Sound, Mode, Start: Never trying hard
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 114


In Dänemark passiert’s. Die Modewelt schaut voller Neid und Bewunderung auf Kopenhagen und auch nicht erst seit Trentemöller weiß man, dass musikalisch einiges geht. “People Press Play” heißt die neue Elektronika-Pop-Sensatiion, die das wieder einmal beweist. Die Supergroup um Opiate, Dub Traktor und Acustic zeigen uns ihre Stadt, wri treffen das Label Rump Records, den Macher des Technoclubs “Culture Box” und schauen bei Efterklang im Studio vorbei. Darauf einen Trinkyoghurt.

Kopenhagen ist nicht Los Angeles. Da kann sich Lars von Trier auf den Kopf stellen. Der Regisseur zerschnitt letztes Jahr im Fernsehen die Nationalflagge “Dannebrog”. Dann bezeichnete er das weiße Kreuz darauf als dänisches Swastika und hisste die zusammengenähte rote Flagge zu den Klängen der “Internationalen” – aus Protest gegen die rechtskonservative dänische Regierung, die gerade die 100 bedeutendsten nationalen Kulturerzeugnisse in einem Kulturkanon versammelt hatte. In dieser Aktion steckt Glamour, Eitelkeit und Selbststilisierung. Hollywood meets politics. Toll.

Aber Lars von Trier ist nicht Dänemark. Und Kopenhagen nicht Hollywood. Wird es nie werden. Anders Remmer von der Band “People Press Play“ formuliert es so: “Worin wir hier wirklich gut sind, das ist Langeweile.” Er klingt fast ein wenig leidenschaftlich, als er das sagt. Anders Remmer sitzt mit verschränkten Armen auf einer Couch im Studio seiner Band People Press Play im Zentrum von Kopenhagen. Das Studio ist Teil eines Ensembles von Backsteinhäusern, in dem sich bis in die 20er Jahre ein Wasserpumpwerk befand. Heute haben sich hier kleine StartUp- Unternehmen angesiedelt.

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Vor Jahren erschien im Wire-Magazin eine Kritik anlässlich einer Platte von Anders Solo-Projekt “Dub Tractor“. “Die war richtig wütend”, erzählt Anders. “Der Autor schrieb, dass sich die Musik nach überhitztem Wohnzimmer und Wohlfahrtsstaat anhört. So what. So leben wir halt.” Anders Remmer lehnt seinen Kopf gegen einen Stapel Pappkartons und denkt laut über das typisch Dänische in seiner Musik nach: “In Dänemark gibt es die weit verbreitete Haltung, dass man sich nichts sagen lässt und Autoritäten gegenüber misstrauisch ist. Gerade auf dem Hintergrund der Globalisierung ist es doch gut, wenn bestimmte Regionen der Welt einen eigenen Sound hervorbringen. Sonst würde alles gleich klingen. Und im Übrigen: Langeweile muss man können.”

Total okay
People Press Play, das sind Anders Remmer, Thomas Knak, Sara Savery und Jesper Skaaning. Das erste Album der Band ist gerade erschienen. Wenn Langeweile so bezaubernd sanft und melancholisch klingt wie der Elektronika-Pop von People Press Play, dann sollte man sich diesen Sommer der dänischen Langeweile mit Hingabe widmen. Aber Langeweile mit Hingabe ist eigentlich keine Langeweile mehr. Und in Kopenhagen floriert die Szene. Auf Labels wie Rump Recordings, Rumraket, Hobby Industries oder Echochord gedeiht die elektronische Musik prächtig. Bands wie People Press Play, Efterklang, Badun und selbstverständlich Technosuperstar Trentemöller, der es in Dänemark mittlerweile in die Top 20 der offiziellen Verkaufscharts geschafft hat, sind entscheidende Multiplikatoren der lokalen Szene. Mit der Culture Box hat die Stadt einen Club, der weltweit Spuren hinterlässt. Und auch in Film, Mode und bildender Kunst kommen zurzeit spannende Impulse aus Kopenhagen. Wenn Anders Remmer seine Musik also als langweilig bezeichnet, dann steckt eine Jetzt-erst-recht-Haltung dahinter, Trotz gegenüber seinen Kritikern.

