwirtschaftet hatte.
Im Irak gibt es zwar nicht solch ethnischen Mischmasch wie in Afghanistan, aber die sunnitische Mehrheit verträgt sich mit der schiitischen Minderheit im Süden wie weiland die Katholen mit den Protestanten im 30-jährigen Krieg oder jetzt in Belfast. Und dann gibt es noch im Norden die Kurden, beargwöhnt und bisweilen bombardiert durch die Türkei. Ein separatistischer Kurdenstaat als Folge eines Krieges wäre ein Sprengsatz für die Türkei.

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Elektronische Lebensaspekte.