Text: unstable-media.org/jeremy abbet aus De:Bug 27

Filtern, ordnen, präsentieren, auswerten Als Netscape von Version 1.0 auf 2.0 sprang, war für Taketo Oguchi klar, dass dies die Geburtsstunde wirklich innovativer Websites war. Oguchi erahnte die Flut von neuen Sites und die damit verbundenen Schwierigkeiten, wirklich wertvolle Informationen zukünftig im Wust des Netzes aufspüren zu können. Ein System, keine Suchmaschine, musste her, das den Netzusern zukünftig den Weg zu interessanten Sites weisen sollte. Also begann Oguchi “die Webkultur zu filtern, zu sammeln und journalitisch auszuwerten.Ò Gemeinsam mit ein paar Mitstreitern gründete er 1996 in Sapporo das Webzine Shift, um so Gleichgesinnten auf der ganzen Welt ein Forum zu geben. Jeremy Abbott sprach mit Taketo Ogutchi. unstable-media.org: Ich glaube, Shift war definitv die erste wirklich gute Inormationsquelle für innovative Designaktivitäten im Netz… Taketo Oguchi: Zunächst einmal ging es mir um Aufmerksamkeit in Japan, denn vor uns hat sich niemand um kulturelle E-Zines gekümmert. Natürlich ist es wunderbar zu beobachten, dass es tatsächlich weltweit keine andere Site mit ähnlichem Content gibt, um die sich eine wirkliche Gemeinschaft von Usern aufgebaut hat. Ich denke, das hat vor allem mit dem Engagement unserer Mitarbeiter zu tun. Es sind dieselben Freunde, die mir auch bei meinem kleinen Café in Sapporo helfen, das ich immer noch betreibe. Ohne sie wäre es nie dazu gekommen. Das Netz ist ein fanastischer Ort, um eine Gemeinschaft von Menschen aufzubauen, die dieselben Interessen haben. Normalerweise schafft man es ja nicht mal, in seiner Heimatstadt alle Kontakte aufrechtzuerhalten. Im Netz gibt keine Entfernungen. Das macht vieles einfacher. Vielleicht ist unsere Gemeinschaft sogar stärker und wichtiger als vergleichbare Gruppen im realen Leben. umo: Wer arbeitet an Shift mit? to: Die feste Belegschaft besteht aus Mayumi Kaneko und mir. Shift und alle anderen Projekte werden in unserem Büro in Sapporo koordiniert und produziert. An jeder Ausgabe arbeiten aber rund 30 Autoren mit, die teilweise in Osaka oder Tokio leben und arbeiten. umo: Viele Mitarbeiter, eine japanische und eine englischsprachige Ausgabe…wie kann das alles koordiniert werden? to: Die japansche Ausgabe wird immer zum Monatsersten und die englische Ausgabe zur Monatsmitte neu erstellt und geupdated. Die Übersetzungen nehmen einen Grossteil unserer Zeit in Anspruch. Mayumi übersetzt eine Hauptteil selber, unser Freund Andrew Zimmermann liest Korrektur. Manchmal helfen Mitarbeiter in Hong Kong und Sri Lanka aus. umo: Was sollen die Menschen bei Shift für Informationen bekommen? to: Das Netz expandiert, und der Cyberspace wird überschwemmt von einer schier unendlichen Flut von Informationen. Selbst die detailliertesten Suchmaschinen können das nicht mehr handlen, das Risiko, wirklich wichtige Dinge nicht zu finden, wird immer grösser. Das Ziel von Shift ist die verborgenen Talente des Netzes vorzustellen und eine Brücke zu schaffen von Japan zum Rest der Welt. Wir sammeln, wählen aus und stellen das vor, was unserer Meinung Einfluss haben oder dem Netz eine neue Perspektive geben wird. umo: Wie sieht der genaue Prozess der Präsentation aus? to: Shift ist eigentlich nichts weiter als eine Art Kanal. Wir schlagen eine bestimmte Art von Sinn und Werten vor und liegen damit auf einer Wellenlänge mit einer bestimmten Gruppe von Menschen. Es gibt aber keine festgelegte Meinung, die Shift vertritt, die Mitarbeiter haben nur alle eine ähnlich Vorstellung von interessanten und wertvollen Dingen. Es gibt genug Themen, über die unsere Mitarbeiter schreiben können. Ich persönlich denke, dass das alles im Moment sehr gut läuft. umo: Nehmen Menschen