Vor allem aber geht es ihm um Authentizität, die Parallele zwischen den Lebensumständen und der Kunst, die daraus hervorgeht. Das ist wie beim Mythos um Detroit Techno. Es gibt dort die Ruinen, die post-industrielle Endzeitstimmung, die Armut und Arbeitslosigkeit. Detroit Techno wird als die direkte Anwort darauf verstanden. Die Lebensumstände spiegeln sich in der Musik. Das stimmt natürlich nicht immer. Ein bestimmter Sound entfernt sich von dem Ort seiner Entstehung. Manchmal entwickelt er ein Eigenleben. Er wird zum Mythos, irgendwann meistens zum Kitsch. Aber im Kern ist doch richtig: Das Sein bestimmt das Bewusstsein – und damit die Musik.
Dänemarks Wirtschaft floriert, der sozialliberale Wohlfahrtsstaat wird zwar von der konservativen Regierung zurückgebaut, funktioniert aber prächtig.

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Studenten werden fürs Studieren immer noch bezahlt und das Land verfügt über eine Künstlerförderung, von der man in Detuschland nur träumen kann. “Häufig ist es in der dänischen Musik so”, sagt Anders, “dass wir Genres nehmen, die eigentlich aggressiv sein sollen oder von einer starken Attitüde leben. Wir sagen dann: Wir brauchen die Attitüde nicht. Wir schicken den Lehrer gerne mal aus der Klasse, um es selber zu machen. Das ist das Schöne zum Beispiel an Efterklang. Sie machen die Musik, wie sie fühlen, sehr spielerisch, ohne viel Überbau. Man entspannt sich hier. In Detroit, LA oder London müssten wir uns jeden Tag beweisen. Unsere Musik klänge mit Sicherheit völlig anders. Aber wir sind okay hier, total okay”, sagt Anders Remmer und blickt abwartend in die Runde, aus der später ein großes “Aber” kommen wird.

Die Geheimwaffe
Doch zurück zur Bandgeschichte: Bevor Anders Remmer, Thomas Knak und Jesper Skaaning People Press Play gründeten, waren sie bereits Impulsgeber der europäischen elektronischen Musik. Als “Future 3“ legten sie den Grundstein für Ambient und IDM in Dänemark. “System“, das zweite gemeinsame Projekt, dekliniert vorsichtig die verschiedenen Spielarten des Dub durch: Auf dem ersten Album mit knisternden, weich verhalltenen Delayscheifen. Auf der gerade erschienenen “Tempo Ep” befreien sie Dubstep von der Blade-Runner-Atmosphäre und überführen ihn in ihren eleganten Elektronikasound, ohne dabei den Groove zu vernichten. Und mit ihren Soloprojekten veröffentlichen die drei regelmäßig verlässliche Elektronika-Alben: Dub Tractor auf City Centre Offices, Jesper Skaaning als Acustic auf Rump Recordings und Thomas Knak brachte es als Opiate neben seinen Solo-Platten auf Raster Noton und Morr Music zum Produzenten von Björks “Vespertine”-Album.

Die drei kennen sich seit fast zwei Jahrzehnten und machen seit 12 Jahren zusammen Musik. Bei People Press Play ist nun alles ein wenig anders: Sara Savery stieß vor einem guten Jahr als Sängerin zu der Band. Das sorgte für frischen Wind in dem eingespielten Team. “Wir haben nach jemandem wie Sara gesucht. Als du das erste Mal an einem Stück etwas verändert hast”, sagt Thomas in Saras Richtung. “ … das hat sich sofort richtig angehört. Wir konnten ihr vertrauen. Sara ist für uns wie eine Geheimwaffe. Es ist eine Frage des Gefühls, ob du jemand anderes an deine Musik lässt. Gerade bei unserer Arbeitsweise ist das sehr wichtig, denn sie basiert fast ausschließlich auf Edits, vielen kleinteiligen Entscheidungen. Sara kennt sich mit Noten aus und hat Gesang studiert. Auch das ist interessant für uns, weil wir uns eigentlich eher in so einer “geniale Dilettanten“-Tradition sehen. Und sie versteht unseren nerdigen Humor. Das ist sehr wichtig.”