im Netz eine andere Persönlichkeit an? to: Hmmm, das hängt davon ab. Ich denke, wenn man eine Zeit lang mit jemandem in Email-Kontakt ist, wird schnell klar, wer sich hinter der Adresse verbirgt. umo: Wisst ihr, wo die Besucher eurer Page herkommen? to: Die meisten Hits bekommen wir aus Japan, gefolgt von den USA und Europa, aber auch viele Menschen aus Asien, besonders Hong Kong besuchen unsere Seite. Der nächste Schritt muss daher auch sein, die Seite noch internationaler zu gestalten, um mehr Menschen aus aller Welt anzuziehen. umo: Spielt es bei der Präsentation von Shift ein Rolle, dass ihr in Japan lebt? Und gibt es geographisch bedingte Unterschiede im Webdesign? to: Was Japan angeht, spielt es eine grössere Rolle, dass wir nicht in Tokio arbeiten. Das Lebenstempo dort ist im Vergleich zu Sapporo viel schneller. Da hätten wir ein Problem, denn durch die Zeitverschiebung zum Rest der Welt müssen wir manchmal einfach lange warten, bis ein Projekt via Email abgestimmt werden kann. In Sapporo können wir viel entspannter arbeiten. Was die Qualität des japanischen Webdesigns und der angeschlossenen Industrie angeht…wir hinken den USA vielleicht zwei Jahre hinterher. Die wirklichen Meilensteine passieren zur Zeit auf anderen Gebieten der digitalen Kultur: Spiele, Animation und Musik. Das ist ein Grund, warum soviele Menschen auf Shift aufmerksam geworden sind. umo: Und wie viele deiner Mitarbeiter hast du schon persönlich kennengelernt? to: Es musste ein Jahr vergehen, bis ich zumindest die Schreiber in Tokio getroffen habe. Ausser ihnen habe ich nur Nik Roope getroffen, auch ihn in Japan. Ich muss nicht nach Tokio oder New York fahren…ich verbringe meine Ferien lieber auf Bali. Ich bin da zwei Mal im Jahr, vielleicht können wir uns ja mal dort treffen.

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Text: unstable-media.org/Jeremy Abbett aus De:Bug 26

unstable-media.org: Steve, du bist vor allem Programmier und hast einen eher technischen Hintergrund. Kann man in einer solchen Position überhaupt etwas zur Entwicklung der Ästhetik beitragen? Steve Cannon: Naja, ich bin nicht gerade ein Photoshop-Gott, wenn es sich also darum dreht, habe ich nicht viel beizusteuern. Wenn es aber ums Programmieren geht, weiss ich genau, was ich visuell erreichen will und drücke das auch durch. Gute Designer sind für die Vorschläge von Programmierern offen, besonders natürlich, wenn Vektorgraphik mit im Spiel ist und es letztendlich wieder ums Coding geht. Das ist die Art von Design, die ich beherrsche. Es geht darum, Dinge zu vereinfachen. Zwar ist es keine komplette visuelle Ästhtetik, weil es das Visuelle nicht wirklich mit einbezieht. Aber die ästhetische Idee, die ich für das Web habe, ist, dass man sich von der Fassade trennt. Wenn die Technologie wirklich gut ist, dann sollte sie auch im Vordergrund stehen. Der eigentliche Programmcode kann wunderschön sein, so schön, dass der spätere User das sehen muss! Vielleicht nicht bei der ersten Benutzung des entsprechenden Interfaces, aber sobald er sich mit ihm angefreundet hat. Anders als bei den Printmedien soll der Benutzer ein Gefühl für die Komplexität der Informationen bekommen. Wie sonst könnte er sich an sie gewöhnen? umo: Aber wie funktioniert das bei graphischen Benutzerinterfaces? Sind Windows und MacOS da auf dem richtigen Weg? Steve Cannon: Sie sind extrem erfolgreich, aber leider ein bisschen veraltet. Die Desktop-Metapher hat den Haken, dass sie den Netzwerkgedanken nicht wirklich zum Ausdruck bringt. Informationen kommen von Disketten oder CDs. Man ist nicht mit anderen Usern verbunden. In DOS gab es zwei dieser Metaphern. Die eine war die Command-Line als die Konversations-Metapher: Man redet über das Telefon. Die andere DOS-Variante, die mit einer graphischen Oberfläche arbeitete, hatte das Problem, dass die verschiedenen Programme keinem gemeinsamen Interface-Modell folgten. Hatte man eine Anwendung durchschaut, half einem dieses Wissen bei einer anderen Applikation überhaupt nicht weiter! Windows, MacOS oder auch das Xerox Parc System haben erfolgreich eine umfassende und paradigmatische Interface-Metapher kreiert, die die neuen im Web entstehenden Informationsräume aber nicht vollständig mit einbinden kann. Die Information wird immer reichhaltiger. In der Frühphase des Webs hatte man das auch noch nicht im Kopf. Heute ist klar, dass das Web nicht alles ist. Man braucht vor allem Datenbanken. Je weiter sich das Netz entwickelt, desto mehr enfernt es sich von der alten Windows-Metapher – Microsoft arbeitet derzeit nicht umsonst an einem aktiven Desktop. Nur funktioniert der eben noch nicht, was zum Teil politische Gründe hat. Mit welchem Betriebssystem man arbeitet, wird immer unwichtiger. Solange man einen Browser hat, ist die gesamte Information zugänglich. Eine Tatsache, die politisch ziemlich brisant ist. Die Frage ist nur: Was kommt nach dem Browser? Der Browser zeigt dir eine Seite, aber das, was man gerade gesehen hat, wo man herkommt oder wohin der Link führen könnte, bleibt im verborgenen. Genau das aber wird im Moment immer wichtiger. umo: Browser können also das, was im Moment passiert, nicht mehr handlen? Steve Cannon: Ohne eine Weiterentwicklung werden wir nicht weit kommen. umo: Gibt es eine Applikation, die deinen Vorstellungen am nächsten kommt? Steve Cannon: Es gibt zum Beispiel “Thinkmap”, wo die Beziehungen zwischen den Informationen sichtbar gemacht und die Linkstrukturen illustriert werden. The Brain basiert auf einem ganz ähnlichen Konzept, ist aber für den Desktop programmiert. Xerox Parc entwickelt gerade “Hyperbolic Tree”. Es basiert auf einem optischen Linsensystem, das die Objekte am äusseren Rand des Bildschirms verkleinert und die Objekte in der Mitte aufbläst. Das könnte sich als sehr nützlich erweisen. Diese Programme sind aber alle noch im Entwicklungsstadium, also noch nicht nutzbar. Wir müssen aufhören, diese neuen Entwicklungen streng organisiert durchzuplanen. Die besten Teillösungen tauchen einfach auf! Man nimmt sie zunächst gar nicht wahr. Plötzlich sagt man: ‘Cooles kleines Tool!’ Das ist das Thinkmap-Paradigma, aber Webdesigner haben sich damit noch nicht auseinandergesetzt. Das Beste wäre, wenn es von jemandem entwickelt würde, der keinen Software-Hintergrund hat. Ted Nelson (Erfinder und Ideologe des Begriffes “Hypertext”) ist dafür wohl leider ein bisschen zu oldschool. Neue hilfreiche Applikationen müssen Schritt für Schritt entwickelt werden. Das wird aber lange dauern und sich aus vielen Einzelteilen zusammensetzen. Wir brauchen eine organische Struktur. Jedesmal, wenn ein Designer etwas Neues ausprobiert, öffnet er den Leuten die Augen. In dieser Phase befinden wir uns zur Zeit. umo: Wenn die Lösung nicht von Programmierern oder denjenigen, die gerade daran arbeiten, kommt, von wem… Steve Cannon: …natürlich werden Programmierer und Designer an der Lösung beteiligt sein. Aber auch andere Seiten. Menschen, die sich auf das Web eingetuned haben und wissen, welche Informationen visualisierbar sind. Schau dir zum Beispiel dieses neue Interface Google an: Hier wird deutlich, dass ein Link nicht vom Ursprungsobjekt wegführt, weil die Verbindungen zwischen beiden viel mehr betont werden. Die Menschen begreifen langsam, was es bedeutet, wenn jede kleine Information im Netz potentiell mit jeder anderen Information verlinkt ist. Ich weiss, dass das ein harter Prozess ist! Aber je länger man gemeinsam daran arbeitet, desto