Dann vergleicht Thomas die Jungs in der Band mit Waldorf und Stattler, den zynischen Opas aus der Muppet Show. Alle lachen. “Es hat manchmal etwas von einer Studie, die drei zu beobachten”, meint Sara und lächelt. “Ich dachte immer, dass die Leute, die Rockmusik spielen, eher die sozialeren Menschen sind. Aber das stimmt definitiv nicht.” Sara spricht aus Erfahrung. Vor ihrem Einstieg bei People Press Play sang sie in Indiebands. Zuletzt lieh sie Bichi, einem anderen Elektronika-Act aus Kopenhagen, ihre Stimme. Bei People Press Play singt sie in nonchalanter Leichtigkeit über funkelnd klare Melodien. Es steckt viel Intimität in der Stimme. die angenehm unverbindlich mit der verträumten Musik verschmilzt. Sara setzt ihre Stimme als Sound ein. In ihren Texten spielt sie mit Wörtern, Metaphern, Andeutungen. Wenn man sie direkt auf die Bedeutung ihrer Texte anspricht, reagiert sie zurückhaltend: “Ich mag es nicht, meine Texte zu erklären. Das ist mir zu persönlich. Ich höre auch nicht gerne Songs, die konkret und eindeutig werden. Der Song ‘These Days’ zum Beispiel bedeutet für mich etwas ganz Bestimmtes. Aber es liegt auch ein allgemeiner, politischer Unterton darin. Den versteht man auch so und darauf kommt es mir an.”

Kriegsschauplatz Kopenhagen
In “These Days” geht es um Veränderung, um Kontrollverlust. Konsequenzen, die man nicht überblicken kann. Auch um Angst. Sara erklärt: “Die rechtskonservative Regierung schließt in Kopenhagen gerade Räume, die immer für Kreativität und Freiheit standen. Es gibt seit ein paar Monaten den Kultur-Kanon. Es ist bedenklich, das jemand vorgibt, was uns gefallen soll. Das alles beeinflusst meine Stimmung, hier zu leben, und das spiegelt sich in der Musik, in meinen Texten. Viele junge Leute demonstrieren, sind frustriert. Das entschlossene Vorgehen der Polizei beängstigt mich.” Sie sagt das auch in Richtung Anders, der zuvor ausgiebig über die dänische Saturiertheit geredet hatte.

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In Kopenhagen wird der Wechsel von Linken zu einer konservativen nationalistischen Regierung immer deutlicher spürbar. Fast regelmäßig kam es in den letzten Monaten in der Innenstadt zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Autos brannten. Kopenhagen gleicht einem Kriegschauplatz, schrieben die Zeitungen im März diesen Jahres. Auslöser der Krawalle war die Räumung des besetzten Hauses “Ungdomshuset”, das vom Staat ausgerechnet an eine christliche Sekte verkauft worden war. Auch das dänische Hippie-Flaggschiff, die Freistadt Christiania, ist bedroht. Um dem Handel mit harten Drogen etwas entgegenzusetzen, ließen die Bewohner die Polizei in die selbst verwaltete Zone. Die patroulliert nun regelmäßig. In Christiania werden immer wieder Häuser abgerissen. Das politische Klima in Dänemark. Ein Rechtsruck ist deutlich spürbar. Hinzu kam im letzten Jahr besagter Kulturkanon, der in Dänemark eine hitzige Debatte anstieß. “Der Kanon ist ein Witz, klar”, sagt Anders. “Aber der interessiert mich nicht. Es würde mir auch nicht passen, wenn ich bei der Künstlerförderung auf die Gnade von staatlichen Entscheidern angewiesen wäre. Mir macht es Angst, wenn wir von irgendwelchen Bourgeouisen im Tweed-Anzug erwarten, dass sie einen guten Geschmack haben. Wir sollten uns darum nicht kümmern.”