schneller werden wir eine Art allgemeine Theorie zur Vefügung haben. Andererseits sind Leute wie Ted Nelson oder Jacob Nielson (einer der bekanntesten Webdesign-Theoretiker) wirklich gut, aber sie sind eben nur Theoretiker! Wir brauchen Praktiker. Hätten wir uns vor fünf Jahren unterhalten, wäre das alles gar nicht so spannend gewesen. Damals hatten wir Links, das war’s. Wir hatten Hypercard für den Mac und konnten also Links setzen. Die politischen Dimensionen dieser Möglichkeit erahnten wir damals noch nicht. Es war politisch, weil niemand wirklich das Authoring Tool besass. Genauso bei “View Page Source”: Ohne dieses Werkzeug hätte sich das Netz nie in dieser Form entwickelt. Designer konnten nichts von dem verstecken, was sie taten. Alles wurde sicht- und kopierbar und konnte schlichtweg geklaut werden. So habe ich HTML gelernt. umo: Wird sich das aufgrund spezifischerer Technologien ändern? Bei Applets funktionert Copy/Paste nicht mehr. Hält diese Entwicklung Informationen zurück? Steve Cannon: Da ist das “W3C” (WorldWideWeb Consortium) gerade dran. Das kritisiert beispielsweis an Java, dass der Code versteckt ist. Das ist auch der Grund, warum DHTML und CSS im Gegensatz zu Flash wieder sichtbar und nachvollziehbar sind. Dennoch glaube ich, dass die nächste Revolution keine politischen Implikationen mehr haben wird. Das haben wir hinter uns. Wir kämpfen im Moment mehr für einen neuen Krieg, Arbeitstitel: ‘Warum sehen wir kein Netz, wenn wir im Netz sind?’ Immer nur diese netten Graphiken… umo: Wie sehen einen Knoten… Steve Cannon: Genau, wir sehen einen Netzknoten. Deshalb arbeiten Programmierer auch so oft mit neuen Fenstern oder Frames. Sie wollen den Kontext verdeutlichen. Applikationen wie “Story Server” erlauben es, multiple Seiten mit einer gemeinsamen Steuerleiste zu generieren. Das hilft natürlich nur, wenn man innerhalb der vom “Story Server” gebauten Seite bleibt, ist aber nicht sehr hilfreich, wenn man im Netz navigiert. Eine der nächsten grossen Entwicklungen wird mit Transaktionen zu tun haben. E-Commerce ist eigentlich eine total langweilige Sache, aber für die Entwicklung des Webs ist es ein Glückfall. Chats und Mailinglisten sind zwar auch interaktiv und kommunikativ, aber durch Transaktionen werden wirkliche Brücken in die Welt ausserhalb des Netzes geschlagen. Man kauft Dinge! umo: Also keine Bytes mehr, sondern Produkte. Steve Cannon: Genau, aber diese Produkte sind ja nur Symbole für irgend etwas Reales. Natürlich werden viele Leute aufschreien, aber so ist das nun mal. Es ist eine Art, unsere Identität auszudrücken. Wenn wir im Web etwas kaufen, macht das unseren Konsum persönlicher. Auf lange Sicht wird sich das positiv auswirken. Das Netz wirkt in unser Leben und umgekehrt. Browsing war cool, ist aber inzwischen einfach vorbei. Es wird Zeit für etwas Neues. Daran werde ich in der Zukunft arbeiten: Transaktionsbeziehungen. Weniger als Chat, mehr als ICQ, mit der Möglichkeit, Files und Links zu senden. Mal sehen, was mir da einfällt. umo: Vielleicht Dinge wie portable Computer… Aber ist Email nicht irgendwie auch eine Transaktion? Steve Cannon: Oh ja, Email ist ein gutes Beispiel. Das Problem ist nur, dass sie zu individuell ist. Was man eigentlich will, ist – ein besseres Wort gibt es dafür leider noch nicht – eine Art Semi-Spam Email, die an eine Gruppe von Leuten gerichtet ist. Die Mail landet aber nicht in ihren Mailboxen, sondern an einem Ort, wo man sie sich in einem graphisch gut designten Kontext anschauen kann, ähnlich einer Webpage. Dort kann man an der Mail arbeiten, sie verändern und sie weiterschicken. Das ist schwierig zu erklären, aber in meinem Kopf ist alles schon fertig.

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