Thomas Knak sieht das anders. Vor zwei Jahren erhielt er die Förderung, von der man über zwei Jahre sparsam leben kann. Parallel kuratiert er für die Staatliche Rundfunkanstalt ein Internetradio für elektronische Musik. Die Band diskutiert. Im Endeffekt ist man sich einig, dass es in der Musik immer um die größtmögliche Unabhängigkeit gehen soll. Thomas ergänzt: “Aber wir sind keine politische Band. Wenn Saras Text zu ‘These Days’ explizit politisch gewesen wäre, hätte ich ihn nicht interessant gefunden. Text und Musik sollten dich an dein persönliches Leben erinnern. Texte, die dir sagen, was du zu tun und zu lassen hast, sind in meiner Welt verboten. Jemand wie wir, der sehr freundliche und leichte Musik macht, dem glaubt man natürlich auch nicht, dass er sich ständig den Autoritäten widersetzt. Tun wir auch nicht.” “Nur subtil vielleicht”, ergänzt Sara.

Von der Loveparade zur Culture Box
Wolken decken den Himmel über Kopenhagen zu. Es ist 12 Uhr mittags. Für das Fotoshooting ziehen wir durch das Gebäudeensemble des ehemaligen Pumpwerks, das von gepflasterten Wegen durchzogen ist. Eine kleine Idylle mitten in Kopenhagen. In der Anlage liegt eine Kneipe mit dem deutschen Namen “Zum Biergarten”. Auf einer der Bänke warten wir auf Jens Christiansen von Rump Recordings, der mich zu einem Ausflug nach Christiania abholen wird.

Den Beschluss, nach Christiania zu fahren, fassten wir spät am vorherigen Abend. Während eines Live-Acts des dänischen Techno-Pioniers Björn Svin, der mit nichts als einer Drummachine und einem Sequencer im Anschlag die Bar “Lebe wild und gefährlich” mit kargem, verschrobenem Techno rockte. In Kopenhagen gibt es mehrere Bars und Cafés mit deutschen Namen. Berlin ist hip. Das war auch der Tenor des Interviews mit Kenneth Christiansen, den ich vor unserem Abstecher zum Björn-Svin-Konzert getroffen hatte.

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Kenneth ist für Booking und Management des Technoclubs “Culture Box” verantwortlich und pflegt enge Kontakte nach Berlin. Zusammen mit Luciano veranstaltete er die Party “Cadenza meets Transmat” im Berliner Weekend Club. Kenneth selber spielte am frühen Morgen im 15th Floor, dem Afterhour Club des Weekend, bevor Luciano die Crowd in den Mittag ravte. Die Berliner Technokultur inspiriert Kenneth seit den frühen Neunzigern – auch zur Gründung der Culture Box. “1992 war ich zum ersten Mal auf der Loveparade. Später ging ich in Kopenhagen oft auf Raves. Seit 1996 haben wir dann erste Parties in alten Lagerhäusern veranstaltet. Irgendwann wurde es immer schwieriger, neue Locations finden. Weil die Stadt die leer stehenden Gebäude nach und nach erschlossen hat. Wir sind zu dieser Zeit viel nach Barcelona und Berlin gefahren, um dort zu feiern. Ich spielte öfter im WMF. Es kam die Zeit, als ich mich entscheiden musste: entweder ich ziehe nach Berlin oder ich starte hier was Eigenes.”

Kenneth zog nicht nach Berlin, wo sich DJs, Musiker und Partymacher auf den Füßen rumstanden. Er blieb in Kopenhagen. Vor drei Jahren begann er, Räumlichkeiten zu suchen. Vor ungefähr zwei Jahren war Eröffnung. Seitdem steht die Culture Box für Qualitätsbooking. DJs wie Sven Väth, Ricardo Villalobos oder Richie Hawtin verzichten gerne auf hohe Gagen, um hier zu spielen. Aber Minimal alleine trägt das Programm nicht. Regelmäßig finden Drum-and-Bass- und House-Parties statt. Thomas Knak von People Press Play spielt einmal im Monat auf einem Dubstep-Abend. Mittlerweile hat sich – Trentemöller und Berlin-Hype sei Dank – die Culture Box ein junges Stammpublikum erarbeitet. Der Laden läuft gut und Kenneth arbeitet konsequent und mit viel Idealismus im Namen der Subkultur. Ermüdungserscheinungen: Fehlanzeige. Wenn Kenneth von seinen Bookings erzählt, dann schwingt da aufrichtige Fanbegeisterung mit. Große Namen sind wie kostbare Trophäen. Auf die Frage, wen er unbedingt noch einladen will, antwortet er dementsprechend wie aus der Pistole geschossen: “Laurent Garnier!”

Wenn man in der Culture Box steht, dann ist auf den ersten Blick überraschend, wie angenehm improvisiert die Einrichtung des Ladens wirkt. Sperrmüllsofas statt Designerschick. Kenneth hofft, in der nächsten Zeit neue Möbel kaufen zu können. Aber eigentlich sieht es sehr richtig aus, wie es jetzt ist. Es steckt noch ein Hauch der anarchischen Stimmung der Fabrikhallen-Parties der Neunziger im Interieur. Und genau diese Zeit steht auch im Fokus seines Labels Echocord, das er in seiner Freizeit betreibt.

Echocord, neben Kompakt das Hauslabel von Mikkel Metal, steht für den Dubtechno der Basic-Channel-Schule. Klassisch. Zeitlos. Hype-resistent. Wie ein Gegenpol zu dem flüchtigen Club-Geschäft. Vielleicht gehört es zu den unerlässlichen Eigenschaften eines guten Bookers, zwar den Finger am Puls der Zeit zu haben, aber immer auch die Wurzeln im Auge zu behalten. Kenneth jedenfalls integriert in der Culture Box die in Kopenhagen interessanten Stilrichtungen elektronischer Musik und vernetzt sie mit dem Rest der Welt. Zurzeit träumt Kenneth von einem Culture-Box-Abend auf dem Electronic Music Festival in Detroit. Unwahrscheinlich ist das nicht. Kenneth hat Kontakte bereits angebahnt. Auch Elektronika-Labels wie Rump Recordings veranstalten hier ihre jährlichen Labelabende. “Seit Trentemöllers Erfolg kommen auch mehr Mädchen”, betont Kenneth. “Am Anfang bestand das Publikum zu 80 Prozent aus Jungs. Heute ist es ungefähr ausgeglichen. Und wenn mehr Mädchen kommen, dann bleiben auch die Jungs länger. Das ist wichtig. Glückliche Menschen, gute Parties, gute Musik, darum mache ich das hier.” Er grinst und besorgt ein neues Bier.

Attraktion für Hippie-Touristen
Jens Christiansen und Ditte Hegelund sind mittlerweile im Biergarten in der Nähe des People-Press-Play-Studios angekommen. Auf Fahrrädern radeln wir quer durch Kopenhagen. Am Regierungsgebäude vorbei. Die Fassade eines McDonalds ist mit roten Farbspritzern eines aufgeplatzten Farbbeutels gesprenkelt. Die Demos der letzten Monate haben sich dezent in das Stadtbild eingeschrieben. Durch einen mit engen Büschen umsäumten Weg betreten wir schließlich Christiania.

Auf der so genannten Pusher Street, dem ehemaligen Drogenumschlagplatz der Freistadt, steht eine brennende Mülltonne. Darum gruppieren sich ein paar HipHop-Kids. Grauhaarige Althippies kreuzen unseren Weg. In einem Andenkenhandel werden neben allerlei selbst gebasteltem Krimskrams “Bevar Christiania”-T-Shirts in grellen Farben verkauft. “Christiania ist wahrscheinlich die größte Touristen-Attraktion von Kopenhagen”, sagt Jens, während wir einen Ort zum Mittagessen suchen. Das klingt nicht zynisch, eher wie eine Feststellung. Die meisten linksorientierten Kopenhagener sympathisieren mit Christiania, das zurzeit stark unter Druck steht. “Du solltest mal hingehen”, sagte Jens auf dem Björn-Svin-Konzert. “Bevor sie es schließen.” Die Atmosphäre erinnert ein wenig an eine Mischung aus Bauernhausmuseum und Abenteurspielplatz. Wir setzen uns hin zum Essen und Reden. Es gibt Bohnen mit Gemüse, von einer Bedienung mit Dreadlocks über den Tresen gereicht. Ditte und Jens kommen selten hierher. Zu Konzerten ab und zu. Christiania gehört nicht in ihrem Alltag. Jens’ Woche steht ganz im Zeichen von Rump Recordings, dem umtriebigsten dänischen Label. Er gründete das Label vor zwei Jahren mit Geld der Künstlerförderung der Coda, einer Institution vergleichbar mit der Gema. Nachdem er für sein Projekt Rump Pistol kein Label gefunden hatte, nahm er das Geld der Förderung und presste die erste Auflage seiner Platte. Auf Kommission gab er sein erstes Release direkt in die Plattenläden Kopenhagens. Bei Loud Records, wo damals auch Kenneth von der Culture Box arbeitete, verkaufte er in kurzer Zeit die beachtliche Zahl von über 200 Stück. Er entschloss sich, die Platte mit größerer Stückzahl erneut aufzulegen, und kümmerte sich um Vertriebe. Von Rump Pistol mal abgesehen, war das erste Signing des Labels Acustic, also Jesper Skaaning von People Press Play. Seitdem wächst Rump langsam, aber stetig.

Vor einem Jahr kam Ditte hinzu und kümmert sich um Booking und Pressearbeit. Zusammen mit Oliver Duckert organisieren die beiden in Århus den monatlichen Elektronika Club Prototype und das Jazzjuice Festival, auf dem sich althergebrachter Jazz mit elektronischer Musik mischt. Diesen Sommer kommt Marshal Allen, ehemaliges Mitglied des Sun Ra Arkestra. Gerade auf Rump herausgekommen ist das erste Album von Olivers Band Badun. Hier kulminiert der typische Rump Sound, eine Mischung aus zurückhaltender Melancholie und überbordender Hyperaktivität. Eigentlich spielen Badun Jazz. Aber einen Jazz, den die Band in unzählige Splitter dekonstruiert und dann am Computer wieder zusammensetzt. Tracks, die stolpernd und agil klingen, wie Cool Jazz von einem Kind mit ADS-Syndrom aufgenommen. Jeder Track gleicht einer kleinen kreativen Explosion. “Bei Badun ist das Reizvolle, dass sie alle ihre Sound selber aufnehmen und ihre Software selber schreiben. Das ist ein interessanter Kontrast zur Mash-Up-Kultur.” Die ersten zehn Kopien haben handgemachte Cover, von zehn verschiedenen Künstler der EF10 Crew, mit der sie oft zusammenarbeiteten. “Wir mögen es bunt, detailliert und spielerisch”, sagt Jens. “Wir sind Hippies”, fügt Ditte ironisch hinzu.

Beide sehen in der aktuellen politischen Situation in Dänemark und der florierenden kreativen Szene in Kopenhagen einen Zusammenhang. Für Jens spiegeln sich die Verhältnisse im Sound des Labels: “Vielleicht wird die Musik durch die äußeren Umstände experimenteller. In gewisser Hinsicht ist das eine Form von Eskapismus.” Die Veröffentlichungen auf Rump Recordings sind jedoch meilenweit von Lethargie und Weltflucht entfernt. Dafür sind sie neben den zarten melancholischen Untertönen zu verspielt und humorvoll. Ditte vermutet anderes: “Alle halten zusammen. Die Leute arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander und pushen sich. Dahinter steckt schon so etwas wie Trotz gegenüber der konservativen Politik.”
Wir verlassen Christiania. Ich setze mich in den Bus in Richtung Kopenhagens Nordwesten, um die Band Efterklang zu treffen. Efterklang mischen dort gerade ihr drittes Album, das Ende diesen Jahres erscheinen soll. Eine grandiose EP mit dem Namen “Under Giant Trees” ist gerade auf dem englischen Leaf Label erschienen. Das “Sun Studio” liegt außerhalb der Innenstadt. Die Straßen werden hier breiter. Viele Läden tragen arabische Schriftzeichen. Rasmus Stolberg holt mich von der Bushaltestelle ab. Das Studio liegt im heruntergekommenen Gewerbegebiet. Am späten Nachmittag ist es hier wie ausgestorben. Seit einer guten Woche beschäftigt die Band den Mischer Darren Allison, der auch für My Bloody Valentine und The Orb hinter den Reglern stand. “An die Kosten wollen wir jetzt noch gar nicht denken. Ich habe den Eindruck, dass wir unser Budget maßlos sprengen”, sagt Rasmus, während er die Tür des Studios öffnet. Efterklang bestehen aus Mads Brauer, Casper Clausen, Rasmus Stolberg, Rune Mølgaard and Thomas Husme. Rasmus, Casper und Mads kennen sich seit der Kindheit. Sie wuchsen auf der Insel Als auf, nahe der deutschen Grenze. Mit 18 verließen sie Als, um in Kopenhagen Popstars zu werden. “Ich, Mas und Rasmus gingen zusammen in die Schule. Wir wollten aus der Stadt heraus, um nach den Sternen zu greifen. In dem Alter, in dem man sich von den Eltern abnabelt”, erzählt Casper, der sich zusammen mit Thomas eine Stunde freigenommen hat. Der Rest der Band arbeitet weiter. “Als ist ein sehr schöner Ort. Einer der wenigen Orte in Dänemark, wo man tief in die Wälder gehen kann”, ergänzt Thomas und fährt fort: “Bei mir war das ähnlich. Du willst doch immer irgendwie weg, deine eigene Welt haben, weg vom normalen Leben. Lieber Musik machen, als einen Job haben. Ironischerweise bin ich der Einzige der Band, der arbeitet.”

Die anderen schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch und leben von der Künstlerunterstützung des Staates. Ansonsten widmen sie sich der Band und dem bandeigenen Label Rumraket, auf dem Grizzly Bear, die mittlerweile von Warp angeworben wurden, ihre erste Platte veröffentlichten. In der Musik von Efterklang liegt eine epische Breite und eine lyrische Wehmut. Verlorene Pianoläufe gleiten über bittersüße Streicherarrangements. In dem Stück “Towards the Bare Hill” auf der neuen EP setzen irgendwann schmetternde Seemannschöre an. Der Song klingt wie das Driften durch eine seltsam versponnene Welt. Die Stücke wurden während der Arbeit immer größer. Bis die Band selber überrascht und ein wenig ehrfürchtig wurde vor dem, was sie da erschaffen hatten. Deshalb nannten sie die Platte “Under Giant Trees”. “Wir sind uns über unsere Konzepte nicht bewusst. Den Jungschor haben wir nicht verwendet, um uns auf irgendetwas zu beziehen. Das ist uns so passiert”, sagt Casper und nennt einige musikalische Einflüsse, die in der Band wichtig sind: “Arvo Pärt, Moondog, Joe Meek wären das und irgendwo läuft auch Markus Popp von Oval darin rum.” Um sich musikalisch zu verständigen, kommuniziert die Band über Bilder, imaginäre Filmsequenzen. “Stell dir einen Ballsaal vor. Oder einen Gerichtssaal. Dann versuchen wir den Sound zu diesen Räumen zu finden. Im Zusammenhang bekommt unsere Musik etwas Filmisches.”

Auf dem Weg zum Flughafen habe ich den Titel eines Samplers im Kopf, den Anders Remmer, Thomas Knak und Jesper Skaaning Mitte der Neunziger kuratierten. “Boredom is deep and mysterious” hieß der. Dann muss ich an die überhitzten Wohnzimmer, den dänischen Wohlfahrtstaat denken. Anders Remmer von People Press Play sagte, das Tolle an Efterklang wäre, dass sie Musik machen, wie sie sich fühlen. Spielerisch und ohne Überbau. Das wäre typisch Kopenhagen. Und irgendwie trifft das einen Punkt. Efterklang klingen zwar ehrgeizig. Sie haben den Willen zur großen musikalischen Geste. Aber richtig gut wird die Musik erst durch das Selbstvergessene, Verträumte. Anders meinte auch: “Wir sind nicht gut darin, etwas wirklich intensiv zu versuchen.” Jesper Skaaning ergänzte: “We are never trying hard. We are always trying easy.”

http://www.myspace.com/peoplepressplay

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Elektronische Lebensaspekte.